Share

Kapitel 3

Author: S.S.Tulip
last update publish date: 2026-10-09 03:03:07

Freya

Schmerz war das Erste, was ich wahrnahm. Meine Schultern, meine Rippen, mein Kopf.

Ich versuchte, meine Augen zu öffnen, und die Welt erschien in verschwommenen Bruchstücken.

Dunkelheit. Dann Grün. Dann ein Blätterdach aus schwarzen Ästen, gekritzelt gegen einen grauen Himmel, die sich in einem Wind bewegten, den ich nicht spüren konnte. Schlamm an meiner Wange. Der Geruch davon—feuchte Erde, faulendes Laub, etwas Metallisches darunter, von dem ich dumpf begriff, dass ich es war.

Der Wald. Ich war im Wald.

Wie lange war ich bewusstlos gewesen? Eine Stunde? Eine Nacht? Ich drehte meinen Kopf und die Bewegung detonierte durch meinen Schädel. Ein Laut kroch aus mir heraus—halb Stöhnen, halb Wort.

„Hilfe…“

Niemand antwortete. Natürlich antwortete niemand.

Sie hatten mich hier zurückgelassen. Das war der Gedanke, der seinen Weg durch den Nebel fand, noch vor jedem anderen—sie hatten mich hier zurückgelassen—und mit ihm kam der ganze Rest, der gesamte furchtbare Film: Adrians Gesicht über der Kante des Balkons, seine Finger, die sich einer nach dem anderen lockerten, Selenes Lächeln—

Die Tränen kamen heiß und hemmungslos und mischten sich mit dem Schlamm auf meinem Gesicht.

Er hat mich losgelassen.

Meine Stimme entkam mir, kaum ein Atemzug. „Er hat mich wirklich losgelassen.“

Drei Jahre. Jedes Konto, das ich ausgeglichen hatte, jede Nacht, die ich wach geblieben war, um seine Zukunft aufzubauen, während er meinen Ersatz aufbaute. Und als die Waagschale nach unten ging—zwei Sekunden, vielleicht drei—war ich das leichtere Gewicht gewesen.

Ein Schluchzen brach aus mir heraus, und ich biss es so hart zurück, dass mir der Kiefer schmerzte. Denn nein. Nein, das hier war nicht der Ort dafür. Wenn ich hier liegend um Adrian Kingsley weinte, würde ich in diesem Wald sterben, während ich an Adrian Kingsley dachte, und ich wäre verdammt—verdammt—wenn das das Letzte wäre, was ich jemals tat.

Steh auf, Freya.

Ich stemmte meine rechte Hand unter mich und drückte.

Die Welt kippte zur Seite und warf mich zurück in den Schlamm. Ein weißer Schmerzblitz schoss von meiner Schulter bis in meine Zähne. Ich lag keuchend da, meine Sicht verschwamm in schwarzen Flecken.

Noch einmal.

Diesmal bekam ich einen Ellenbogen unter mich. Dann ein Knie. Der Boden kippte weiter, tückisch, als würde der ganze Wald mich wieder nach unten drücken. Ich schaffte es auf meine Hände—und mein linker Arm gab sofort nach, knickte unter mir ein mit einem Gefühl, als würde Feuer in das Gelenk gegossen.

Ich schrie auf, Tränen brannten mir vor Schmerz in den Augen.

Und von irgendwoher—weit entfernt, gedämpft von den Bäumen—kam ein antwortendes Geräusch. Der mechanische Rhythmus eines Fahrzeugs.

Hoffnung keimte in meiner Brust auf.

Ein Fahrzeug. Das bedeutete eine Straße, was wiederum Menschen bedeutete.

„Okay“, keuchte ich zu niemandem. „Okay. Okay.“

Ich schleppte mich vorwärts.

Es gibt kein Wort, das dem gerecht wird. Ich zog mit meinem rechten Arm, drückte mit meinem rechten Bein und überließ den Rest meines Körpers sich selbst, wie etwas, das ich hinter mir hergezogen habe. Dornen verfingen sich in meinem Kleid, meinen Armen, meinem Gesicht—ich spürte, wie sie rissen, und hielt nicht an. Ein Ast schlug mir quer übers Gesicht, und die Wärme, die folgte, verriet mir, dass er Blut gezogen hatte, noch bevor ich den Stich überhaupt spürte.

Schlamm verschlang meine Hände bis zum Handgelenk. Jeder Meter kostete mich eine Minute. Mit jeder Minute klang das Dröhnen einen Bruchteil näher.

Und mein Körper—Gott, mein Körper. Dieser verdammte Körper, für den ich mich entschuldigt hatte, seit ich fünf Jahre alt war, das Gewicht, das ich durch jeden Spott bei jedem Familienessen getragen hatte—jetzt war er wahrlich totes Gewicht, das mich mit jedem Zug zurück in die Erde zerrte, und zum ersten Mal in meinem Leben hasste ich ihn aufrichtig. Wütend auf ihn.

„Beweg dich“, zischte ich durch die Zähne, während die Tränen schneller flossen. „Beweg dich—einfach—„

Der Nebel zog sich wieder zu. Ich konnte es spüren—diesen sanften, verlockenden Zug zur Dunkelheit, zum Hinlegen, zum Ausruhen. Meine Sicht verengte sich zu einem Tunnel. Die Bäume verschwammen zu einem einzigen Schmierfleck aus Grün und Braun.

Nur dieses eine Mal.

Ich wusste nicht, ob ich jemals zuvor gebetet hatte. Calloways beteten nicht wirklich; wir knüpften Kontakte. Aber dort im Schlamm, blutend in die Wurzeln der Welt, schloss ich einen Handel mit jedem Gott, der zuhörte—jedem Gott, jedem Teufel, jeder Macht, die jemals ein wertloses Ding verschont hatte.

„Nur dieses eine Mal“, keuchte ich. „Ich werde nie wieder bitten. Nur—dieses eine Mal—„

Dann blickte ich auf, durch die Stämme hindurch, und es flackerte. Ein kleines, schwaches, stetiges Licht am Rande der Straße. Es stand still durch die Dunkelheit hindurch. Es winkte mir zu.

Etwas in mir erwachte. Es war jetzt oder nie, Freya.

Ich hörte auf zu kriechen und fing an, darum zu kämpfen. Ellenbogen, ziehen. Ellenbogen, ziehen. Die Äste krallten sich in mein Gesicht und ich drängte mich durch sie hindurch. Mein ruinierter Arm schleifte hinter mir her durch den Schlamm und jede Dornenberührung schickte Blitze durch meine Wirbelsäule, und ich machte weiter, weil dieses Licht jetzt meinen Namen trug, dieses Licht war alles, dieses Licht gehörte mir.

Die Bäume wurden lichter. Der Boden verwandelte sich unter meinen Händen von Schlamm in Kies.

Endlich, die Straße.

Ich schleppte mich über die letzten paar Meter des Grabens und brach ganz am Rand der Straße zusammen, die Wange auf dem Kies, einen Arm auf den Asphalt geschleudert. Das Dröhnen war nun direkt da, und ich hob meinen Kopf mit der letzten Kraft, die ich hatte.

Scheinwerfer.

Zwei davon, die um die Kurve bogen und über mich hinwegfegten. Licht, so hell, dass es die Welt auslöschte. Ich hob meine Hand—schwach, kaum merklich—und versuchte zu rufen. Was herauskam, war weniger als ein Flüstern.

Die Scheinwerfer erfassten mich voll. Der Motorenton veränderte sich—Bremsen, ein Aufleuchten von Fernlicht—

Und das Auto sauste vorbei.

Der Windhauch schlug mir ins Gesicht. Rote Rücklichter, die kleiner wurden, kleiner, verschwunden um die nächste Kurve. Das Dröhnen verschlang sich selbst in der Ferne, bis die Straße wieder still war und ich allein auf dem Kies lag, ohne dass mir irgendetwas geblieben wäre.

Meine Augen wanderten zur anderen Seite. Zu dem immer noch flackernden Laternenpfahl, der mir Hoffnung gegeben hatte. Und dann fuhr mein Körper herunter.

Ich klammerte mich krampfhaft an das Bewusstsein und versuchte alles in mir, um die Augen offen zu halten.

Doch der Tunnel verengte sich vollständig zu einem Stecknadelkopf. Meine Wange bettete sich auf den kalten Stein. Irgendwo ganz weit weg bemerkte eine Stimme in mir mit schrecklicher Ruhe, dass das Licht am Ende nicht mehr der Laternenpfahl war. Es war einfach Dunkelheit. Das war in Ordnung. Dunkelheit war auch ein Ort. Dunkelheit war der Ort, an den man ging, wenn—

Wieder Scheinwerfer.

Hinter mir. Sie wurden größer. Derselbe Motorenton, lauter, schneller—das Auto hatte gewendet.

Ich konnte meinen Kopf nicht heben. Ich konnte gar nichts mehr heben. Knirschen von Kies. Eine Tür knallte zu. Schritte—schnell, ungleichmäßig, Absätze auf Stein—die näher kamen, immer näher—

Ein Schatten beugte sich über mich. Eine Stimme. Weiblich. Älter. Irgendwie vertraut.

„Freya Calloway?“

Meine Lippen bewegten sich. Ich weiß nicht, ob ein Laut herauskam.

Die Dunkelheit holte mich ein.

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • Lieber Ex, ich bin jetzt deine Patin   Kapitel 29

    RavennaEr kam genau in dem Moment an, als die achtundvierzig Stunden abliefen.Ich hatte in den letzten zehn Minuten die Uhr an der Wand meiner Suite beobachtet, und ich sah, wie der Sekundenzeiger die volle Stunde berührte, genau in demselben Moment, als Elise klopfte. Sie öffnete die Tür, und Adrian trat herein.Ich hätte ihn fast nicht wiedererkannt.Sein Anzug war derselbe, den er vor zwei Tagen getragen hatte, aber er hing anders an ihm, knitterig an den Ellenbogen und den Knien. Er hatte sich nicht rasiert. Ein grauer Schatten dunkelte seinen Kiefer ab, und seine Augen waren in zwei blau angelaufene Höhlen eingesunken, so rot umrandet und blutunterlaufen, dass die Iris im Vergleich dazu blass aussah. Seine Krawatte war weg. Sein Kragen war geöffnet worden, und ich konnte den Puls an seinem Hals springen sehen.Er trug einen dicken Ordner in beiden Händen, den er gegen seine Brust hielt wie etwas, das man ihm wegnehmen könnte.„Miss Kral“, sagte er

  • Lieber Ex, ich bin jetzt deine Patin   Kapitel 28

    DavenIch frage nicht oft nach meinem Patensohn. Es war nie notwendig.Adrian war ein Mann, der über seinen eigenen Fortschritt berichtete. Er schickte E-Mails mit Betreffzeilen wie „Update“ und „Quartalszusammenfassung“ und einmal, bedauerlicherweise, „Kurze Frage“. Wenn er etwas wollte, kam er zu meiner Tür. Wenn er nichts wollte, hörte ich nichts, was ich so auslegte, dass alles in Ordnung war.Es war zwei Tage her, seit er mich von wo auch immer er gestanden hatte anrief, und seine Stimme war tiefer gestimmt als sie hätte sein sollen. Ich hatte ihn abgewiesen. Ich hatte es ruhig getan, und ich hatte es ernst gemeint. Ich hatte erwartet, nichts Weiteres zu hören. Ein Mann, dem Nein gesagt wurde, hat zwei Möglichkeiten. Er kann die Sache auf sich beruhen lassen, oder er kann einen anderen Weg finden. Beides hätte mir etwas gesagt.Stattdessen hatte ich überhaupt nichts gehört, und bis Donnerstagmorgen hatte es begonnen, mich zu interessieren.„Grant“, rief ich.Oliver Grant blickte

  • Lieber Ex, ich bin jetzt deine Patin   Kapitel 27

    RavennaIch ließ ihn gebogen stehen. Es waren nur einige Sekunden, aber sie fühlten sich lang und perfekt an. Wenn ich Adrians gesenkten Kopf sah, seine starren Schultern und wie ein Schweißtropfen von seiner Schläfe zu seinem Kiefer glitt, zog sich mein Magen zusammen.Ich hatte mir das vorgestellt. In der Dunkelheit eines Krankenhauses in Prag hatte ich ihn mir auf hundert verschiedene Arten auf den Knien vorgestellt. Ich hatte mir Tränen ausgemalt, und Wut, und Schreien. Ich hatte es mir nie so leise ausgemalt. Kein Publikum. Keine Kameras. Nur ein Mann in einem guten Anzug in der Kälte, ohne dass ihm etwas geblieben wäre, um sich aufrecht zu halten.Ich spürte, wie sich meine Lippen zu einem Lächeln formten, und ich ließ es zu. „Jetzt kommen wir der Sache näher.“Ich trat näher. Der Geruch von ihm erreichte mich, Seife und Stärke und etwas Saures darunter, der Geruch eines Mannes, der seit Tagen nicht geschlafen hatte. Ich beugte mich vor, bis meine Lippen nah an seinem Ohr waren,

  • Lieber Ex, ich bin jetzt deine Patin   Kapitel 26

    AdrianIch folgte ihr hinaus auf die vordere Treppe. Und während ich mir einzureden versuchte, es sei nur gute Manier, wusste nur ich allein von der Angst, die durch meine Adern pulsierte. Die Nacht war kalt geworden, und die Auffahrtslampen warfen lange gelbe Lachen über den Kies. Ravenna stand oben auf der Treppe mit ihrem Mantel über dem Arm und blickte auf die leere Einfahrt. Es wartete kein Auto.„Ihr Fahrer?“, fragte ich.„Ich habe ihn nach Hause geschickt. Ich dachte, der Abend könnte länger dauern.“ Sie warf einen Blick auf ihr Telefon. „Ich werde ein Auto rufen.“„Lassen Sie mich Sie mitnehmen.“Die Worte waren heraus, bevor ich mir überhaupt die Mühe machen konnte, gefasst zu klingen. Sie wandte den Kopf, und ich spürte, wie Selene an meiner Schulter erstarrte.„Adrian.“ Ihre Stimme war leise, hell und brüchig. „Wir haben einen Fahrer. Die Leute von Mutter können ein Auto für Miss Kral rufen. Das musst du nicht selbst machen.“„Das ist keine Mühe.“„Es ist elf Uhr nachts.“ S

  • Lieber Ex, ich bin jetzt deine Patin   Kapitel 25

    Ravenna„Das ist mehr als genug“, sagte mein Vater. „Mehr als genug.“Ich gab ihnen noch ein wenig mehr. Es war leicht, als die Tür erst einmal offen stand. Ich sagte ihnen, dass ich veranlassen könnte, dass mein Team ihre europäischen Frachtzahlen durchsieht – inoffiziell, als Gefallen –, damit sie zumindest ein klares Bild davon bekämen, womit sie es zu tun hatten. Ich sagte ihnen, dass ich meine Mutter vielleicht davon überzeugen könnte, eine kurzfristige Vereinbarung für ein Quartal zu den üblichen Konditionen in Betracht zu ziehen, während die größere Frage entschieden wurde. Ich sagte »vielleicht«. Ich sagte »unter Umständen«. Jedes Wort war sanft und offen und unmöglich, mich darauf festzulegen.Ein wenig auf einmal. Ein wenig und noch ein wenig mehr. So, wie man einen Hund füttert, dem man beibringt, zu kommen.Und dann nahm ich etwas zurück. Ein Husten. Ein kurzes Zögern. Ein Seufzer.„Natürlich wird der Vorstand zuerst sehen wollen, wie Kingsley seine eigene Position klärt.

  • Lieber Ex, ich bin jetzt deine Patin   Kapitel 24

    Ravenna Ich las die Schlagzeile auf dem Rücksitz eines Autos, vierzig Minuten nachdem Adrian meine Suite verlassen hatte. Elise hielt mir das Tablet ohne ein Wort hin. Ich las sie einmal, langsam. Dann blickte ich auf das Foto von Selene darunter, ihre Hand halb erhoben, ihr Mund mitten in einem Wort erstarrt, das sie eindeutig nicht hatte sagen wollen. »Calloway Textiles verliert weiteren europäischen Lieferanten, sucht dringenden Zugang zum Netzwerk von Kral Maritime.« Ich gab das Tablet zurück. „Das ging schnell“, sagte Elise. „Es war unvermeidlich.“ Die Mailand-Pipeline hatte seit vier Jahren versagt. Ein System, das um einen einzigen Kopf herum gebaut ist, überlebt die Abwesenheit dieses Kopfes nicht. Es dauert nur länger zu verfallen, als irgendjemand erwartet. Nun war der letzte Lieferant gegangen, die Presse hatte es herausgefunden, und das Unternehmen meines Vaters stand mit dem Hut in der Hand auf der Straße. Kingsley wollte mich. Calloway brauchte mich. Das war ein

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status