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Mafia trifft Unschuld
Mafia trifft Unschuld
Author: Lina

Kapitel 1

Author: Lina
last update publish date: 2026-02-24 17:20:44

Kapitel 1

Die Tiefgarage unter dem Universitätsgebäude lag um diese Uhrzeit beinahe verlassen da, durchzogen vom monotonen Summen der Neonröhren, deren kaltes Licht jede Kontur schärfer zeichnete, als sie es im Tageslicht je gewesen wäre. Der Geruch von Öl, Staub und feuchtem Beton hing schwer in der Luft und vermischte sich mit der kühlen Abendtemperatur, die selbst hier unten spürbar blieb. Emilias Schritte hallten zwischen den massiven Säulen wider und klangen lauter, als sie es wollten, als würde der Raum jede Bewegung registrieren und speichern. Sie hätte längst zu Hause sein sollen, doch die Bibliothek hatte länger geöffnet als erwartet, und sie war zu tief in ihre Hausarbeit eingetaucht, um auf die Uhr zu achten. Zahlenkolonnen, Wirtschaftstheorien, Prognosemodelle, alles war logisch, strukturiert und berechenbar gewesen. In dieser Welt aus Diagrammen und Kalkulationen hatte Gefahr keinen Platz.

Als sie die Rampe hinunterging, hörte sie Stimmen. Sie waren nicht laut und nicht aufgeregt, und genau diese Ruhe ließ ihre Aufmerksamkeit schärfer werden. Es klang kontrolliert, als würde jedes Wort bewusst gesetzt, als wäre der Ausgang des Gesprächs längst entschieden. Sie verlangsamte ihren Schritt, obwohl Vernunft ihr sagte, weiterzugehen und sich nicht einzumischen. Trotzdem trat sie näher an eine der Betonsäulen heran und blickte vorsichtig um die Ecke.

Drei Männer standen etwa zwanzig Meter entfernt. Einer kniete halb auf dem Boden, seine Haltung war nicht freiwillig, seine Hände zitterten, seine Schultern waren angespannt, und selbst aus der Entfernung war seine Panik greifbar. Der zweite Mann stand seitlich, unruhig, als würde er die Szene begleiten, aber nicht bestimmen. Der dritte bewegte sich nicht. Er stand aufrecht, die Hände locker an den Seiten, und schon bevor er sprach, war klar, dass er derjenige war, der entschied. Sein Mantel saß makellos, dunkel und präzise geschnitten, ohne sichtbare Marke, aber teuer genug, um seine Stellung nicht erklären zu müssen. Seine Haltung war nicht aggressiv, sondern selbstverständlich überlegen.

„Du hattest eine Aufgabe.“

Seine Stimme war ruhig, tief und frei von sichtbarer Emotion, doch sie hatte Gewicht, das keine Lautstärke brauchte. Der kniende Mann begann hektisch zu sprechen.

„Es war nicht so geplant. Ich hatte keine Wahl. Sie haben mich gedrängt.“

Der Mann im Mantel reagierte nicht. Kein Zucken, kein sichtbarer Ärger, kein Anzeichen von Zweifel.

„Du hattest eine Aufgabe.“

Die Wiederholung war langsamer und endgültiger als zuvor. Emilia spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog, denn das hier war kein Streit, sondern ein Urteil, das nur noch ausgesprochen wurde, bevor es vollstreckt wurde. Der Mann hob den Arm, und die Bewegung war präzise und beinahe beiläufig, als würde er eine Routinehandlung ausführen. Der Schuss hallte durch die Tiefgarage und schnitt durch die Stille mit brutaler Klarheit. Der Körper kippte zur Seite und schlug hart auf dem Beton auf, während sich dunkles Blut langsam ausbreitete und das kalte Neonlicht spiegelte. Emilias Atem stockte, ihr Herz raste gegen ihre Rippen, und ihr Körper blieb wie festgefroren, während ihre Finger sich in den rauen Beton der Säule pressten.

Der zweite Mann wich zurück. Der Mann im Mantel senkte die Waffe und betrachtete den leblosen Körper, als hätte er lediglich eine Rechnung beglichen, die längst überfällig gewesen war. Dann hob er den Blick, und seine Augen fanden sie sofort. Es war kein Zufall, sondern ein klares Erkennen, ausgelöst durch ihren Schatten, ihre starre Haltung und ihren zu schnellen Atem. Sie wollte sich bewegen, doch ihr Körper reagierte nicht rechtzeitig.

„Bleib stehen.“

Seine Stimme war ruhig, ohne Zorn oder Hast, aber mit einer Gewissheit, die keinen Raum für Widerspruch ließ. Sie drehte sich langsam um, weil sie instinktiv wusste, dass Davonzulaufen sinnlos gewesen wäre. Er kam näher, nicht hastig, sondern kontrolliert und gemessen, als würde er jede mögliche Reaktion einkalkulieren. Aus der Nähe wirkte er jünger, als sie erwartet hatte, vielleicht Mitte dreißig, mit dunklem, präzise geschnittenem Haar und einem markanten Gesicht, dessen klare Linien keine Weichheit kannten. Seine Augen waren nicht kalt, sondern wachsam und berechnend, und sie ruhten jetzt ausschließlich auf ihr.

„Was hast du gesehen?“

Die Frage war sachlich gestellt, als ginge es um eine Beobachtung und nicht um einen Mord.

„Nichts.“

Die Antwort kam zu schnell.

„Du lügst schlecht.“

Er trat näher, und sie spürte die Wärme seines Körpers sowie den dezenten Geruch von Leder und etwas Dunklem, das schwerer war als gewöhnliches Parfum. Hinter ihm kratzte Metall über Beton, als einer seiner Männer begann, den Körper zur Seite zu ziehen, und dieses Geräusch schnitt durch ihre Nerven.

„Du studierst hier?“

Sie nickte.

„Welches Fach?“

„Wirtschaft.“

Ein kaum wahrnehmbares Interesse glitt über sein Gesicht.

„Dann solltest du wissen, dass es Situationen gibt, in denen Schweigen die klügste Investition ist.“

Er sprach ihre Sprache, rational und kalkuliert.

„Ich werde nichts sagen.“

Sie zwang sich, seinem Blick standzuhalten, auch wenn ihr Puls noch immer raste. Er musterte sie länger, nicht ihren Körper, sondern ihre Reaktion und ihre Haltung.

„Du hast mein Gesicht gesehen.“

Es war keine Frage.

„Wenn du zur Polizei gehst, endet dein Studium früher als geplant.“

Die Worte waren ruhig formuliert, doch ihre Bedeutung war brutal klar.

„Und wenn ich nicht gehe?“

Ein kaum sichtbarer Schatten huschte über sein Gesicht.

„Dann lebst du weiter, als wäre nichts passiert.“

Er griff in die Innentasche seines Mantels, zog eine schlichte Karte hervor und schrieb eine Nummer darauf. Seine Bewegungen waren ruhig und sicher, bevor er sie ihr hinhielt.

„Wenn dich jemand anspricht. Wenn jemand glaubt, dich benutzen zu können. Wenn du merkst, dass du beobachtet wirst, rufst du diese Nummer an.“

Sie nahm die Karte.

„Warum sollte ich dir vertrauen?“

Seine Antwort kam ohne Verzögerung.

„Du solltest mir nicht vertrauen. Du solltest verstehen, dass ich gerade der Einzige bin, der entscheidet, ob du ein Problem bist.“

Seine Finger berührten kurz ihre Haut, als er ihr die Karte übergab, und die Berührung war fest und kontrolliert. Dann wandte er sich ab. Der schwarze Wagen verließ die Tiefgarage ohne Hast und reihte sich in den fließenden Abendverkehr ein. Dante Moretti saß auf dem Rücksitz und betrachtete die Lichter der Stadt, die sich in den getönten Scheiben spiegelten, während der Mann auf dem Beton ihn nicht mehr beschäftigte. Fehler waren teuer, und jeder wusste das, bevor er sie beging.

„Sollen wir sie im Blick behalten?“

Dantes Antwort kam nach einem kurzen Schweigen.

„Nein.“

„Sie hat dein Gesicht gesehen.“

„Das haben viele.“

„Sie war nicht panisch.“

Ein kaum merkliches Nicken.

„Genau deshalb.“

Sie hatte Angst gehabt, aber sie war stehen geblieben, hatte gefragt und widersprochen, und genau das war kein Leichtsinn, sondern Charakter. Charakter war berechenbarer als Panik, und Berechenbarkeit war wertvoller als Furcht. Später stand er in seinem Büro vor der Fensterfront und ließ den Blick über die Stadt gleiten, die unter ihm pulsierte wie ein System aus Adern und Strömen. Er dachte nicht an den Toten, sondern an ihren Blick, der weder unterwürfig noch trotzig gewesen war, sondern wach. Sie lebte, weil er es entschieden hatte, nicht aus Gnade, sondern weil unnötige Aufmerksamkeit schlecht für Geschäfte war. Doch irgendwo in der Stadt hielt sie nun seine Nummer in der Hand, und zum ersten Mal seit Langem war er sich nicht sicher, ob er wollte, dass sie klug genug war, sie niemals zu wählen.

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