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Kapitel 2

Auteur: Lina
last update Dernière mise à jour: 2026-02-24 17:21:26

Emilia hatte geglaubt, dass die Stille ihrer Wohnung sie beruhigen würde, doch als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, fühlte sich der Raum nicht sicher an, sondern enger als sonst. Der Flur wirkte vertraut, das Licht warm, der Geruch nach Waschmittel und Holz wie immer, und trotzdem hatte sie das Gefühl, als sei sie mit etwas Unsichtbarem hereingekommen, das nicht zu diesem Ort gehörte. Sie stellte ihre Tasche ab und blieb einen Moment reglos stehen. Ihr Körper war ruhig, aber in ihrem Kopf liefen Bilder weiter, als hätten sie sich eingebrannt. Das Lagerhaus. Die Männer. Die Spannung in der Luft. Und Dante. Vor allem Dante. Nicht, weil er geschrien hatte oder die Kontrolle verloren hatte, sondern weil er genau das nicht getan hatte. Er hatte entschieden. Er hatte Befehle gegeben, ohne die Stimme zu heben. Er hatte zugesehen, wie ein Mann um sein Leben bettelte, ohne dass sich in seinem Blick etwas veränderte. Diese Art von Ruhe war nicht normal. Sie war Macht. Emilia ging ins Wohnzimmer, setzte sich auf das Sofa und presste die Finger gegen ihre Schläfen. Sie war keine naive Studentin, die nicht wusste, dass es organisierte Strukturen gab, die im Schatten arbeiteten, doch sie hatte nie geglaubt, einem Mann gegenüberzustehen, der offensichtlich eine davon leitete. Ihr Telefon lag neben ihr. Sie nahm es in die Hand, legte es wieder weg, nahm es erneut. Sie wollte jemanden anrufen, irgendwen, nur um eine normale Stimme zu hören, doch sie wusste, dass sie niemandem erklären konnte, was sie gesehen hatte. Noch während sie darüber nachdachte, vibrierte das Display. Eine unbekannte Nummer. Ihr Herz setzte einen Schlag aus, bevor sie annahm. „Du bist zu Hause“, sagte seine Stimme ruhig, als würde er neben ihr stehen. Emilia richtete sich auf. „Woher weißt du das?“ fragte sie, und sie war sich bewusst, dass ihre Stimme angespannter klang, als sie wollte. „Weil ich dafür gesorgt habe, dass du ungestört ankommst“, antwortete er. Sie schloss kurz die Augen. „Ich habe dich nicht darum gebeten.“ „Es ist keine Frage des Bittens“, sagte er. „Du warst am falschen Ort zur falschen Zeit. Das macht dich sichtbar.“ Das Wort traf sie härter als alles andere. „Sichtbar für wen?“ fragte sie. „Für Männer, die glauben, ich hätte Schwächen“, antwortete er. „Und du hast keine?“ Ihre Frage war schneller draußen, als sie es geplant hatte. Einen Moment war nur sein Atem in der Leitung zu hören. „Ich habe keine, die andere benutzen können“, sagte er schließlich. In diesem Moment klingelte es an ihrer Tür. Ein einzelner Ton, dann ein zweiter, länger. Ihr Körper spannte sich an. „Nicht öffnen“, sagte Dante ruhig. „Vielleicht ist es mein Nachbar“, flüsterte sie. „Nein“, entgegnete er. „Sie testen nur.“ Emilia blieb wie festgewurzelt stehen, während das Klingeln ein drittes Mal ertönte. Danach hörte sie gedämpfte Stimmen im Treppenhaus. Schritte. Dann Stille. Ihr Herz hämmerte. „Du siehst Gespenster“, sagte sie, obwohl sie selbst nicht daran glaubte. „Nein“, antwortete er. „Ich sehe Muster.“ Sie atmete langsam aus. „Warum ich?“ fragte sie. „Weil du dort warst“, sagte er. „Und weil jemand glaubt, ich würde reagieren.“ Emilia lehnte sich gegen die Wand. „Und wirst du das?“ fragte sie. Seine Antwort kam ohne Zögern. „Ja.“

Dante saß währenddessen in einem schwarzen Wagen, der in einer Seitenstraße parkte, von der aus man Emilias Gebäude beobachten konnte. Er hatte sich nicht weit entfernt, weil Entfernung ein Risiko bedeutete, das er nicht einging, wenn eine neue Variable ins Spiel kam. Neben ihm verfolgte Matteo auf einem Tablet Bewegungen, die über mehrere Kameras eingespeist wurden. Zwei Männer waren vor wenigen Minuten das Treppenhaus betreten und wieder hinausgegangen. Sie hatten nichts versucht. Sie hatten nur geprüft. „Sie arbeiten nicht professionell genug für eine etablierte Familie“, sagte Matteo leise. Dante betrachtete die Aufnahmen ohne erkennbare Regung. „Sie sind nicht hier, um sie zu holen“, antwortete er. „Sie wollen sehen, ob ich auftauche.“ Er öffnete die Tür des Wagens, noch bevor der Motor eines Lieferwagens auf der gegenüberliegenden Straßenseite startete. Ein Mann stieg aus, der Blick scheinbar beiläufig, doch die Aufmerksamkeit zu bewusst verteilt. Dante ging direkt auf ihn zu. Kein hastiger Schritt, keine sichtbare Aggression. Der Mann erkannte ihn erst, als Dante bereits vor ihm stand. „Du hast dich heute ausreichend informiert“, sagte Dante ruhig. Der Fremde versuchte, lässig zu wirken. „Ich arbeite hier nur.“ Dante packte ihn am Nacken und drückte ihn gegen die kalte Metallseite des Lieferwagens. Der Aufprall war hart genug, um die Luft aus seinen Lungen zu pressen. „Du beobachtest keine Nachbarschaft“, sagte Dante leise. „Du beobachtest sie.“ Der Mann schluckte. „Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“ Dantes Finger verstärkten den Druck. Seine Stimme blieb ruhig, doch in seinen Augen lag nichts Geduldiges mehr. „Du bekommst eine Möglichkeit, deine Position zu korrigieren“, sagte er. „Sag deinem Auftraggeber, dass er einen Fehler gemacht hat.“ Der Mann versuchte, sich zu befreien, doch Dante hielt ihn mühelos fest. „Wenn ich dich oder einen deiner Männer noch einmal in ihrer Nähe sehe, endet das nicht mit einem Gespräch.“ Er ließ los, als der Widerstand gebrochen war. Der Mann stolperte zurück, murmelte etwas Unverständliches und verschwand in Richtung Hauptstraße. Dante sah ihm nicht lange nach. Er hatte bekommen, was er wollte. Eine Botschaft. Matteo trat neben ihn. „Wir können das sofort beenden“, sagte er. Dante schüttelte kaum merklich den Kopf. „Nein. Wir beenden es sichtbar.“ Er blickte zum Gebäude hinauf, hinter dessen Fenstern Emilia stand, ohne zu wissen, wie nahe sie gerade an einer Entscheidung vorbeigegangen war. „Sie wollten prüfen, ob ich emotional werde“, sagte er ruhig. „Jetzt prüfen wir sie.“

Als es erneut an Emilias Tür klopfte, war das Geräusch nicht ungeduldig, sondern bestimmt. Sie wusste, dass er es war, bevor sie durch den Spion sah. Dante stand dort, als gehöre das Treppenhaus ihm. Als sie öffnete, trat er ein, ohne sie zu berühren, und schloss die Tür hinter sich. Seine Präsenz füllte den Raum sofort aus. Er sah nicht aus wie ein Mann, der soeben jemanden gegen ein Fahrzeug gedrückt hatte, doch in seiner Haltung lag eine verdichtete Energie, die sie spüren konnte. „Sie sind weg“, sagte er. „Du warst hier?“ fragte sie. „Natürlich“, antwortete er. Sie verschränkte die Arme. „Du kannst nicht einfach entscheiden, was in meinem Leben passiert.“ Er trat einen Schritt näher. „Doch“, sagte er ruhig. „Wenn es darum geht, wer dich benutzt.“ Ihre Atmung beschleunigte sich, nicht nur aus Angst. Seine Nähe war überwältigend, nicht weil er laut war, sondern weil er Kontrolle ausstrahlte, die nicht verhandelbar war. „Ich will mit deiner Welt nichts zu tun haben“, sagte sie. „Du bist bereits Teil davon“, entgegnete er. „Nicht freiwillig.“ „Freiwilligkeit ist ein Luxus, wenn andere dich als Druckmittel sehen.“ Seine Augen ruhten auf ihr, intensiv, dunkel, nicht weich. „Warum schützt du mich?“ fragte sie leise. Einen Moment lang schwieg er. Dann hob er die Hand und strich eine lose Haarsträhne aus ihrem Gesicht. Die Berührung war ruhig, aber sie ließ ihr Herz schneller schlagen. „Weil ich nicht zulasse, dass jemand über dich an mich herankommt“, sagte er. „Und wenn ich nicht beschützt werden will?“ fragte sie. Sein Blick veränderte sich minimal. „Es geht nicht darum, was du willst“, antwortete er. „Es geht darum, was notwendig ist.“ In diesem Moment vibrierte sein Telefon. Er nahm es nicht aus den Augen von ihr, als er abhob. „Ja“, sagte er. Er hörte zu. Sein Gesicht wurde nicht wütend. Es wurde kälter. „Bring ihn“, sagte er schließlich und legte auf. Emilia sah ihn an. „Was bedeutet das?“ fragte sie. Dante wandte sich der Tür zu. „Es bedeutet, dass jemand gedacht hat, er könne mit dir spielen.“ Er sah sie noch einmal an, und in seinem Blick lag etwas Endgültiges. „Und ich spiele nicht.“

Eine Stunde später stand derselbe Mann aus dem Lieferwagen in einer Lagerhalle am Rand der Stadt. Seine Hände waren gefesselt, sein Atem ging schnell. Emilia war nicht dort, doch sie saß in ihrer Wohnung, unfähig zu schlafen, während ihr Telefon erneut vibrierte. Ein einziges Bild erschien auf dem Display. Es zeigte die Halle, den Mann auf den Knien und Dante, der vor ihm stand. Seine Haltung war ruhig, doch in seiner Hand lag eine Waffe. Eine kurze Nachricht darunter. Niemand benutzt dich. Emilia starrte auf das Bild. Sekunden später folgte ein weiteres. Der Mann lag reglos am Boden. Kein Blutbad, kein Chaos. Nur Konsequenz. Ihr Atem stockte. Sie wusste nicht, ob sie schockiert sein sollte oder erleichtert, doch sie verstand eines. Dante hatte nicht übertrieben. Er hatte nicht gedroht. Er hatte gehandelt. Und während sie mit zitternden Fingern das Display ausschaltete, wurde ihr klar, dass sie nicht nur in die Nähe eines gefährlichen Mannes geraten war, sondern in den Einflussbereich eines Mannes, der bereit war, die Welt zu verbiegen, wenn jemand es wagte, sie als Schwachstelle zu betrachten.

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