LOGINAm nächsten Morgen hatte der Regen aufgehört, doch die Luft trug noch immer diesen feuchten, erdigen Geruch, der nach einer langen Regenperiode entsteht. Tom stand vor dem Flurspiegel und knöpfte ein dunkelgrünes Hemd über einem schlichten schwarzen T-Shirt zu. Den obersten Knopf ließ er offen. Claire kam aus ihrem Zimmer, in einem weichen grauen Pullover und schwarzen Jeans, das Haar zu einem lockeren Pferdeschwanz zurückgebunden. Sie trug einen kleinen, in braunes Papier gewickelten Blumenstrauß.
„Du bringst die mit?“, fragte Tom und nickte zu den Blumen. „Du bringst sie mit“, sagte sie und drückte sie ihm in die Hände. „Ich habe sie ausgesucht. Du kannst reden, wenn du willst, aber du trägst sie.“ Sie gingen das kurze Stück zur Buchhandlung. Die Einkaufsstraße wirkte reingewaschen. Pfützen standen noch im unebenen Gehweg und spiegelten den grauen Himmel. Ein paar Leute bewegten sich ins und aus dem Café an der Ecke. Das Fenster der alten Buchhandlung fing das schwache Licht ein, und auf dem handgeschriebenen Schild an der Tür stand Geöffnet. Als sie eintraten, stand bereits ein Kunde am Tresen. Ein älterer Mann in einem beigen Mantel fragte Lena nach einem bestimmten Buch zur Lokalgeschichte. Sie stand mit halb abgewandtem Rücken und griff nach einem Titel im Regal hinter sich. Tom und Claire blieben gleich hinter der Tür stehen und warteten. Der Laden roch nach Papier und dem schwachen Zitronenöl, das Lena noch immer für das Holz benutzte. Lena trug eine schlichte cremefarbene Bluse, in dunkle Hosen gesteckt, und ihr Haar war heute offen, fiel in lockeren Wellen über ihre Schultern, so als hätte sie nur mit den Fingern hindurchgefahren. Eine dünne goldene Kette lag an ihrem Schlüsselbein. Sie fand das Buch, tippte den Verkauf ein und schob es in eine Papiertüte. Der Mann bezahlte, bedankte sich und ging. Erst dann bemerkte sie die beiden. „Hallo“, sagte sie. „Ihr seid wieder da.“ Claire grinste. „Wir haben's ja gesagt. Tom hat etwas für dich.“ Tom trat vor und hielt die Blumen hin. „Die sind von uns beiden. Nur eine Kleinigkeit. Nochmal Glückwunsch zum Buch.“ Lena nahm den Strauß entgegen. Ihre Finger streiften seine für einen Moment. Sie sah auf die Blumen hinab, und ihr Gesichtsausdruck veränderte sich. Sie hielt sie näher heran, hielt dann inne. Ihre Nase kräuselte sich. Sie blinzelte heftig. „Oh“, sagte sie leise. „Tut mir leid. Ich glaube, ich bin gegen eine davon allergisch.“ Ihre Augen begannen zu tränen. Sie legte den Strauß auf den Tresen und wandte das Gesicht ab, rieb sich die Nase. Tom rutschte das Herz in die Hose. „Verdammt. Es tut mir wirklich leid. Das wusste ich nicht.“ „Schon in Ordnung“, sagte Lena, aber ihre Stimme klang angespannt. Sie nieste einmal, dann noch einmal. Ihre Augen wurden rot. Claire reagierte schnell. „Sind es die lila? Ich glaube, das sind Freesien. Manche Leute reagieren darauf.“ Lena nickte und trat bereits einen Schritt zurück. „Ja. Freesien. Ich vergesse das immer, bis es zu spät ist.“ Tom nahm den Strauß, achtete darauf, sie nicht noch einmal zu berühren, und trug ihn direkt zur Tür. Er stellte ihn draußen an die Wand und kam dann wieder herein. „Es tut mir wirklich leid“, sagte er noch einmal. „Das war dumm.“ Lena winkte ab, obwohl sie noch immer heftig blinzelte. „Das konntest du nicht wissen. Ist keine große Sache. Geht gleich vorbei.“ Claire zog ein sauberes Taschentuch aus ihrer Tasche und hielt es ihr hin. Lena nahm es dankbar entgegen und tupfte sich die Augen ab. „Willst du Wasser?“, fragte Tom. Er fühlte sich bereits wie ein Idiot, weil er dort stand, ohne irgendetwas Sinnvolles zu tun. „Ich habe welches oben“, sagte Lena. „Mir geht's gleich wieder gut.“ Sie verschwand durch die Hintertür. Sie hörten ihre Schritte auf der Treppe. Claire warf Tom einen Blick zu, halb mitfühlend, halb amüsiert. „Elegant“, murmelte sie. „Halt die Klappe“, sagte er leise. Als Lena wieder herunterkam, waren ihre Augen noch etwas gerötet, aber sie wirkte gefasster. Sie hatte sich das Gesicht gewaschen. Ein paar Haarsträhnen klebten an ihrer Wange. „Entschuldigt das eben“, sagte sie. „Nicht die eleganteste Reaktion.“ „Entschuldige dich nicht“, sagte Tom. „Das war meine Schuld.“ Claire lehnte sich an den Tresen. „Sobald es dir besser geht – hast du Lust, heute Abend mit rauszukommen? Nichts Großes. Nur etwas essen. Es gibt ein kleines Restaurant zwei Straßen weiter, mit anständigen Gerichten, ohne Hetze. Geht auf uns. Kein Druck, wenn du nicht in Stimmung bist.“ Lena zögerte. Sie blickte zwischen den beiden hin und her, dann auf das offene Notizbuch auf dem Tresen, wo ihre Bestandsliste noch lag. „Ich weiß nicht“, sagte sie. „Ich habe hier noch viel zu sortieren.“ „Das ist auch morgen noch da“, sagte Claire. „Du hast gerade gute Nachrichten bekommen. Das solltest du irgendwie feiern. Und sei es nur mit einem ruhigen Essen.“ Tom hielt seine Stimme locker. „Sie hat recht. Und ich bin dir nach der Blumenkatastrophe was schuldig.“ Lena lächelte fast. „Du bist mir gar nichts schuldig.“ „Lass uns dir trotzdem das Essen spendieren“, sagte Claire. „Sieben Uhr. Falls du dich danach fühlst. Wenn nicht, machen wir es an einem anderen Abend.“ Lena sah die beiden einen langen Moment an. Der Laden fühlte sich still um sie herum an. Irgendwo draußen fuhr ein Bus mit einem leisen Zischen der Bremsen von der Haltestelle ab. „Gut“, sagte sie schließlich. „Sieben Uhr. Aber nur, wenn meine Augen bis dahin aufgehört haben zu tränen.“ Claires Gesicht hellte sich auf. „Perfekt. Wir holen dich hier ab und gehen zusammen rüber.“ Sie blieben noch weitere zehn Minuten. Claire fragte nach dem neuen Bestand, den Lena bestellen wollte. Tom fragte, ob der Elektriker schon einen Termin bestätigt hatte. Lena beantwortete beides, ihre Stimme wurde fester, während die allergische Reaktion abklang. Als sie schließlich gingen, warf Tom noch einmal einen Blick durchs Fenster zurück. Lena stand wieder am Tresen, eine Hand auf dem Holz ruhend, und blickte auf die Stelle, wo die Blumen gestanden hatten. Draußen stieß Claire ihm mit der Schulter an. „Hätte schlimmer kommen können“, sagte sie. „Wie das?“ „Du hättest eine ganze Topfpflanze mitbringen können.“ Tom schüttelte den Kopf, lächelte aber, während sie zurück zur Einkaufsstraße gingen. Der Rest des Tages verging langsam. Tom arbeitete von zu Hause aus an einem Design-Briefing, das sich einfach nicht zusammenfügen wollte. Claire machte eine kurze Schicht im Café und kam zurück, roch nach Kaffee und Gebäck. Um sechs waren beide fertig. Tom zog ein dunkleres Hemd an. Claire tauschte ihren Pullover gegen eine schwarze Bluse. Sie gingen kurz vor sieben zurück zur Buchhandlung. Lena schloss gerade die Tür ab, als sie ankamen. Sie hatte sich in ein schlichtes marineblaues Kleid umgezogen, das knapp unters Knie reichte, und ihr Haar war immer noch offen, wenn auch geglättet. Die Röte um ihre Augen war fast verschwunden. „Du siehst besser aus“, sagte Claire. „Mir geht's auch besser“, antwortete Lena. „Das Schlimmste ist vor einer Stunde abgeklungen.“ Sie gingen gemeinsam die zwei Straßen zum Restaurant. Der Ort war klein, warmes gelbes Licht fiel durch die Fenster, und eine handgeschriebene Speisekarte hing neben der Tür. Innen standen die Tische eng, aber nicht beengt, und die Luft roch nach Knoblauch und gebratenem Fleisch. Ein Kellner führte sie zu einem Ecktisch. Sie bestellten. Lena wählte Pasta. Claire bestellte dasselbe. Tom entschied sich für das Steak. Das Gespräch blieb zunächst locker. Claire erzählte vom Café. Tom erwähnte einen schwierigen Kunden. Lena hörte mehr zu, als sie selbst sprach, aber sie lächelte an den richtigen Stellen und stellte ein paar leise Fragen. Auf halbem Weg durch das Essen legte Claire die Gabel ab. „Wir sind froh, dass du gekommen bist. Wirklich.“ Lena sah auf ihren Teller, dann wieder auf. „Ich hätte fast nicht. Ich bin es nicht gewohnt, dass Leute so für mich da sind.“ „Gewöhn dich dran“, sagte Claire. „Wir gehen nirgendwohin.“ Tom beobachtete Lena über den Tisch hinweg. Das sanfte Restaurantlicht fing die Seite ihres Gesichts ein und die dünne goldene Kette an ihrem Hals. Sie wirkte immer noch vorsichtig, aber weniger verschlossen als an diesem Morgen. Draußen war der Abend inzwischen vollständig dunkel geworden. Drinnen redeten die drei weiter, während sich die Teller leerten und die Kerzen weiter herunterbrannten.Samstagmorgen kam mit Kopfschmerzen, die Lena bei weitem nicht so verdient hatte, wie sie sich anfühlten. Sie lag lange still da, starrte an die Decke und ließ die Ereignisse der letzten Nacht nach und nach wieder auftauchen: den Champagner, die zweite Flasche, Claire, die am Arm eines Fremden in der Nacht verschwand, und Toms Hand an ihrer Wange, und die Art, wie sie sich zurückgezogen hatte.Sie griff nach ihrem Handy, bevor sie wirklich bereit dazu war. Keine neue Nachricht von Tom, nur ihre eigene SMS von letzter Nacht, die dort einsam stand. Sicher zu Hause. Sie starrte einen Moment zu lange darauf, legte das Handy dann mit dem Display nach unten aufs Kissen und presste den Handballen gegen die Augen.Es summte eine Minute später erneut. Claire.Am Leben. Etwas reumütig. Sein Name war anscheinend Marcus, und Gott sei Dank war er kein Psycho, weil ich ihm vorher null Informationen zum Arbeiten gegeben habe. 10/10, würde ich als Strategie nicht empfehlen. Wie geht's meinem Bruder?
Lena bürstete ihr Haar und ließ es offen über die Schultern fallen. Sie trug ein rosa geblümtes Kleid und Slipper, legte ein wenig Make-up auf und ging nach draußen. Ihr Handy summte. Sie warf einen Blick darauf, runzelte die Stirn und beendete den Anruf. Einen Moment später schickte Claire ihr die Adresse per SMS, und sie lächelte, hielt ein Taxi an, stieg ein und gab dem Fahrer die Richtung an.Als der Fahrer hielt, bezahlte sie und ging ins Restaurant. In der Tür blieb sie wie erstarrt stehen und schnappte leise nach Luft. Claire winkte, und Lena lächelte und ging zum Tisch, setzte sich, immer noch grinsend.„Wo ist Tom?", fragte Lena, gerade als ein Kellner mit Champagner kam.„Ich glaube, er schämt sich noch ein bisschen wegen des Freesien-Vorfalls – und weil er dir gestern einen schlechten Witz erzählt hat", sagte Claire, und beide lachten.„Und wer hat gesagt, dass es ein schlechter Witz war?", ertönte Toms Stimme. Er beugte sich hinunter, küsste Claire auf die Wange und ließ s
Lena verließ die Wohnung kurz nach halb neun. Der Himmel war klarer als in den Tagen zuvor, obwohl die Luft immer noch diese feuchte Kälte trug. Sie trug einen dunklen Mantel über einem schlichten schwarzen Pullover und Jeans, ihr Haar zu einem niedrigen Pferdeschwanz zurückgebunden. Der Vorschuss vom Verlag war nun vollständig eingegangen. Heute musste sie die endgültigen Unterlagen unterschreiben und den ersten Zahlungsscheck persönlich abholen.Das Verlagsbüro lag auf der anderen Seite der Stadt, fast vierzig Minuten mit dem Bus. Sie ging zur Haltestelle an der Hauptstraße und wartete mit zwei anderen Leuten unter dem kleinen Wartehäuschen. Als der Bus ankam, bezahlte sie mit ihrer Karte und setzte sich in der Mitte hin. Die Fenster waren leicht beschlagen. Sie beobachtete, wie sich die Straßen veränderten, während der Bus durch die vertraute Hauptstraße fuhr, dann am Gewerbegebiet vorbei, dann hinein in die breiteren Straßen, die zum Zentrum führten.Die Fahrt gab ihr Zeit zum Nac
Am nächsten Morgen hatte der Regen aufgehört, doch die Luft trug noch immer diesen feuchten, erdigen Geruch, der nach einer langen Regenperiode entsteht. Tom stand vor dem Flurspiegel und knöpfte ein dunkelgrünes Hemd über einem schlichten schwarzen T-Shirt zu. Den obersten Knopf ließ er offen. Claire kam aus ihrem Zimmer, in einem weichen grauen Pullover und schwarzen Jeans, das Haar zu einem lockeren Pferdeschwanz zurückgebunden. Sie trug einen kleinen, in braunes Papier gewickelten Blumenstrauß.„Du bringst die mit?“, fragte Tom und nickte zu den Blumen.„Du bringst sie mit“, sagte sie und drückte sie ihm in die Hände. „Ich habe sie ausgesucht. Du kannst reden, wenn du willst, aber du trägst sie.“Sie gingen das kurze Stück zur Buchhandlung. Die Einkaufsstraße wirkte reingewaschen. Pfützen standen noch im unebenen Gehweg und spiegelten den grauen Himmel. Ein paar Leute bewegten sich ins und aus dem Café an der Ecke. Das Fenster der alten Buchhandlung fing das schwache Licht ein, un
Claire war schon zu Hause, als Tom zur Tür hereinkam. Der Flur roch schwach nach dem Zitronenreiniger, den sie am Morgen benutzt hatte, und nach der restlichen Wärme des Heizkörpers. Er schüttelte seinen dunklen Regenschirm aus, Wassertropfen verteilten sich auf der Matte, und hängte seine Jacke an den Haken. Der Stoff war unter seinen Händen noch feucht und schwer. Sie blickte vom Sofa auf, ein halb aufgegessenes Sandwich in der einen Hand, ihr Handy in der anderen. Sanftes Lampenlicht sammelte sich um sie herum und erfasste den Rand ihres Haars.„Du bist spät dran“, sagte sie. „Ich dachte, du wolltest nur kurz in der Buchhandlung vorbeischauen.“„Wollte ich auch.“ Tom streifte seine Schuhe ab. Die Dielen fühlten sich kühl an unter seinen Socken. Er ließ sich ans andere Ende des Sofas fallen, das Kissen sackte mit einem leisen Seufzen unter seinem Gewicht ein. „Bin dann doch länger geblieben als geplant.“Claire legte ihr Handy auf die Armlehne. Der Bildschirm wurde dunkel. Sie muste
Freitagmorgen begann wieder mit Regen, sanft und stetig gegen die Fenster. Lena wachte früher als sonst auf und saß eine Minute lang auf der Bettkante, dem Geräusch lauschend. Dann stand sie auf, zog die alten Laken ab und begann, das Zimmer zum ersten Mal seit ihrer Ankunft richtig zu putzen. Sie fegte den Boden, wischte das Fensterbrett ab und schüttelte den Vorhang aus, der tagelang schlaff herabgehangen hatte. Staub stieg auf und legte sich wieder. Als das Zimmer weniger verlassen aussah, ließ sie ein Bad ein.Das Wasser war nur lauwarm, aber sie blieb darin, bis ihre Schultern sich lösten. Sie wusch ihr Haar mit dem billigen Shampoo, das sie mitgebracht hatte, spülte es aus und wickelte sich in das dünne Handtuch, das schwach nach dem Schrank roch. Danach zog sie frische Kleidung an, machte Toast und Tee und aß Frühstück am kleinen Tisch, während draußen der Regen weiterging. Die einfache Handlung, sich zum Essen hinzusetzen, fühlte sich fast normal an.Als die Teller gespült war







