Share

Mein Zimmer ging an ihre Lieblingstochter
Mein Zimmer ging an ihre Lieblingstochter
Author: Heliotrope

Kapitel 1

Author: Heliotrope
Nachdem ich auf „Annehmen“ gedrückt hatte, wischte ich mir die Tränen aus den Augenwinkeln.

Tief in mir hoffte ein kleiner, dummer Teil von mir immer noch, dass es jemandem auffallen würde.

Ich wollte, dass Mama fragte, warum ich so auf mein Handy starrte. Ich wollte, dass Ryan wenigstens einen Moment lang von Sophies Vorhängen aufsah und merkte, dass etwas nicht stimmte. Am meisten wollte ich, dass Ethan aus ihrem Zimmer kam und fragte, warum ich aussah, als würde ich gleich weinen.

Niemand tat es.

Ethan kam aus Sophies Zimmer, die Stirn schweißglänzend.

Ich sah ihn ein paar Sekunden lang an, bevor ich seinen Namen rief.

„Ethan, du arbeitest schon den ganzen Nachmittag. Setz dich doch kurz zu mir.“

Ich hasste, wie hoffnungsvoll das klang.

Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, aber sein Blick war schon zu Sophies Tür zurückgewandert.

„Gleich. Ihre Vorhangstange hängt schief, das würde sie stören.“

Er stellte die Flasche ab und ging an mir vorbei, ohne mich auch nur anzusehen.

Ich blieb auf dem Karton sitzen und hörte, wie er Sophie bat, zurückzutreten, damit er die Stange richten konnte.

Drei Jahre.

Ich liebte Ethan seit drei Jahren, und er hatte sich noch nie so viel Mühe mit etwas gegeben, das mir gehörte.

An dem Tag, an dem ich in mein Studentenwohnheim zog, hatte ich fünf schwere Kartons und ein Zimmer im sechsten Stock – ohne Aufzug.

Ethan hatte versprochen, mir zu helfen.

Eine Stunde bevor ich ankam, schrieb er, es sei etwas Dringendes dazwischengekommen.

Ich trug jeden Karton allein nach oben.

An diesem Abend öffnete ich Sophies Social-Media-Seite.

Sie hatte Fotos von einem Freizeitpark gepostet.

Auf jedem Bild stand Ethan neben ihr.

Als Ethan später anrief, sagte ich trotzdem, es sei schon in Ordnung.

Seit drei Jahren sagte ich immer wieder: Es ist schon in Ordnung.

Bevor ich mich weiter in Erinnerungen verlieren konnte, streckte Mama den Kopf aus der Küche.

„Nora, willst du da den ganzen Tag sitzen bleiben? Geh Sophie helfen, die neue Bettwäsche aufzuziehen. Die Bettwäsche liegt neben ihrer Tür.“

Ich sah zum Flur hinüber.

Meine Sachen standen in ein paar zerbeulten Kartons in der Ecke gestapelt.

Niemand hatte sie angefasst, niemand hatte gefragt, wo sie hingehörten.

„Mama“, fragte ich, „wo soll ich meine Sachen hinstellen?“

Sie folgte meinem Blick und deutete dann auf eine schmale Tür neben dem Waschraum.

„Räum die Abstellkammer aus und bleib vorerst dort.“

Für einen Moment dachte ich, ich hätte mich verhört.

„Die Abstellkammer?“

„Nur vorübergehend.“ Als sie meinen Gesichtsausdruck sah, wurde ihr Ton schärfer. „Du hast schon mal dort geschlafen. Tu nicht so, als würden wir dich auf die Straße setzen.“

Ich hatte tatsächlich schon einmal dort geschlafen.

Damals, als Sophie zum ersten Mal bei uns einzog.

Ryan war als Kind vom Flussufer abgerutscht. Sophies Vater, Daniel Carter, war ihm ins Wasser nachgesprungen. Ryan überlebte, doch Daniel wurde von der Strömung mitgerissen.

Mama war diejenige gewesen, die Daniel an jenem Tag in den Park gebeten hatte, und diese Schuld trug sie seither mit sich.

Als Sophie in unser Haus kam, blass und stumm, in einem viel zu großen Kleid, hielt Mama sie einen ganzen Nachmittag lang im Arm.

„Das hier ist jetzt dein Zuhause“, versprach sie unter Tränen. „Niemand wird dich je wieder spüren lassen, dass du nicht willkommen bist.“

Dann wandte sie sich mir zu.

„Sophie hat gerade ihren Vater verloren. Überlass ihr für ein paar Tage dein Zimmer.“

Ich war damals dreizehn.

Aus den paar Tagen wurde ein ganzes Jahr.

Jedes Mal, wenn ich fragte, wann ich zurückziehen könnte, sah Mama mich an, als hätte ich einem trauernden Kind wehgetan.

Irgendwann hörte ich auf zu fragen.

Und jetzt, zehn Jahre später, taten sie es wieder.

Mama hatte längst entschieden, dass die Abstellkammer für mich genügte – schließlich wäre alles Bessere an jemanden verschwendet, der ohnehin bald gehen würde.

Ich nahm mein Kissen und die zusammengelegte Decke.

Als ich an Sophies Zimmer vorbeikam, sah ich Ethan auf einem Stuhl stehen, während sie die Vorhangstange festhielt. Ryan stand daneben und lachte, während sie zwischen zwei Rosatönen schwankte.

Die drei sahen aus wie eine Familie, die das Zimmer eines geliebten Menschen einrichtete.

Keiner von ihnen bemerkte, wie ich mit der Bettwäsche im Arm zur Abstellkammer ging.

Der Raum war kaum vierzig Quadratfuß groß, vollgestopft mit Putzeimern, Reinigungsmitteln und kaputtem Krimskrams.

Es gab kein Fenster.

Eine nackte Glühbirne hing von der Decke und summte.

Mama kam mit einer alten Yogamatte hinter mir her.

„Leg die erst mal auf den Boden.“

Ich starrte die Matte an.

„Gibt es kein Klappbett?“

„Wir haben für diesen Umzug schon genug ausgegeben, Nora.“

Aus Sophies Zimmer hörte ich Ryan fragen, ob sie über ihrem Bett Lichterketten haben wolle.

Mama hörte es auch, aber ihr Gesichtsausdruck veränderte sich nicht.

Sie drückte mir die Matte in die Hand und ging.

Zehn Tage, sagte ich mir.

Ich musste nur noch zehn Tage durchhalten.

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • Mein Zimmer ging an ihre Lieblingstochter   Kapitel 11

    Mama erfuhr von Sophie, dass ich zurück war.Als sie anrief, war ihre Stimme so heiser, dass ich sie kaum wiedererkannte.„Nora … lass mich zu dir kommen. Sag mir nur, wo du bist.“„Du musst nicht kommen.“Ich stand am Hotelfenster und sah auf die Lichter der Stadt hinaus.„Ich komme morgen vorbei.“Nachdem das Gespräch beendet war, saß ich die ganze Nacht am Fenster.Ich hatte weder Angst noch war ich aufgewühlt.Ich überlegte nur, mit welchem Gesichtsausdruck ich diesmal durch die Tür gehen sollte.Am nächsten Morgen zog ich einen blauen Mantel an.Ich hatte ihn in dem einzigen Bekleidungsgeschäft in der Nähe der Forschungseinrichtung gekauft.Blau war schon immer meine Lieblingsfarbe gewesen.Als ich das Haus erreichte, stand die Haustür bereits offen.Mama stand im Eingangsbereich.Sie hatte mindestens vierzig Pfund abgenommen, ihr Haar war größtenteils weiß. Eine Schürze war um ihre Taille gebunden, ihre Hände waren mit Mehl bedeckt.Aus der Küche stieg der Duft von Chili, Knoblau

  • Mein Zimmer ging an ihre Lieblingstochter   Kapitel 10

    Zehn Jahre später bestand das Projekt in der Forschungseinrichtung achtzehn Monate vor dem geplanten Termin die Abschlussprüfung.Ich stand vor dem Haupttor, mit demselben Rucksack, den ich vor zehn Jahren mitgebracht hatte.Damals hatte er einen Satz Wechselkleidung und meinen Ausweis enthalten.Jetzt enthielt er einen Laptop und drei nationale Forschungsauszeichnungen.Noah hielt mit dem SUV neben mir an und ließ das Fenster herunter.„Bist du sicher, dass du deinen Vertrag nicht verlängern willst?“„Ganz sicher. Es ist Zeit zurückzukehren.“„Ich fahr dich zum Flughafen.“Die Fahrt dauerte zwei Stunden über einen menschenleeren Highway, umgeben von gefrorenem Boden und fernen Bergen.Fast die ganze Fahrt über redete Noah ununterbrochen.Er sagte, die Kantinenleute würden mich vermissen. Er warnte mich, niemand solle den Kaktus auf meinem Schreibtisch eingehen lassen. Er beschwerte sich, dass niemand sonst den Kernalgorithmus gut genug verstand, um ihn zu pflegen.Dann verstummte er.

  • Mein Zimmer ging an ihre Lieblingstochter   Kapitel 9

    Die Tage ohne Nora zerschnitten die Familie langsam, Stück für Stück.Im ersten Monat rief Mama noch jeden an, der ihr einfiel.Im dritten Monat gab sie auf.Es gab keine Telefonnummer für die Einrichtung. Keine Adresse, die sie hätten besuchen können. Niemand, der bereit war, ihnen zu sagen, wohin ich gegangen war.Im sechsten Monat konnte sie überhaupt nicht mehr schlafen.Der Arzt diagnostizierte eine angstbedingte Schlaflosigkeit und verschrieb Medikamente.Jede Nacht nahm Mama eine Tablette und lag trotzdem wach da, den Blick auf die Decke gerichtet.Manchmal stand sie plötzlich auf und blieb vor der Abstellkammer stehen.Die Tür stand immer offen.Sie erlaubte niemandem, sie zu schließen.Als würde eine offene Tür bedeuten, dass ich vielleicht doch noch heimkehren könnte.Papa alterte rasch.Sein Haar wurde größtenteils grau, und seine Schultern schienen nach innen zu sinken.Er sprach selten, doch eines Abends beim Essen legte er die Gabel weg.„Ich habe all unsere alten Familie

  • Mein Zimmer ging an ihre Lieblingstochter   Kapitel 8

    Als ich bei der Forschungseinrichtung im Norden Alaskas ankam, war der Wind so stark, dass mir die Augen brannten.Ein Mann in einer dicken Jacke wartete neben einem behördlichen Geländewagen, seine schwarz gerahmte Brille saß windschief.„Nora Bennett?“Ich nickte.„Ich bin Noah Reed. Dr. Harris redet ständig von dir. Ihm zufolge bist du die beste Datenmodelliererin, die er je ausgebildet hat.“„Er übertreibt.“Noah nahm meinen Rucksack und öffnete die Beifahrertür.„Die Bedingungen hier sind hart. Du solltest darauf vorbereitet sein.“„Mir wird's gutgehen.“Ich sah zu den niedrigen grauen Gebäuden in der Ferne und dem endlosen, blassen Himmel dahinter.Das Zimmer, das auf mich wartete, würde größer sein als die Abstellkammer.Es würde ein Fenster haben.Das reichte.Das Leben in der Einrichtung verlief jeden Tag nach demselben strengen Zeitplan.Frühstück um halb acht. Arbeitsbeginn um acht. An den meisten Tagen saß ich zehn bis zwölf Stunden vor dem Computer, ließ Atmosphärenmodelle

  • Mein Zimmer ging an ihre Lieblingstochter   Kapitel 7

    Mama suchte wie besessen nach mir.Sie rief an meiner Universität an, doch das Sekretariat sagte ihr, ich hätte längst meinen Abschluss gemacht.Sie rief Dr. Harris an, doch der sagte ihr nur: „Nora hat eine Stelle in einem sicherheitsrelevanten Bundesprogramm angenommen. Mehr darf ich nicht preisgeben.“Sie kontaktierte Krankenhäuser, Behörden und jeden, von dem sie dachte, er könnte wissen, wo ich hingegangen war.Dann bestand sie darauf, mich als vermisst zu melden.Papa versuchte, sie davon abzuhalten.„Nora hat einen Vertrag unterschrieben und ist freiwillig gegangen. Sie wurde nicht entführt.“Mama wollte davon nichts hören.Auf der Polizeiwache sprach der Beamte sanft.„Ihre Tochter ist erwachsen. Sie hat eine Stelle angenommen und ist aus freien Stücken gegangen. Das ist kein Vermisstenfall.“„Aber sie hat uns nie gesagt, wohin sie geht.“„Dazu ist sie gesetzlich nicht verpflichtet.“Vor der Wache konnte Mama kaum noch gehen.Papa stützte sie am Arm, während sie alle paar Schri

  • Mein Zimmer ging an ihre Lieblingstochter   Kapitel 6

    Walter kam mit einem vergilbten Umschlag.Er setzte sich auf das Sofa und sah sich im Zimmer um.Mamas Augen waren vom Weinen geschwollen. Papa wirkte erschöpft. Ryan stand barfuß im Flur. Sophie saß still und bleich in der Ecke.„Ich hätte euch das vor zehn Jahren sagen sollen“, sagte Walter und legte den Umschlag auf den Couchtisch. „Ich war an dem Tag am Fluss, als Daniel starb.“Mama sah abrupt auf.Walter sprach langsam weiter.„Als Ryan ins Wasser fiel, war Daniel nicht der Erste, der hineinsprang. Ein junger Mann, der in der Nähe angelte, hat Ryan herausgezogen.“Im Zimmer wurde es totenstill.„Als Daniel den Fluss erreichte, war Ryan schon am Ufer.“Mama starrte ihn an.Walter fuhr fort.„Daniel konnte nicht schwimmen. Er war gerade auf dem Weg, um Hilfe zu holen, als er ausrutschte und ins Wasser fiel.“Er zog eine Kopie des Polizeiberichts aus dem Umschlag.Als Ryans Retter war nicht Daniel Carter angegeben.„Daniels Tod wurde als Unfalltod durch Ertrinken eingestuft“, sagte

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status