ANMELDENDer Oktober kam mit dem ersten Frost, der das Tal in glitzerndes Weiß tauchte. Die Blätter der wenigen Bäume färbten sich rot und gold, und die Luft war klar und kalt. Die Schule lief auf Hochtouren, und die Kinder trugen dicke Mäntel und Mützen, während sie zu den Klassenzimmern rannten.Aurora stand an einem Morgen im Wintergarten, den Darian für sie gebaut hatte, und betrachtete die Kräuter, die trotz der Kälte noch kräftig wuchsen. Die Lebensmagie, die sie in den Boden gelegt hatte, hielt sie warm und grün, und der Duft von Minze und Thymian erfüllte den Raum.„Ich dachte, ich finde dich hier", sagte Darian und trat ein. Er trug zwei dampfende Becher Tee und reichte ihr einen. „Du verbringst viel Zeit in diesem Garten."„Er ist mein Rückzugsort. Genau wie der See für meine Mutter." Aurora nippte an dem Tee. „Hier kann ich nachdenken. Über die Schule, über das Rudel, über uns."„Und worüber denkst du im Moment nach?"„Über die Zukunft. Über das, was als Nächstes kommt." Sie sah ihn
Der Ritt zurück in die Berge dauerte sieben Tage. Die fünf Gefährten — Aurora, Darian, Kael, Maya und Kaelen — reisten in einer Stille, die nicht unangenehm war, sondern nachdenklich. Die Ereignisse im Sumpf hatten sie alle verändert, auf eine Weise, die sie noch nicht ganz verstanden.Als sie schließlich das Tal der Bergwacht erreichten, wurden sie von den Schülern der Schule empfangen, die mit selbstgemalten Bildern und einem Lied auf sie warteten. Die Kinder hatten die Neuigkeiten bereits durch die Geisterebene erfahren — das dunkle Wesen war gebannt, das Moorwesen gerettet, und ihre Lehrer kehrten als Helden zurück.„Ihr habt uns gefehlt", sagte Runa, die junge Wölfin, die während ihrer Abwesenheit die Schule geleitet hatte. „Die Kinder haben jeden Tag gefragt, wann ihr zurückkommt."„Und wir haben die Kinder vermisst", sagte Aurora. „Wie war der Unterricht?"„Gut. Wir haben mit dem neuen Flügel gearbeitet, und die Schüler haben große Fortschritte gemacht. Aber sie haben eure Gesc
Das grüne Licht pulsierte jetzt ruhig und gleichmäßig, wie ein Herzschlag, der nach langer Krankheit wieder zu Kräften kam. Die Lichtung war erfüllt von einem sanften Schein, und der Nebel, der zuvor so dicht gewesen war, lichtete sich langsam. Sogar die Bäume schienen aufzuatmen, ihre kahlen Äste zitterten, als ob neues Leben durch sie floss.„Es wirkt", flüsterte Maya. „Das Moorwesen erholt sich."Danke, erklang die Stimme des Wesens, jetzt kräftiger und klarer als zuvor. Ihr habt mir gegeben, was mir gestohlen wurde. Ich bin euch zu tiefem Dank verpflichtet.„Du bist uns nichts schuldig", sagte Aurora. „Aber wir brauchen deine Hilfe. Das dunkle Wesen im schwarzen See schläft nur. Es wird wieder erwachen. Was können wir tun, um es für immer zu verbannen?"Das grüne Licht flackerte nachdenklich. Dann sprach es:Das dunkle Wesen wurde vor langer Zeit von den ersten Sumpfwölfen an diesen Ort gebunden. Es war nicht böse, als es kam — nur hungrig. Aber der Hunger hat es verdorben. Es ver
Der schwarze See lag tief im Herzen des Sumpfes, verborgen hinter dichten Weiden und alten, moosbewachsenen Bäumen, deren Äste wie Knochen in den grauen Himmel ragten. Das Wasser war so dunkel, dass es aussah wie flüssige Nacht, und kein Windhauch kräuselte die Oberfläche. Es war ein Ort der absoluten Stille — kein Vogelgesang, kein Froschquaken, nicht einmal das Summen der Insekten.„Hier ist es", flüsterte Kaelen. „Ich spüre es. Etwas Altes. Etwas Hungerndes."Die fünf standen am Ufer — Aurora, Darian, Kael, Maya und Kaelen. Sie hatten den ganzen Tag gebraucht, um den See zu finden, und die Sonne stand bereits tief am Horizont. Das fahle Licht tauchte die Szenerie in ein unheimliches Zwielicht.„Das Moorwesen hat gesagt, wir sollen das Wesen besiegen, bevor es erwacht", sagte Aurora. „Aber wie besiegt man etwas, das schläft?"„Vielleicht müssen wir es nicht töten", sagte Maya. „Vielleicht können wir es wieder in Schlaf versetzen. Mit einem Bann, wie die Luna Primes es mit dem Verges
Der September kam mit kühleren Nächten und den ersten goldenen Blättern an den Bäumen. Die Arbeit in der Schule lief reibungslos, die Halbwolf-Botschafter schickten regelmäßig Berichte von ihren Reisen, und das Leben in der Bergwacht hatte einen ruhigen Rhythmus gefunden.Doch an einem grauen Morgen, als der Nebel tief über dem Tal hing, traf ein Bote aus den Sümpfen ein. Er war erschöpft, sein Pferd schäumte, und in seiner Hand trug er einen Brief, der mit dem Zeichen von Alpha Maris versiegelt war.Aurora und Darian empfingen ihn in der großen Halle. Kaelen war ebenfalls anwesend, und Kael und Maya kamen herbeigeeilt, als sie die Nachricht hörten.Der Bote verneigte sich und reichte Aurora den Brief. „Von Alpha Maris. Es ist dringend."Aurora brach das Siegel und las. Ihr Gesicht wurde mit jedem Wort ernster, und als sie fertig war, sah sie die anderen an.„Das Moorwesen", sagte sie. „Es ist zurückgekehrt. Aber diesmal greift es nicht an. Es... bittet um Hilfe."Maya runzelte die St
Der August brachte die Abreise der ersten Halbwolf-Botschafter. Joran und Lira, beide in den Zwanzigern, standen am Dorfeingang der Bergwacht, gekleidet in neue Gewänder, die Elara für sie genäht hatte. Sie trugen die Farben der Halbwölfe — dunkles Grün und Grau, durchzogen von silbernen Fäden, die den Mond symbolisierten.„Ihr seid bereit für diese Aufgabe", sagte Kaelen zu ihnen. „Ihr wisst, was auf dem Spiel steht. Und ihr wisst, dass ihr nicht allein seid."„Wir sind bereit", sagte Joran. Seine gelben Augen waren ernst, aber ruhig. „Wir werden unser Volk mit Stolz vertreten."Lira nickte. Sie war die jüngere der beiden, aber ihre Stimme war fest. „Wir haben im Nebel gelernt, zu überleben. Jetzt lernen wir, zu leben. Und wir werden zeigen, dass wir dazugehören."Aurora trat zu ihnen. „Ihr reist zuerst zu den Grauwölfen, dann zur Küste, dann in die Sümpfe. Überall werdet ihr Briefe vorlegen, die ich und Darian geschrieben haben. Die Alphas wissen, dass ihr kommt. Ihr werdet als Gäst
Lily versuchte erneut, ihren Arm aus Jakes Griff zu befreien. Seine Finger waren warm und stark, aber sie taten ihr nicht weh. Trotzdem hatte sie große Angst. „Lass mich los!“, sagte sie laut. „Ich will nach Hause!“ Jake schaute sie nur an. Seine goldenen Augen leuchteten im Mondlicht. Er antwor
Der Regen fiel gleichmäßig in Blackthorn Hollow. Er kam leise und grau vom Himmel und machte die alten Bäume dunkel und nass. Lily Morgan hielt das Lenkrad fest, während sie die schmale Straße hinauf fuhr. Sie war sechsundzwanzig Jahre alt und kehrte nach sechs langen Jahren in die Hütte ihrer Groß
Jake hielt Lily noch eine Weile in seinen Armen. Sie spürte seinen starken Herzschlag an ihrer Wange. Für einen Moment vergaß sie alles – die Angst, die Werwölfe, die Gefahr. Es fühlte sich einfach nur richtig an.Dann löste sie sich vorsichtig von ihm. Ihre Wangen waren rot.„Danke“, murmelte sie.
Lily wachte auf, weil Sonnenlicht durch das Fenster fiel. Für einen Moment wusste sie nicht, wo sie war. Dann kamen die Erinnerungen zurück. Der Wald. Jake. Die Werwölfe. Das Dorf.Sie setzte sich im Bett auf und schaute sich um. Das Zimmer war schön. Holzwände, weiche Decken und ein großer Kleider







