LOGIN"Vermisst du mich, Rayla?"
Leon lümmelte in der hinteren linken Ecke, als gehörte ihm der Platz, mit diesem trägen Halblächeln, das mir früher Schmetterlinge im Bauch beschert hatte.
Jetzt verursachte es mir nur noch eine Gänsehaut.
Ich hatte mich noch nicht einmal hingesetzt, und schon war meine Montagmorgen-Fantasie – Professor Laurent dabei zuzusehen, wie sich seine Unterarme anspannten, während er genau von diesem Platz aus dozierte – ruiniert.
Und gleich würde der Mann hereinkommen, von dem ich das ganze Wochenende fantasiert hatte...
"Du hast vielleicht Nerven, dich auf meinen Platz zu setzen."
"Ich war total dicht, Rayla. Ich erinnere mich kaum an die Hälfte." Er schenkte mir dieses schwache Lächeln, das früher immer gewirkt hatte. "Es tut mir leid."
"Tut mir leid löscht nicht aus, dass du versucht hast, dich mir aufzudrängen."
Die Worte kamen schärfer heraus, als ich wollte.
"Mann, sorry. Ich hab mich wie ein Vollidiot benommen. Ich weiß echt kaum noch was."
"Ich erinnere mich gut genug."
Am liebsten hätte ich mich in meinem Oversize-Hoodie verkrochen und wäre unsichtbar geworden.
"Das wird nicht wieder vorkommen." Er zuckte mit den Schultern. "Übrigens, wie war dein Wochenende?"
"Great." Ich schaute nach vorn und überlegte, ob ich von hier aus Professor Laurent noch gut sehen könnte.
"Meins war scheiße", sagte er leise. "Du warst nicht dabei."
Er gab sich wirklich Mühe. Zu viel Mühe.
In dem Moment betrat Professor Laurent den Raum. Ich drehte mich sofort weg.
Sein dunkles Haar saß perfekt, die Hemdsärmel waren bis zu den Unterarmen hochgekrempelt, am Kragen standen zwei Knöpfe offen. Das Hemd schmiegte sich an seine Schultern und verschwand in einer khakifarbenen Hose mit braunem Ledergürtel.
Meine Finger krallten sich in meinen Oberschenkel.
Ich hasste, wie sehr ich diesen Gürtel aufreißen wollte.
"Heute machen wir mal etwas Spannendes", sagte er, stellte seine Tasche ab und lächelte leicht in sich hinein, während er sich die Hände rieb. "Reden wir über einen aktuellen Traum – ich fange an."
Er schob die Hände in die Hosentaschen, lehnte sich gegen den Schreibtisch und biss sich nachdenklich auf die Unterlippe.
"Letzte Nacht habe ich geträumt, es würde in Strömen regnen. Ich stand einfach nur da... und wartete. Mit dem Gefühl, dass gleich etwas Aufregendes passieren würde." Langsam hob er den Kopf und sah mir direkt in die Augen. "Etwas, nach dem ich mich schon lange gesehnt habe."
Ich schluckte, und mein Hals machte ein peinliches kleines Geräusch.
Hitze schoss mir ins Gesicht.
Er sprach von der Nacht im Regen.
Er ging die Namensliste durch. Ein paar lustige Träume sorgten für leichtes Gelächter. Sein Lächeln war gefährlich – warm, schief und viel zu intim.
Als er endlich "Rayla" sagte, wurden meine Beine weich, als ich aufstand.
"Ich habe denselben Traum jetzt schon mehrere Nächte hintereinander."
Ich strich mir eine Strähne hinters Ohr. "Es regnet immer, aber da ist ein Mann, der einen Schirm über uns beide hält, damit wir trocken bleiben."
Während ich das sagte, erinnerte ich mich an den Moment im Café, als er mir nach dem Kaffeefleck noch eine Serviette gereicht hatte. Seine Finger hatten meine länger berührt als nötig, und in diesem kurzen Augenblick hatte ich etwas in seinen Augen gesehen – dieselbe unterdrückte Intensität wie jetzt. Das war der Moment gewesen, in dem mein dummer, hoffnungsloser Schwarm zu etwas Tieferem geworden war.
Ich hielt seinem Blick stand.
"Und dann küsst er mich."
Für eine halbe Sekunde herrschte absolute Stille.
Jemand kicherte.
Professor Laurents Kiefer spannte sich an, und dieser dunkle, hungrige Ausdruck huschte so schnell über sein Gesicht, dass ich fast glaubte, ich hätte ihn mir nur eingebildet.
Ich ließ mich zurück auf meinen Stuhl fallen, die Wangen glühend heiß.
Leon beugte sich zu mir herüber, sein Atem heiß an meinem Ohr. "Kannst wohl nicht aufhören, von mir zu träumen, was?"
Mir drehte sich der Magen um.
Ich war zu weit gegangen.
In meinem Kopf war es nur ein Spiel gewesen, ein heimlicher Kick. Aber Professor Laurent würde das ganz anders sehen.
Ich war nicht so mutig. Ich war nicht das Mädchen, das solche Dinge sagte.
Als der letzte Student fertig war, stand Professor Laurent auf und ging zur Tafel. Die Kreide klackte scharf, als er schrieb:
EMOTION.
"Der beste Rat, den ich euch für eure erste Rede geben kann: Macht sie persönlich. Holt echte Gefühle aus eurem Publikum heraus. Packt sie."
Seine Faust ballte sich beim letzten Wort. „Ihr schreibt über jemanden, der euch geprägt hat. Jemanden, den ihr bewundert. Habt keine Angst, zu zeigen, was diese Person in euch auslöst.“
Sein Blick wanderte durch den Raum.
„Träume sind einfacher, als die meisten denken. Das Erste, was euch trifft, wenn ihr euch an sie erinnert – das ist die Wahrheit. Angst.“ Er nickte einem Typen hinten zu. „Wut.“ Sein Blick ging zu dem Mädchen, das vorhin gekichert hatte. „Verlangen.“
Für den Bruchteil einer Sekunde streifte sein Blick meinen.
Mein Puls hämmerte so laut, dass ich sicher war, die anderen könnten es hören.
Er schaute auf die Uhr. „Wir sehen uns Mittwoch.“
Die Vorlesung war vorbei.
Leon murmelte „Bis später, Rayla“ und verschwand.
Ich ließ mir bewusst Zeit beim Einpacken, tat so, als würde ich etwas suchen, während das Mädchen in der ersten Reihe – lange schwarze Haare, Crop-Top, das gebräunte Haut zeigte – zu Professor Laurents Pult ging und über irgendetwas lachte, das er sagte.
Sie sah aus wie eine Frau, die genau wusste, was sie wollte, und es sich nahm. Selbstbewusst. Offensiv.
Ich blickte auf meinen viel zu großen Hoodie und die Jeans hinunter. Das brave Mädchen, das versuchte, die Verführerin zu spielen.
Ich hatte bereits kaputt gemacht, was auch immer sich leise und vorsichtig zwischen uns entwickelt hatte.
Schließlich stand ich auf und ging an seinem Pult vorbei, zwang mich, nicht hinzusehen.
Aber ich konnte nicht widerstehen.
Er neigte den Kopf gerade genug, um mich hinter ihrer Schulter zu sehen.
Unsere Blicke trafen sich.
Langsam und bewusst zog er eine Augenbraue hoch, und ein Mundwinkel zuckte.
Hitze rann mir das Rückgrat hinunter, als ich aus dem Raum schlüpfte.
Brave Mädchen tun keine schlimmen Dinge, erinnerte ich mich.
Aber Gott, dieses brave Mädchen wollte es so sehr.
„Wo steht Leon auf deiner Skala, Rayla? Jetzt bin ich echt neugierig.“Emilias Gesicht war knallrot. Ich hatte versucht, das zu vermeiden. Ich wollte nicht wieder mit ihr streiten. Der Abend war so gut gelaufen.„Ich weiß nicht. Es ist so lange her…“ „Gott, sag’s mir einfach.“„Unter Novan.“ Was hatte sie erwartet, dass ich sage? „Also ist er nicht so gut wie Novan? Du bist so eine Schlampe.“„Nein, Leon ist richtig gut im Bett. Ich… ich bin in Novan verliebt.“„Also findest du Leon super im Bett? Fantasierst du immer noch von ihm oder so? Du bist die schlechteste Freundin ever.“„Emilia.“ Ein erschöpfter Lacher entwich mir. „Was soll ich sagen? Ich habe vor fast drei Jahren einmal mit Leon Sex gehabt. Er war damals nicht dein Freund. Du hast ihn nicht mal gemocht. Du bist mit Anton zusammen gewesen. Und ich kann es nicht rückgängig machen. Es gibt nichts, was ich dagegen tun kann.“„Du kannst aufhören, mit ihm abzuhängen.“„Fein. Okay. Ich hänge nicht mehr mit ihm ab. Leon und ich si
Ich blickte auf die Karte und dann wieder zu ihm hoch, wissend, dass ich diese Nummer nie anrufen würde. „Danke.“„Wirklich Wasser?“, fragte Emilia, sobald er weg war.Ich lachte. „Er war nett. Ich wollte nicht, dass er eine ganze Runde bezahlt. Außerdem macht ihr mich total besoffen. Ich kann kaum noch geradeaus laufen.“ An diesem Punkt wahrscheinlich wirklich nicht.„Ist schon okay, es zählt trotzdem“, sagte Elke. „Außerdem“, sie schnappte mir die Visitenkarte aus der Hand. „Rayla hat gerade auch Nummer sieben abgehakt.“„Du hast seine Nummer bekommen?“ Jule klatschte in die Hände. „Oh mein Gott, der ist wie eine wandelnde Sexanzeige.“Ich lachte. „Wolltest du sie?“„Ja bitte.“ Sie riss Elke die Visitenkarte aus der Hand. „Ich wette, der ist unglaublich im Bett.“Marie rollte mit den Augen.„Apropos Sex“, sagte Jule. „Auf einer Skala von eins bis zehn, wie gut ist Novan im Bett?“„Eine Elf.“ Sie lachten alle.„Ich habe seit Jahren keinen Elfer mehr getroffen“, sagte Jule. „Ich glaub
„Der denkt schon, ich würde am Ende der Nacht mit ihm schlafen. Bitte zwingt mich nicht, nochmal mit ihm zu reden.“„Du wirst nicht reden. Du wirst tanzen“, sagte Emilia. „Und pass auf, dass du an dem Typen vorbeigehst, der uns später die Runde ausgeben soll.“„Soll ich ihm nebenbei noch einen Penis-Keks in den Mund stopfen?“„Das ist keine schlechte Idee. Ich kann das auf die Liste setzen“, sagte Marie und hob ihre Handtasche. „Lass mich nur einen Stift finden.“„Wage es nicht.“ Ich stand auf, bevor irgendeine von ihnen noch eine weitere dumme Sache hinzufügen konnte.„Einen ganzen Song, Rayla!“, rief eine von ihnen hinter mir her.Ich ging zu dem Typen, der mir den Whiskey ausgegeben hatte, und achtete darauf, an dem vorbeizugehen, der uns die Runde ausgeben sollte. Ich lächelte den Typen schüchtern an. Es sah aus, als dächte er, ich würde stehen bleiben und mit ihm reden. Ich bemerkte, wie er die Stirn runzelte, als ich mich an die Theke neben meinem zukünftigen Tanzpartner lehnte.
„Hipster finden es wahrscheinlich nicht cool, Penis-Kekse zu essen.“Elke lachte. „Ich gebe dir einen leichten. Hipster machen alles, um dazuzugehören. Sag ihm einfach, normal geformte Kekse seien so klischeehaft.“„Gut.“ Ich seufzte und rutschte vom Hocker. Gott, das war demütigend. Ich ging zu dem Hipster und setzte mich neben ihn auf die Couch.„Hey“, sagte er, sobald ich mich setzte. „Schöne Nacht?“ „Eigentlich war sie bisher peinlich.“Er lachte.„Könntest du diesen Keks essen?“Er zog die Augenbrauen zusammen. „Willst du mich dopen?“ „Nein, nein. Es ist einfach ein normaler Keks in Penisform.“ Er lachte wieder.Ich hielt ihn hoch, damit er ihn sehen konnte. „Oh, warte. Du meinst das ernst?“„Meine Freundinnen haben diese komische Liste mit Sachen, die ich machen muss. Eine ist, dass ein Typ diesen Keks isst. Ich verspreche, es ist nichts dran. Außerdem sind normal geformte Kekse so mainstream, findest du nicht?“Der Hipster starrte mich skeptisch an.„Ich mach’s.“ Jemand war auf
„Also, du musst einen zufälligen Typen fragen, ob er dir einen Drink ausgibt“, sagte Marie und blickte auf eine Liste.„Darf ich die mal sehen?“ Ich versuchte, sie ihr wegzuschnappen, aber sie zog sie zu schnell weg.„Wie wäre es mit dem da?“, sagte Jule und zeigte auf einen Typen an der Bar. Er trug Jeans und ein T-Shirt. Seine Haare waren strubbelig. Er sah aus, als gehöre er an den Strand und nicht in eine Bar in Berlin. Wahrscheinlich ein Tourist.Was bedeutete, dass er nicht für einen viel zu teuren Drink für ein Mädchen bezahlen wollte, das er nicht kannte.„Der sieht aus wie ein Tourist.“Emilia lachte. „Na und? Das heißt, er ist hier, um was abzubekommen. Der gibt dir auf jeden Fall einen Drink aus.“„Ich will ihn nicht reinlegen.“„Tust du nicht. Du trägst eine verdammte Schärpe, die sagt, dass du jeden Tag heiratest. Du bist fein raus. Geh und frag ihn.“Elke gab mir einen kleinen Schubs an die Schulter. „Du gehst nicht nach Hause, bevor du nicht alles auf der Liste erledigt
Auch wenn ich nicht mit Novan sprechen durfte, wusste ich zumindest, dass er in Sicherheit war. Das war der einzige Grund, warum ich zum Trump International gelaufen war. Und weil Elkes Handy direkt auf die Mailbox ging, als ich sie anrief.Ich blieb in der Lobby stehen und erinnerte mich an den Tag, an dem Novan mich hierhergebracht hatte, als er noch mein Professor war. Es war in jeder Hinsicht perfekt gewesen. Ich lachte leise vor mich hin. Hier hatte ich auch zum ersten Mal Mason getroffen. Ich erinnerte mich, wie sein Blick mich unbehaglich gemacht hatte. Fast so, als könnte er mich sehen. Wirklich sehen. Aber wahrscheinlich hatte er mich nur für sein Nebengeschäft eingeschätzt.Elke arbeitete hart. Sie war wahrscheinlich einfach früh vor dem Fernseher eingeschlafen oder so. Ich stieg in den Aufzug und hörte die edle Aufzugsmusik. Es war seltsam, dass Elke und Mason in einem Hotel wohnten. Aber sie hatten ihre Wohnung sehr gemütlich eingerichtet. Ich fühlte mich dort immer wohl.
"Rayla, was zum Teufel?!"Ich knallte das leere Glas so fest auf den Tisch, dass es knackte. "Du bist so ein verdammtes Arschloch."Dabei hatte Emilia wochenlang auf mich eingeredet, mich angefleht und mir ein schlechtes Gewissen gemacht, bis ich schließlich eingeknickt war und Jonas noch eine Chan
Allein in Professor Laurents Büro zu sein, war ein Fehler. Das wusste ich in dem Moment, als die Tür hinter mir ins Schloss fiel.Es war zu spät, so zu tun, als hätte sich die Stimmung nicht schlagartig verändert, kaum dass wir eingeschlossen waren."Sie können den Pullover behalten", sagte Profess
Professor Laurents Nummer brannte wie eine Hochspannungsleitung in meinem Handy. Ein einziger Fehlgriff, und meine gesamte Zukunft konnte in Flammen aufgehen.Ich hatte dieselbe riskante Nachricht mindestens zwanzigmal getippt und wieder gelöscht: Ich habe unser erstes Date genossen. Aber heute has
"Wag es ja nicht, mir zu folgen, du verdammter Psycho!"Ich knallte die Tür des Verbindungshauses so heftig zu, dass der Rahmen wackelte.Der kalte Regen prasselte auf mich nieder, machte mein winziges weißes Top durchsichtig und klebte es wie eine nutzlose zweite Haut an meinen Körper. Meine Brust







