Share

Kapitel 1

Author: Lina
last update Last Updated: 2026-03-04 21:55:49

Der Geruch von Jasmin und frisch umgegrabener, nasser Erde war mein Anker. In meinem Laden *Eden* gab es keine harten Kanten, keine kalte Bürokratie und keine gnadenlosen Fristen. Hier herrschten nur die weichen Kurven von Blütenblättern, das matte, beruhigende Grün der Farne und das leise Versprechen von Leben. Ich stutzte die dornigen Stiele der Rosen mit einer Präzision, die fast meditativ war, und wischte die hölzernen Fensterbänke ab, während das Radio im Hintergrund leise, rauchigen Jazz spielte.

Es war ein einfaches Leben, ein ehrliches Leben. Ich liebte es, wenn meine Fingerspitzen nach Erde und Pflanzensaft rochen, statt nach dem sterilen, stechenden Desinfektionsmittel der gläsernen Bürogebäude, an denen ich jeden Morgen auf dem Weg aus der Unterstadt vorbeikam. In diesen Türmen aus Stahl schien die Zeit zu rasen, gepeitscht von Profitgier. Doch hier drin, zwischen den Terrakottatöpfen und den blühenden Hortensien, war die Zeit langsamer. Ich sortierte die Nelken nach ihren zarten Farbverläufen und genoss das kühle, klare Wasser an meinen Händen. Es war eine Welt, die ich kontrollieren konnte.

„Maya, hast du die Bestellung für die Hochzeit am Samstag fertig?“, rief meine Tante Rose aus dem Hinterzimmer. Das rhythmische Klappern von Glasvasen, das Rascheln von Seidenpapier und das vertraute, warme Summen der Kaffeemaschine waren die Geräusche, die meine Welt seit Jahren wie ein schützender Kokon zusammenhielten.

„Fast!“, antwortete ich und spürte ein leichtes Lächeln auf meinen Lippen. Ich richtete vorsichtig die schweren Blätter einer Pfingstrose und fragte mich einen Moment lang ernsthaft, ob die Braut mit den blassrosa Lilien zufrieden sein würde oder ob sie doch die kräftigeren Farbtöne bevorzugt hätte. Es war eine kleine, überschaubare Sorge, die mich ganz ausfüllte. Ein Teil von mir liebte diese friedliche Belanglosigkeit, während ein anderer Teil – ein dunkler, hungriger Teil, den ich tief in mir vergrub – sich manchmal nach etwas sehnte, das lauter war als das Rascheln von Geschenkpapier. Etwas, das mein Blut schneller fließen ließ.

Ein schwarzer Wagen hielt direkt vor dem Schaufenster und riss mich aus meinen Gedanken. Er rollte fast lautlos über das nasse, unebene Kopfsteinpflaster der Unterstadt und stoppte genau zwischen den zwei kleinen, belebten Cafés der Nachbarschaft. Er passte nicht hierher. Er wirkte wie ein Fremdkörper, wie ein Raubtier auf einem Kinderspielplatz. Die Limousine war lang, makellos sauber und wirkte wie ein massiver schwarzer Stein, der in einen stillen Teich geworfen worden war. Die Scheiben waren so tiefschwarz getönt, dass ich nur mein eigenes Spiegelbild sah – eine junge Frau mit zerzaustem Haar und einer Schürze, die unsicher durch die Glasfront des Ladens zurückstarrte.

Ich legte die schwere Gartenschere weg und spürte plötzlich ein unangenehmes Ziehen im Nacken. Die Luft im Laden schien mit einem Mal dicker zu werden.

Ein Mann in einem maßgeschneiderten, dunklen Anzug stieg aus. Er trug eine Sonnenbrille, obwohl der graue Winterregen unaufhörlich gegen den Asphalt peitschte. Er bewegte sich mit einer militärischen Präzision, die keinen Raum für Zufall oder Menschlichkeit ließ. Als er die Tür zum *Eden* öffnete, verstummte das sanfte, helle Glockenspiel über dem Eingang fast augenblicklich unter der Wucht seiner Präsenz. Er brachte die beißende, feuchte Kälte von draußen mit herein. Sein Blick wanderte nicht umher; er würdigte die teuren Gestecke und die seltenen Orchideen keines Blickes. Sein Fokus lag ausschließlich auf mir, wie das Visier einer geladenen Waffe.

„Maya Lindberg?“, fragte er. Seine Stimme war glatt, hart und vollkommen monoton, wie polierter Stein.

„Ja?“, entgegnete ich. Meine Stimme klang in meinen eigenen Ohren dünner, als mir lieb war. Ich trat einen unbewussten Schritt zurück und legte die Hände flach auf den rauen Holztresen, um das Zittern meiner Finger zu verbergen. „Kann ich Ihnen helfen? Wir schließen eigentlich gleich.“

Er antwortete nicht direkt. Stattdessen trat er an den Tresen und hielt mir ein flaches Tablet hin. Das helle Licht des Bildschirms schnitt schmerzhaft durch das gedimmte Licht des Ladens. Auf dem Display war ein Standbild einer Überwachungskamera zu sehen. Es zeigte meinen Vater. Er saß zusammengesunken an einem Metalltisch in einem sterilen, fensterlosen Raum, der nach Verhörzimmer aussah. Vor ihm lag ein dickes Dokument, seine Hände umklammerten einen Kugelschreiber, als wäre es ein letzter Rettungsanker. Er sah alt aus auf diesem Bild, viel älter als beim Frühstück vor wenigen Stunden. Er sah aus wie ein Mann, der gerade seine Seele verkauft hatte.

,,Herr Vane wünscht Sie zu sprechen“, sagte der Mann knapp und reichte mir nun ein schwarzes Smartphone. Das Display leuchtete bereits hell auf.

Meine Finger zitterten jetzt so heftig, dass ich Mühe hatte, das Telefon zu greifen. Silas Vane. Ich hatte diesen Namen schon oft in den Wirtschaftsschlagzeilen gelesen. Er wurde dort als der „Vollstrecker“ beschrieben, als ein Mann, der Konkurrenten bei lebendigem Leib verschlang und Imperien aus den Trümmern anderer Karrieren errichtete. Sein Name fiel nie im Zusammenhang mit Gnade, Wärme oder Kompromissen. Dass dieser Name nun physisch in meinem kleinen Laden präsent war, fühlte sich an wie ein unterschriebenes Todesurteil.

„Hallo?“, flüsterte ich in das Telefon.

Zuerst herrschte eine drückende Stille am anderen Ende der Leitung. Dann hörte ich es: ein tiefes, langsames und vollkommen kontrolliertes Atmen. Es war das Geräusch von jemandem, der es gewohnt war, dass die Welt auf seinen nächsten Atemzug wartete.

„Du hast eine angenehme Stimme, Maya“, sagte der Mann schließlich. Die Stimme war nicht laut, aber sie besaß eine dunkle, samtige Schwere, die mir augenblicklich den Atem raubte. „Wir haben viel zu besprechen. Dein Vater hat eine Vereinbarung unterschrieben, die seine bescheidenen Kapazitäten bei weitem überfordert. Und ich begutachte meine Akquisitionen lieber persönlich, bevor ich über ihr endgültiges Schicksal entscheide.“

Ein Schauer lief mir über den Rücken, der nichts mit der Kälte im Laden zu tun hatte. Er nannte mich eine *Akquisition*. Ein Wirtschaftsgut.

„Mein Wagen wartet vor deiner Tür“, fuhr er fort, und ich konnte das leise Lächeln in seiner Stimme fast spüren – ein Raubtierlächeln. „Wenn du jetzt einsteigst, bleibt die Polizei aus der Sache raus. Dein Vater behält seine Freiheit, zumindest vorerst. Das ist mein einziges Angebot. Überleg es dir gut. Ich warte nicht gerne.“

In mir stieg eine Welle von Emotionen auf, die mich fast überwältigte. Da war die lähmende Angst, ja. Aber da war auch ein brennender, fast schon unvernünftiger Zorn auf meinen Vater, der uns wieder einmal in den Abgrund gerissen hatte. Und unter all dem regte sich eine dunkle, beschämende Neugier auf diesen Mann am Telefon, dessen Stimme mich wie eine Berührung erzittern ließ.

„Eine Akquisition? Was reden Sie da?“, presste ich hervor, doch das Gespräch wurde bereits beendet. Das Display wurde schwarz.

Der Mann im Anzug nahm mir das Smartphone wortlos aus der Hand, trat beiseite und hielt die Ladentür weit offen. Er blickte kurz auf die schwere Uhr an seinem Handgelenk. „Bitte, Miss Lindberg. Wir haben einen sehr straffen Zeitplan. Lassen Sie Herrn Vane nicht warten.“

Ich sah kurz zurück ins Hinterzimmer. Tante Rose lachte gerade laut über ein Telefonat mit einem Lieferanten; die dicke Trennwand und der Jazz schluckten meine neue, grausame Realität komplett. Wenn ich nicht mitging, würden sie meinen Vater wegen Betrugs oder Schlimmerem belangen. Das Bild auf dem Tablet war keine Drohung mit physischer Gewalt gewesen – es war die Ankündigung einer Vernichtung, die legal, bürokratisch und absolut endgültig wäre.

Ich sah auf meine Hände, die nach Erde rochen, und dann auf den dunklen, sterilen Innenraum der wartenden Limousine. Es gab keine andere Wahl. Ich griff nach meiner Jacke, schlüpfte hinein und trat wortlos hinaus in den peitschenden Regen. Als die schwere Wagentür hinter mir mit einem dumpfen, satten Schlag ins Schloss fiel, war die Stille im Inneren absolut. Die Geräusche der Unterstadt waren verschwunden. Mein altes Leben lag auf der anderen Seite der getönten Scheiben, verschwommen und unerreichbar. Ich wusste, dass ich gerade das Pfand in einem Geschäft geworden war, dessen Regeln ich noch nicht begriff – und ein kleiner, gefährlicher Teil von mir wollte wissen, wie weit Silas Vane gehen würde, um seinen Besitz einzufordern.

Continue to read this book for free
Scan code to download App
Comments (1)
goodnovel comment avatar
Ich bin ich
weiter so...
VIEW ALL COMMENTS

Latest chapter

  • PREY - Dein Blut gehört mir. Seine Seele auch   Kapitel 25

    ​Es war so verdammt still in diesem Verlies, dass ich das Gefühl hatte, die Luft würde mir die Kehle zuschnüren. Silas’ Hand auf meiner Hüfte fühlte sich plötzlich nicht mehr gut an. Es war kein liebevoller Griff, es war eine Markierung. Er hielt mich unter dem Seidenmantel fest, seine Finger drückten sich hart in meine Haut, als wollte er sicherstellen, dass ich keinen Millimeter von ihm wegrücken konnte. Er presste mich so fest gegen seine Brust, dass ich seinen Herzschlag spürte – ein schnelles, hartes Hämmern, das überhaupt nicht zu seiner sonst so kühlen Art passte. Er starrte Julian an, und in seinem Blick lag so viel Hass, dass es mir eiskalt den Rücken runterlief. Es war, als wollte er seinen Bruder allein durch die schiere Gewalt seines Willens auslöschen. ​„Hör nicht auf ihn, Maya“, raunte Silas mir ins Ohr. Seine Stimme war leise, vibrierend vor einer Wut, die kurz vorm Explodieren war. „Er labert von Lügen, weil er die Realität nicht verkraftet. Er ist ein Versager. Er ko

  • PREY - Dein Blut gehört mir. Seine Seele auch   Kapitel 24

    ​In der fensterlosen, hermetisch abgeriegelten Welt des Bunkers gab es kein natürliches Zeitgefühl mehr. Die Sonne, der Wind, das Vergehen der Stunden – all das war draußen geblieben, jenseits der meterdicken Stahlbetonwände und des ewigen Eises der Berge. Das künstliche Licht in den Deckenpaneelen war immer gleichmäßig gedimmt, eine ewige, künstliche Dämmerung in bernsteinfarbenen Tönen, die Silas' wachsende, paranoide Besessenheit nur noch mehr befeuerte. In dieser künstlichen Geborgenheit fühlte sich jede Minute wie eine Ewigkeit an.Ich erwachte allein in den schwarzen, kühlen Seidenlaken des riesigen Bettes. Mein Körper schmerzte dumpf von der ungeheuren, fast schon gewaltsamen Intensität der letzten Stunden – ein süßer, brennender Schmerz in meinen Muskeln, der mich bei jeder kleinsten Bewegung grausam-schön an jede einzelne, besitzergreifende Berührung seiner großen, tätowierten Hände erinnerte. Er hatte mich gezeichnet, nicht nur mit seinen Lippen, sondern mit seinem gesamten

  • PREY - Dein Blut gehört mir. Seine Seele auch   Kapitel 23

    ​Der Aufzug glitt lautlos in die Tiefe. Es war eine beängstigende Geschmeidigkeit, als würde er uns direkt in den Schlund der Erde befördern. Es gab keine Fenster mehr, keine Verbindung nach draußen, nur das matte Leuchten der digitalen Anzeige und das verzerrte Spiegelbild von uns beiden in den kühlen Stahlwänden. Silas stand wie eine Mauer hinter mir. Seine Hand war fest um meine Taille geschlossen, aber der Griff hatte nichts Beschützendes mehr. Er war rein besitzergreifend, fast krampfhaft, als hätte er Angst, ich könnte mich zwischen den Stockwerken einfach auflösen. Ich spürte das Zittern seiner Muskeln und diese unnatürliche, fiebrige Hitze, die von ihm ausging. Er war wie ein Kessel kurz vor der Explosion. ​Die Türen öffneten sich schließlich zu einem Bereich, der nichts mit der sterilen Kälte eines gewöhnlichen Bunkers zu tun hatte. Es war ein Refugium aus tiefschwarzem Marmor, schwerem Samt und einem bernsteinfarbenen Licht, das die Schatten an den Wänden tanzen ließ. Es ro

  • PREY - Dein Blut gehört mir. Seine Seele auch   Kapitel 22

    Die brennende Hitze unseres Ausbruchs auf dem Schieferboden war kaum verflogen, da wirkte das grelle Licht der Alpen schon wie ein Verhörscheinwerfer. Es fiel unerbittlich durch die Glasfronten und machte jede Spur des Morgens – den verschütteten Wein, die zerknitterte Kleidung – schmerzhaft sichtbar. Silas lag schwer über mir, sein Atem ging stoßweise. Ich spürte das Pochen seines Herzens, ein wilder, unregelmäßiger Rhythmus. Aber sein Blick war nicht mehr bei mir. Er starrte am Frühstückstisch vorbei auf den Master-Monitor in der Ecke.​„Silas?“, flüsterte ich und strich über seinen Rücken, versuchte, ihn zurückzuholen.​Er antwortete nicht. Er stieß sich ab, so abrupt, dass mir schlagartig eiskalt wurde. Er griff nach seinem Sakko, schlüpfte hinein und ließ mich nackt und schutzlos auf dem Stein zurück. In Sekunden war er wieder der eiskalte Herrscher von Le Sommet.​„Bleib hier“, befahl er. Seine Stimme klang wie gefrorenes Metall.​Er trat zum Terminal. Das blaue Leuchten des Bil

  • PREY - Dein Blut gehört mir. Seine Seele auch   Kapitel 21

    ​Die Tage in Le Sommet verschwammen zu einer einzigen, zähen Ewigkeit aus Schnee, Seide und dem schweren Geruch von Sandelholz. Hier oben, über der Welt, gab es keine normale Zeit mehr. Es gab nur noch das unnatürliche Licht der Sonne, das sich an den messerscharfen Gipfeln brach, und Silas’ ständige, dunkle Präsenz. Er hatte die Welt da draußen mit einer beängstigenden Gründlichkeit einfach ausgeknipst. Es gab kein Internet, keine Nachrichten, kein Telefon. Nur das ständige, fast unhörbare Surren der Belüftung und das rhythmische Blinken der Ikarus-Kameras, die wie rote Insektenaugen über jede unserer Bewegungen wachten.​Ich erwachte an diesem Morgen in dem riesigen Bett aus schwarzer Seide. Der Stoff fühlte sich kühl und fast klebrig auf meiner Haut an. Silas war bereits auf, wie immer. Er saß am Fußende des Bettes, und der bloße Anblick raubte mir die Luft. Er trug ein schwarzes Sakko direkt auf der nackten Haut – ein provokanter Anblick, der seine Tätowierungen wie dunkle Narben

  • PREY - Dein Blut gehört mir. Seine Seele auch   Kapitel 20

    ​Die Landung auf der schmalen Asphaltpiste war hart. Das Fahrwerk schlug gegen den gefrorenen Boden, ein mechanischer Schock, der durch meine Wirbelsäule bis in den Kopf schoss. Es passte zu der bleiernen Stille, die darauf folgte. Als die hydraulische Tür mit einem Zischen aufschwang, peitschte uns die Bergluft entgegen. Sie war dünn, eiskalt und so scharf, dass sie beim ersten Einatmen wie flüssiges Glas in der Lunge brannte. ​Vor uns, eingebettet in die Finsternis der Gipfel, ragte das Chalet auf. Es war kein gemütlicher Ort für einen Winterurlaub. Es war ein Monolith aus dunklem Holz, Stahl und Panzerglas, der sich wie eine mechanische Festung in den schroffen Fels krallte. Hier oben gab es nichts als den Schnee und das Schweigen der Berge. ​Silas wartete nicht auf das Personal, das im Hintergrund wie Schatten bereitstand. Er packte meine Hand mit einem Griff, der mir fast die Knochen stauchte, und zog mich schweigend über den glitzernden Asphalt. Er trug noch immer keinen Mante

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status