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PREY - Dein Blut gehört mir. Seine Seele auch
PREY - Dein Blut gehört mir. Seine Seele auch
Lina

Prolog

last update Zuletzt aktualisiert: 04.03.2026 21:55:46

Ich habe einmal geglaubt, dass Macht etwas ist, das man sehen kann. Etwas Greifbares, das man mit den Fingerspitzen berühren oder in Stein meißeln könnte. Ich dachte an Gebäude aus Glas und Stahl, die so hoch in den grauen Himmel ragen, dass sie die Wolken zerteilen. Ich dachte an Namen auf schweren Visitenkarten und an Bankkonten voller Zahlenreihen, die wie eine uneinnehmbare Festung wirken. Ich dachte, Macht sei laut. Ein Befehl, der einen Raum zum Schweigen bringt. Ein Schrei, der unüberhörbar durch die nassen Straßen hallt.

Doch das war, bevor ich begriff, dass wahre Macht leise ist.

Wahre Macht ist kein Schrei; sie ist das verstummte Atmen in einem dunklen Raum. Sie ist unsichtbar, wie der Sauerstoff, den man erst vermisst, wenn er einem entzogen wird. Ein Schatten, der sich so perfekt an deine Fersen heftet, dass du irgendwann nicht mehr weißt, ob du ihn führst oder ob er dich bereits lenkt. Sie ist das sanfte Klicken einer zugeschlagenen Tür, die sich von innen nicht mehr öffnen lässt.

Bevor Silas Vane in mein Leben trat, war ich niemand, den die Oberstadt kannte. Für die Menschen dort oben, die in Seide schliefen, existierte ich nicht einmal als Randnotiz. Ich war ein Mädchen aus der Unterstadt – jener Ort, den der Nebel niemals ganz verlässt. Ich verkaufte Blumen, deren Duft kaum gegen den Geruch von feuchtem Asphalt ankam. Jeden Tag schnitt ich Stiele zu, band Sträuße für Hochzeiten, die ich nie besuchen würde, und versuchte verzweitelt, die Schulden meines Vaters zu begleichen. Diese Schulden waren wie ein schleichendes Gift, das uns langsam bei lebendigem Leibe auffraß.

Ich war eine Randnotiz in einer Stadt, die nur die Starken sieht und die Schwachen verschluckt. Und doch, rückblickend betrachtet, begann alles viel früher. Lange bevor ich seinen Namen kannte, der heute wie ein Echo in meinem Kopf hallt. Lange bevor ich verstand, dass mein Leben bereits in Bewegung gesetzt worden war – wie ein schwerer Stein, der einen steilen Abhang hinunterrollt. Man kann versuchen, ihn aufzuhalten, aber er wird einem nur die Knochen brechen.

Ich erinnere mich an den Abend, an dem ich zum ersten Mal spürte, dass die Welt aus den Fugen geraten war. Es war Winter. Ein nasser Winter, der die Kälte bis tief in die Gelenke trieb. Die Straßen der Unterstadt glänzten schwarz vom Regen, und in den Pfützen spiegelten sich die Lichter der Oberstadt wie goldene Splitter einer Welt, die für mich unerreichbar schien.

Ich stand vor dem *Eden*, meinem kleinen Blumenladen. Meine Finger waren klamm vom kalten Wasser der Vasen, und mein Rücken schmerzte von den Stunden des Stehens. Ich schloss gerade das schwere Eisengitter ab – das Schloss hakte wie immer –, als ein schwarzer Wagen langsam an mir vorbeifuhr. Er glitt eher, als dass er fuhr. Die Reifen bewegten sich lautlos über den nassen Asphalt. Die Fenster waren so tiefschwarz getönt, dass sie wie polierte Onyxe wirkten. Ich sah mein blasses Spiegelbild für einen kurzen Moment auf dem Glas tanzen, bevor der Wagen hielt.

Nichts an diesem Moment war objektiv betrachtet besonders. Und doch fröstelte ich. Es war kein Kältefrösteln. Es war dieses instinktive Gefühl, das Beutetiere haben, kurz bevor der Jäger aus dem Gebüsch bricht. Es fühlte sich an, als hätte jemand meinen Namen gedacht, ohne ihn auszusprechen. Ein Flüstern in der Dunkelheit, das nur für meine Ohren bestimmt war.

Damals wusste ich nicht, dass Silas Vane in diesem Wagen saß. Dass er hinter diesem undurchdringlichen Glas saß und mich beobachtete. Dass seine Augen – diese kalten, präzisen Augen – bereits jedes Detail meines Gesichts studiert hatten. Er hatte bereits entschieden. Er hatte mich markiert, noch bevor ich wusste, dass ich gejagt wurde. Er hatte beschlossen, dass ich in seine Welt gehören würde. Nicht als Gast, sondern als Besitz.

Ich wusste in jener Nacht nur, dass die Stadt anders atmete. Schwerer. Als würde sie die Luft anhalten vor dem, was kommen mochte.

In der Unterstadt lernst du früh, auf solche Zeichen zu achten. Die Menschen dort sprechen nicht über Schicksal, aber sie kennen das Gefühl, wenn etwas kippt. Wenn der Boden unter den Füßen weich wird. Ich spürte es in meinen Knochen, in der Art, wie der Wind durch die engen Gassen pfiff, in der Stille, die sich über die Häuser legte. Etwas kam auf mich zu. Etwas Großes. Etwas Gefährliches.

Ich hätte weglaufen sollen. Aber wohin läuft man, wenn der Jäger die Stadt besitzt? Wenn jede Straße und jeder Schatten am Ende zu ihm führt?

In den Wochen danach begann meine mühsam aufgebaute Welt zu bröckeln. Die Schulden meines Vaters wuchsen schneller, als ich die Zinsen zählen konnte. Männer mit harten Gesichtern tauchten auf und hinterließen einen Geruch von Angst in meinem Laden. Die Lieferanten wurden plötzlich ungeduldig und verlangten Vorkasse. Die Bank schickte Briefe in sterilen Umschlägen, die nach dem Ende von allem rochen.

Und ich? Ich kämpfte. Mit der sturen Verbissenheit einer Ertrinkenden. Ich arbeitete bis tief in die Nacht, meine Hände waren zerschnitten von den Dornen der Rosen und wund vom kalten Wasser. Ich klammerte mich an den naiven Glauben, dass man sich aus jedem Loch herausziehen kann, wenn man nur fest genug an sich glaubt.

Doch manche Löcher sind keine Gruben, sondern Gräber. Und manche Gräber werden von Männern geschaufelt, die dabei lächeln. Männer, die dir die Hand zur Rettung reichen, während sie mit dem Fuß bereits den ersten Spatenstich setzen.

Als Silas schließlich vor mir stand, war es nicht wie in den Geschichten, in denen das Schicksal lautstark an die Tür klopft. Es war leiser. Präziser. Er trat in mein Leben wie ein Messer, das durch Seide gleitet – lautlos, aber absolut endgültig. Er bot mir einen Ausweg an, und ich nahm ihn an. Ich nahm seine Hand, weil ich glaubte, keine Wahl zu haben. Weil das Wasser mir bereits bis zur Unterlippe stand.

Erst später verstand ich die bittere Wahrheit: Jede Wahl, die man unter Zwang trifft, ist ein Handel. Und Silas Vane gibt niemals etwas, ohne etwas weit Wertvolleres zurückzufordern. Er wollte nicht mein Geld. Er wollte mich.

Dies ist die Geschichte davon, wie ich in seine Welt geriet – eine Welt aus Samt und Blut, aus Gold und Grausamkeit. Wie ich lernte, dass Macht aus Fragmenten besteht. Aus Geheimnissen, aus Lügen und aus Menschen, die man wie Schachfiguren verschiebt. Ich entdeckte, dass manche dieser Fragmente schärfer schneiden als zerbrochenes Glas.

Und vielleicht ist es auch die Geschichte davon, wie man ein Monster erkennt, wenn man ihm tief in die Augen sieht.

Oder wie man selbst zu einem wird.

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    ​Es war so verdammt still in diesem Verlies, dass ich das Gefühl hatte, die Luft würde mir die Kehle zuschnüren. Silas’ Hand auf meiner Hüfte fühlte sich plötzlich nicht mehr gut an. Es war kein liebevoller Griff, es war eine Markierung. Er hielt mich unter dem Seidenmantel fest, seine Finger drückten sich hart in meine Haut, als wollte er sicherstellen, dass ich keinen Millimeter von ihm wegrücken konnte. Er presste mich so fest gegen seine Brust, dass ich seinen Herzschlag spürte – ein schnelles, hartes Hämmern, das überhaupt nicht zu seiner sonst so kühlen Art passte. Er starrte Julian an, und in seinem Blick lag so viel Hass, dass es mir eiskalt den Rücken runterlief. Es war, als wollte er seinen Bruder allein durch die schiere Gewalt seines Willens auslöschen. ​„Hör nicht auf ihn, Maya“, raunte Silas mir ins Ohr. Seine Stimme war leise, vibrierend vor einer Wut, die kurz vorm Explodieren war. „Er labert von Lügen, weil er die Realität nicht verkraftet. Er ist ein Versager. Er ko

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  • PREY - Dein Blut gehört mir. Seine Seele auch   Kapitel 23

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  • PREY - Dein Blut gehört mir. Seine Seele auch   Kapitel 22

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  • PREY - Dein Blut gehört mir. Seine Seele auch   Kapitel 21

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  • PREY - Dein Blut gehört mir. Seine Seele auch   Kapitel 20

    ​Die Landung auf der schmalen Asphaltpiste war hart. Das Fahrwerk schlug gegen den gefrorenen Boden, ein mechanischer Schock, der durch meine Wirbelsäule bis in den Kopf schoss. Es passte zu der bleiernen Stille, die darauf folgte. Als die hydraulische Tür mit einem Zischen aufschwang, peitschte uns die Bergluft entgegen. Sie war dünn, eiskalt und so scharf, dass sie beim ersten Einatmen wie flüssiges Glas in der Lunge brannte. ​Vor uns, eingebettet in die Finsternis der Gipfel, ragte das Chalet auf. Es war kein gemütlicher Ort für einen Winterurlaub. Es war ein Monolith aus dunklem Holz, Stahl und Panzerglas, der sich wie eine mechanische Festung in den schroffen Fels krallte. Hier oben gab es nichts als den Schnee und das Schweigen der Berge. ​Silas wartete nicht auf das Personal, das im Hintergrund wie Schatten bereitstand. Er packte meine Hand mit einem Griff, der mir fast die Knochen stauchte, und zog mich schweigend über den glitzernden Asphalt. Er trug noch immer keinen Mante

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