LOGINSeraphina 🖤
Der Korridor verschluckte das letzte Echo der Thronsaaltüren.
Die Wachen marschierten schweigend mit mir weiter. Ihre Hände ließen meine Arme keine Sekunde los. Der polierte Steinboden unter meinen Füßen wich den äußeren Stufen des Palastes der Zersplitterten Sterne, und die kalte Morgenluft von Vaelor traf mein Gesicht wie eine Ohrfeige.
Jenseits der Tore wartete die Stadt.
Sie hatten sich bereits versammelt.
Der Hinrichtungsplatz erstreckte sich über den gewaltigen Platz vor dem Palast – schwarzer Stein, glatt geschliffen von Jahrhunderten königlicher Rechtsprechung. In seiner Mitte stand ein erhöhtes Podest. Der Richtblock war von alten Flecken dunkel gefärbt, die selbst gründlichstes Schrubben niemals vollständig hatte entfernen können.
Das Königreich drängte sich um ihn herum: die Königliche Garde in streng aufgereihten Reihen, Adlige in den Farben ihrer Häuser, Händler, Handwerker und das einfache Volk aus den unteren Stadtvierteln.
Manche Gesichter waren voller Vorfreude. Andere wirkten sorgfältig ausdruckslos. Einige wandten den Blick ab, als meine Augen auf sie fielen.
Cassian und Isolde saßen unter einem Baldachin in königlichem Violett auf einem erhöhten Balkon mit Blick auf den Platz.
Der Obsidians Thron selbst war nicht hierhergebracht worden, doch sie hatten seine ganze Macht an diesen Ort verlegt.
Isolde trug die Krone.
Dieselbe Krone aus schwarzem Gold und blassen Feuersteinen, die auf meinem Haupt geruht hatte, als Cassian mich zum ersten Mal seine Königin nannte.
Nun saß sie mühelos auf ihrer Stirn, als hätte das Metall selbst meinen Namen vergessen.
Man führte mich die Stufen zum Podest hinauf. Das Stimmengewirr der Menge schwoll an und ebbte wieder ab wie die Brandung des Meeres. Irgendwo schrie ein Kind auf, wurde jedoch sofort zum Schweigen gebracht.
Ich hielt meinen Rücken gerade und mein Kinn erhoben.
Sie konnten mir meinen Titel, meinen Ehemann und mein Leben nehmen.
Doch die Art, wie ich mich erhob, würden sie mir nicht nehmen.
Der königliche Herold trat vor. Seine Stimme hallte über den gesamten Platz.
„Auf Befehl Seiner Majestät, König Cassian von Vaelor, und durch das Urteil der Krone wird die Frau, die einst als Königin Seraphina bekannt war, wegen Täuschung hinsichtlich der Blutlinie und Hochverrats am Reich zum Tode verurteilt. Das Urteil soll nun vollstreckt werden.“
Keine Aufzählung ihrer Verbrechen. Keine Verlesung von Beweisen.
Das Urteil war bereits in dem Augenblick gefallen, als Isolde meinen Platz eingenommen hatte.
Cassian beobachtete das Geschehen ohne jede Regung. Isoldes Finger ruhten leicht auf der Armlehne ihres Stuhls. Sie saß da wie eine Frau, die sich bereits von den Formalitäten langweilte, die nötig waren, um zu vollenden, was sie begonnen hatte.
Man drehte mich zu den Menschen um, über die ich einst geherrscht hatte.
Neben dem Richtblock wartete der Henker – ein breitschultriger Mann mit schwarzer Kapuze. Die gewaltige Axt ruhte auf seiner Schulter.
Er sah mich nicht an.
Das war zumindest ein kleiner Gnadenbeweis.
Die Stimme des Herolds erklang erneut.
„Der Verurteilten wird das letzte Wort gewährt.“
Eine schwere, vollkommene Stille legte sich über den Platz.
Ich ließ meinen Blick über das Meer aus Gesichtern schweifen. Dann hob ich ihn zum Balkon.
„Ich werde nicht um Gnade flehen“, sagte ich. Meine Stimme trug klar durch die stille Luft. „Ich werde nicht um Erbarmen vor einem Hof bitten, der seine Ehre für eine hübschere Lüge verkauft hat. Ihr habt zugesehen, wie ein König die Frau verstößt, die seine Kriege, seine Winter und seine Krone mit ihm geteilt hat. Ihr habt zugesehen, wie eine Schwester einen Platz einnimmt, den sie sich niemals verdient hat, und dabei lächelt, während das Blut noch auf dem Boden trocknet.“
Ein leises Raunen ging durch die vorderen Reihen.
Ich erhob meine Stimme nicht.
Das musste ich auch nicht.
„Erinnert euch an diesen Tag. Erinnert euch daran, wie leicht Treue weggeworfen wurde. Erinnert euch daran, dass die Erste Flamme noch nicht gesprochen hat. Und wenn der Tag kommt, an dem dieses Königreich für die Entscheidungen brennt, die hier getroffen wurden, dann behauptet nicht, ihr wärt nicht gewarnt worden.“
Ich richtete meinen Blick vollständig auf Cassian.
„Du hast einst geschworen, dass dieses Reich gemeinsam mit uns beiden stehen oder fallen würde. Heute beweist du, dass dieser Schwur nichts als leere Worte war. Möge dich jeder Verrat, der dir in Zukunft widerfährt, genauso kosten wie mich dieser hier.“
Mehr sagte ich nicht.
Die Wachen zwangen mich auf die Knie. Meine Hände waren hinter meinem Rücken gefesselt. Der Richtblock war kalt und rau an meiner Wange.
Ich hielt die Augen offen.
Ich würde sie nicht seinetwegen schließen.
Die Stiefel des Henkers bewegten sich auf dem Holz. Die Axt erhob sich.
Im letzten Herzschlag, bevor die Klinge fiel, sah ich Cassians Gesicht ein letztes Mal.
Regungslos. Unnahbar. Sein Blick bereits auf eine Zukunft gerichtet, die er und Isolde sich mit meinem Tod erkauft hatten.
Isoldes Gesichtsausdruck zeigte nichts als stille Genugtuung.
Die Axt sauste herab.
Schmerz – ein weißer Blitz, kurz und absolut.
Die Welt kippte. Alle Geräusche verstummten. Mein Körper gehorchte mir nicht länger.
Ich spürte das Podest unter mir, dann nichts mehr davon.
Die Dunkelheit stürzte auf mich zu.
Und dann …
Etwas anderes.
Eine Hitze, die weder von Blut noch von sterbendem Fleisch stammte.
Tief. Uralte Macht. Geduldig.
Sie erhob sich aus den Tiefen der Steine von Vaelor selbst, als wäre die Erste Flamme aus ihrem langen Schlaf erwacht und hätte ihren Blick auf die Frau gerichtet, die das Königreich gerade verstoßen hatte.
Für einen Augenblick war die schwarze Leere hinter meinen Augen nicht länger leer.
Sie war erfüllt von Feuer, das nicht brannte, von einer Stimme, die keine Stimme war, und von einem Versprechen, das älter war als jede Krone und älter als jeder Verrat.
Das Gefühl dauerte nicht länger als einen einzigen Herzschlag.
Dann verschwand auch das.
Und Seraphina von Vaelor, einst Königin, hauchte auf dem Richtblock ihren letzten Atemzug aus, während der Mann, den sie geliebt hatte, schweigend zusah.
Seraphina🖤Die Boutique, die Elena ausgesucht hatte, war eine dieser luxuriösen Geschäfte, in denen man sich allein durch das Betreten des Ladens unzureichend gekleidet fühlte. Kristalllüster, Samtumkleidekabinen und eine Verkäuferin, die aussah, als wäre sie eigens dafür erschaffen worden, anderen Frauen das Gefühl zu geben, nicht gut genug zu sein.„Dieses hier“, verkündete Elena und hielt ein Kleid hoch, das hauptsächlich aus Hoffnung und strategisch platzierten Ausschnitten zu bestehen schien.„Auf keinen Fall.“„Das ist Mode.“„Das ist eine Serviette mit großen Ambitionen.“Elena seufzte dramatisch und legte sich das fragwürdige Kleid über den Arm. „Du bist unmöglich einzukleiden. Ist dir das eigentlich bewusst?“„Das hast du bereits erwähnt. Zweimal. Seit wir hier sind.“„Weil du alles ablehnst, was ich aussuche!“ Sie hielt ein weiteres Kleid hoch – diesmal ein rotes, rückenfreies Modell, das für ein geschäftliches Treffen völlig ungeeignet war. „Was ist damit? Es sagt: ‚Ich bi
Saraphina 🖤Die Nachtluft vor dem Anwesen der Hartwells trug den zarten Duft spät blühender Rosen, und Elena strahlte neben mir förmlich, während unser Wagen die von Laternen gesäumte Auffahrt entlangfuhr.„Du“, verkündete sie und lehnte sich mit der Zufriedenheit einer Katze, die gerade die Sahne gefunden hatte, in den Ledersitz zurück, „bist einfach unmöglich.“„Das hat man mir schon gesagt.“„Nein, hör mir zu.“ Sie drehte sich zu mir um, ihre Augen funkelten schelmisch. „Adrian Voss hat dich auf einen Kaffee eingeladen. Adrian Voss. Und du hast ihm gesagt, dass du keinen Kaffee trinkst. Als wäre das tatsächlich das Problem.“„Das war eine vollkommen vernünftige Ausrede.“„Das war eine Kriegserklärung.“ Elena lachte. Ihr Lachen klang warm und vollkommen ungezwungen. „Ich habe sein Gesicht beobachtet, weißt du. Er sah aus, als hätte ihm jemand ein Rätsel mit der Hälfte der fehlenden Teile vorgelegt.“Ich erlaubte mir ein kleines Lächeln. „Gut.“„Gut? Seraphina, die Hälfte der Frauen
........Die Stille zwischen uns spannte sich wie ein straff gezogenes Seil, das jeden Moment zu reißen drohte.Ich bewahrte meinen vollkommen neutralen Gesichtsausdruck, die Hände vor mir auf dem Tisch gefaltet, und weigerte mich, seine ausgestreckte Hand zur Kenntnis zu nehmen. Adrian Voss stand vor mir und wartete mit der Geduld eines Mannes, dem noch nie jemand etwas abgeschlagen hatte … und vielleicht war das tatsächlich so. Männer wie er wurden nur selten zurückgewiesen.„Miss Hartwell“, sagte er erneut. Diesmal lag etwas unter dem samtweichen Klang seiner Stimme. Neugier vielleicht. Oder Belustigung. „Ich versichere Ihnen, ich beiße nicht.“Nein, dachte ich. Sie zerstören lediglich alles, was Sie berühren.Die Erinnerungen überfielen mich ungebeten … Cassians Hand, die sich bei einem Abendessen im Kerzenschein nach meiner ausgestreckt hatte. Dieselben eleganten Finger, die später mein gesamtes Vermögen überschreiben und eine andere Frau halten würden, während man mich enthaupte
Seraphina 🖤Elena kümmerte sich um die letzten Details meiner Frisur, während die Stadt hinter den Fenstern des Penthouses in einem Meer aus Lichtern glitzerte.Das Kleid, das sie für mich ausgesucht hatte, war tiefschwarz und schimmerte wie flüssige Seide. Es fiel in klaren, eleganten Linien von einem hochgeschlossenen Ausschnitt bis zum Boden. Kein überflüssiger Ausschnitt, kein verzweifeltes Funkeln – nur die stille Autorität eines perfekten Schnitts und eines Stoffes, der sich bei jeder meiner Bewegungen wie ein Schatten bewegte. Eine schmale Diamantkette schmückte meinen Hals.Als ich in den Spiegel blickte, sah ich eine Frau, die einst eine Krone aus schwarzem Gold und Feuersteinen getragen hatte. Die moderne Version dieser Frau brauchte lediglich eine bessere Beleuchtung.„Du siehst aus, als würdest du gleich dem gesamten Gästekreis den Krieg erklären“, bemerkte Elena und umrundete mich einmal. „Auf eine gute Art. Größtenteils. Versuch nur, die Spender nicht zu Tode zu erschre
Seraphina 🖤Die Schlafzimmertür öffnete sich, ohne dass jemand anklopfte.„Seraphina? Bist du immer noch hier drin? Wir kommen zu spät, wenn du weiterhin—“Ich drehte mich um.Das Handy glitt mir aus den Fingern und schlug mit einem scharfen Knacken auf dem Boden auf.Die Frau, die in der Tür stand, hatte Isoldes Gesicht.Keine bloße Ähnlichkeit. Kein grausamer Streich des Lichts. Dieselben hohen Wangenknochen, dieselben scharfen, prüfenden Augen, derselbe Mund, der einst gelächelt hatte, als meine Krone auf ihren Kopf gesetzt wurde. Sie trug moderne Kleidung – eine cremefarbene Stoffhose und eine Seidenbluse in einem Farbton wie altes Gold –, doch die Knochen unter ihrer Haut waren dieselben.„Isolde?“Der Name entwich meinen Lippen, bevor ich ihn zurückhalten konnte.Sie blieb mitten in ihrer Bewegung stehen und starrte mich an, als wäre mir plötzlich ein zweiter Kopf gewachsen.„Mädchen, verlierst du jetzt dein Gedächtnis oder was? Warum starrst du mich so an? Ich bin deine Schwes
Saraphina 🖤Dunkelheit....Nicht die Dunkelheit geschlossener Augen oder eines abgedunkelten Raumes. Absolute Finsternis. Schwerelos. Ich konnte meinen Körper nicht spüren. Ich hörte weder die Menschenmenge, die meinen Tod mitangesehen hatte, noch konnte ich die Hinrichtungsplattform unter mir fühlen. Kein kalter Richtblock an meiner Wange, kein Atem in meinen Lungen. Nur Leere.Dann kehrten die Erinnerungen zurück – scharf und vollständig.Cassians Gesicht, reglos wie aus Stein gemeißelt, während er vom Balkon aus zusah, als wäre mein Tod längst beschlossene Sache. Isolde an seiner Seite, die Krone von Vaelor auf ihrem Kopf – meine Krone –, deren Feuersteine das Morgenlicht einfingen. Das Gewicht der sich hebenden Axt. Der eine, erbarmungslose Augenblick voller weißem Schmerz. Und das Wissen, dass der Mann, den ich geliebt und an dessen Seite ich regiert hatte, meinen Tod ohne das geringste Zögern angeordnet hatte.Ich erinnerte mich an alles.Ich war tot.Ein goldenes Licht erblüht







