MasukGloria
Ich hatte die Krankenhaus-Eingangstür kaum erreicht, als ich stehen blieb. Einen Moment lang dachte ich daran, einfach zu gehen. Ich war erschöpft, emotional ausgelaugt und mehr als bereit, so viel Abstand wie möglich zwischen mich und das Krankenhaus zu bringen. Dann fiel mir ein, was ich vergessen hatte. Meine Terminkarte. Ich schloss die Augen und seufzte. „Ernsthaft?“ Ich suchte erneut in meiner Handtasche, in der Hoffnung, sie irgendwie unbemerkt mitgenommen zu haben. Meine Finger glitten an meinem Handy, meinem Portemonnaie und ein paar losen Gegenständen vorbei, aber die Karte war nirgends zu finden. Ich hatte sie im Behandlungszimmer liegen lassen. Es hatte keinen Sinn, so zu tun, als wäre es anders. Wenn ich sie wollte, musste ich zurückgehen. Ich drehte mich um und betrat das Krankenhaus erneut. In dem Moment, als ich durch die Türen trat, füllte der vertraute Geruch von Desinfektionsmittel meine Nase. Ich hatte bereits Stunden im Krankenhaus verbracht, und doch fühlte sich der Ort jetzt irgendwie anders an. Ich war in dieses Krankenhaus gegangen und hatte gedacht, ich wüsste, was ich wollte – und war am Ende verwirrt herausgekommen. Selbst jetzt wusste ich nicht, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Meine Hand wanderte langsam zu meinem Bauch. Es war noch nichts zu sehen. Keine erkennbare Wölbung. Keine Bewegung. Nichts, was jemandem, der mich anblickte, verraten würde, dass sich mein ganzes Leben verändert hatte. Aber ich wusste, dass ein Baby in mir war. Mein Baby. Der Gedanke fühlte sich immer noch seltsam an. Jahrelang hatte ich anderen Frauen dabei zugesehen, wie sie ihre Schwangerschaften verkündeten. Ich hatte so viel Zeit damit verbracht zu glauben, dass vielleicht etwas mit mir nicht stimmte. Marcus hatte dafür gesorgt. Seine Worte lebten immer noch irgendwo in meinem Kopf, obwohl ich es mir wünschte, dass sie es nicht täten. *Was für eine Frau kann ihrem Mann kein Kind schenken?* Ich schluckte und zwang mich, geradeaus zu schauen. Ich wollte nicht an ihn denken. Nicht jetzt. Ich wollte nur meine Karte holen und nach Hause gehen. Der Flur war ruhiger als zuvor. Ein paar Krankenschwestern gingen an mir vorbei und sprachen leise miteinander, während irgendwo in der Ferne in regelmäßigen Abständen ein Gerät piepte. Ich war fast beim Behandlungszimmer, als ich eine Männerstimme hörte. „Vater, bitte.“ Meine Schritte wurden langsamer. Es war etwas an der Stimme, das ich nicht erklären konnte. Ich blieb vollständig stehen und drehte den Kopf leicht in Richtung des Geräuschs. „Bitte, Papa. Bleib bei mir.“ Meine Augenbrauen zogen sich zusammen. Aus irgendeinem Grund zog die Stimme an etwas in meiner Erinnerung. Es war keine klare Erinnerung. Es war kaum einmal ein Gedanke. Nur ein seltsames Gefühl. Als würde man ein Lied hören, das man jahrelang nicht gehört hat, und wissen, dass man es schon einmal gehört hat, ohne sich zu erinnern, wo. Ich blickte zum anderen Ende des Flurs. Mehrere Ärzte und Krankenschwestern tauchten plötzlich auf und bewegten sich schnell. Eine von ihnen schob ein Krankenhausbett, während eine andere etwas neben dem Patienten justierte. Ein Mann ging neben ihnen her. Er wirkte verzweifelt. „Bitte, ihr müsst ihn retten.“ Er flehte, seine Stimme zitterte. Ich konnte sein Gesicht nicht richtig sehen. Er war zu weit weg, und alles geschah zu schnell. Aber seine Stimme … Wieder dieses seltsame Gefühl. Ich starrte noch eine Sekunde hin, versuchte zu verstehen, warum sie so vertraut klang. Wo hatte ich sie gehört? Mein Geist suchte in den jüngsten Erinnerungen. Nichts. Dann, für den kürzesten Moment, blitzte ein anderes Bild in meinem Kopf auf. Eine Bar und ein Glas auf einem Tisch, dann erschien ein Gesicht – und verschwand sofort wieder. Meine Augenbrauen zogen sich zusammen. Was war das? Ich versuchte, es zurückzuholen, aber es war weg. Vielleicht war ich einfach nur müde. Vielleicht ließ der Stress der letzten Monate mich zufällige Dinge mit alten Erinnerungen verbinden. Das Krankenhausbett verschwand um die Ecke, bevor ich das Gesicht des Mannes sehen konnte. Ich machte einen Schritt nach vorn. Dann klingelte mein Handy. Ich griff in meine Handtasche und holte es heraus. Es war meine Mutter. Ich nahm sofort ab. „Hallo, Mama.“ „Wo bist du?“ fragte sie. „Dein Vater und ich warten schon auf dich.“ „Ich bin noch im Krankenhaus.“ Es herrschte eine kurze Stille. „Geht es dir gut?“ „Ja.“ „Warst du beim Arzt?“ „Ja, Mama.“ „Und?“ Ich senkte den Blick. „Ich erzähle es euch, wenn ich zu Hause bin.“ Sie drängte mich nicht. „Okay. Komm einfach nach Hause. Dein Vater hat sich Sorgen gemacht.“ „Ich komme.“ Ich legte auf und steckte mein Handy zurück in die Handtasche. Einen Moment lang blickte ich noch einmal den Flur hinunter. Er war leer. Wer auch immer dort gewesen war, war weg. Ich stand da und dachte über die seltsame Stimme nach. Sie fühlte sich immer noch vertraut an. Aber je mehr ich versuchte, mich zu erinnern, desto ferner wurde das Gefühl. Ich schüttelte den Kopf. Es spielte keine Rolle. Ich hatte andere Dinge, um die ich mir Sorgen machen musste. Ich ging weiter zum Behandlungszimmer und drückte die Tür auf. Der Arzt war nicht mehr da. Meine Terminkarte lag immer noch am Rand des Schreibtischs, genau dort, wo ich sie gelassen hatte. Ich nahm sie auf und steckte sie in meine Handtasche. Ich wollte gehen, doch mein Blick fiel auf den Stuhl, auf dem ich zuvor gesessen hatte. Ich erinnerte mich an die Frage des Arztes. *Sind Sie sicher, dass Sie das durchziehen wollen?* Damals hatte ich nicht antworten können. Ich hatte jahrelang verzweifelt ein Kind gewollt, nur um genau in dem Moment schwanger zu werden, als meine Ehe zerbrach. Es fühlte sich grausam an. Fast so, als würde das Leben mich verspotten. Ich legte erneut die Hand auf meinen Bauch. „Ich weiß nicht, was ich tue“, flüsterte ich. Die Worte klangen seltsam im leeren Raum. Ich war nicht sicher, ob ich mit mir selbst sprach oder mit dem winzigen Leben, das in mir heranwuchs. Alles, was ich wusste, war, dass, als ich zuvor dort gelegen und mich darauf vorbereitet hatte, die Schwangerschaft zu beenden, etwas in mir sich geweigert hatte. Vielleicht war es Angst oder einfach der Teil von mir, der jahrelang davon geträumt hatte, Mutter zu werden. Was auch immer es war – ich hatte darauf gehört. Und jetzt musste ich mit dieser Entscheidung leben. Ich holte tief Luft und verließ den Raum. Während ich den Flur entlangging, dachte ich wieder an die seltsame Stimme. Ich konnte sie immer noch nicht einordnen. Dann kam mir die Stimme meiner Mutter wieder in den Sinn. *Dein Vater hat sich Sorgen gemacht.* Ich beschleunigte meinen Schritt. Als ich nach draußen trat, hob ich die Hand und winkte das erste Taxi heran, das ich sah. Das Auto hielt neben mir. „Wohin darf’s gehen?“ fragte der Fahrer, als ich die Tür öffnete. Ich nannte ihm meine Adresse und stieg auf den Rücksitz. Als das Taxi vom Krankenhaus wegfuhr, lehnte ich mich zurück und schloss die Augen. Einen kurzen Moment lang ging mir diese unbekannte Stimme wieder durch den Kopf. Ich runzelte die Stirn. Dann ließ ich sie los.**Gloria**Im gelben Taxi legte ich beide Hände auf meinen Bauch und starrte ausdruckslos aus dem Fenster. Ich konnte kaum glauben, dass ich das Krankenhaus verlassen hatte, ohne die Ausschabung durchführen zu lassen.Ich war an diesem Morgen dorthin gegangen und hatte geglaubt, genau zu wissen, was ich wollte. Tagelang hatte ich mir eingeredet, dass die Beendigung der Schwangerschaft das Einzige war, was mir vernünftigerweise noch blieb. Doch als der Moment schließlich gekommen war, brachte ich es nicht über mich.Ich senkte den Blick auf meinen Bauch und strich langsam mit der Handfläche darüber. Es war noch kaum etwas zu sehen, aber das Wissen, dass in mir ein winziges Leben wuchs, fühlte sich plötzlich anders an.Meine Gedanken wanderten zurück zum Krankenhaus. Der Mann, den ich dort gesehen hatte, ging mir nicht aus dem Kopf, besonders seine Stimme. Sie hatte seltsam vertraut geklungen, als hätte ich sie irgendwo schon einmal gehört, doch so
**Adriel**Ich bekam keine Luft.Der Anblick meines Vaters, wie er hilflos auf dem Krankenhausbett lag, brachte mich beinahe in Panik. Mein Herz hämmerte so heftig, dass ich es in den Ohren hören konnte, und für einen Moment wusste ich nichts anderes zu tun, als stumm zu beten, dass alles, was gerade geschah, bald vorbei sein würde.„Dad, bitte bleib bei mir", sagte ich mit brechender Stimme, während ich den Schwestern folgte, die sein Bett durch den Korridor schoben.Seine Augen waren geschlossen, und ihn so zu sehen, jagte mir Angst ein. Mein Vater war immer stark gewesen. Selbst wenn er krank war, hatte er nie zugelassen, dass jemand sah, wie große Schmerzen er hatte. Doch ihn dort liegen zu sehen, umgeben von Ärzten und Schwestern, die sich so eilig bewegten, ließ mich völlig hilflos fühlen.„Bitte, Sie müssen ihn retten", flehte ich und sah den Arzt an, der neben dem Bett herging. „Bitte tun Sie Ihr Bestes. Retten Sie meinen Vater."„Wir tun alles, was wir können", antwortete der
GloriaIch hatte die Krankenhaus-Eingangstür kaum erreicht, als ich stehen blieb.Einen Moment lang dachte ich daran, einfach zu gehen. Ich war erschöpft, emotional ausgelaugt und mehr als bereit, so viel Abstand wie möglich zwischen mich und das Krankenhaus zu bringen.Dann fiel mir ein, was ich vergessen hatte.Meine Terminkarte.Ich schloss die Augen und seufzte.„Ernsthaft?“ Ich suchte erneut in meiner Handtasche, in der Hoffnung, sie irgendwie unbemerkt mitgenommen zu haben. Meine Finger glitten an meinem Handy, meinem Portemonnaie und ein paar losen Gegenständen vorbei, aber die Karte war nirgends zu finden.Ich hatte sie im Behandlungszimmer liegen lassen.Es hatte keinen Sinn, so zu tun, als wäre es anders. Wenn ich sie wollte, musste ich zurückgehen.Ich drehte mich um und betrat das Krankenhaus erneut.In dem Moment, als ich durch die Türen trat, füllte der vertraute Geruch von Desinfektionsmittel meine Nase. Ich hatte bereits Stunden im Krankenhaus verbracht, und doch fühlt
**Gloria POV**Vier Monate waren vergangen, seit ich das Hotel verlassen hatte, bevor der Mann neben mir aufwachte. Ich hatte versucht, nicht daran zu denken, aber in letzter Zeit war es unmöglich geworden, es zu vergessen.Ich saß im Warteraum des Krankenhauses, meine Terminkarte zwischen den Fingern, starrte auf die Worte, ohne sie wirklich zu sehen.*Schwanger.*Selbst jetzt fühlte sich das Wort fremd an. Ich hatte so lange auf diesen Moment gehofft, doch als er endlich kam, war alles darum herum falsch. Meine Ehe war vorbei, der Vater war ein Fremder, und ich hatte keine Ahnung, was für eine Zukunft ich einem Kind überhaupt bieten konnte.Meine Eltern hatten die Veränderungen an mir bemerkt, bevor ich es ihnen schließlich erzählte. Meine Mutter hatte geweint, als sie es erfuhr, während mein Vater lange geschwiegen hatte, bevor er die Frage stellte, die ich nicht beantworten konnte.„Was willst du tun?"Ich wusste es nicht. Ich hatte wochenlang hin und her überlegt, bis ich mich sc
Das Taxi fuhr leise durch die fast leeren Straßen, die Stadtlichter glitten über die Fensterscheiben, während wir fuhren. Ich saß neben Adriel, meine Handtasche auf dem Schoß, und die Ereignisse der letzten Stunden spielten sich immer wieder in meinem Kopf ab, ohne sich in eine sinnvolle Reihenfolge fügen zu wollen. Es war seltsam, wie schnell sich alles verändert hatte. Ich war in diese Kneipe gegangen, mit noch feuchten Tränen im Gesicht, überzeugt, dass meine Ehe soeben zu Ende gegangen war und ich keine Ahnung hatte, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Jetzt saß ich neben einem Mann, den ich erst vor wenigen Stunden kennengelernt hatte, und hielt seine Hand, als kennten wir uns schon viel länger als nur eine einzige Nacht.Ich blickte auf unsere ineinandergeschlungenen Finger, und Adriel bemerkte es.„Denkst du immer noch darüber nach?“Ich sah ihn an. „Worüber?“„Ob das eine gute Idee ist.“Ein kleines Lächeln erschien auf meinen Lippen. „Ist es das?“Er lachte leise. „Ich
Die Aufregung im Pub legte sich allmählich nach der Ankündigung des Barkeepers, obwohl die Leute weiter über den Fremden sprachen, der sich entschieden hatte, für alle zu bezahlen, und in gedämpften, begeisterten Tönen darüber spekulierten, wer es gewesen sein könnte.Ich ertappte mich dabei, wie ich trotz allem über das Durcheinander lächelte.Es war seltsam. Ein paar Stunden zuvor hatte ich im Regen vor dem Haus meines Mannes gestanden, nur mit einer Handtasche, und mich gefragt, wo ich schlafen würde. Jetzt saß ich an einer Bar mit einem Glas Whiskey vor mir, umgeben von Fremden, die keine Ahnung hatten, dass mein ganzes Leben in nur einem einzigen Gespräch zerbrochen war.Vielleicht hatte ich mir deshalb diesen Ort ausgesucht. Hier kannte mich niemand. Niemand kannte meinen Mann. Niemand wusste, dass ich drei Jahre lang versucht hatte, Mutter zu werden, und es irgendwie nicht geschafft hatte, die Frau zu sein, die Marcus sich gewünscht hatte.Für heute Nacht konnte ich einfach nur







