LOGINISABELLA
Mir schwirrt der Kopf. Ja. Denn das klingt überhaupt nicht nach dem Noah, den ich kenne. „Er hat gesagt, du musst ein Viertel der Miete zahlen“, erklärt Hardin und sieht erleichtert aus. „Er sagte, ich zitiere: ‚Es ist nur ein leeres Zimmer. Sag Minnie, ich erwarte, dass sie sich um mein Haus kümmert.‘“ Ein Viertel der Miete. Okay, das ist definitiv ein Gewinn. Ich seufze. „Er hat mich wieder Minnie genannt, oder?“ Hardin zuckt zusammen. „Zweimal. Aber hör mal, das ist perfekt, Bella. Es ist umsonst. Du gehst nach Greenville. Du bekommst deine Ausbildung.“ Er ergreift meine Hände, seine Begeisterung kehrt zurück. „Ja, ich weiß, aber ich muss bei deinem Bruder wohnen“, jammere ich. „Das ist jetzt kein Gewinn mehr, Hardin.“ „Komm schon“, lockt er mich und zieht mich näher zu sich heran. „Du schaffst das schon. Du bist stark. Du musst ihm einfach aus dem Weg gehen.“ „Noah Hawkins aus dem Weg gehen“, wiederhole ich. Hardin lacht und zieht mich zu einem richtigen Kuss heran. „Ich sorge dafür, dass er beschäftigt ist. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihm für den Gefallen etwas schuldig bin. Und er hat ein paar Grundregeln zugestimmt. Keine Partys im Hauptwohnbereich an Wochentagen, keine Gäste mit nach Hause bringen und dich nicht belästigen. Ganz einfach.“ „Und du vertraust darauf, dass er sich an diese Regeln hält?“, frage ich und ziehe skeptisch eine Augenbraue hoch. „Nein“, gesteht Hardin. „Aber ich vertraue darauf, dass du ihn in seine Schranken weist, wenn er irgendetwas versucht.“ Ich atme tief durch. Greenville. Stipendium. Ausbildung. Das ist alles, was ich mir je gewünscht habe. Und alles, was es mich kostet, ist meine geistige Gesundheit und eine mögliche lebenslange Fehde mit Noah Hawkins. Aber es ist ja wie man so schön sagt, oder? Wer bettelt, kann nicht wählerisch sein. „Okay“, sage ich und nicke langsam. „Okay. Ich mache es.“ 🦋🦋🦋 Kaum habe ich Hardin zum Abschied geküsst und bin aus seinem Auto gestiegen, renne ich praktisch schon in „The Daily Grind“, das Diner mit dem lächerlichen Namen, in dem ich als Kellnerin arbeite. Ich bin ganze fünfzehn Minuten zu spät. „Bella! Wo zum Teufel warst du denn? Wir haben alle Hände voll zu tun!“ Das ist Chloe, meine beste Freundin und die Stimme der Vernunft hier im Lokal. Sie balanciert bereits drei Teller und sieht völlig erschöpft aus. Sie trägt einen straffen Pferdeschwanz, hat einen genervten Gesichtsausdruck und null Toleranz für Verspätungen. „Lange Geschichte. Drama mit meinem Bruder“, murmele ich, während ich mir die Schürze umbinde und mir einen Block schnappe. „Ich übernehme Tisch vier.“ „Kein Drama mit deinem Bruder“, korrigiert mich eine sanfte, tiefe Stimme hinter der Theke. Das ist wieder Leo. Er ist der Koch, der Besitzer dieses kleinen Lokals, was ihn zu meinem Chef macht. Er ist auch die Art von Typ, der aussieht, als würde er auf einem Magazin-Cover ein riesiges Gehalt verdienen, anstatt Pfannkuchen zu wenden. Er beugt sich über die Edelstahltheke, wischt sich die Hände an einem Handtuch ab und beobachtet mich amüsiert mit seinen dunklen Augen. Ich schneide ihm eine Grimasse. „Könntest du das bitte lassen?“ „Sag’s ihr, Chloe. Wir wissen Bescheid. Drama mit dem Bruder des Freundes“, stellt er klar und wirft mir einen vielsagenden Blick zu. „Hardin hat vor fünf Minuten angerufen und gesagt, dass du kommst, aber dass wir ‚Geduld haben sollen, sie hat gerade eine lebensverändernde Erkenntnis‘.“ „Ach, hat er das wirklich?“, murmele ich und starre auf die Theke. Hardin ist so ein Schatz, aber manchmal ist er einfach zu offen. Chloe stellt endlich ihre Teller ab, eilt zurück zur Theke und schnappt sich einen Krug Kaffee. „Raus damit. Sofort. Was hat Noah gemacht?“ „Was hat er nicht getan?“, sage ich, beuge mich vor und spreche leise, damit die Frühaufsteher unter den Stammgästen nichts hören können. „Ich habe die Zulassung aus Greenville bekommen.“ Chloes Augen weiten sich. Sie knallt den Kaffeekrug auf den Tisch. „Das gibt’s doch nicht! Bella! Das ist unglaublich! Ich hab’s dir doch gesagt! Warum tust du so, als hätte gerade jemand deine Katze überfahren?“ „Weil … es keine Unterkünfte auf dem Campus gibt“, flüstere ich. „Und Hardin hatte eine Idee.“ Leo zieht eine Augenbraue hoch und rührt in seinem Kaffee. „Der Bruder.“ Es ist nicht einmal eine Frage. Ich nicke niedergeschlagen. „Der Bruder. Er hat Ja gesagt. Ich ziehe in Noahs Wohnung ein. Ein Viertel der Miete.“ Chloe starrt mich an, schaut dann zu Leo und wieder zurück zu mir. Sie bricht in schallendes Gelächter aus, ein lautes, erschrockenes Gekicher, das eine Frau in der Nähe zusammenzucken lässt. „Das ist doch nicht dein Ernst. Du und Noah? Allein? In einer Wohnung?“, keucht sie und hält sich den Bauch. „Das ist keine Mitbewohnersituation, Bella, das ist eine Reality-TV-Show.“ „Wem sagst du das“, zische ich, schnappe mir eine Kaffeekanne und versuche, beschäftigt zu wirken. „Hardin hält das für eine tolle Übergangslösung. Er glaubt, Noah wird sich einfach ‚benimm‘, weil er es versprochen hat.“ Leo lehnt sich jetzt nachdenklich gegen die Theke. „Hardin ist ein netter Kerl, aber er lebt nicht im selben Universum wie Noah. In dieser Wohnung ist Noah einfach Noah.“ „Genau. Das habe ich auch gesagt. Er ist ein Frauenheld.“ Ich werfe verzweifelt die Hände hoch. „Moment, Moment“, sagt Chloe, die sich endlich wieder gefasst hat. Sie packt mich am Arm. „Okay, sieh es mal positiv. Ein Viertel der Miete für eine Wahnsinnswohnung, und du darfst nach Greenville fahren. Mit einem nervigen, heißen Typen kommst du schon klar.“ „Das ist ja gerade das Problem, Chloe. Das wird unmöglich. Er geht mir schon auf die Nerven, nur weil er atmet. Und jetzt muss ich mir jeden Morgen in der Küche seine blöde, breite, tätowierte Brust ansehen.“ Ich gebe zu, dass mir der letzte Teil herausgerutscht ist, bevor ich es verhindern konnte. Chloe und Leo tauschen erneut einen Blick aus. „Aha“, singt Chloe und stupst mich an der Wange an. „Das ist es also. Das Problem ist also nicht, dass er ein Frauenheld ist, sondern sein Sixpack und die Tattoos. Du bist in den nervigen Bruder deines Freundes verknallt.“ „Ich bin nicht verknallt“, schnappe ich, und mein Gesicht wird sofort heiß. „Ich … schätze einfach nur die handwerkliche Kunst eines gut gebauten Körpers, den ich hasse! Das ist ein Unterschied.“ Leo grinst nur. Er schnappt sich ein leeres Milchshake-Glas und fängt an, es kräftig zu polieren. „Klar, Minnie.“ Ich drehe mich ruckartig zu ihm um. „Fang bloß nicht damit an“, sage ich und richte die Kaffeekanne warnend auf ihn. „Er nennt mich Minnie. Das nervt. Ich hasse es. Und ich hasse ihn.“ „Klar, du hasst ihn“, sagt Chloe und rollt mit den Augen. „Also, wann ziehst du in deine Hasshöhle ein?“ „So bald wie möglich“, seufze ich und fahre mir mit der Hand über mein müdes Gesicht. „Hardin will heute Nachmittag Möbel für mein Zimmer kaufen gehen. Ich schätze, ich brauche ein Schloss für die Tür und vielleicht einen Taser.“ „Vergiss den Taser“, rät Leo. „Gib ihm einfach eine Kostprobe seiner eigenen Medizin. Sei genauso nervig wie er. Oder noch besser … ignoriere ihn.“ „Noah Hawkins ignorieren? Unmöglich“, entgegnet Chloe. „Er wird ihr wahrscheinlich sogar ins Badezimmer folgen, nur um sie zu fragen, was sie da macht.“ Dann beugt sie sich wieder näher zu mir, ein verschmitztes Grinsen breitet sich auf ihrem Gesicht aus. „Oder du könntest ihn so ablenken, dass er dich nicht ignorieren kann. Dieses Chaos-Spiel können zwei spielen, Bella.“ Sofort schießt mir diese unangebrachte Ablenkung mit Hardin durch den Kopf … ich und Noah, allein in einem Raum. Vielleicht hat Chloe recht. Ich muss nur herausfinden, wie ich den Meister in Sachen Nervigkeit übertrumpfen kann. „Tisch sieben braucht Nachschub“, verkündet Chloe und holt mich zurück in die Realität. „Jetzt geh und steck diese Energie in das Verdienen von Mietgeld, Mitbewohnerin.“ISABELLA„Ist schon gut. Ich verstehe schon.“ Ich seufze und zwinge mir ein künstliches Lächeln auf, das nicht einmal bis zu meinen Augen reicht. Mein Magen macht Saltos, aber ich halte meine Stimme ruhig. „Du hast wahrscheinlich recht. Ich reagiere über“, sage ich zu Chloe.„Bella …“, sie streckt die Hand nach mir aus, aber ich lasse sie nicht zu mir kommen. Ich weiche einen Zentimeter zurück.„Ist schon gut. Du bist meine beste Freundin und hast immer recht. Ich verstehe schon. Du willst das Beste für mich und tust alles, was nötig ist, damit ich es verstehe.“Chloe hält inne, ihre Hand sinkt an ihre Seite. Sie zieht eine Augenbraue hoch und sucht in meinem Gesicht nach dem Sarkasmus, von dem sie weiß, dass er dort verborgen ist. „Und an dem Tag, an dem ich damit aufhöre …“ Ihre Stimme verstummt.Ich seufze. „Ist der Tag, an dem wir aufhören, beste Freundinnen zu sein“, beende ich ihren Satz.„Du verstehst also, warum ich besonders vorsichtig bin, oder? Es ist nicht so, dass ich Noa
ISABELLA„Bella!“ Ich schaue über meine Schulter und sehe Hardin, der ein paar Fuß von mir entfernt steht und breit grinst. Oh, er ist glücklich? Ich blinzele, völlig überrascht. Nach dem Desaster von gestern Abend hatte ich gedacht, er würde vor Wut schäumen oder mich zumindest ignorieren. Das war im Grunde genommen in den letzten Tagen unser „Ding“.„Hey“, sage ich und erwidere vorsichtig sein Lächeln. Ich verschränke die Arme vor der Brust, neige den Kopf zur Seite und mustere ihn. „Du siehst … gut gelaunt aus.“„Rate mal, was?“, fragt er.Wow. Er ist wirklich gut gelaunt. Das ist ehrlich gesagt ansteckend. Ich beschließe, mitzuspielen, lege einen Finger an mein Kinn und tippe damit.„Äh … lass mich mal überlegen. Bist du sauer auf mich? Machst du Schluss mit mir? Bin ich ein Arsch, weil ich gestern Abend nicht angerufen habe, und willst du mir jetzt die Leviten lesen?“Hardins Miene verfällt augenblicklich. Das Grinsen verschwindet. Er macht ein paar langsame Schritte auf mich z
NOAHFünf verdammte Minuten. So lange starrt Minnie mich an und blinzelt mit ihren dichten Wimpern, als würde sie nicht verstehen, was ich gerade gesagt habe. Es ist, als würde sie gar nicht wahrnehmen, dass ihre Haut an meiner liegt und dass sie ein Mädchen ist und ich ein Kerl. Ein heißblütiger Mann mit einem Schwanz und wilden Begierden.So sieht sie umwerfend aus. Ahnungslos. Verwirrt. Ihre Lippen öffnen sich, und sie fängt an zu kichern, rückt weiter von mir weg und steckt sich ein paar Haarsträhnen hinter die Ohren. „Das war ein sehr lustiger Witz“, sagt sie, während sie hektisch herumkramt und sich das Wasser und das Handtuch schnappt. „Jetzt ist alles in Ordnung. Dieser Kuss … der hat nie stattgefunden. Ich gehe jetzt, okay?“ „Min …“ Sie lässt mich meinen Satz nicht zu Ende sprechen, bevor sie hinausrennt. Ich lasse meinen Kopf auf meine Brust sinken und lächle leise darüber, wie süß sie gerade noch war. Ich berühre meine Lippen, mein Kopf schwirrt, nur um mich an den flüc
ISABELLA„Lassen wir das jetzt mal für ein anderes Mal, okay?“ Noah löst sich von mir und tritt einen Schritt zurück. „Und weine bloß nie wegen mir. Das ist erbärmlich“, sagt er, während er sein Handy nimmt und aus der Küche geht. „Beeil dich damit, sonst verhungere ich noch.“Ich muss unwillkürlich lächeln, auch wenn es sich ein bisschen bittersüß anfühlt. Er ist wieder da. Der Noah, den ich kenne. Derjenige, der mir sein kleines Trauma anvertraut hat, ist verschwunden. Und ehrlich gesagt bin ich schockiert. Ich weiß nicht, was ihn dazu gebracht hat, sich so zu öffnen, aber … diesen Noah mochte ich lieber. Den, der sich von mir umarmen ließ und dem ich Trost spenden konnte.Ich mache mich wieder daran, ihm sein Essen zuzubereiten, während das Brutzeln der Pfanne die Stille in der Küche füllt. Als ich fertig bin und eine Portion angerichtet habe, mache ich mich auf den Weg nach oben in mein Zimmer.Allerdings komme ich nicht weit. Ich sehe Noah an meiner Schlafzimmertür stehen. „Was i
ISABELLA Mir ist natürlich klar geworden, dass Noah und ich … wir einfach nicht dazu bestimmt sind, Freunde oder Kumpels oder was auch immer zu sein … Diese Hoffnung ist dahin. Wir sind einfach nur Feinde. Echte Feinde.Wie kann er es wagen? Nur weil ich lächele und ihn davonkommen lasse, heißt das noch lange nicht, dass ich dumm bin. „Fühlst du dich besser?“, fragt er, während seine Zunge gegen die Innenseite seiner Wange stößt – dort, wo seine Zähne wohl die Haut gestreift haben müssen –, und seine Augen dunkel blitzen.„Du bist so ein Arsch!“, schreie ich. Ich greife nach meinem Handy, aber er hält es hoch über seinen Kopf und nutzt seinen Größenvorteil, um es außer Reichweite zu halten. Ich springe hoch, krall mich an seinem Arm fest, aber es ist zwecklos. „Gib es zurück! Hast du überhaupt eine Ahnung, was du gerade getan hast? Er wird denken … er wird genau das denken, was du willst, dass er denkt!“„Gut“, schnappt Noah und lässt endlich seine Hand sinken. „Vielleicht, wenn er
ISABELLA„Er ist einfach nur ein besorgter Mitbewohner. Das ist alles.“ Chloe will gerade etwas sagen, verschließt aber den Mund, als die Scheinwerfer eines Sportwagens das schwache Licht der Straßenlaternen in der Gasse durchbrechen. Der Motor schnurrt tief und gierig, als das Auto am Straßenrand hält.„Das ist er doch, oder?“, zischt sie und packt meinen Arm.Ich möchte lachen und sie fragen, was sie heute nur mit Noah auf sich hat. An manchen Tagen ist sie absolut davon überzeugt, dass Noah Frauen in Wallung bringt … und an anderen Tagen … nun ja …„Ich muss los, Chloe. Ich schreibe dir eine SMS, wenn ich zu Hause bin“, sage ich. Ich steige auf den Beifahrersitz. Noah sagt zunächst nichts. Er sitzt einfach nur da, eine Hand über das Lenkrad gelegt, seine tätowierten Finger trommeln rhythmisch gegen das Leder. Er schaut aus dem Fenster zu Chloe, dann wandert sein Blick zurück zu mir, seine Augen verweilen auf den hässlichen, violetten Blutergüssen um meine Nase.„Du siehst furchtba







