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Kapitel 2: Die Verbrennung

Author: Déesse
last update publish date: 2026-02-06 23:38:39

Reine

Der Tag bricht an, grau und schwer. Ich bin erschöpft. Meine Nächte sind bevölkert von ihm. Nicht von seinen scharfen Worten, nein. Sondern von seinem Körper. Dieses Bild hat sich mit glühendem Eisen hinter meine geschlossenen Lider gebrannt: die bildhauergleiche Silhouette Gabriels, die sich gegen das Licht des Flurs abzeichnet, die Muskeln seines Rückens, angespannt unter seinem schlichten T-Shirt, diese animalische Art, die er hat, Raum einzunehmen.

Ich drehe mich im Bett um, den Blick auf Richard gerichtet, der friedlich an meiner Seite schläft. Sein Atem ist regelmäßig, beruhigend. Mein Mann. Ein guter Mensch. Und ich, neben ihm liegend, entbrenne für seinen Sohn. Eine schuldhafte, feuchte Hitze durchzieht meine Leisten, nur wenn ich daran denke, wie Gabriel mich gestern Abend in der Küche angesehen hat. Wie eine Beute. Wie eine Frau.

Ich stehe auf, der kalte Boden unter meinen nackten Füßen. Im Badezimmer bespritze ich mein Gesicht mit eiskaltem Wasser. Es reicht nicht. Das Gefühl seines Atems auf meinem Hals ist immer noch da, hartnäckig. Ich sehe seine Hände, diese breiten Hände mit den hervortretenden Adern, und ich frage mich, wie sie sich auf meine Haut legen würden. Brutal? Oder von einer überraschenden Zartheit?

— Nein.

Das Wort entweicht meinen Lippen in einem heiseren Flüstern. Ich sehe mich im Spiegel an. Meine Wangen sind rot, meine Augen glänzen mit einem Schimmer, den ich an ihnen nicht kenne. Ich ekle mich vor mir selbst.

— Es ist sein Sohn. Der Sohn deines Mannes. Das ist nicht normal.

Ich ohrfeige mich innerlich. Die Scham brennt mir im Gesicht, heftiger als eine echte Ohrfeige. Es ist ein Verrat. Eine Perversion. Richard verdient etwas Besseres als das. Er verdient eine Ehefrau, keine … nicht das hier. Ich schließe die Augen, umklammere den Rand des Waschbeckens so fest, dass meine Knöchel weiß hervortreten. Aber das Bild kehrt zurück, stärker. Sein Brustkorb, erahnt unter der Baumwolle seines T-Shirts. Der Schatten seiner Bauchmuskeln. Der sinnliche Schwung seines Mundes, wenn er mit diesem zynischen Lächeln lächelt, das mich in Wut versetzt … und in etwas anderes.

Der Tag ist eine Qual. Jedes Geräusch, das er macht, ist eine köstliche Folter. Das Geräusch seiner Schritte auf der Treppe. Das Klappen der Kühlschranktür. Seine Stimme im Wohnzimmer, wenn er telefoniert, diese tiefe Stimme, die die Luft zu streicheln scheint.

Wir essen zu Mittag. Richard ist da, glücklich, gesprächig. Ich schweige. Ich spüre Gabriels Blick auf mir, schwer. Ich starre auf meinen Teller, zähle die Muster der Tischdecke. Alles nur nicht er.

— Reine? Bist du sicher, dass es dir gut geht? Du bist ganz blass, macht sich Richard Sorgen.

— Ja, ja. Nur ein bisschen müde.

— Vielleicht hat sie eine schlechte Nacht gehabt, wirft Gabriel ein, der Tonfall falsch besorgt. Von Dingen geträumt, die sie quälen, zweifellos.

Meine Augen heben sich trotz mir und treffen auf seine. Er weiß es. Ich sehe in seinem Blick ein Aufflackern von Herausforderung, von ungesunder Verbundenheit. Er weiß, dass ich an ihn gedacht habe. Er spielt mit mir. Und der furchterregendste Teil ist, dass ich auch spielen will.

Ich stehe so abrupt auf, dass mein Stuhl auf den Fliesen quietscht.

— Entschuldigt mich. Ich muss … ich muss noch einen wichtigen Anruf tätigen.

Ich fliehe. Ich fliehe in den Garten, an die frische Luft, aber sein eingebildeter Duft verfolgt mich. Ich bleibe mitten zwischen den Rosensträuchern stehen, das Herz rast, die Hände zittern. Ich atme tief durch und versuche, sein Bild zu vertreiben, die Empfindung von ihm.

Aber es ist schlimmer. Mit geschlossenen Augen sehe ich ihn deutlicher. Ich stelle mir vor, wie er sich mir hier, zwischen den Rosen, nähert. Ich stelle mir vor, wie er meine Haare zur Seite schiebt, um meinen Hals freizulegen. Ich stelle mir vor, wie er den Kopf neigt, seine Lippen meine Haut streifen …

Mein Magen verkrampft sich, eine übelkeitserregende Mischung aus Verlangen und Scham. Ich hasse mich. Ich hasse meinen Körper, der mich verrät, meinen Geist, der mich entflammt. Es ist falsch. Es ist unmoralisch. Es ist gefährlich.

Aber warum brennt dann, tief in mir, diese krankhafte Anziehung mit der Intensität einer schwarzen Sonne? Warum schreit jede Faser meines Wesens im Schweigen meiner Seele seinen Namen?

Ich gehe zurück ins Haus, entschlossen, ihm auszuweichen, dieses Feuer zu löschen. Ich steige die Treppe hinauf, und als ich an der Tür zu seinem Zimmer vorbeikomme, die halb offen steht, erblicke ich ihn. Er steht da, nackt, und fährt sich mit einem Handtuch über den Nacken. Sein Rücken ist eine Landkarte aus hervortretenden Muskeln, goldener Haut, die sich über breite Schultern spannt. Das Handtuch gleitet an seiner Wirbelsäule entlang …

Ich wende sofort den Blick ab, das Blut pocht in meinen Schläfen, und ich stürze in mein Zimmer und verriegele die Tür hinter mir, als wäre der Teufel persönlich mir auf den Fersen.

Und vielleicht ist er das. Vielleicht hat der Teufel haselnussbraune Augen und wohnt unter dem Dach meines Mannes.

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