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Kapitel 4

Author: Jens Sven
„Kyson, ich flehe dich an ...“

„Mmh!“

Stacie bekam nicht einmal die Gelegenheit, um Gnade zu bitten. Ein Mann presste ihr bereits Mund und Nase zu und zerrte sie ins Schlafzimmer.

Kyson sah den flehenden Blick, den sie ihm zum Schluss zuwarf. Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Trotzdem konnte er den Blick nicht abwenden.

Etwas schien ihm immer weiter zu entgleiten.

„Kyson, vielleicht sollten wir es doch lassen. Es sind so viele Männer. Und Fräulein Radcliffe ist so hübsch. Ich habe Angst, dass etwas passieren könnte.“

Isabelle trat besorgt auf ihn zu und nahm seine Hand.

Erst jetzt bemerkte Kyson, wie fest er die Hand zur Faust geballt hatte. Seine Fingernägel hatten sich tief in die Haut gebohrt.

Er wandte den Blick ab und tippte ihr leicht auf die Nasenspitze.

„Schatz, warum bist du nur so gutherzig? Sie hat dich geschlagen. Warum machst du dir überhaupt noch Sorgen um sie?“

Isabelle sah besorgt nach oben.

„Trotz allem bin ich ihr gegenüber im Unrecht.“

Kyson folgte ihrem Blick nach oben und drückte ihre Hand fester.

„Denk nicht so viel darüber nach. Das ist nicht gut für das Baby. Was soll schon passieren?“

Isabelle legte eine Hand auf ihren Unterbauch.

„Aber ...“

„Kein Aber mehr. Du bist schwanger und hast es trotzdem vor mir verheimlicht.“

Seine Augen waren voller Schuldgefühle.

„Du hast wegen mir sogar eine Niere verloren. Ich weiß nicht einmal, ob das deine Fruchtbarkeit beeinträchtigt. Ich habe für morgen eine vollständige Untersuchung vereinbart. Heute Abend musst du früh schlafen.“

Als Isabelle das hörte, zog sich ihr Herz heftig zusammen. Ihr Puls beschleunigte sich schlagartig.

„Ich habe mich bereits untersuchen lassen und bin in diesem Krankenhaus schon als Patientin aufgenommen. Ein Wechsel wäre nur umständlich ...“

„Ohne Untersuchung bin ich nicht beruhigt. Es wird nicht wehtun. Sei brav, ja?“

Kyson strich ihr über den Kopf.

„Komm. Wir gehen nach Hause.“

„Na gut ...“

„Bumm!“

Von oben drangen mehrere dumpfe Schläge herab.

Kyson geriet leicht in Panik und setzte unwillkürlich einen Fuß in Richtung Treppe.

Isabelle runzelte genervt die Stirn. Diese nutzlosen Männer oben hätten wenigstens warten können, bis Kyson gegangen war.

Wenn er bemerkte, dass die von ihm engagierten Männer inzwischen ausgewechselt worden waren, war alles vorbei.

„Kyson, mir ist ein bisschen schwindlig. Ich habe wahrscheinlich Unterzucker. Haben wir Zucker im Haus?“

Kyson blieb stehen.

„Hast du wieder nicht richtig gegessen?“

„Das Essen ist längst kalt. Und nach all dem, was heute passiert ist, bekomme ich nichts herunter.“

Isabelle streckte verlegen die Zunge heraus und versprach ihm:

„Keine Sorge. Beim nächsten Mal esse ich ganz bestimmt.“

„Komm. Ich bringe dich zum Essen.“

Seine Stimme klang liebevoll und hilflos zugleich. Er führte sie nach draußen.

Draußen warteten bereits genug Medienvertreter. Im Schlafzimmer waren seine eigenen Leute. Was sollte Stacie also schon passieren?

Sie wollte bestimmt wieder nur seine Aufmerksamkeit und sein Mitleid.

Außerdem war sie in Liebesdingen so übertrieben wählerisch. Niemals würde sie sich von jemandem berühren lassen!

Isabelle atmete erleichtert auf, als Kyson nicht mehr nach oben ging.

Nur der Schein reichte ihr nicht.

Sie wollte unbedingt Frau Jagger werden. Ihr Kind sollte ganz offiziell als Erbe der Familie Jagger zur Welt kommen.

Im Schlafzimmer waren ihre Leute. Außerdem hatte sie dem Räucherwerk ein besonders starkes Mittel beigemischt. Damit waren vollendete Tatsachen garantiert.

Doch auch das reichte noch nicht. Der Höhepunkt musste live übertragen werden.

[Frau Jagger von der Familie Jagger vergnügt sich in ihrem Ehebett mit zehn männlichen Callboys ...]

Wie aufregend dieser Titel war!

Nach dieser Nacht wäre Stacie endgültig erledigt.

...

Im Obergeschoss, im Hauptschlafzimmer.

Stacie war nichts weiter als ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wurde. Um sie herum lauerten nur hungrige Wölfe.

„Wie viel hat Kyson euch bezahlt? Ich zahle das Doppelte. Verschwindet alle!“

Der Anführer kam lächelnd näher und ging auf ihre Worte ein.

„Fräulein Radcliffe, warum sprichst du plötzlich von deinem Ehemann? Ist das etwa ein neues Spiel?“

„Genau. Warum sollten wir über ihn reden? Wir werden uns schon gut um dich kümmern.“

Die anderen Männer wollten ebenfalls nicht zurückstehen.

Der Anführer trat noch einen Schritt näher. Seine Finger legten sich auf den obersten Knopf seines Hemdes. Langsam öffnete er ihn.

„Wie möchtest du spielen, Fräulein Radcliffe?“

Stacie starrte auf seine Finger. Ihr Magen krampfte sich zusammen.

Sie wich zurück. Ihre Waden stießen gegen die Bettkante. Sie fiel rücklings auf die Matratze.

Die weiche Berührung ließ ihre Kopfhaut prickeln. Mit Händen und Füßen kroch sie zur anderen Seite des Bettes.

„Lauf doch nicht weg.“

Ein anderer Mann kam von links um das Bett herum. Er ging neben ihr in die Hocke und legte den Kopf schief.

Sein Blick war lauernd wie der einer Schlange.

„Je mehr du dich wehrst, desto erregter werden wir.“

Stacie griff nach einem Kissen und schleuderte es nach ihm.

Der Mann fing es mühelos auf. Dann hielt er es unter seine Nase und schnupperte daran. Sein Gesicht verzog sich vor Wonne. Er sah aus wie ein verführerischer Fuchsdämon.

Der Ekel stieg ihr bis in den Hals.

Sie stützte sich auf die Bettkante, schwang sich auf den Boden und rannte barfuß über den kalten Marmorboden zur Tür.

Nur noch zwei Schritte trennten sie vom Türgriff, als eine warme Hand ihren Knöchel packte.

Der Mann riss sie zurück. Stacie stürzte nach vorn. Ihre Knie prallten auf den Boden. Vor Schmerz wurde ihr schwarz vor Augen.

Sie blieb nicht liegen. Mit den Fingernägeln krallte sie sich in die Fugen des Bodens und kroch verzweifelt weiter. Ihre Fingerspitzen rissen auf und begannen zu bluten.

„Ganz schön temperamentvoll.“

Der Mann zog kräftiger an ihrem Bein und schleifte sie zurück.

Unter ihrem Körper zeichnete sich eine schiefe Spur auf dem Teppich ab. Stacie griff blind nach hinten. Ihre Fingernägel kratzten über seinen Handrücken.

Der Mann zuckte vor Schmerz zurück. Für einen kurzen Moment lockerte sich sein Griff.

Stacie stieß sich mit den Beinen ab, rutschte ein Stück nach vorn und stemmte sich an der Wand hoch.

Die Tür war direkt vor ihr.

Sie drehte den Griff.

Das kalte Türblatt bewegte sich keinen Millimeter.

Abgeschlossen!

„Wohin willst du?“

Ein warmer Körper presste sich von hinten an sie. Das Kinn des Mannes lag in ihrer Schulterbeuge. Sein Atem streifte ihr Ohr.

„Draußen wimmelt es von Reportern. Wenn du jetzt die Tür öffnest, stehst du morgen mit der Schlagzeile in allen Zeitungen: ,Frau Jagger rennt nackt und verwahrlost aus dem Haus.‘“

Stacie bekam am ganzen Körper eine Gänsehaut.

Sie stieß ihren Ellbogen mit aller Kraft nach hinten. Hinter ihr ertönte ein dumpfes Stöhnen. Der Mann wich zurück.

Stacie drehte sich um und rannte zum Fenster.

In dem Moment, in dem ihre Finger den Riegel berührten, kam von der Seite eine Hand und drückte das Fenster zu.

„Willst du etwa hinunterspringen? Das ist der fünfte Stock. Wenn du dir beim Aufprall die Beine brichst, würden wir uns doch Sorgen machen.“

Auch die anderen Models kamen heran.

„Genau, Fräulein Radcliffe. Dieses Mittel wurde speziell hergestellt. Du kannst das nicht einfach aussitzen. Wenn wir es nicht auflösen, sterben wir alle hier.“

„Wir könnten höchstens ins Krankenhaus. Bis dahin kannst du nur auf mich zählen. Und wir können nur auf dich zählen. Wir sitzen jetzt alle im selben Boot.“

Stacie zitterte am ganzen Körper. Sie biss die Zähne zusammen und kauerte sich in eine Ecke am Fenster. Ihr Rücken presste sich gegen das kalte Glas.

Alles, was sie in die Hände bekam, schleuderte sie nach den Männern.

Doch je heftiger sie sich wehrte, desto erregter wurden sie.

Auch ihr eigener Körper begann sich allmählich zu verändern. Eine unerträgliche Hitze stieg in ihr auf.

Ein schwacher Duft drang ihr unaufhörlich in die Nase.

Erst jetzt bemerkte Stacie, dass auf dem Schminktisch noch immer Räucherwerk brannte.

Noch nie hatte sie Räucherwerk benutzt.

Hatte Kyson sie wirklich so sehr gehasst?

Stacie stürzte zum Schminktisch, nahm das Räucherwerk und warf es aus dem Fenster.

Sie durfte diesen Duft keinen Moment länger einatmen.

Dann riss sie eine Schublade auf und holte ein Obstmesser heraus.

Sie richtete die Klinge ohne zu zögern auf die Männer.

Wer näher kam, starb mit ihr.

Sie wollte dieses Leben nicht mehr. Sie würde es Kyson zurückgeben.

„Warum bist du so wild? Wäre es nicht angenehmer, sich einfach verwöhnen zu lassen?“

Der Mann kam grinsend näher. Einer strich über ihr zartes Gesicht. Ein anderer zerrte an ihrer Kleidung.

Anfangs hatten ihre Berührungen bei Stacie nur Ekel ausgelöst. Sie hatte sich vor ihnen geekelt.

Doch jetzt veränderte sich etwas.

Ihr Verstand empfand noch immer Ekel. Trotzdem wollte ihr Körper sich ihnen unwillkürlich nähern.

Stacie zögerte keine Sekunde. Sie zog dem Mann das Messer über die Hand.

Sein Aufschrei vermischte sich mit dem Geruch von Blut.

„Scheiße! Hast du den Verstand verloren?“

„Du bist doch nur eine verstoßene Frau aus einer reichen Familie. Dein Mann hat dich uns zum Spielen überlassen. Und jetzt tust du hier noch auf keusche Jungfrau?“

„Verschwindet! Wenn du noch näher kommst, bringe ich dich um.“

Stacie wusste, dass sie unbedingt bei Bewusstsein bleiben musste.

Sobald dieser Gedanke in ihr auftauchte, zögerte sie nicht. Sie zog die Klinge über ihren eigenen zarten Arm.

Sofort schoss Blut hervor.

Der beißende Schmerz brachte ihr Bewusstsein für einen kurzen Moment zurück.

Doch selbst ihre Willenskraft konnte der starken Wirkung des Mittels nicht standhalten. Ihr Körper wurde weich wie Wasser. Ihre Vernunft versank immer tiefer.

Alles, was sie noch tun konnte, war, das Messer verzweifelt hin und her zu schwingen und die Männer auf Abstand zu halten.

Doch sie befanden sich im selben Raum. Das Räucherwerk wirkte auch auf sie.

Ihr hemmungsloses Gelächter hallte in ihren Ohren wider.

Sie wurde zu Boden gerissen. Ihre Arme und Beine wurden festgehalten. Tränen liefen wie Perlen über ihr Gesicht.

„Hilfe ...“

„Lasst mich los!“

Ihre Stimme war voller Angst. Die Hilferufe wurden immer leiser. Auch ihre Gegenwehr wurde schwächer.

Sie hatte nicht aufgegeben.

Ihr Bewusstsein wurde vollständig von der Droge beherrscht.

Vielleicht hätte sie ihr Leben vor drei Jahren auf jenem explodierten Kreuzfahrtschiff lassen sollen.

„Billy, diese reiche Erbin ist wirklich etwas Besonderes!“

„Ihr ganzer Körper ist weich wie ohne Knochen. Sie ist so zart! Wie konnte Herr Jagger sie nur hergeben?“

Blutgeruch, Parfüm und klebriger Schweiß vermischten sich in der Luft. Stacie fühlte sich, als würde sie in einem Dampfkessel gekocht.

Verzweiflung, Angst und Schmerz drangen in jede Pore.

In ihren Ohren hörte sie nur noch das aufgeregte Geplapper der Männer.

Sie wollte durchhalten.

Die Scheidungsurkunde hatte sie noch nicht in den Händen. Selbst wenn sie sterben musste, wollte sie nie wieder auch nur das Geringste mit jemandem aus der Familie Jagger zu tun haben.

Doch sie konnte wirklich nicht mehr.

Sie dachte bei sich: „Kyson, ab jetzt schulde ich dir nichts mehr! Wenn wir uns im nächsten Leben wiederbegegnen, werde ich dich eigenhändig umbringen!“

„Bumm! Bumm! Bumm!“

Das Geräusch zerbrechender Keramik und die Flüche der Männer hallten durch den Raum.

Stacie spürte, wie sie plötzlich vom Boden hochgerissen wurde.

Ein Umhang bedeckte ihre nackten Schultern. Ihr ganzer Körper wurde in eine fremde, kräftige Umarmung gezogen.

Sie wehrte sich.

Da erklang über ihrem Kopf eine tiefe, angenehme Stimme. Darin lag eine kaum wahrnehmbare Anspannung.

„Wenn du nicht sterben willst, dann beweg dich nicht!“

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