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Kapitel 5

Author: Jens Sven
Stacie hob den Kopf. Das rote Seidenband hatte sich von seinen Augen gelöst und lag auf seinem fein geformten Schlüsselbein.

Sein lockeres schwarzes Hemd war ohnehin nur mit zwei Knöpfen geschlossen. Darunter lag ein großer Teil seiner porzellanhellen Haut frei. Das rote Band setzte den letzten perfekten Akzent.

Stacies Blick wanderte nach oben. Das atemberaubend schöne Gesicht des Mannes tauchte direkt vor ihr auf.

Seine Gesichtszüge waren markant und tief geschnitten. Seine schmalen, leicht nach oben gezogenen Augen erinnerten an die typischen Phönixaugen. In ihnen schien sich ein ganzer See voller Frühlingswasser zu spiegeln.

Seine Nase war hoch und gerade. Seine schmalen Lippen waren zu einem kaum wahrnehmbaren Lächeln geschwungen.

Die Zeit schien stillzustehen.

Stacie wusste nicht, wie sie den Schock dieses einen Blicks beschreiben sollte.

Die aggressive, verführerische Duftnote, die von ihm ausging, reizte ihren ohnehin überhitzten Körper noch mehr. Ihre Körpertemperatur stieg weiter.

Ihr Bewusstsein war bereits völlig benommen. Sie ballte die Hände fest zu Fäusten.

Elijah blickte hinunter. Das völlig verwahrloste Mädchen starrte ihn regungslos an.

Sie sah aus, als wäre sie vor Angst völlig erstarrt.

Irgendwie tat sie ihm leid.

„Billy, seit wann hat Nachtglanz so jemanden?“

Billy Calhoun, der Anführer der Gruppe, presste eine Hand gegen seine blutende Stirn.

„Egal, woher er kommt. Er hat uns den Spaß verdorben. Bringen wir ihn heute Nacht einfach um. Irgendjemand wird schon dafür geradestehen.“

Als die anderen das hörten, fassten sie ebenfalls wieder Mut. Sie sahen aus, als wollten sie Elijah und Stacie bei lebendigem Leib verschlingen.

Das Lächeln auf Elijahs Lippen wurde noch breiter.

Er nahm das rote Seidenband von seinem Schlüsselbein und band es Stacie über die Augen.

Sie war ohnehin schon verängstigt. Er wollte nicht, dass sie hier noch vor Schreck starb.

„Nicht abnehmen. Blutige Szenen sind nichts für dich!“

Elijah trug das verängstigte Mädchen zum Bett und legte sie vorsichtig darauf.

Erst dann hatte er Zeit, sich um die neun Müllkerle im Zimmer zu kümmern.

Geldgier und Machtstreben waren menschlich. Auch ehrgeizige Wünsche waren normal.

Doch es gab Grenzen. Sie durften niemals jede menschliche Moral verlieren.

Elijah ließ die Handgelenke kreisen und ging auf die Männer zu. Auf seinen Lippen lag ein kaum wahrnehmbares Lächeln, das einem das Blut in den Adern gefrieren ließ.

„Wer von euch möchte zuerst in die Hölle gehen?“

Er hob eine Braue und musterte die Männer, die bereits Kampfstellung eingenommen hatten.

Niemand wusste, wie stark er wirklich war. Deshalb wagte zunächst keiner den ersten Schritt.

Noch bevor sie reagieren konnten, war Elijah wie ein Schatten vor Billy aufgetaucht.

Billy hatte nicht einmal gesehen, wie der andere angegriffen hatte. Er spürte nur, dass sein Handgelenk taub wurde.

Das Obstmesser glitt ihm aus der Hand, drehte sich zweimal in der Luft und landete sicher in Elijahs Hand.

Billys Pupillen verengten sich. Unwillkürlich wich er einen halben Schritt zurück.

Im nächsten Moment durchzuckte ein dumpfer Schmerz seine Brust. Dann flog er bereits durch die Luft.

Er hielt sich die Brust und schrie wie von Sinnen nach hinten: „Zu dritt sind wir doch wohl stärker als er! Worauf wartet ihr? Alle zusammen!“

Elijahs Lächeln wurde noch breiter. Seine große, klar gezeichnete Hand strich leicht über die Klinge.

„Ich sehe zum ersten Mal Leute, die gemeinsam den Tod suchen.“

Er sah die Männer an und nickte zufrieden.

„Na gut. Diesen Wunsch erfülle ich euch.“

Elijah war von klein auf in verschiedenen Kampfkünsten ausgebildet worden. Außerdem war er gegen Aphrodisiaka immun. Das Mittel im Zimmer zeigte bei ihm keinerlei Wirkung.

Kurz gesagt: Er war von Natur aus „nicht funktionsfähig“.

Ärzte im In- und Ausland hatten ihn gründlich untersucht. Das Ergebnis war jedes Mal dasselbe. Körperlich war alles völlig normal. Trotzdem reagierte er nicht auf Frauen.

Am Ende war man zu dem Schluss gekommen, dass er von Natur aus enthaltsam war.

Oder, um es direkt zu sagen: Er war sexuell völlig desinteressiert.

Bei den Callboys hingegen wirkte das Mittel sofort. Die Droge hatte ihre Körper bereits beeinträchtigt.

Und ihre Muskeln waren ohnehin nur Fassade. Sie niederzuschlagen war für Elijah leichter, als eine Ameise zu zerquetschen.

Das Zimmer verwandelte sich augenblicklich in ein Chaos.

Schläge, Tritte, Flüche und das Knacken brechender Knochen ertönten ohne Pause.

Elijahs Bewegungen waren so schnell, dass nur noch Nachbilder zu sehen waren. Jeder seiner Angriffe traf präzise einen lebenswichtigen Punkt.

Es gab keine überflüssige Bewegung. Jeder Schlag war tödlich.

Stacie kauerte auf dem Bett. Das rote Seidenband bedeckte ihre Augen. Ihr Bewusstsein wurde unaufhörlich zwischen der Wirkung der Droge und den Schmerzen hin- und hergerissen.

In ihren Ohren hörte sie das Stöhnen und Schreien der Männer.

Der schwere Blutgeruch drang in Wellen in ihre Nase. Dazwischen hörte sie den schnellen, aber gleichmäßigen Atem des Mannes, der sie gerettet hatte.

Die Wunde an ihrem Arm blutete noch immer. Der stechende Schmerz hielt sie nur mit Mühe bei Bewusstsein.

Doch die Wirkung des Räucherwerks kehrte wie eine Flut zurück. Ihr ganzer Körper brannte. Selbst ihre Fingerspitzen zitterten.

„Bumm!“

Der letzte Mann wurde gegen die Wand geschleudert. Er rutschte zu Boden und blieb reglos liegen.

Im Zimmer kehrte Ruhe ein.

Nur schweres Atmen und das Stöhnen der Verletzten waren noch zu hören.

Elijah schüttelte angewidert das Blut von seiner Hand. Seine Hemdsärmel waren völlig durchnässt. Er wusste nicht, ob das Blut von den anderen oder von ihm selbst stammte.

Vermutlich hatte er sich im Kampf zu sehr verausgabt. Außerdem war das Betäubungsmittel, das er zuvor bei Nachtglanz eingeatmet hatte, noch nicht vollständig aus seinem Körper verschwunden.

Jetzt fühlte sich sein Körper unerklärlich heiß an.

Er ging zum Bett und sah auf Stacie hinab, die sich zu einer Kugel zusammengerollt hatte.

„Lebst du noch?“

Stacie nickte folgsam. Damit zeigte sie, dass sie noch bei Bewusstsein war.

„Kannst du allein gehen?“

In diesem Zimmer durfte sie nicht länger bleiben. Sobald die Männer wieder zu sich kamen, wäre sie wie ein kleines Kaninchen inmitten eines Wolfsrudels.

Als sie sich nicht rührte, streckte Elijah die Hand aus und zog ihr das rote Seidenband von den Augen.

Ihre runden, mandelförmigen Augen blickten ihm feucht glänzend entgegen.

Ihre Gesichtszüge waren so fein, als hätte die Göttin Nüwa sie Stück für Stück geformt und dabei ihr ganzes Können gezeigt.

Ihr kleines Gesicht war gerötet. Schweißperlen liefen über ihre Stirn. Einige Strähnen klebten an ihrer Haut.

Sie sah erbärmlich aus.

Verdammt!

Warum hatte sich ihr Zustand trotz der vergangenen Zeit nicht gebessert? Warum wurde ihm stattdessen immer heißer?

Elijah räusperte sich und wandte den Blick ab.

„Geht es dir gut?“

Stacie versuchte verzweifelt aufzustehen. Doch ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr. Ihre Beine waren weich und kraftlos.

Kaum stand sie, fiel sie ihm schon in die Arme.

Nur weil sie sich an ihm festhielt, konnte sie sich einigermaßen aufrecht halten.

„Kannst du mich ins Krankenhaus bringen? Bitte!“

Ein warmer, duftender, weicher Körper sank in seine Arme.

Elijah erstarrte.

Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht mit ihm.

In dem Moment, als dieses völlig unbekannte Gefühl durch seinen Körper strömte, wusste er nicht mehr, wohin mit seinen Händen.

Sein Unterbauch spannte sich an.

Als ihm bewusst wurde, wie sie dastanden, stieß er sie ohne nachzudenken von sich.

„Ja ... ja. Warte hier. Ich ... ich öffne die Tür und bringe dich ins Krankenhaus.“

Stacie fiel zurück aufs Bett. Die Decke rutschte größtenteils von ihrem Körper.

Elijah schloss die Augen. Mit Daumen und Zeigefinger nahm er ein Ende der Decke und wickelte sie wieder um Stacie.

Danach ging er zur Tür.

Sobald seine Hand den Türgriff berührte, wusste er, dass alles vorbei war.

Die Tür war von außen abgeschlossen.

Er trat mehrmals dagegen. Sie bewegte sich keinen Millimeter.

Die Tür war offensichtlich verstärkt worden. Er würde sie nicht eintreten können.

Der Kampf hatte seine Kräfte ohnehin fast vollständig aufgebraucht. Je öfter er zutrat, desto heftiger reagierte sein Körper.

Scheiße!

Er fluchte innerlich.

Dann ging er zum Fenster und blickte nach unten.

Fünfter Stock!

Entweder musste er die neun Männer aus dem Fenster werfen. Oder er musste gemeinsam mit dem Mädchen aus dem Zimmer springen.

Beides war offensichtlich keine gute Lösung.

Die Reaktion seines Körpers verschlimmerte sich von Sekunde zu Sekunde. Wenn die Männer wieder zu sich kamen, waren sie erledigt.

Außerdem hatten die Männer gesagt, dass es ohne Gegenmittel nur einen Ausweg gab: den Tod.

Eine kalte Dusche!

Genau. Sein Körper war viel zu heiß. Eine kalte Dusche würde die Wirkung vielleicht etwas lindern.

Ohne weiter nachzudenken, hob er das Mädchen vom Bett und trug sie ins Badezimmer.

Er setzte sie direkt auf den Boden, stellte das Wasser auf kalt und ließ es über sie laufen.

Stacie zuckte heftig zusammen und rollte sich zu einer Kugel zusammen.

„Das Wasser ist eiskalt!“

„Das soll es auch sein. Nur wenn dir kalt ist, kannst du klar bleiben. Bleib hier und komm nicht heraus!“

Stacie spürte nur, wie ihre Haut eiskalt wurde, während in ihrem Körper eine furchtbare Hitze brannte.

Der Wechsel zwischen Kälte und Hitze ließ sie glauben, jeden Moment zu explodieren.

„Es tut weh ...“

„Auch wenn es wehtut, kommst du nicht heraus!“

Stacie nickte benommen.

Das kalte Wasser half tatsächlich ein wenig. Zumindest verspürte sie nicht sofort den Drang, sich auf jemanden zu stürzen.

Auch Elijah ging es kaum besser. Trotzdem musste er zuerst die Männer draußen endgültig außer Gefecht setzen.

Er verließ das Badezimmer. Ohne nachzudenken, sammelte er alles ein, womit man jemanden fesseln konnte.

Die Gürtel aus dem Ankleidezimmer. Die Bänder von den Vorhängen. Er benutzte alles.

Schließlich hatte er alle neun Männer fest verschnürt.

Sie lagen wie verschnürte Bündel auf dem Boden.

Doch auch sein eigenes Bewusstsein begann bereits zu verschwimmen.

Vielleicht würde ein Bad helfen. Aber wenn er ins Badezimmer ging und dort völlig die Kontrolle verlor, wäre alles vorbei.

Er war nicht der Mann, der die Schwäche anderer ausnutzte.

Er musste die Tür aufbrechen, solange er noch bei Bewusstsein war und Kraft hatte.

Seine Kommunikationsgeräte hatte man ihm bereits abgenommen. Die Tür aufzubrechen war seine beste Chance, hinauszukommen.

Kalter Schweiß rann Elijah über Stirn und Wangen, bevor er im Kragen verschwand.

Seine Kleidung war ohnehin dünn. Doch selbst der dünne Stoff fühlte sich inzwischen wie eine isolierende Wärmedecke an.

Elijah zog sich aus und warf seine Kleidung zur Seite. Dann nahm er den Hocker neben sich und schlug weiter gegen die Tür.

„Bumm! Bumm! Bumm!“

Schlag auf Schlag traf die Tür. Das Schloss rührte sich trotzdem nicht.

Sein Atem wurde immer schwerer.

Er war inzwischen über zwanzig Jahre alt. Immer wieder hatten Menschen versucht, ihn unter Drogen zu setzen.

Doch eine solche Reaktion erlebte er zum ersten Mal.

Er biss die Zähne zusammen. Mit aller Kraft hob er die Gegenstände auf, die neben ihm lagen, und schlug damit auf die Tür ein.

Seine Augen waren blutunterlaufen.

Morgen, sobald er dieses Haus verließ, würde er Samuel Statham eigenhändig umbringen.

Was für ein idiotischer Vorschlag!

Dieser Kerl wagte es tatsächlich, ihm heimlich ein Betäubungsmittel zu verabreichen und ihn an einen Ort wie Nachtglanz zu bringen.

Er behauptete, dort würden sich alle möglichen Menschen aufhalten und es gäbe unzählige Methoden.

Vielleicht würde Elijah plötzlich wieder „funktionieren“.

Plötzlich legten sich von hinten zwei heiße, weiche und feuchte Hände um seine Taille.

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