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Kapitel 7

Sascha Dahl
„Mach auf! Mach sofort auf!“

Draußen vor der Tür wurde Lucas’ Stimme zunehmend schneidend.

Kai warf Selina einen eindringlichen Blick zu und deutete mit einer knappen Kopfbewegung zum Badezimmer.

Sie nickte gehetzt und schlüpfte ins Bad, gerade als ein neuer Tritt gegen die Tür donnerte.

Kai drehte sich um. Mit entschlossenen, ruhigen Schritten ging er auf die Tür zu und riss sie auf.

Lucas stand mit erhobenem Fuß da, bereit zum nächsten Tritt. Die Tür, die plötzlich nachgab, ließ ihn ins Leere stolpern. Er starrte auf den Mann im Türrahmen.

Kais Blick glitt über Lucas, über die beiden Handy-haltenden Männer im Hintergrund, deren Linse direkt auf ihn gerichtet war. „Darf ich fragen“, seine Stimme war ein surrendes Eisband, „was dieser außergewöhnliche Lärm vor meinem Zimmer soll?“

Lucas schluckte. Das war nicht der Typ Mann, den man in so einer Situation erwartete – keine Spur der Panik, wie von jemandem, den man „in flagranti“ erwischt hat. Nur diese undurchdringliche, kühle Gelassenheit.

„Ich suche meine Frau!“, fauchte Lucas und versuchte, an Kai vorbeizuspähen. „Selina! Ich weiß, dass du hier bist! Komm sofort raus!“

Er machte Anstalten, vorbeizudrängen.

Kais Arm schoss heraus, eine unüberwindbare Barriere.

„Hausfriedensbruch, Herr Burgstaller. Das ist eine Straftat.“

Lucas musterte ihn erneut, die Augen zu schmalen Schlitzen verengt. „Sie kennen mich?“

„Ihr Gesicht hat sich vom Zukunftsforum jedoch in mein Gedächtnis eingeprägt. London, letztes Jahr.“

Das Forum war eine geschlossene Gesellschaft. Lucas’ Platz dort war einzig dem Einfluss seines Vaters zu verdanken – eine Gelegenheit, am Rande der Macht zu schnuppern.

Offenbar stand er hier keiner unbedeutenden Person gegenüber.

Lucas’ Tonfall wurde merklich respektvoller: „Darf ich fragen, wer Sie sind?“

Kai reichte ihm wortlos seine Visitenkarte.

Ein einziger Blick auf die Karte ließ eiskalten Schweiß auf Lucas’ Handflächen ausbrechen.

Ausgerechnet Kai Hartmann, Geschäftsführer der Strahl & Hartmann!

Sein Vater hatte den Namen einst fallen lassen – nicht als Empfehlung, sondern als Warnung. In dieser Welt stand Kai nicht für einen Anwalt, sondern für ein Prinzip: Jedes Problem hatte seinen Preis, und er kannte den Weg durch jeden gesetzlichen Graubereich. Sein Netzwerk war kein Adressbuch, sondern ein Nervensystem aus Gefälligkeiten, Schweigegelübden und lebenslangen Schulden, das sich bis in die Vorstandsetagen von Konzernen und die Hinterzimmer der Macht erstreckte.

Er war kein Berater. Er war der letzte Anruf vor dem Abgrund. Bei Übernahmen, die das Kartellamt nie sehen durfte. Bei „Bereinigungen“, die kein Protokoll führten. Unter seiner Hand verwandelte sich undurchsichtiges Chaos in ein elegantes, wasserdichtes Verfahren – oder in die gezielte Vernichtung einer Karriere. Das Gesetz war in seinem Spiel nicht die Regel, sondern das Spielfeld.

„Rechtsanwalt Hartmann von Strahl & Hartmann!“ Lucas’ Miene wechselte schlagartig – von hochmütig zu unterwürfig. „Das ist ja ein Missverständnis! Verzeihung, wirklich – ich wusste nicht, dass Sie hier wohnen!“

„Glauben Sie immer noch, Ihre Frau sei hier?“ Kais Frage war ein chirurgischer Schnitt.

„Nein! Absolut nicht! Diese… diese Frau ist es nicht wert, Ihren Raum auch nur zu betreten. Lucas wich zwei Schritte zurück. „Es tut mir leid, wirklich. Das war unverschämt von mir. Ich hoffe, Sie können großzügig darüber hinwegsehen, Herr Hartmann.“

Kai nickte, ein kaum wahrnehmbares Zucken seines Kinns. Als er die Tür schließen wollte, erfasste Lucas’ Blick etwas. Dort, halb vom Hemdkragen verdeckt:

ein frischer, tiefroter Fleck auf der Haut.

„Einen Moment, Herr Hartmann“, Lucas stieß die Worte hervor, ein letzter, verzweifelter Haken. „Ihr Hals… Sie haben da…“

Kai drehte den Kopf, präsentierte die Markierung vollständig. Seine Augen, kalt und direkt, trafen Lucas. „Ja? Haben Sie ein berufliches Interesse an meinen Privatangelegenheiten, Herr Burgstaller?“

Die Frage war eine Falle. Die darin liegende Androhung von Konsequenzen war greifbar.

„Nein, Nein! Keinesfalls!“ Ein verlegenes Zucken zerrte an Lucas’ Mundwinkeln. „Ich… ich störe nicht länger. Gute Nacht.“

--

Selina hatte sich im Badezimmer versteckt und jedes Wort des Gesprächs zwischen Kai und Lucas mit angehört.

Wer hätte gedacht, dass die Krise, die ihr Herz zum Rasen brachte, von Kai mit einer einzigen Visitenkarte so mühelos vom Tisch gefegt werden konnte.

Dieser Vorfall bewies nur einmal mehr: Der arme Junge von damals war Geschichte.

„Komm raus“, sagte Kai.

Selina öffnete die Tür und trat heraus.

Kai stand vor dem Panoramafenster.

„Herr Hartmann … danke für Ihre Hilfe.“ Die Worte kamen über Selinas Lippen.

Sie bedankte sich, dass er ihr keinen Gefallen getan hatte.

Eigentlich hatte er ihr gar nicht aus freien Stücken geholfen.

Sein Ausdruck blieb undurchdringlich wie Granit.

„Danke?“ Ein kurzes, spöttisches Ausatmen. „Mich in deinen Dreck zu ziehen, und das soll ein Dankeschön rechtfertigen?“

„Was … was willst du dann?“

Kai machte einen Schritt auf sie zu. Langsam. Unausweichlich.

„Ich spiele nicht umsonst den Liebhaber.“

Noch ehe die Worte verklangen, schoss seine Hand vor. Sein Griff um ihr Handgelenk war eisern, schmerzhaft. Dann ein brutaler Ruck – er riss sie zu sich, ließ sie das Gleichgewicht verlieren und krachend auf das riesige Bett hinter sich fallen.

Sie versuchte, sich hochzustemmen, panisch, aber er war bereits über ihr. Ein Knie drückte die Matratze neben ihrer Hüfte nach unten, seine Arme, zu beiden Seiten ihres Kopfes gepflanzt, waren die Stangen ihres Käfigs.

„Was machst du da?“, keuchte sie und stemmte die Hände gegen seine Brust. „Was ist mit deinen hehren Prinzipien? Keine verheirateten Frauen?“

„Was zählen meine Prinzipien?“ Er blickte von oben auf sie herab, in seinen Augen das kalte Feuer gekränkten Stolzes und die Schärfe des Ausgenutztseins. „Damals – ich sollte dein Freund sein. Und du hast alles getan, um mich dazu zu machen. Heute – ich soll dein Liebhaber sein. Und wieder tust du alles, um mich da hineinzuziehen. Heute bin ich dein nützlicher Idiot. Die Regeln diktierst immer nur du, nicht wahr, Mademoiselle?“

Sein Duft – kühles Holz, teure Wäsche und etwas Unverhohlen Animalisches – überflutete ihre Sinne. Schwindel stieg auf, und mit ihm die Erinnerung.

Damals. Sie war es – die sich in Kai verliebt hatte. Die nicht von ihm lassen konnte.

Damals war Kai nur der Sohn der Haushälterin der von der Weidens. Sie begegnete ihm zum ersten Mal im Garten des Anwesens. An jenem Tag warf sie ihrem Golden Retriever eine Frisbeescheibe zu, die vom Kurs abkam und beinahe den jungen Mann getroffen hätte, der gerade Medikamente für seine Mutter vorbeibrachte.

Kai hob den Arm und fing die rotierende Scheibe mitten in der Luft.

Im Sonnenlicht trug er ein einfaches weißes Hemd mit leicht hochgekrempelten Ärmeln, die seine durchtrainierten Unterarme zur Geltung brachten. Sein Gesicht war scharf geschnitten, sein Blick so tief wie ein unergründlicher Bergsee. In diesem Moment war Selina verloren.

Als er ihr die Frisbeescheibe zurückreichte, berührten sich ihre Fingerspitzen flüchtig. Selina spürte einen elektrisierenden Schauer, der ihr den Atem raubte und ihr Herz wild hämmern ließ. In dieser Sekunde fasste sie einen Entschluss: Sie würde ihn haben.

Von da an verfolgte Selina Kai auf Schritt und Tritt.

Anfangs wies er sie entschieden zurück. Er kannte den Unterschied zwischen seiner Welt und der der verwöhnten Mademoiselle von der Weiden. Doch Selina gab nicht auf. Seine Ablehnung schürte nur ihren Eifer.

Im Verfassungsrechtsseminar der juristischen Fakultät fiel jeden Freitag eine Person mehr in der Anwesenheitsliste auf. In der Mensa traf sie zufällig immer zur gleichen Zeit wie er ein, setzte sich zufällig an seinen Tisch und hatte zufällig zu viel von dem teuren Fleischgericht, das sie dann auf seinen Teller schob. In der Studentenbar, in der er jobbte, erschien sie regelmäßig mit Freundinnen und bestellte, ohne mit der Wimper zu zucken, die teuersten Getränke mit der höchsten Provision…

Drei Jahre lang war sie wie ein beharrlicher Sonnenstrahl, der in jede Ritze seiner Abwehr drang. Kai wich aus, mied sie, war genervt – und gewöhnte sich unbewusst an ihre Anwesenheit. Schließlich gab er nach. Doch sie? Nach nur drei Monaten, als seine Gefühle am tiefsten waren, zog sie sich abrupt zurück, ließ ihn fallen und verlobte sich mit einem anderen.

Sie hatte seine Welt in Chaos gestürzt. Seine Mutter verlor wegen der darauffolgenden Ereignisse bei einem Autounfall beide Beine und war seither an den Rollstuhl gefesselt.

„Hast du vergessen, wie Mademoiselle von der Weiden mich damals verführt, in ihr Bett gezogen und dann wie Abfall entsorgt hat?“ Kais Hand schloss sich um ihren Hals. Seine Augen brannten. „Die Zeiten haben sich geändert. Ich bin nicht mehr dein Spielzeug, das man wegwirft, wenn man es satt hat.“

„Lass mich los!“

Selina hatte das Gefühl, er würde ihr gleich das Genick brechen. Mit aller Kraft stieß sie ihn von sich. Doch bevor sie vom Bett aufstehen konnte, packte er sie erneut an der Taille, warf sie zurück auf die Matratze und hielt sie unter sich gefangen.

„Wohin willst du fliehen?“ Kai zog seine Krawatte ab und begann, sein Hemd aufzuknöpfen. „Wenn man mir schon die Rolle des Liebhabers zuschreibt – dann will ich sie auch ausfüllen.“

Selina sah die definierten Bauchmuskeln unter seinem Hemd. Eine Erinnerung brach hervor – der Geruch der Vergangenheit stieg in ihre Nase.

Vor sechs Jahren, in einem schwülen Sommer, zwei junge Körper in einer heruntergekommenen Mietwohnung. Ungeschickte Küsse, zögerliche Berührungen, ungestümes Vereinen. Ohne Erfahrung, ohne Plan. Jede intimste Begegnung entsprang überwältigender Zuneigung.

Jetzt, in derselben Haltung, war nur noch Groll.

„Kai, ich will nicht mit dir schlafen!“ Sie sah ihm direkt in die Augen. „Hast du vergessen, was ich dir vor sechs Jahren gesagt habe? Ich habe genug von dir.“

Genug von dir. Das Wort traf ihn wie ein Schlag. Jede Bewegung in ihm erstarrte. Jede Lust war verflogen.

Er stand auf, nahm eine Zigarette aus der Schachtel, steckte sie zwischen die Lippen und zündete sie an.

Selina rappelte sich hoch. Ihre Kleidung war zwar intakt, doch sie fühlte sich entblößter, als wäre sie nackt hereingebracht worden.

„Verschwinde.“ Kais Stimme war eiskalt.

Verschwinden. Na gut.

Selina stand schnell auf, doch kaum hatte sie festen Boden unter den Füßen, überkam sie ein Schwindelgefühl.

Ihr Hinterkopf, den sie beim Betäubungszwischenfall angeschlagen hatte, pochte unaufhörlich. Die heftige Auseinandersetzung auf dem Bett hatte ihre letzten Reserven aufgebraucht.

Plötzlich wurde es schwarz vor ihren Augen.

Selina verlor das Bewusstsein. Im letzten Moment sah sie noch, wie Kai seine Zigarette wegwarf und blitzschnell auf sie zustürzte…

--

Die pechschwarze Nacht wurde von strömendem Regen zerschnitten. Die Maybach S-Klasse raste wie ein Schwert durch die Dunkelheit über die nasse, leere Straße.

Kai umklammerte das Lenkrad, bis seine Knöchel weiß hervortraten.

Immer wieder glitt sein Blick zum Beifahrersitz.

Selina lag bewusstlos da. Ihr zierlicher Körper versank im breiten Ledersitz, der Kopf kraftlos zur Seite geneigt. Im fahlen Licht des Armaturenbretts wirkte ihr Gesicht leichenblass.

„Selina!“ rief Kai.

Keine Reaktion.

„Selina! Wach auf!“

Nur Stille.

Kais Kehle zog sich zusammen. Sein Herz klopfte unregelmäßig.

Er wählte über die Freisprechanlage Sebastian Scholls Nummer.

„Herr Oberstaatsanwalt, haben wir uns nicht erst gestern gesehen? Schon wieder Sehnsucht?“ Sebastians unbekümmerte Stimme klang aus dem Lautsprecher.

„Ich bringe jemanden ins Krankenhaus. Sei bereit.“

„Was ist passiert?“ Sebastians Ton wurde sofort ernst.

„Unklare Bewusstlosigkeit. Plötzlich zusammengebrochen.“

„Okay. Komm über die Notaufnahme.“

Fünfzehn Minuten später übergab Kai sie an Sebastian.

Die Untersuchungen zeigten Glück im Unglück: nur eine leichte Gehirnerschütterung durch den Sturz.

Selina wurde auf eine normale Station verlegt.

Sie lag auf dem schneeweißen Krankenbett, die Augen geschlossen, das Gesicht noch immer farblos.

„Wann wacht sie auf?“, fragte Kai.

„Vielleicht gleich, vielleicht morgen. Keiner kann das genau vorhersagen“, meinte Sebastian und musterte dabei Kai.

Dessen makellos gebügeltes Maßhemd war zerknittert, ein Knopf saß falsch, der Kragen stand offen – und der frische Knutschfleck an seinem Hals war unübersehbar.

Ein spöttisches Grinsen spielte um Sebastians Mund. Er trat näher und stupste Kai mit der Patientenakte an die Schulter. „Nicht schlecht, Alter. Jetzt versteh ich die Eile. Hast du sie etwa ins Krankenhaus gevögelt? Spielt ihr so rough?“

Kai drehte den Kopf zu Sebastian – sein Blick eine stumme Warnung: Halt den Mund.

Sebastian tat, als sähe er nichts – und grinste nur noch breiter. „Guck dich an. Und dann guck sie dir an.“ Er deutete auf die roten Male an Selinas Hals. „Ein bisschen mehr Feingefühl könnte nicht schaden, weißt du? Deine Bettmanieren sind ja …“

„Sebastian Scholl! Wenn du deinen Mund nicht benutzen kannst, kann man ihn auch zunähen.“ Kais Stimme war leise, aber die Drohung darin unüberhörbar.

„Okay, okay, mein Fehler.“ Sebastian hob die Hände, redete aber weiter. „Ich dachte, du hättest sie vergessen. Kaum bist du zurück, flammt die alte Liebe wieder auf. Moment – ist sie nicht verheiratet? Bist du jetzt der bereitwillige Dritte im Bunde?“

„Alter, sei doch nicht dumm! Wer eine Familie zerstört, wird von allen verachtet. Bei deinem Status kannst du dir jede Frau aussuchen. Halte dich an deine Prinzipien. Alles, aber kein männliches Miststück!“

„Kannst du bitte die Klappe halten?“

Kai rieb sich die schmerzenden Schläfen und sah zu Selina hinüber. Im Schlaf wirkte sie weich, unschuldig, angreifbar. Das bösartige „Ich habe genug von dir“ schien unmöglich von diesen Lippen zu kommen.

Doch sie hatte es gesagt. Damals. Und heute.

Er konnte nicht vergessen, wie sie vor sechs Jahren seinen Stolz zertreten hatte. Er hasste sie für ihr Spiel mit seinen Gefühlen. Er hasste sie für das Leid, das sie über seine Familie gebracht hatte. Und trotzdem … Wie hätte er sich je wieder in sie verlieben können?

„Zwischen ihr und mir gibt es keine Zukunft mehr“, sagte Kai, seine Stimme klang abgeklärt und eisig. „Für mich ist sie vor sechs Jahren gestorben.“
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