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Kapitel 6

作者: Madame Fischer
Kaum hatte Katharina das gesagt, erblickte Flocke Emily und fing an zu bellen.

Katharina nahm ihn vorsichtig auf den Arm und senkte den Blick.

„Ich bringe ihn eben nach draußen.“

Sie setzte Flocke vor die Tür und kam gleich darauf zurück. Emily saß inzwischen am Tisch.

Thomas versuchte, die Stimmung zu retten.

„Emily ist erst seit gestern hier. Flocke kennt sie noch nicht. In ein paar Tagen hat er sich bestimmt an sie gewöhnt.“

„Schon seltsam“, sagte Claudia. „Bei allen anderen ist er friedlich. Nur Emily will er beißen.“

„Eben“, stimmte Tobias ihr zu. „Dabei ist Flocke sonst so brav.“

Katharina warf Emily einen Blick zu.

„Ich habe mal gehört, dass Hunde spüren, ob jemand es gut mit ihnen meint. Emily, bitte hab nichts gegen ihn. Er ist wirklich lieb.“

Eigentlich hatte Emily sich nicht rechtfertigen wollen. Doch das ließ sie nicht auf sich sitzen.

„Als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe, habe ich ihm überhaupt nichts getan. Trotzdem wollte er mich beißen. Wenn hier jemand Grund hat, sich zu beschweren, dann ich. Sein Frauchen hat ihm offenbar nicht beigebracht, sich zu benehmen.“

Sofort stiegen Katharina Tränen in die Augen.

„Aber Flocke hat noch nie jemanden gebissen. Er ist doch so lieb ...“

Emily ließ sich davon nicht beirren.

„Im Hof gibt es Überwachungskameras. Wir können uns ansehen, ob er mich angegriffen hat.“

„Jetzt reicht’s.“

Julian hatte sie unterbrochen. Er sah Emily kühl an, sichtlich verärgert.

„Esst.“

Danach wagte niemand mehr, etwas zu sagen. Emily aber blieb auf ihrem Ärger sitzen.

Ihr war der Appetit vergangen. Schon bald stand sie auf.

„Esst ruhig weiter. Ich muss los.“

Julian umklammerte sein Besteck. Ein paar Minuten später stand auch er auf.

„Guten Appetit noch.“

Katharina erhob sich sofort.

„Ich mache mir Sorgen um Flocke. Ich sehe nach ihm.“

Als Julian vom Grundstück fuhr, stand sie mit Flocke auf dem Arm am Tor. Ihre Augen waren noch gerötet.

Er ließ die Scheibe herunter.

„Pass gut auf Flocke auf. Ihm wird niemand etwas tun.“

Katharina nickte.

„Das mache ich. Fahr vorsichtig, Julian.“

Nachdem er weggefahren war, strich Katharina dem Hund langsam über das Fell und lächelte.

Im Forschungsinstitut erledigte Emily zuerst ihre Arbeit. Dann bat sie ihre Teamleiterin, für ein paar Stunden gehen zu dürfen.

Schon am Vorabend hatte sie Frau Keller geschrieben. Ihr früherer Professor hatte heute keine Vorlesung und war den ganzen Vormittag zu Hause.

Emily wollte ihn besuchen.

Frau Keller hatte sich gefreut und sie gleich zum Mittagessen eingeladen.

Die Universität Lindenburg gehörte zu den besten des Landes. Besonders ihre Fachbereiche Physik und Chemie hatten sich in den vergangenen Jahren einen hervorragenden Ruf erarbeitet.

Emily hatte ein hochwertiges Geschenk und eine Flasche guten Rotwein besorgt.

Vor dem Wohnhaus hängte sie sich die Tasche über die Schulter und nahm beides aus dem Kofferraum. Da nahm ihr jemand die Sachen aus den Händen.

Sie sah auf und erkannte Florian sofort.

„Ich nehme sie.“

Florian stand vor ihr. Die Sonne fiel auf ihn und ließ seine Gestalt in einem weichen Licht erscheinen.

Er war groß, sah gut aus und hatte ein freundliches, bescheidenes Wesen. In seinem schwarzen Kaschmirmantel wirkte er besonders elegant.

„Florian.“ Emily griff nach der Weinflasche. „Gib mir wenigstens die Flasche.“

„Schon gut.“ Er wich ihr aus. „Komm. Professor Keller und seine Frau warten schon.“

„Wusstest du, dass ich heute komme?“

„Frau Keller hat mich gestern Abend angerufen.“ Florian sah sie an und senkte dann den Blick. „Sie hat mich gebeten, mit dir zu reden.“

Emily schwieg.

Seit ihrem Masterabschluss hatte sie sich nicht getraut, Herrn Keller zu besuchen. Auch Florian hatte sie seitdem nicht mehr gesehen.

Als sie nichts sagte, fuhr er fort.

„Mach dir keine Gedanken. Ich sehe in dir inzwischen nur noch eine Freundin.“

Emily sah zu ihm auf. Ihr Blick war klar, ihre Augen leuchteten.

Florian wandte das Gesicht ab.

„Was ist? Nur weil aus uns kein Paar geworden ist, können wir doch trotzdem befreundet bleiben.“

Emily musste plötzlich gegen Tränen ankämpfen.

„Florian, es tut mir leid.“

„Wofür entschuldigst du dich?“

Er lächelte sie sanft an.

„Fang bloß nicht an zu weinen. Sonst bekomme ich Ärger mit Frau Keller.“

Damals hatte Emily seine Gefühle nicht erwidert. Nach ihrer Hochzeit hatten sie keinen Kontakt mehr gehabt.

Jetzt begegnete Florian ihr offen und gelassen.

Allmählich entspannte auch sie sich.

Als sie die Wohnung betraten, kam Frau Keller ihnen entgegen.

„Emily! Das ist lieb von dir, aber du musst doch nichts mitbringen.“

Herr Keller widmete sein Leben der Forschung. Er war gewissenhaft, schätzte begabte Studierende und konnte mitunter etwas streng sein.

Drei Jahre lang hatte Herr Keller Emily betreut.

Er kannte ihr Talent und hatte gehofft, sie nach dem Master als Doktorandin weiterzubetreuen. Doch nach ihrer Hochzeit hatten sie kaum noch Kontakt gehabt.

Umso mehr überraschte und freute es ihn, dass Emily nun zurückgekommen war und doch noch promovieren wollte.

Beim Mittagessen wurde viel geredet und gelacht.

Als Emily gehen wollte, gab Herr Keller ihr mehrere Bücher mit und bat sie, sie gründlich durchzuarbeiten.

Florian begleitete sie nach unten. Erst vor dem Haus fragte er.

„Hebst du jetzt meine Blockierung auf?“

Emily wurde verlegen.

„Florian, damals ...“

„Ich nehme es dir nicht übel.“

Er lächelte leicht.

„Das ist vorbei. Ich habe inzwischen auch jemanden, den ich mag.“

Emilys Augen leuchteten auf.

„Du bist verliebt?“

Florian sah in ihre klaren Augen und nickte.

„Ja.“

Emily nahm ihr Handy heraus und tippte ein paarmal auf den Bildschirm.

„Dann drücke ich dir die Daumen! Hoffentlich lerne ich sie bald kennen.“

Florian hob die Hand, um ihr über den Kopf zu streichen, ließ sie dann aber wieder sinken.

„Danke, Emmi. Ich gebe mir Mühe.“

Emmi war ihr Spitzname. Nur wenige kannten ihn.

Emily lächelte jetzt wirklich unbeschwert.

„So, du bist nicht mehr blockiert. Und dabei bleibt es.“

Florian sah ihrem Wagen nach, bis er verschwunden war. Dann nahm er sein Handy heraus und rief jemanden an.

„Ich habe dir das Geld überwiesen. Sieh nach, ob es angekommen ist.“

Emily fuhr gut gelaunt zum Institut zurück.

Als sie am Nachmittag mit ihrer Arbeit fertig war, kam Laura vorbei. Sie sah Emilys strahlendes Gesicht.

„Du warst an der Uni? Wie ist es gelaufen?“

„Ich habe mich entschieden und mich bereits für die Promotion beworben. Herr Keller hat mir ein paar Bücher mitgegeben. Florian habe ich auch getroffen.“

„Florian?“ Laura stutzte. „Florian Becker?“

„Ja.“ Emily lächelte. „Wir hatten uns ewig nicht gesehen.“

Laura rückte näher und fragte leise.

„Und ist er noch in dich verliebt? War es nicht unangenehm zwischen euch?“

„Was denkst du denn?“, sagte Emily schnell. „Er hat längst jemand anderen gern.“

Laura atmete auf.

„Na, dann ist ja gut.“

Kurz vor Feierabend dachte Emily daran, dass sie zum Hartmann-Anwesen zurückmusste. Dort musste sie Katharina begegnen und nachts wieder mit Julian in einem Bett liegen.

Also schlug sie eines der Bücher von Herrn Keller auf und begann zu lesen.

Sie vertiefte sich so sehr darin, dass sie die Zeit vergaß. Erst als ihr Magen knurrte, bemerkte sie, dass es schon nach acht war.

Gerade wollte sie aufstehen, da meldete sich ihr Handy. Florian hatte ihr mehrere Dateien zur Bewerbung für die Promotion geschickt.

Emily antwortete mit einem dankbaren Sticker.

Florian schrieb zurück.

„Herr Keller möchte dich als Doktorandin betreuen. Aber für das Promotionsprogramm musst du dich ganz normal bewerben. Es gibt nur zwei Plätze. Überzeug die Auswahlkommission, dass du einen davon verdienst.“

Emily schrieb zurück.

„Das werde ich. Danke.“

Sie steckte das Handy in die Tasche und fuhr zum Hartmann-Anwesen.

Aus dem Haus hörte sie Gelächter.

„Wie schön, dass Katharina jetzt bei uns wohnt“, sagte Thomas. „Seit sie da ist, ist wieder Leben im Haus. Und Julian kommt auch jeden Tag nach Hause.“

„Tobias kann froh sein, dass er dich hat“, sagte Claudia. „Sobald er wieder etwas mehr Zeit hat, fahrt ihr am besten ein paar Tage weg.“

Katharina lächelte. „Ich bin gern bei euch. Und Julian ist für mich inzwischen auch wie Familie.“

Flocke lag friedlich zu ihren Füßen.

Julian sah von der Eingangstür weg.

„Mhm.“

Katharina blickte auf die Uhr.

„Wo bleibt Emily denn? Sie arbeitet ja noch länger als Julian.“

Kaum hatte sie das gesagt, sprang Flocke auf und flitzte bellend auf seinen kurzen Beinen zur Haustür.

Im nächsten Moment kam Emily herein.

Flocke sah zu ihr auf und bellte sie an.

So klein er war, er gab sich alle Mühe, bedrohlich zu klingen.

Emily runzelte die Stirn und sah zum Wohnzimmer hinüber. Die Familie saß dort und sah einfach zu.

Katharina eilte herbei und nahm Flocke auf den Arm.

„Tut mir leid, Emily. Ich weiß wirklich nicht, warum er dich nicht mag.“

Emily schlüpfte in ihre Hausschuhe.

„Schon gut. Vielleicht kommt er einfach nach seinem Frauchen.“

Katharinas Gesicht veränderte sich sofort. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

„Emily, was soll das denn heißen?“

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