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DAS MÄDCHEN AUF DEM FOTO 

작가: Page Taylor
last update 게시일: 2026-09-18 17:49:06

Der Morgen war über die Stadt hereingebrochen, doch in Matteos Büro herrschte eine beunruhigende Stille.

Er saß hinter dem großen Mahagoni-Schreibtisch, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und ließ die Ereignisse der vergangenen Nacht noch einmal Revue passieren. Der Raum war geräumig und imposant; die dunklen Holzwände und die raumhohen Fenster verliehen ihm eine Atmosphäre stiller Autorität. An einer Wand standen Regale voller ledergebundener Bücher, während jedes andere Detail – von den polierten Möbeln bis hin zur sorgfältig ausgewählten Einrichtung – von Reichtum, Macht und Einfluss zeugte.

Doch Matteos Aufmerksamkeit galt nichts davon. Sein Blick blieb auf die Waffe gerichtet, die in seiner Hand ruhte.

Die goldene Waffe war über Generationen der Familie Santoro weitergegeben worden. Sie war mehr als nur eine Schusswaffe. Sie war ein greifbares Symbol für den Titel, den er nun trug – das Zeichen des Don. Vor fast einem Jahr hatte sein Großvater sie ihm in die Hände gelegt, zusammen mit dem Titel, der vor ihm bereits Generationen von Santoro-Männern gehört hatte.

DON MATTEO SANTORO.

Er drehte die Waffe langsam zwischen seinen Fingern und betrachtete die polierte goldene Oberfläche, während die Erinnerung an die vergangene Nacht wieder in ihm aufstieg. Er war nach Amerika gekommen, um zu vollenden, was sein Großvater vor Jahren begonnen hatte: die vollständige Kontrolle über die rivalisierende Organisation zu erlangen, die seit Generationen im Krieg mit den Santoros stand. Der Konflikt hatte lange vor Matteos Geburt begonnen; beide Seiten stritten sich um dasselbe Territorium und dieselben Geschäfte. Jahrelang hatte sein Großvater daran gearbeitet, die Organisation von innen heraus zu schwächen, indem er ihr Stück für Stück Teile entriss und dabei jeden eliminierte, der sich ihm in den Weg stellte. Ein Mann war jedoch stets unantastbar geblieben: die rechte Hand der Organisation, derjenige, der ihr Imperium vor dem Zerfall bewahrte.

Bis zur vergangenen Nacht.

Am Morgen hatten seine Männer den abgetrennten Kopf des Mannes in einer sorgfältig versiegelten Kiste an die rivalisierende Familie übergeben. Es war keine Warnung. Es war eine Erklärung, dass die Santoros nicht länger verhandeln würden und dass ein neuer Don gekommen war, um dafür zu sorgen.

Diese Rolle hatte sich für ihn nie wie eine Last angefühlt. Er war darauf vorbereitet worden, seit er alt genug war, um zu verstehen, was sein Nachname bedeutete, und darauf trainiert, das Erbe der Santoros als etwas zu betrachten, das zu gleichen Teilen auf Macht, Loyalität und Angst beruhte. Sein Vater, der eigentlich vor ihm den Titel erben sollte, war ermordet worden, bevor er jemals die Gelegenheit dazu bekommen hatte, und sein Tod hatte Matteo Jahre früher als erwartet auf den Thron gebracht, was ihn zum jüngsten Don in der Geschichte der Santoros machte. Vielleicht war das der Grund, warum sein Großvater nie auch nur einen Moment daran gezweifelt hatte, dass er dieser Aufgabe gewachsen sein würde. Schon als Junge hatte Matteo die Menschen unbewusst verunsichert, ruhig in Räumen, in denen Ruhe fehl am Platz war. Sein Großvater hatte das früh bemerkt und Jahre damit verbracht, diese Gelassenheit zu etwas zu formen, hinter dem die ganze Familie stehen konnte.

Er hatte nicht vor, derjenige zu sein, der alles in die Brüche gehen ließ. Was auch immer nötig war, um die Stellung zu halten, würde er tun – genau wie gestern Nacht.

Die Bürotür schwang auf. Matteo riss den Kopf herum und hob in einer einzigen Bewegung die goldene Pistole, die er auf Höhe der Türöffnung richtete.

Dante erstarrte mitten im Schritt, hob langsam die Hände und starrte auf den Lauf.

„Dir auch einen guten Morgen.“

Matteos Miene veränderte sich nicht. „Klopfe das nächste Mal an.“

„Verstanden.“ Dante senkte die Hände, entspannte sich aber noch nicht ganz. „Wenn du mich allerdings durch eine geschlossene Tür erschießt, musst du das deinem Großvater erklären.“

Matteo legte die Waffe wortlos an die Kante des Schreibtisches, sein zusammengekniffener Blick ruhte auf seinem ältesten Freund. „Was gibt’s?“

Dante trat ein und schloss die Tür hinter sich. „Wir haben etwas gefunden.“

„Was das Mädchen betrifft?“

„Ja.“ Er durchquerte den Raum, ließ einen braunen Umschlag auf den Schreibtisch fallen und tippte einmal mit zwei Fingern darauf. „Das wirst du dir ansehen wollen.“

Matteo riss den Umschlag auf und zog eine Handvoll Fotos heraus. Auf dem ersten stand die Frau zwischen zwei anderen, mit goldbrauner Haut und dunklen Locken, die ihr locker über die Schultern fielen. Die andere, eine hellhäutige Schwarze, hatte ein Wirrwarr aus Locken und jenes breite, ungezwungene Lächeln, das darauf hindeutete, dass sie oft lachte. Ein weiteres Foto zeigte sie neben einem jungen Mann mit zerzaustem braunem Haar, dessen Arm lässig um ihre Schultern gelegt war, wie es jemand tut, der sie schon seit Jahren kennt. Ein paar weitere zeigten sie mit der einen Freundin, dann mit der anderen, dann alle drei zusammen.

Ihre Freundinnen, nahm er an, auf den Gruppenfotos. Wer das letzte aufgenommen hatte, konnte er nicht sagen.

Das letzte Foto in dieser Reihe war anders. Nur sie, ganz allein, saß irgendwo auf einer Betontreppe, die Knie angezogen, und lachte denjenigen an, der die Kamera hielt. Matteo betrachtete es eine Sekunde länger als die anderen, bevor er es beiseitelegte.

Er blickte auf. „Ihr Name?“

„Alondra Rosario.“ Dante ging zu dem kleinen Weinschrank an der Wand, holte eine Flasche Whisky heraus und schenkte sich ein Glas ein.

„Vierundzwanzig. Ihre Eltern sind vor ein paar Monaten bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Keine Geschwister, ein kleiner Freundeskreis, nichts, was auf Ärger hindeuten würde.“ Er kippte den Drink in einem Zug hinunter. „Auf dem Papier ist sie ein Niemand.“

„Und in Wirklichkeit?“

Dante antwortete nicht sofort. Er stellte das Glas ab, griff in den Umschlag nach einem zweiten Satz Fotos und legte sie auf den Schreibtisch, als wäre er sich nicht ganz sicher, ob er das wirklich wollte.

„Ihre Eltern“, sagte er.

Matteos Blick wanderte zu den Fotos. Eines hielt ihn inne.

Ein Mann mittleren Alters stand neben einer Frau, die Mitte dreißig zu sein schien; beide waren mitten im Lachen eingefangen, ihre Hand ruhte auf seiner Brust, als gehöre sie dorthin. Das Foto strahlte eine Gelassenheit aus, die neben all dem anderen auf dem Schreibtisch fehl am Platz wirkte.

Er nahm es in die Hand.

Die Ähnlichkeit traf ihn, noch bevor er überhaupt richtig verarbeitet hatte, was er da sah. Dieselbe Nase. Derselbe Kiefer. Hätte er es nicht besser gewusst, hätte er vermutet, es sei Alondra selbst, in einigen Jahren, eingefangen in einem Moment ungeschützten Glücks.

„Ihre Mutter“, sagte er. Es war keine Frage.

„So sieht es aus.“ Dante beobachtete ihn jetzt, nicht das Foto.

Matteo sagte nichts. Er konnte nicht erklären, warum das Gesicht einer Fremden – einer Frau, die er nie getroffen hatte und wahrscheinlich auch nie treffen würde – ihm so unter die Haut ging, wie es der Fall war. Es war keine Wiedererkennung, nicht genau. Nur eine Vertrautheit, für die er keinen Namen hatte und für die er auch keine Geduld aufbringen konnte.

Er warf Dante einen Blick zu. Dante erwiderte den Blick. Die unausgesprochene Botschaft war übermittelt.

Diese Frau war schon etwas Besonderes.

Seine Gedanken schweiften zurück zur vergangenen Nacht, zu dem Moment, als sie sie in dieser Gasse eingeholt hatten und Dante seine Waffe schon halb erhoben hatte, bevor der Klang der Sirenen die Entscheidung für sie traf. Es war keine Zeit zum Nachdenken gewesen, nur zum Handeln, um sie herauszuholen, bevor die Polizei eingriff.

Sie hatte sich nicht kampflos ergeben. Daran erinnerte er sich noch genau: wie sie sich aus Rons Griff gewunden und ihm einen so heftigen Ellbogenstoß versetzt hatte, dass der Mann für den Rest der Fahrt leise vor sich hin geflucht hatte.

Es war eine Kleinigkeit gewesen, in einer halben Sekunde vorbei, und es hatte nichts daran geändert, wie der Abend endete. Aber es hatte ihm trotzdem etwas über sie verraten, etwas, das ihm länger im Gedächtnis geblieben war, als es hätte sein sollen. Die meisten Menschen erstarrten. Sie hatte sich gewehrt. Selbst halb betrunken, voller Angst und in einer Dreier-gegen-Eins-Situation hatte sich ein Teil von ihr geweigert, es einfach geschehen zu lassen.

Er stellte fest, dass ihm das besser gefiel, als es ihm wahrscheinlich hätte gefallen sollen.

Erst als sie wieder auf dem Anwesen waren, als sie hingelegt worden war und jemand ihr das Blut von der Schläfe gewischt hatte, hatte er sie tatsächlich angesehen.

Da hatte sie nicht wie eine Last gewirkt. Sie hatte wie jemand ausgesehen, der eine sehr schlimme Nacht hinter sich hatte – was sie, fairerweise gesagt, auch hatte. Und doch hatte sie selbst im bewusstlosen Zustand nichts Hilfloses an sich gehabt, nicht wirklich. Er konnte sich nicht entscheiden, ob das die Situation besser oder erheblich schlimmer machte.

„Chef.“ Dantes Stimme riss ihn zurück. „Du starrst schon seit einer ganzen Minute auf dieses Foto.“

Matteo legte es hin, etwas bedächtiger, als es der Moment erforderte. „Es ist nichts.“

Dante wirkte nicht überzeugt, ließ es aber auf sich beruhen – was Matteo an ihm besonders schätzte. Er nahm das leere Glas und ging zur Tür, während Matteo allein mit den Fotos zurückblieb, die noch immer auf dem Schreibtisch ausgebreitet lagen.

Er wollte sie wiedersehen. Diesmal nicht bewusstlos.

Er wollte wissen, wie ihre Augen aussahen, wenn sie endlich seinen Blick trafen, und aus Gründen, die er sich nicht ganz erklären konnte, war er schon ungeduldig darauf gespannt.

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