LOGINEr nähert sich weiter, seine Finger finden mein Gesicht, streicheln meine Wange mit einer Zärtlichkeit, die mich erschauern lässt. Aber ich will keine Zärtlichkeit. Nicht heute Abend. Heute Abend will ich Feuer, Wut, Leidenschaft. Ich will, dass er mich nimmt, wie er mich noch nie genommen hat, dass er mir Schreie entreißt, dass er mich mit glühendem Eisen brandmarkt. — Du willst, dass ich dir beweise, dass ich dir gehöre? murmelt er, die Lippen an meinem Ohr. Gut. Heute Abend keine Sanftheit. Keine Zärtlichkeit. Heute Abend nehme ich dich wie ein Eroberer. Seine Hände werden härter, fordernder. Er reißt meine Jacke herunter, lässt die Knöpfe meines Hemdes mit einer Brutalität aufspringen, die mir den Atem nimmt. Ich kontere, indem ich an seiner Krawatte ziehe, seinen Gürtel öffne, ihn mit derselben wilden Dringlichkeit von seinen Kleidern befreie. Wir fallen auf das Sofa in einem Knäuel von Gliedern und rauen Atemzügen, unsere Münder finden
Livio MorettiDie Tür der Suite schlägt hinter uns zu, und das Schweigen, das sich einstellt, ist schlimmer als Schreie. Raphaël steht vor der Glasfront, den Rücken zugewandt, die Hände in den Taschen seines Anzugs, und ich sehe seine angespannten Schultern, seinen gestreckten Nacken. Er hat seit unserer Abreise aus der Galerie kein Wort gesagt. Kein einziges Wort. Und dieses Schweigen brennt mehr als jede Beleidigung.Ich bleibe mitten im Salon stehen, die Arme verschränkt, das Herz zum Zerspringen schlagend. Die Szene im Hinterraum der Galerie dreht sich in meinem Kopf im Kreis. Ich habe den Kuss nicht gesehen, nein, aber ich habe Raphaëls Gesicht gesehen, als er zurückkam, seine geschwollenen Lippen, seine trüben Augen, seinen Ausdruck eines Ertrinkenden, der nach langer Apnoe wieder auftaucht. Und ich habe Sorens Gesicht gesehen, dieses verfluchten Künstlers mit dem stürmischen Blick, der Raphaël ansah wie einen Schatz, den er durch eigene Schuld verloren
Er beendet seinen Satz nicht. Seine grauen Augen sind feucht geworden, und ich sehe seine Hände leicht zittern. Er ist den Tränen nahe, hier, in dieser überfüllten Galerie, umgeben von seinen Leinwänden und seinen Bewunderern. Und ich kann dieser Not nicht gleichgültig gegenüberstehen, nach allem, was er mir angetan hat. Weil Soren meine erste Liebe war, mein erstes Alles. Und seine erste Liebe vergisst man nie.— Einverstanden, sage ich schließlich. Malik, begleiten Sie Livio zur Bar. Ich komme in zehn Minuten nach.Livio wirft mir einen Blick zu, den ich gut kenne, einen Blick, der sagt: „Ich vertraue dir, aber enttäusche mich nicht." Er nickt, drückt einen flüchtigen Kuss auf meine Wange, und entfernt sich mit Malik, der mich mit Blicken durchbohrt, bevor er ihm folgt.Soren zieht mich in einen Hinterraum, einen kleinen, mit unvollendeten Leinwänden und Terpentin riechenden Farbtöpfen überfüllten Raum. Er schließt die Tür hinter uns, und plötz
Raphaël DelacroixDie Einladung kam heute Morgen, eine dicke schwarze Bristolkarte mit geprägten goldenen Lettern. „Galerie Obsidienne hat die Ehre, Sie zur Vernissage der Ausstellung ‚Cicatrices' von Soren Vinter einzuladen. In Anwesenheit des Künstlers. Heute Abend, 20:00 Uhr. Abendgarderobe erforderlich."Soren Vinter. Dieser Name hat meine Brust aufgerissen wie eine alte Kratzwunde, die sich wieder öffnet. Soren, meine Jugendliebe. Soren, der verfluchte Maler, den ich mit zwanzig leidenschaftlich liebte, vor Alessandro, vor dem Turm, bevor ich wurde, was ich bin. Soren, der von einem Tag auf den anderen verschwand, ohne eine Erklärung, und mich allein mit einem Herzen in Scherben und einer panischen Angst vor dem Verlassenwerden zurückließ, die mich nie verlassen hat.Ich hätte nicht kommen dürfen. Ich hätte die Einladung in den Müll werfen und in meiner Suite bleiben sollen, warm und geborgen, beschützt von Livios Armen und Maliks Wachsamkeit. Ab
Livio hat sich umgezogen, den Seidenmorgenmantel gegen eine Sporthose und ein enges T-Shirt getauscht, das einen schlanken, aber erstaunlich muskulösen Körper enthüllt. Nervige Arme, ein flacher Bauch, wohlgeformte Beine. Er ist nicht wie ein Krieger gebaut, aber er hat die Geschmeidigkeit eines Tänzers, die Leichtigkeit einer Raubkatze.— Gehen Sie in Deckung, sage ich und werfe ihm ein Paar Boxhandschuhe zu.Er fängt sie ungeschickt und zieht sie mit einer Linkischkeit an, die mich fast lächeln lässt. Fast.— Füße auseinander. Schulterbreite. Knie gebeugt. Hände vors Gesicht.Er gehorcht, ungeschickt, unausgeglichen. Ich kreise um ihn wie ein Raubtier um seine Beute, korrigiere seine Haltung mit fester Hand, tippe auf seine Schultern, richte seinen Rücken auf.— Sie haben noch nie Kampfsport gemacht?— Nein. Ich bin Maler, kein Boxer.— Dann werden Sie es lernen. Wenn jemand Sie angreift, müssen Sie sich wehren kö
Die Nachricht trifft mich wie ein Keulenschlag. Livio beschützen. Ständig bei ihm sein. Ihm überallhin folgen, über ihn wachen, für sein Leben geradestehen. Der Mann, der meinen Platz in Raphaëls Herzen eingenommen hat, der Mann, der in drei Nächten geschafft hat, was ich in sechs Jahren nicht geschafft habe, ich soll ihn jetzt beschützen, als wäre er mein Herr.— Herr Delacroix, sage ich mit einer Stimme, die ich bemüht neutral halte, meine Aufgabe ist es, Sie zu beschützen, Sie. Nicht Ihre... Gäste.— Ihre Aufgabe ist es, mir zu gehorchen, Malik. Und ich befehle Ihnen, Livio Moretti zu beschützen, wie Sie mich selbst beschützen würden. Mit derselben Hingabe. Derselben Effizienz. Ist das klar?Unsere Blicke kreuzen sich, und ich sehe in seinen eisigen Augen eine Entschlossenheit, die keine Anfechtung dulden wird. Er weiß, dass ich einen Befehl von ihm niemals ablehnen werde. Er weiß, dass meine Loyalität absolut, bedingungslos, pathologisch ist.







