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Kapitel 2: Die erste Vorladung

Penulis: Déesse
last update Tanggal publikasi: 2026-07-23 04:40:24

Théo

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Drei Tage.

Drei Tage, in denen ich nicht geschlafen habe. Drei Nächte, in denen ich die Decke anstarrte, die Risse zählte, in einer Endlosschleife die Szene im Gerichtssaal durchlebte, den grauen Blick, die schwarze Robe, das unmerkliche Lächeln. Drei Tage, in denen ich zwischen Anwaltskanzleien, Banken, Notaren hin und her hetzte, Formulare ausfüllte, Papiere unterschrieb, Leute anrief, die nicht antworteten. Drei Tage, in denen ich meine Mutter belog, ihr sagte, dass alles wieder gut wird, dass Papa rauskommt, dass die Gerechtigkeit seine Unschuld anerkennen wird, ihr hohle Worte servierte, an die ich selbst nicht glaube. Drei Tage, in denen ich sie verfallen sah, wie ihre Züge schlaff wurden, ihre Augen sich aushöhlten, wie ich sie allein in der Küche vor einer Tasse kaltem Kaffee weinend überraschte. Drei Tage, in denen ich sah, wie meine Schwester in ihr Zimmer floh, um zu weinen, ohne dass ich es hörte, wie ich nachts ihr ersticktes Schluchzen im Kissen hörte.

Ich bin erschöpft. Ausgelaugt. Am Ende. Mein Körper ist nur noch eine Hülle, die sich aus Gewohnheit fortbewegt, aus Reflex, weil es sein muss.

Und an diesem Morgen, während ich in der stillen Wohnung kalten Kaffee trinke, meine Mutter noch nicht aufgestanden, meine Schwester in ihrem Zimmer eingeschlossen, vibriert mein Telefon auf dem Küchentisch.

Eine Nachricht. Unbekannter Absender.

Théo Delmas ist heute um 14 Uhr ins Büro von Richter Delacroix vorgeladen. Justizpalast, 3. Stock, Büro 312. Anwesenheitspflicht.

Ich lese es dreimal. Delacroix. Der Name sagt mir nichts, und doch hallt er in mir wider wie ein Echo. Ich suche im Internet, die Finger zitternd. Untersuchungsrichter. Spezialisiert auf Finanzdelikte. Ah.

Er ist es.

Der Mann mit den grauen Augen. Derjenige, der auf meinen Mund starrte.

Ein Schauer läuft mir über den Rücken, kriecht meine Wirbelsäule hinauf, lässt die Härchen auf meinen Armen aufstehen. Angst? Nein, nicht nur. Etwas anderes, Trüberes, Tieferes, Intimeres. Eine Erwartung, die ich mich weigere zu analysieren, eine Mischung aus Beklommenheit und ungesunder Neugier. Eine winzige, beschämende Stimme in mir flüstert, dass ich ihn wiedersehen werde.

Um 13:45 Uhr stehe ich vor dem Justizpalast. Die imposante Fassade, die Marmorsäulen, die im kalten Wind knatternden Fahnen. Alles erscheint mir feindselig, bedrohlich, zu groß, zu kalt. Ich passiere die Sicherheitskontrollen, zeige meine Vorladung mit zitternder Hand, gehe durch den grundlos piependen Metalldetektor, werde abgetastet, durchgelassen. Ich steige über eine endlose Treppe in den dritten Stock, jede Stufe eine Anstrengung, jeder Absatz eine Prüfung.

Der Korridor ist lang, endlos, beleuchtet von summenden Neonröhren, ein fahles Licht, das allem einen kränklichen Ton verleiht. Türen aus dunklem Holz reihen sich aneinander, alle identisch, mit von der Zeit abgenutzten Messingschildern. Eingravierte Namen, Titel, Nummern. Büro 312. Ich klopfe.

— Herein.

Eine tiefe Stimme, gesetzt, voll, die von weit her zu kommen und doch ganz nah, in meiner Brust, in meinem Bauch zu widerhallen scheint. Ich öffne die Tür.

Der Raum ist weitläufig, viel mehr, als ich es mir vorgestellt hatte. Bücherregale vom Boden bis zur Decke, voller Akten und Gesetzbücher, Ledereinbände, goldene Titel, ein Geruch nach altem Papier und gewachstem Holz. Ein riesiger Schreibtisch aus Mahagoni, perfekt aufgeräumt, kein verrutschtes Papier, kein herumliegender Stift. Ein Fenster mit Blick auf die Stadt, doch der Himmel ist grau, das Licht trüb, und alles badet in einem sorgsam aufrechterhaltenen Halbdunkel. Und hinter dem Schreibtisch: er.

Édouard Delacroix.

Er trägt heute nicht seine Robe. Ein dunkler, perfekt geschnittener Anzug, ein makellos weißes Hemd, keine Krawatte, die ersten Knöpfe geöffnet und geben den Ansatz einer mächtigen Brust frei. Sein Haar ist leicht zerzaust, als wäre er mit der Hand hindurchgefahren, als wäre er gerade aus einem Nickerchen oder einer Umarmung erwacht. Er ist noch beeindruckender als vor drei Tagen. Größer. Breiter. Präsenter. Auch schöner, von einer gefährlichen, magnetischen Schönheit.

Er hebt die Augen zu mir, und ich spüre sofort, wie dieser Blick auf meiner Haut lastet wie eine unsichtbare Hand, wie eine Liebkosung, die nicht stattzufinden wagt. Seine grauen Augen wandern über mein Gesicht, verweilen eine Sekunde zu lang auf meinem Mund und heben sich dann wieder zu meinen Augen.

— Théo Delmas. Setzen Sie sich.

Seine Stimme ist ruhig, gefasst, professionell, doch darunter liegt etwas, eine kaum wahrnehmbare Schwingung, eine verhaltene Wärme, die mich gehorchen lässt, ohne nachzudenken. Ich setze mich auf den Stuhl ihm gegenüber. Er ist unbequem, zweifellos beabsichtigt, zu niedrig, zu hart, konstruiert, um denjenigen, der darauf sitzt, in einer Position der Unterlegenheit zu halten.

Er sagt nichts.

Er sieht mich an.

Sekunden vergehen. Zehn. Zwanzig. Dreißig. Eine Minute. Ich fange an, mich unwohl zu fühlen, rutsche auf meinem Stuhl hin und her, schlage die Beine übereinander und wieder auseinander. Ich hüstele, um die Stille zu brechen, um irgendetwas zu sagen.

— Herr Richter, ich bin wegen meines Vaters gekommen...

Er hebt eine Hand, unterbricht mich ohne ein Wort. Seine Geste ist fließend, autoritär, endgültig. Ich verstumme, der Satz bleibt in der Schwebe, der Mund noch einen Sekundenbruchteil geöffnet, bevor ich ihn schließe.

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