LOGINEr nähert sich mir mit langsamen, bedachten Schritten, wie man sich einem wilden Tier nähert, das man nicht erschrecken will. Er bleibt einen Meter entfernt stehen, gerade nah genug, dass ich die Wärme seines Körpers spüre, gerade weit genug, dass ich noch atmen kann. Seine Augen lassen die meinen nicht los, und ich spüre mein Herz unter seinem Blick rasen wie das eines ertappten Teenagers. – Ihr Vorname, sagt er sanft. Ihr richtiger Vorname. Nicht der, den alle kennen, nicht der aus den Wirtschaftsmagazinen und Aufsichtsräten. Der, den Ihre Mutter Ihnen gab, als Sie ein Kind waren. – Sie kennen ihn bereits, Sie haben es gestern selbst gesagt. – Dann sagen Sie ihn mir noch einmal. Hier. Jetzt. Wie ein Geschenk. Die Stille zwischen uns dehnt sich, schwer, brennend, beladen mit allem, was wir nicht sagen. Meine Kehle schnürt sich zu. Meine Hände werden feucht. Meine
Der Name trifft mich wie eine Ohrfeige. Alessandro. Mein Ex-Mann. Der Mann, der mich fast zerstört hat. Der Mann, der mich gelehrt hat, dass Liebe eine Waffe ist und Intimität eine Schwäche. – Das ist nicht dasselbe, sage ich, die Stimme angespannt. – Es ist immer dasselbe. Bei Ihnen gibt es nie eine Ausnahme. Es gibt das Protokoll oder das Chaos. Und Sie haben das Chaos gewählt. Wieder einmal. Ich stelle das Glas mit mehr Kraft als nötig auf den Schreibtisch. Das Kristall trifft auf das kostbare Holz mit einem trockenen Geräusch. Ich denke an Livio. An seine Augen. An seine Stimme, als er meinen Vornamen sagte. An diese wahnsinnige Herausforderung, die er mir entgegenschleuderte wie einen Handschuh. Ich komme jeden Abend wieder, bis Sie sich fallen lassen. – Ich bitte Sie, nicht einzugreifen, sage ich schließlich und drehe mich um, um Maliks schwarzem Blick zu begegnen. Lassen Sie ihn he
Malik hat die Gabe, in mir zu lesen wie in einem offenen Buch. Das ist zugleich seine größte Qualität und sein größter Fehler. Er kennt meine Schweigen, meine Fluchten, meine Feigheiten. Er ist der Hüter meiner Geheimnisse, der stumme Zeuge meines Abstiegs in die Hölle, der Einzige, der sich an den Mann erinnert, der ich war vor Alessandro. Und manchmal, immer häufiger in den letzten Monaten, überrasche ich in seinem Blick einen Schimmer, der nichts Professionelles hat. Eine Besorgnis, die den Rahmen seiner Pflichten sprengt. Eine Hingabe, die mich ebenso erschreckt wie beruhigt, weil ich weiß, was sie verbirgt. – Alles ist gut, sage ich, die Stimme trockener, als ich möchte. – Sie lügen. Sie lügen immer, wenn Sie sich weigern, mich anzusehen. Ich drehe mich schließlich zu ihm um. Sein Gesicht ist undurchdringlich, aus Granit gehauen, aber seine schwarzen Augen glühen mit einer Intensität, die mich unbehaglich mac
Im verlassenen Korridor lehne ich mich an die mit beigem Stoff bespannte Wand und schließe die Augen. Mein Herz schlägt wild gegen meine Rippen. Meine Beine drohen unter mir nachzugeben. Was habe ich gerade getan, verdammt? Ich habe einhundertzwanzigtausend Euro abgelehnt. Ich habe einen zerbrochenen Milliardär herausgefordert, der mich mit einem Fingerschnippen verschwinden lassen könnte. Ich habe das Leben meiner Mutter auf eine Intuition gewettet, auf einen Riss in einem Blick, auf einen Vornamen, in einem Hauch dargeboten. Ich bin völlig verrückt, erzverrückt, ein Fall für die Anstalt. Aber zum ersten Mal seit Monaten, seit Mama ins Krankenhaus eingeliefert wurde, seit sich die Rechnungen auf dem Küchentisch stapelten, seit ich diesen Termin mit der Agentur annahm, fühle ich mich lebendig. Völlig, intensiv, schmerzhaft lebendig. Raphaël Delacroix Ich hätte ihm meinen Vornamen nicht geben dürfen. Ich hätte ihn nicht
Die Stille, die folgt, ist ohrenbetäubend, schwindelerregend, als hätte die Welt aufgehört sich zu drehen. Er starrt mich an mit brennender Intensität, und ich halte seinem Blick stand, ohne zu blinzeln, ohne die Augen zu senken, ohne mich zu entziehen. Wir sind einen Meter voneinander entfernt, getrennt durch einen Abgrund ungesagter Dinge und gebrochener Regeln, und keiner von uns bewegt sich. – Gehen Sie, sagt er schließlich, und seine Stimme ist rau, krächzend. Nehmen Sie das Geld und gehen Sie. Vergessen Sie diese Nacht. Vergessen Sie mich. – Nein. – Ich befehle es Ihnen. – Sie sind nicht mein Chef. Sie sind nicht mein Herr. Sie sind ein Mann, der Angst hat, und ich bin zu dumm, um Angst vor Ihnen zu haben. Er öffnet den Mund, um zu erwidern, aber ich lasse ihm keine Zeit. Ich hole tief Luft und lasse heraus, was ich auf dem Herzen h
Ich setze mich im Bett auf. Das Zimmer ist bei Tageslicht immens, mit einem unpersönlichen Luxus eingerichtet, der nach Geld und Abwesenheit von Leben riecht, nach Geld und Einsamkeit, nach Geld und Verzweiflung. Abstrakte Gemälde an den Wänden, Leinwände, wahrscheinlich unbezahlbar, die nichts darstellen, geometrische Formen, die keine Geschichte erzählen. Designmöbel mit klaren Linien, schön und kalt wie Eisskulpturen. Ein Teppich so dick, dass meine Schritte darin versinken wie im Sand. Alles ist schön, alles ist teuer, alles ist leer. Alles ist wie das Ebenbild des Mannes, der diese Suite bewohnt. Und dann sehe ich sie. Den Umschlag. Er liegt auf der Konsole neben der Tür. Genau wie er es gesagt hatte. Genau wie es das Protokoll verlangt. Ein weißer, dicker Umschlag, ohne Beschriftung, ohne ein Wort, ohne ein Zeichen. Ich weiß, was er enthält. Ich weiß, wie viel er enthält. Einhundertzwanzigtausend Euro. Der Preis einer Nacht. Der Preis eines Lebens







