LOGINLivio hat sich umgezogen, den Seidenmorgenmantel gegen eine Sporthose und ein enges T-Shirt getauscht, das einen schlanken, aber erstaunlich muskulösen Körper enthüllt. Nervige Arme, ein flacher Bauch, wohlgeformte Beine. Er ist nicht wie ein Krieger gebaut, aber er hat die Geschmeidigkeit eines Tänzers, die Leichtigkeit einer Raubkatze.— Gehen Sie in Deckung, sage ich und werfe ihm ein Paar Boxhandschuhe zu.Er fängt sie ungeschickt und zieht sie mit einer Linkischkeit an, die mich fast lächeln lässt. Fast.— Füße auseinander. Schulterbreite. Knie gebeugt. Hände vors Gesicht.Er gehorcht, ungeschickt, unausgeglichen. Ich kreise um ihn wie ein Raubtier um seine Beute, korrigiere seine Haltung mit fester Hand, tippe auf seine Schultern, richte seinen Rücken auf.— Sie haben noch nie Kampfsport gemacht?— Nein. Ich bin Maler, kein Boxer.— Dann werden Sie es lernen. Wenn jemand Sie angreift, müssen Sie sich wehren kö
Die Nachricht trifft mich wie ein Keulenschlag. Livio beschützen. Ständig bei ihm sein. Ihm überallhin folgen, über ihn wachen, für sein Leben geradestehen. Der Mann, der meinen Platz in Raphaëls Herzen eingenommen hat, der Mann, der in drei Nächten geschafft hat, was ich in sechs Jahren nicht geschafft habe, ich soll ihn jetzt beschützen, als wäre er mein Herr.— Herr Delacroix, sage ich mit einer Stimme, die ich bemüht neutral halte, meine Aufgabe ist es, Sie zu beschützen, Sie. Nicht Ihre... Gäste.— Ihre Aufgabe ist es, mir zu gehorchen, Malik. Und ich befehle Ihnen, Livio Moretti zu beschützen, wie Sie mich selbst beschützen würden. Mit derselben Hingabe. Derselben Effizienz. Ist das klar?Unsere Blicke kreuzen sich, und ich sehe in seinen eisigen Augen eine Entschlossenheit, die keine Anfechtung dulden wird. Er weiß, dass ich einen Befehl von ihm niemals ablehnen werde. Er weiß, dass meine Loyalität absolut, bedingungslos, pathologisch ist.
Raphaël DelacroixDie Tür der Suite schlägt hinter mir mit einem dumpfen Geräusch zu, das in der Stille des leeren Salons widerhallt. Ich mache kein Licht. Ich bleibe im Halbdunkel stehen, den Rücken gegen die Tür gelehnt, die Augen auf die Lichter von Paris gerichtet, die hinter der Glasfront funkeln. Mein Herz schlägt zu schnell, meine Hände zittern noch, und der Geruch von Alessandros Parfüm scheint wie ein hartnäckiges Gift in meine Kleidung eingedrungen zu sein. Alles, was er heute Abend gesagt hat, dreht sich in meinem Schädel im Kreis, jedes Wort eine Klinge, jedes Lächeln ein Gift. Er weiß von Livio. Er weiß von der Agentur. Er weiß von meiner kranken Mutter. Er weiß alles, und diese Allwissenheit macht mir mehr Angst als jede ausdrückliche Drohung.Ich sollte keine Angst haben. Ich bin Raphaël Delacroix, der Herr des Turms, der Paris beherrscht, der Mann, der Finanzimperien in die Knie gezwungen hat, der Milliardär, den die Mächtigsten umwerben und fü
Seine Hand legt sich auf meine Wange, Handfläche offen, Finger gespreizt. Seine Haut ist rau, mit getrockneter Farbe befleckt, und diese Unvollkommenheit erschüttert mich mehr als alle Vollkommenheiten der Welt.— Ich möchte Sie um etwas bitten, sage ich in einem Hauch.— Alles, was Sie wollen.— Bleiben Sie. Nicht für eine Nacht. Nicht für zwei. Bleiben Sie eine Woche. Vielleicht länger. Ich brauche... ich brauche, nicht allein zu sein. Nicht jetzt. Nicht mit Alessandro, der herumschleicht.Er sieht mich an, seine bernsteinfarbenen Augen mit meinen verschmolzen. Ich erwarte, dass er zögert, dass er verhandelt, dass er seine Arbeit, sein Leben, sein Atelier vorbringt. Aber er tut nichts davon.— Einverstanden, sagt er einfach. Ich bleibe. Eine Woche, einen Monat, so lange Sie mich brauchen. Aber unter einer Bedingung.— Welcher?— Keine Regeln mehr zwischen uns. Kein Protokoll. Keine Maske. Wenn ich bleibe, dan
Er fixiert mich mit einer neuen Intensität, seine haselnussbraunen Augen plötzlich dunkler, tiefer. Er streckt die Hand über den Tisch und legt sie auf meine. Die Berührung seiner Haut wirkt auf mich wie eine Brandwunde.— Es tut mir leid, Raphaël. Wirklich. Wenn ich gewusst hätte, dass ich dir so viel Leid zufügen würde, wäre ich nie so gegangen.— Du lügst. Du wusstest genau, was du tust. Du hast es immer gewusst.— Vielleicht. Aber heute lüge ich nicht. Heute möchte ich nur… die verlorene Zeit aufholen. Nicht unbedingt als Liebhaber. Aber als Freunde. Wiederfinden, was wir hatten, bevor alles kippte.— Das ist nicht möglich. Das wird nie möglich sein.— Warum? Weil du in deinen kleinen Künstler verliebt bist?Die Frage überrumpelt mich. Bin ich in Livio verliebt? Der Gedanke durchfährt mich zum ersten Mal, blitzartig, erschreckend. Ich denke an seine bernsteinfarbenen Augen, an seine farbverschmierten Finger, an seinen Mund, der es gewagt hat, meine Regeln herauszufordern. Ich denk
Raphaël DelacroixDie Tour d'Argent hat sich nicht verändert. Dieselben dunklen Täfelungen, dieselben gestärkten weißen Tischdecken, dieselben Kristalllüster, die ein gedämpftes Licht auf die steinreichen Gäste verbreiten. Der Blick auf Notre-Dame ist immer noch spektakulär, die Seine, die sich zwischen den Quais wie ein Silberband unter dem Mond schlängelt. Hier hat Alessandro mir vor sieben Jahren einen Heiratsantrag gemacht. Hier hat er mir einen Ring mit blauem Diamanten angeboten und gesagt, er wolle den Rest seines Lebens mit mir verbringen, vor all diesen Fremden, die uns mit einer Mischung aus Neugier und Wohlwollen betrachteten. Ich hätte an jenem Abend wissen müssen, dass die schönsten Kulissen die schlimmsten Verrätereien beherbergen. Ich hätte begreifen müssen, dass dieser Mann eine in Seide gehüllte Schlange war, ein als Prinz Charming verkleideter Räuber.Aber ich war blind. Ich war verliebt. Und heute Abend, sieben Jahre später, sitze ich am selben Tisch, demselben Mann







