LOGIN„Ich will doch nur einen kleinen Happen“, schnurrt Courtney. „Zeig uns deinen Hals, Kleine“, drängt sie erneut. Doch da ich eine ihrer Hand halte und sie die ihres Bruders, weiß ich, dass sie Courtney nicht erliegen werden. Die Kleine fängt jedoch an, sich an mein Bein zu klammern.
„Zurück“, sage ich wütend.
Courtney stellt sich hin und kommt auf Augenhöhe mit mir. „Weißt du eigentlich, mit wem du redest?“
„Nein, und es ist mir auch verdammt scheißegal. Wenn du diesen Scheiß noch einmal abziehst, sorge ich dafür, dass du dich der Band nie wieder nähern darfst. Zur Kacke noch mal, wenn es sein muss, ramme ich dir meinen eigenen Pfahl ins schwarze Herz.“ Ich habe keine Ahnung, ob ich überhaupt die Macht dazu habe, was die Band angeht, aber dass sie sich an ein unschuldiges Kind heranmacht, als wäre es bloß eine Mahlzeit, überschreitet jede Grenze.
Sie lächelt mich an. „Ich werde dich verdammt noch mal komplett austrinken; zeig mir deinen Hals.“ Ich sehe sie nur an. „Zeig mir deinen Hals“, kreischt sie wie eine Irre.
„Verschwinde jetzt, oder ich hole die Security, und das wird noch peinlicher, als es ohnehin schon ist. Jeder sieht gerade, wie du dich zum Affen machst.“ Sie blickt sich im Raum um – und tatsächlich starren alle sie an.
„Zeig mir deinen Hals“, kreischt sie erneut, die Augen pechschwarz, die Fangzähne entblößt.
„Abigail, hol die Security“, sage ich streng, und sie macht sich sofort auf die Suche nach ihnen.
„Scheiße noch mal.“ Courtney stürmt auf mich zu. Ich hebe die Hand, und sie prallt gegen eine unsichtbare Wand. Sie versucht dagegen zu schlagen, doch sie kommt weder an mich noch an die Kinder heran. „Was für eine Magie ist das?“
„Eine Magie, die du nicht im Geringsten begreifst. Wenn du jetzt nicht verschwindest, verpasse ich dir Staub zu Asche.“ Meine Gabe tut das zwar nicht, aber das weiß sie ja nicht.
„Rush?“, blickt sie ihn hilfesuchend an.
„Hau einfach ab, du bist zu weit gegangen.“ Er schüttelt den Kopf.
„Ich zu weit gegangen? Ich erinnere mich noch genau daran, wohin wir früher am liebsten gegangen sind, um unschuldige Kinder zu jagen“, faucht sie ihn an, bevor sie stürmisch den Raum verlässt. Die Security trifft ein, als sie die Türen erreicht; da sie ohnehin geht, folgen sie ihr sofort nach draußen.
„Hey, ist alles gut bei euch?“ Ich gehe in die Hocke, und das kleine Mädchen schlingt ihre Ärmchen um meinen Hals, während ihr Körper vor Tränen zittert. „Hey, es ist gut. Du bist in Sicherheit.“
„Diese Frau war so unheimlich, ich dachte, sie bringt uns um. Bist du etwa eine Hexe?“, fragt sie mich und drückt sich noch fester an mich.
„Ich hätte diese schreckliche Frau niemals zugelassen, dir wehzutun. Aber nein, ich bin keine Hexe; ich bin etwas anderes“, seufze ich. „Lass uns zu deinen Eltern gehen.“
„Es ist nur mein Papa; Mama ist bei meiner Geburt gestorben.“ Sie schnieft, ihre Stimme wird ganz leise, und mein Herz bricht ein Stück weit für sie.
„Dann ab zu deinem Papa, ich bin sicher, er vermisst dich schon.“ Ich stehe auf und nehme ihre Hand.
„Ich weiß, wir hätten sterben können, aber das war verdammt cool“, wirft der Junge ein, und ich muss lachen.
Wir sind schon fast an der Tür, als ich meinen Namen rufen höre. „Ich muss das Buch schließlich noch unterschreiben“, sagt Rush, nimmt das Autogrammbuch, schreibt eine Nachricht hinein und unterzeichnet. „Gebt unserer Veronica hier eure Adresse, und wir spendieren euch und eurer Familie ein VIP-Erlebnis. Limousine vor der Haustür, Backstage-Pässe, Plätze in der ersten Reihe – das volle Programm.“ Er wirft ihr einen schuldbewussten Blick zu.
„Zeke hat zwar schon gesagt, wir kriegen Tickets, aber oh mein Gott, das wäre ja unglaublich! Danke schön!“, strahlt das kleine Mädchen ihn an. „Oh, und gib dich besser nicht mit solchen Frauen ab; die bringen nur Ärger“, belehrt sie ihn, was ihn zum Lachen bringt.
„Ich werde mein Bestes geben“, lacht er.
„Ob Vampir oder nicht – es schadet nie, nett zu sein“, entgegnet sie nur, bevor wir weitergehen.
Ich lächele, als wir auf die Tür zutreten, doch das Lächeln verblasst schnell, als ich mich noch einmal umsehe und sehe, wie die Bandmitglieder dicht nebeneinanderstehen und mich anstarren. Mein Körper fängt sofort wieder an zu glühen, ehe ich den Blick abwende. Ich bin erst seit einer Stunde in ihrer Nähe, und schon jetzt zeigt sich, dass dieser Job ein verdammt hartes Stück Arbeit wird.
Rush:
„Was zum Teufel hat Courtney sich eigentlich dabei gedacht?!“, fahre ich den Raum an. Courtney ist über zweihundert Jahre alt und benimmt sich immer noch wie ein verwöhntes Teenagergirl. Ich habe seit über achtzig Jahren kein menschliches Blut mehr aus reiner Grausamkeit getrunken, und das will ich auch gar nicht. Falsch verstehen darf man mich nicht: Wenn mir eine Frau freiwillig ihren Hals anbietet, koste ich vielleicht mal ganz gerne. Aber verdammt noch mal, als Veronica mich mit ihrem Hals gereizt und mir angeboten hat, zu kosten, wäre ich beinahe völlig durchgedreht.
Sie mit diesen Kindern zu sehen, wie sie für sie einsteht … Ich wünschte nur, damals vor all den Jahren hätte das mal jemand für mich getan.
Ich erinnere mich noch an das Trinken von einem Kind, das warme Blut auf meinen Lippen, die Hitze, die sich durch meinen ganzen Körper ausbreitete. Doch als ich damals diesen blinden kleinen Jungen sah, der offensichtlich nach seinem Brüderchen rief, während ihm die Tränen über die Wangen rollten – ich weiß nicht wie, aber dieser Junge hat etwas in mir verändert. Die Schuldgefühle für das, was ich getan und wen ich verletzt habe, verfolgen mich bis in meine Träume.
Das einzige Problem, wenn man kein menschliches Blut mehr trinkt, sind die Entzugserscheinungen; Blut aus dem Beutel ist einfach nicht dasselbe. Es ist wie bei einer Diät: Man weiß genau, dass man sofort mehr will, sobald man auch nur einen winzigen Bissen bekommt.
Zu sehen, wie Courtney versuchte, das völlig verängstigte Mädchen zu manipulieren, machte mich rasend. Und wie Veronica Courtney die Stirn bot – verdammt, das war so unglaublich heiß. Es hat mich so derartig angeturnt, ihr dabei zuzusehen.
Ich verabscheue diese blöden Regeln, an die wir uns halten müssen. Die Gesetze des Rates sind unumstößlich. Eine dieser Regeln in der Vampirwelt besagt, dass wir einen anderen Vampir nicht davon abhalten dürfen, sich zu nähren, es sei denn, wir haben diese Person offiziell beansprucht. Wenn man es doch tut, hat das Konsequenzen – eine beschissene Regel, aber eine, an die wir uns halten müssen. Genau deshalb ist Veronica hier.
Nicht, um auf uns aufzupassen. Sondern um auf die Leute aufzupassen, die zu uns aufsehen. Unsere Fans. Die Menschen, die mit uns arbeiten. Um sie vor denen zu schützen, die es genießen, ihnen Leid zuzufügen.
Ich muss nach außen hin eine Fassade wahren. Ich zeige Gleichgültigkeit, ich tue so, als wäre mir alles egal – aber tief in meinem Inneren bin ich genau das Gegenteil, auch wenn ich es eisern wegsperre. Ich darf mich nicht kümmern; wer sich kümmert, wird am Ende verletzt.
Manchmal kommt mir das hier so ähnlich vor wie in der Scheinwelt, aber ich weiß, der große Unterschied ist, dass ich nicht alles allein mache. Die Jungs sind bei mir, wenn jemand in Schwierigkeiten ist, und Finn und Rose helfen bei den Recherchen.Sie sind jetzt verlobt, was ich schon kommen sah. Die Art, wie er sie ansieht und jedes Mal errötet, wenn sie ihn ansieht, hat mich schon gewarnt, wohin das führen würde, und ich bin froh, dass sie geblieben ist.Wenn ich in ihrer Nähe bin, überkommt mich ein warmes Gefühl. Diese Vertrautheit mit ihr. Als hätten wir beide schon so viel zusammen durchgemacht, obwohl ich es eigentlich gar nicht war. Na ja, nicht die Person, die jetzt hier ist.Manchmal träume ich von Adelaide. Wir unterhalten uns, und sie zeigt mir magische Dinge. Es ist wie eine Art Schutzdecke. Ich hatte das Gefühl, ein Teil von mir fehlte, als das Licht mich verließ, aber ich wusste, es war nicht weit weg. Ich war bereit, dass es zurückkommt.Wir haben so viele böse Wesen b
Ich nicke. „Nur für ein paar Minuten, aber keine Sorge, ich habe dich zurückgebracht.“ Ich hake mich bei ihr ein.„Na gut.“ Sie schüttelt den Kopf. „Dieser Ort ist wie aus einem Horrorfilm. Können wir jetzt nach Hause? Ich habe genug Aufregung für heute. Ich will unbedingt mein neues Zimmer sehen.“ Sie hält inne. „Kein Wortspiel beabsichtigt, natürlich.“„Natürlich.“ Damit bringe ich uns zurück zum Hotel, aber sobald wir von dort weg sind, verschwindet der Cassius-Schloss-ähnliche Ort.„Ich habe es auch satt, ständig fotografiert zu werden. Ich glaube, ich werde von nun an einfach zu Fuß gehen …“ Sie schaut zur Wand. „Veronica, warum kleben deine Eltern und die Jungs an der Wand?“Ich beiße mir auf die Lippe. Ach ja. Das hatte ich vergessen. Ich löse sie und sie umringen mich und stellen mir gleichzeitig tausend Fragen. Emz pfeift und bringt sie damit zum Schweigen.„Fragt denn niemand, ob es mir gut geht? Ich wurde verprügelt und wäre fast gestorben.“ Sie stemmt die Hände in die Hüft
Ambers Körper windet sich, doch es nützt nichts. Sie sieht mir in die Augen, während ich sie anstarre. „Ich werde dafür sorgen, dass du nie wieder zurückkehrst“, höhne ich. „Ich hoffe, du genießt die Ewigkeit der Leere.“ Dann verwandelt sie sich in eine Staubwolke, und der Wind verweht die letzten Überreste.„Nein!“, ruft Cassius.Ich blicke zu Emz, mein Herz rast. Ihr Körper erhebt sich vom Boden, Licht weicht von mir und erfüllt sie. Ein Strahl umgibt sie, bis sie hustet und die Augen öffnet. Sie blickt an sich herunter und dann wieder zu mir.„Veronica“, sagt sie mit heiserer Stimme. Sie bleibt, wo sie ist, in einer geschützten Blase.Ich spüre, wie eine dunkle Wolke mich umgibt, mich erschüttert und versucht, meine Haut zu durchdringen. Ich fühle Nadeln, die in mich hineinschießen. Ich schüttle meine Hände aus, die Wolke verweht, und dann steht Cassius’ Schattengestalt vor mir.„Du glaubst, du kannst mich besiegen?“, brüllt er. „Du bist nichts als ein Kind.“Ich lächle. „Ich dacht
Ich lege meine Hand auf ihr Gesicht und streiche dann über ihren Körper. Ein Leuchten geht von mir aus, bis sie vollständig geheilt ist. Sie zieht mich wieder in eine Umarmung, doch wir drehen uns um, als wir Applaus hören.Cassius steht da, Amber an seiner Seite. Sie hat ihren Arm um seine Schulter gelegt und grinst mich an. „Sieh mal, wer wieder ganz die Alte ist.“ Er macht einen Schritt vor. Ich stelle Emz hinter mich, um sie zu schützen. „Du weißt doch, wie das endet, wenn du so weitermachst wie vorher.“Er macht noch einen Schritt vor und lässt Amber stehen. Ich bemerke, dass sie nicht glücklich darüber aussieht. Ich richte mich auf und funkle ihn an.„Oh, Adelaide. Es hätte so anders ausgehen können.“„Wer ist Adelaide?“, fragt Emz hinter mir, aber ich bringe sie zum Schweigen. Cassius lacht leise. „Adelaide war die Liebe meines Lebens, mein Ein und Alles, aber sie hat den Tod gewählt, um ihre Freunde und ein paar unbedeutende Leute zu retten. Hast du gesehen, wie sich diese Wel
Ich gehe zu den Jungs und führe sie näher zu meinen Eltern. Finn will einen Schritt nach vorn machen, aber Rose hält ihn auf.Ich stelle die Menschen, die ich liebe, in einen Kreis, mit mir in der Mitte. Ich sehe jeden einzelnen an. Die Eltern, die sich jedes Kind wünscht. Sie haben immer auf mich aufgepasst, mich so akzeptiert, wie ich bin, wie ich mich verliebt habe. Die bedingungslose Liebe, die sie mir immer geschenkt haben.Dann wende ich mich den Jungs zu, den vier Männern, die mich immer beschützen wollen, die sich um meiner selbst willen in mich verliebt haben. Wir sind verbunden. Sie sind meine Seelenverwandten.Ich schließe die Augen und spreche endlich die Worte aus, die ich von Herzen meine. Die Worte, die ein Kind für seine Eltern hat. Die Worte, die mich und die Jungs verbunden haben. „Ich liebe euch“, sage ich leise. Ich sage es auch für Emz, das Mädchen, das mir beigestanden hat. Ich lasse die Liebe ohne Zögern, ohne Angst wieder in mein Herz. Ich öffne mein Herz erneu
Ich strecke die Hände aus, in der Hoffnung, sie irgendwie erreichen zu können. „Emz!“Verdammt, warum kann ich meine Magie nicht zurückhaben? Ich könnte sie damit zu mir holen. Ich trete an den Fensterrand und schaue hinunter, um zu sehen, wie hoch wir sind.Ich hatte nie Höhenangst, aber das ist viel zu hoch. Slate zieht mich ein Stück zurück. Ich schreie auf und versuche, ihn wegzustoßen. Ich muss meine Freundin retten.Meine Augen weiten sich, als ich sehe, wie sie von Rauch umgeben ist. Er verwandelt sich in Cassius, der mich eindringlich anstarrt.„Adelaide?“, fragt er leise.„Verdammt noch mal!“, sage ich unter Tränen.„Ich muss zugeben, du hast dafür gesorgt, dass ich dich nicht finden konnte. Reinkarniert in dieses …“ Er wedelt mit der Hand auf und ab. „Ich wünschte nur, ich hätte es früher herausgefunden. Natürlich ist die Lichtquelle ursprünglich sie und wird es immer sein. Du steckst in einer brandneuen Hülle.“ Er schwebt ein Stück näher zu mir. „Ich habe dich vermisst, Ade







