LOGINBei einem Bankett der Mafiafamilie gab Emilio Gimondi, mein Freund seit fünf Jahren, den Ring, der die Donna der Familie symbolisierte, an seine Jugendfreundin Carlotta Lecce weiter. Jemand fragte fassungslos: „Sie haben Carlotta den Ring gegeben? Wird Frau Rinaldi nicht wütend sein?“ Emilio wirkte völlig unbesorgt. „Ein Heiratsantrag ist doch nur eine Formalität. Zita wird irgendwann die Donna der Familie sein. Sie brauchte nicht wegen eines Rings so auszurasten.“ Carlotta hielt mir den Ring demonstrativ vor die Augen. „Zita, ist er nicht wunderschön?“ Emilio glaubte, ich würde wie immer reagieren – wütend und eifersüchtig. Doch stattdessen sah ich sie nur ruhig an und sagte: „Er sieht wirklich wunderschön aus.“ Er war erleichtert und dachte, dass ich endlich meinen Platz erkannt hätte. Er versprach mir: „Nach unserer Hochzeit werde ich es wiedergutmachen und dir etwas viel Besseres als diesen Ring schenken.“ Doch was er nicht wusste: Ich war bereits an einer medizinischen Fakultät angenommen worden. Bald schon würde ich fort sein.
View More[Aus Zitas Sicht]Die Zeit verging wie im Flug. Ehe ich mich versah, war ich bereits seit sechs Monaten in Bellecourt.Mit einem dicken Stapel Vorlesungsunterlagen im Rucksack verließ ich das Anatomielabor. Der Himmel war bereits dunkel, und die Straßenlaternen entlang des Sevrene‑Flusses leuchteten alle auf. Ihr warmes, gelbes Licht spiegelte sich flimmernd auf dem Wasseroberfläche.Das Studium war in diesen sechs Monaten anspruchsvoll. Jeden Tag begann der Unterricht um acht Uhr morgens und endete erst um sechs Uhr abends, dazwischen lag nur eine einstündige Mittagspause. Manchmal musste ich nachts sogar noch in den Präparierraum, um den Lernstoff zu wiederholen.Wenn der Druck groß wurde, hatte ich keinen Kopf mehr für alles Übrige. Meine Gedanken drehten sich nur um Knochen, Nerven und Blutgefäße. Für anderes blieb kein Raum.Und genau das gefiel mir. Es war erschöpfend, aber erfüllend. Jede Minute brachte mich weiter voran, und ich musste auf niemanden mehr warten.Ich ging am Flu
[Aus der Sicht des Erzählers]Emilio hörte sich die Aufnahme zweimal an. Dann drehte er sich um und ging.Der Wagen beschleunigte rasant auf über 160 km/h. Als die Ampel auf Gelb sprang, bremste er nicht ab. Er raste einfach über die Kreuzung, während die Reifen bei der scharfen Kurve schrill über den Asphalt quietschten.Mit einem Tritt stieß er das Haupttor des Gimondi-Anwesens auf.Carlotta stand im Esszimmer und arrangierte gerade Blumen. Als sie das Geräusch hörte, blickte sie auf. Ein Lächeln breitete sich gerade auf ihrem Gesicht aus, als Emilio auf sie zuging. Doch im nächsten Moment riss er ihr die Calla-Lilie aus der Hand und schleuderte sie auf den Boden.„Du bist diejenige, die die Wohnung verwüstet hat“, stieß er hervor.Ihr Lächeln erstarrte. „Wovon redest du, Emilio?“„Maria hat mir alles erzählt.“ Er hielt ihr sein Handy hin und spielte die Aufnahme erneut ab.In dem Moment, als Carlotta ihre eigene Stimme aus dem kleinen Lautsprecher hörte, wich jede Farbe aus ihrem Ge
[Aus der Sicht des Erzählers]Emilio sah nicht auf.„Wenn Zita dich wirklich lieben würde, wäre sie längst zurückgekommen.“ Carlotta schob den Obstteller zu ihm hinüber. „Sie hat sich nie wirklich um dich gekümmert. Du weißt besser als ich, worauf sie es abgesehen hatte.“Emilio spießte ein Apfelstück mit der Gabel auf, aß es jedoch nicht. Stattdessen legte er es wieder zurück.„Ich bin müde.“Mit diesen Worten stand er auf und ging nach oben.Carlotta blieb auf dem Sofa sitzen und sah ihm nach, bis seine Gestalt hinter der Treppenbiegung verschwand. Erst dann erlosch langsam das Lächeln auf ihrem Gesicht.…Am neunten Tag trank Emilio bei einem Geschäftsessen Alkohol.Ihm gegenüber saß der Capo einer anderen Familie. Sie sprachen über die Grenzen ihrer jeweiligen Territorien, doch Emilios Gedanken schweiften immer wieder ab.Der Capo hob sein Glas für einen Trinkspruch, doch Emilio reagierte nicht. Der Mann sprach ihn zweimal an, bis er schließlich aus seinen Gedanken riss.„Don Gimon
[Aus der Sicht des Erzählers]Emilio trat hinein.Jede Schublade des Schreibtischs im Arbeitszimmer war aufgerissen, und überall auf dem Boden lagen verstreute Papiere. Der Computermonitor lag zerschmettert auf dem Boden. Der Bildschirm war in Stücke gesplittert, und mehrere Tasten waren aus der Tastatur herausgebrochen.Die Türen des Kleiderschranks im Schlafzimmer standen weit offen, Kleidung lag überall herum. Sein Safe hingegen war völlig unversehrt. Die Tür war fest verschlossen. Das war kein Einbruch.„Zita Rinaldi!“, rief Emilio mit brechender Stimme.Niemand antwortete. Er stand mitten in der Verwüstung. Seine Fäuste waren so fest geballt, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. Schritte ertönten vor der Tür.Carlotta stand dort in hellrosa Hauskleidung, eine Thermotasche mit Essen baumelte an ihrer Hand. In dem Moment, als sie das Bild im Zimmer erfasste, glitt ihr die Tasche aus den Fingern und fiel mit einem dumpfen Geräusch zu Boden.„Oh mein Gott.“ Sie hielt sich die





