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Kapitel 5

Author: Pia Westermann
Am nächsten Vormittag brachte die Personalabteilung in der Chefetage von Nordlicht Biotech die Unterlagen herein.

„Herr Reinhardt, das sind die Lebensläufe der heutigen Bewerber.“

„Leg sie dort hin. Ich habe gleich eine Besprechung, am Vorstellungsgespräch nehme ich nicht teil.“

„In Ordnung.“

Tobias Reinhardt wollte sich gerade erheben, um in den Besprechungsraum zu gehen, da fiel sein Blick beiläufig auf den obersten Lebenslauf.

Helene Adler.

Bei diesem Namen stutzte Tobias.

Er nahm den Lebenslauf, und beim Anblick des vertrauten Gesichts auf dem Foto stieg in ihm augenblicklich ein höchst widersprüchliches Gefühl auf, ja sogar eine freudige Überraschung.

Tobias war der Lieblingsschüler von Professor Eckhart und ein paar Jahre älter als Helene.

Schon während seiner Zeit im Ausland hatte er vom Professor gehört, dass dieser eine kluge, aufgeweckte junge Schülerin aufgenommen hatte, ein wahres Genie.

Jedes Mal, wenn der Professor am Telefon fachliche Fragen mit ihm erörterte, geriet er über diese junge Frau ins Schwärmen.

Anfangs verfolgte Tobias die Nachrichten über sie nur, um herauszufinden, wie außergewöhnlich sie sein musste, dass der Professor so große Stücke auf sie hielt.

Nach und nach jedoch verliebte er sich in diese junge Frau, die er nur von Fotos kannte.

Als seine Ausbildung im Ausland zu Ende war, bestieg Tobias ohne Zögern das Flugzeug zurück.

Wer hätte gedacht, dass ihn nach der Landung als erste Nachricht erreichte: Sie heiratete.

Er hatte geglaubt, ihre Wege kreuzten sich in diesem Leben nicht mehr, und nun lag ihr Lebenslauf vor ihm.

Tobias rief sofort seine Sekretärin an.

„Sag Bescheid: Die Besprechung heute Vormittag wird abgesagt!“

Dann begab sich Tobias in den Raum für die Vorstellungsgespräche.

Die Leute von der Personalabteilung stutzten bei seinem Anblick und räumten ihm eilig den mittleren Platz frei.

„Herr Reinhardt.“

Tobias unterdrückte seine innere Erregung.

„Wir können anfangen.“

Das Gespräch begann offiziell.

Tobias saß schweigend am Kopfende, die Personalabteilung übernahm das Befragen der Bewerber.

„Herr Reinhardt, die Bewerberin gerade eben …“

Sie holten sich seine Meinung ein.

„Das entscheidet ihr nach eigenem Ermessen.“

„Gut.“

„Der Nächste: Helene Adler.“

Erst als Helene den Raum betrat, richtete sich Tobias’ Aufmerksamkeit ganz auf sie.

Sie schien nicht in der besten Verfassung zu sein.

Die Personalabteilung stellte ein paar fachliche Fragen.

Zwar war Helene vier Jahre lang Vollzeit-Ehefrau gewesen, doch in dieser Zeit hatte sie stets gelesen und an sich gearbeitet, und so antwortete sie flüssig und ohne Fehler.

Die Personalabteilung nickte zufrieden und wollte sie schon auf den Bescheid warten lassen, da ergriff Tobias neben ihr das Wort.

„Ich sehe, Sie sind verheiratet.“

Eigentlich hatte er fragen wollen, warum sie auf einmal ins Berufsleben zurückkehrte.

Die Personalabteilung verstand ihn falsch und hakte in seinem Sinne nach.

„Frau Adler, wir brauchen langfristig verlässliche Mitarbeiter. Planen Sie in absehbarer Zeit, Kinder zu bekommen?“

Helene schüttelte den Kopf.

„Ich lasse mich bald scheiden, da sind keine Kinder geplant.“

Bei dieser Antwort stutzte Tobias. Als er den Anflug von Verlorenheit in ihren Augen sah, regte sich in ihm sogar so etwas wie Mitleid.

Was hatte Helene in diesen vier Jahren Ehe nur durchgemacht?

„Frau Adler, Ihre Situation ist uns bekannt. Gehen Sie nach Hause und warten Sie auf den Bescheid.“

„Gut.“

Helene verließ den Raum.

Die übrigen Gespräche waren für Tobias schal und reizlos, und so verließ er den Raum kurzerhand vorzeitig.

Helenes Scheidung war für ihn ohne Zweifel eine Chance.

Die Gefühle, die er so lange tief in sich verschlossen hatte, brachen nun unkontrolliert hervor.

Noch am selben Nachmittag erhielt Helene einen Anruf von der Personalabteilung: In der kommenden Woche sollte sie ihre Stelle antreten.

Helene teilte Professor Eckhart die Nachricht mit.

Eckhart wusste, dass Helene unter ihrem sanften Wesen einen festen Ehrgeiz verbarg und gewiss aus eigener Kraft durch das Auswahlverfahren gekommen war.

Als Svenja erfuhr, dass Helene eine Stelle gefunden hatte, war sie überglücklich und bestand darauf, sie einzuladen und gebührend zu feiern.

Am Abend traf Helene wie verabredet in der Nebelbar ein.

Das ausschweifende Treiben dort war ihr ein wenig fremd.

„Helene, hier entlang!“

Svenja stand an der Tür des Séparées und winkte ihr zu.

Kaum hatte Helene Platz genommen, führte ein Manager eine Reihe Begleiter mit nacktem Oberkörper herein.

Helene erschrak bei diesem Anblick.

„Svenja, was soll das?“

„Du lässt dich bald scheiden, hast eine Stelle und fängst ein neues Leben an – zur Feier habe ich dir extra ein paar Begleiter bestellt. Such dir einen aus, dann leistet er dir beim Trinken Gesellschaft.“

Helene wurde es ein wenig verlegen zumute.

„Das muss wirklich nicht sein.“

Sie war kein Mensch, der das Vergnügen suchte.

Ihre einzige Liebeserfahrung war, dass sie sich im Alter der ersten Schwärmereien in Damian verliebt und ihn geheiratet hatte.

„Dann das hier.“

Svenja deutete auf das schönste unter ihnen und entschied für Helene.

Der Begleiter setzte sich neben Helene.

Der durchtrainierte Begleiter mit seinem Waschbrettbauch rückte ihr immer wieder vor die Augen, und sie wusste mit ihrem Blick nicht wohin; sie nahm nur den Drink und überspielte ihre Verlegenheit mit einem Schluck.

Der Begleiter ergriff von sich aus Helenes Hand und ließ seinen Charme spielen.

„Na, Süße, trink doch auf meinem Schoß, dann darfst du sogar die Bauchmuskeln anfassen.“

Helene erschrak.

„Ich … ich gehe kurz auf die Toilette.“

So etwas war Helene wahrlich nicht gewohnt, und unter einem Vorwand schlüpfte sie rasch hinaus.

Im Waschraum spritzte sie sich etwas Wasser ins Gesicht und beruhigte sich.

Beim Hinausgehen verlief sie sich versehentlich und merkte nicht, dass sie in den VIP-Bereich geraten war.

Im VIP-Séparée machte Damian Carolin gerade mit ein paar seiner Jugendfreunde bekannt.

Konstantin Lehmann und Julius Severin waren von klein auf mit Damian aufgewachsen, kamen aus durchweg vermögenden Häusern und waren allesamt angesehene Persönlichkeiten Hafenstadts.

Damian hatte den Arm über die Sofalehne gelegt.

Carolin saß so dicht neben ihm, dass er sie auf ganz selbstverständliche Weise im Arm zu halten schien.

Konstantin hob sein Glas.

„Auf dich, Carolin.“

„Damian hat noch nie eine Frau zu unseren Treffen mitgebracht. Du bist die Erste!“

Carolin warf Damian einen Blick zu.

„Macht euch nur nicht über mich lustig. Sagt ihr das nicht zu jeder, die mitkommt?“

„Was ich sage, ist die reine Wahrheit, frag nur Julius!“

Julius nickte neben ihm.

„Er hat recht. Damian ist berüchtigt dafür, dass er sich nichts aus Frauen macht. Hätte diese Helene ihn nicht mit allerlei Tricks zur Heirat gezwungen, er hätte sie keines zweiten Blickes gewürdigt.“

Diese Antwort war Carolin eine wahre Wonne.

Vergnügt kippte sie ihr Glas hinunter.

Konstantin schenkte ihr sogleich nach.

„Was du verträgst! Komm, noch einen!“

Damian wehrte ab.

„Sie verträgt nicht viel. Lass es gut sein.“

Konstantin krähte von der Seite.

„Da nimmst du sie ja in Schutz! Es sind doch nur ein paar Gläser. Damian, stell dich nicht so an!“

Damian nahm Carolin das Glas aus der Hand.

„Ich trinke für sie.“

„Das geht nicht!“

Konstantin drückte Carolin Damians Glas in die Hand.

„Dann stoßt wenigstens eingehakt an, ihr zwei!“

Carolin sah Damian leicht errötend an und sagte von sich aus: „Meinetwegen. Aber nach diesem Glas wird mir nichts mehr eingeschenkt.“

„So großzügig, Carolin!“

Carolin und Damian hoben die Gläser.

In diesem Moment trat Helene durch die Tür.

Als sie aufblickte, sah sie Damian und Carolin, die Gläser in der Hand, die Arme ineinander verschränkt.

In dem Augenblick, als Damian Helene erblickte, trat sichtlich Abscheu in seine Miene.

„Wie kommst du hierher?“

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