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Zögernd betrete ich den Raum, aus dem lautes Lachen zu mir auf den Flur dringt. Mit beiden Händen umklammerte ich das graue Tablett, auf dem ein weißer Zettel mit meinem Namen darauf liegt. Meine Handflächen werden zunehmend feuchter und damit auch rutschiger. Eine ältere Dame begleitet mich in den Raum und deutet auf einen noch leeren Platz. Ausgerechnet am ansonsten voll besetzten Tisch, schießt es mir durch den Kopf. Dennoch befolge ich die stumme Aufforderung und gehe auf den Platz zu. Vorsichtig stelle ich das Tablett ab und setze mich auf den freien Stuhl. Hoffentlich fragt mich niemand etwas, denke ich schon fast flehend. Ich musste heute schon so viel mit mir unbekannten Menschen reden, dass mein Maß schon wieder voll ist. Kurz verfluche ich die ältere Dame, die mich dazu überredet hat, nicht in meinem Zimmer zu essen. Wieso? Warum musste ich nachgeben?
Ich schaue mich vorsichtig um. Mit mir am Tisch sitzen noch zwei andere junge Frauen und drei junge Männer. Ich beginne damit, mein Abendessen zu mir zu nehmen - vier Scheiben Brot und dazu Butter, Wurst und Käse. Währenddessen lausche ich den Gesprächen. Obwohl wir nicht alleine zu sein scheinen, redet niemand anderes. Die Gesprächsthemen sind etwas gewöhnungsbedürftig, aber das stört mich nicht. Ein Kind von Traurigkeit ist hier wahrlich niemand und ich verstehe schnell, wieso mir das Lachen schon auf dem Flur entgegen gekommen ist.
Links neben mir sitzt Sophia, zumindest lese ich das auf ihrem Namensschild. Sie scheint mir ähnlich zu sein, was sie sehr sympathisch macht. Auch sie lauscht nur den Gesprächen und verlässt nach Beenden ihrer Mahlzeit als Erste den Raum. Ihre Sitznachbarin heißt Melly, zumindest nennen die anderen sie so, und ist das komplette Gegenteil. Sie beteiligt sich aktiv an den Gesprächen und bietet den Männern gut Kontra. Mir gegenüber sitzt Jax, der sich blendend mit Korby, der rechts von mir sitzt, versteht. Die beiden sorgen dafür, dass es eigentlich keine ruhige Minute gibt und die anderen etwas zu lachen haben. Zwischen ihnen sitzt David, der ein wenig ruhiger ist, als die beiden und Melly, aber auch gut austeilen kann.
Obwohl mir eigentlich eher nach Ruhe ist, beginne ich die seltsame Gesellschaft zu genießen. Bei der ein oder anderen Aussage, merke ich, dass sich ein Lächeln auf mein Gesicht schleicht und nach und nach lässt die Nervosität nach. Wie zur Hölle machen sie das? Aber wenigstens lässt es sich hier gut aushalten, denke ich und bleibe noch einen Moment sitzen, obwohl ich schon aufgegessen habe. Erst als sich die Gruppe langsam auflöst, stelle ich mein Tablett weg und gehe in das mir zugewiesene Zimmer. Ich sortiere meine Sachen in die Schränke ein und räume meine Waschtasche ins Badezimmer. Mit meinem Laptop und meinen Kopfhörern ausgestattet, mache ich es mir auf dem Bett bequem und starte meine aktuelle Lieblingsserie. Weit komme ich jedoch nicht, denn es klopft an der Tür. Seufzend pausiere ich die aktuelle Folge und stehe vom Bett auf. Ich öffne die Tür und stehe Jax und Korby gegenüber. Leicht verwirrt schaue ich sie an und weiß nicht, was ich sagen soll.
„Wir wollten raus gehen und Volleyball-Fußball spielen. Hast du Lust, mitzukommen?“, fragt mich Jax.
„Ähm…“ Perplex schaue ich die beiden an und zwinge mich dann dazu, einen normalen Satz zustande zu bringen. „Eigentlich mag ich keine Ballspiele.“
„Das wird lustig. Manchmal muss man sich seinen Ängsten stellen“, versucht mich Korby zu überzeugen.
„Morgen vielleicht, okay?“, erwidere ich, vor allem, da ich es hasse, meine Folge unbeendet zu lassen.
„Okay, dann morgen.“ Jax erlöst mich mit dieser Aussage.
„Hab einen schönen Abend“, sagt Korby.
„Ihr auch“, sage ich und schließe vorsichtig die Tür wieder.
Was läuft hier denn falsch? Sie kennen mich nicht, wissen nicht einmal meinen Namen und wollen dennoch mit mir spielen? Haben die irgendwie einen Schaden?
Ich widme mich wieder meiner Serie und tauche direkt in die Ermittlungen ein. Ich liebe es, mit zu überlegen, wer der Mörder war und was die Motive waren. Doch ich stoße immer wieder an meine Grenzen, denn die Plot Twists sind echt nicht zu erahnen. Was hat der Drehbuchautor eigentlich gesoffen? Die Folgen fliegen nur so an mir vorbei und als ich das nächste Mal auf die Uhr schaue, ist es schon zwei Uhr nachts. Eigentlich würde ich gerne noch weiter schauen, aber ich weiß, dass ich morgen früh deutlich vor meiner bevorzugten Aufstehzeit aufhören muss zu schlafen. Also lege ich das Tablet zur Seite und kuschel mich unter meine Bettdecke.
Die Nacht ist nicht gerade ruhig, aber ich kämpfe mich am nächsten Morgen aus dem Bett. Ich denke darüber nach, alleine im Zimmer zu essen, aber als ich das Lachen höre, nehme ich doch mein Tablett und setze mich auf meinen Platz vom gestrigen Abend.
„Guten Morgen“, sage ich und bekomme von allen ein freundliches „Guten Morgen“ als Antwort.
Während ich versuche, mein Brötchen zu essen, laufen die Gespräche trotz der frühen Stunde schon auf Hochtouren. Wie kann man so früh schon so gut gelaunt sein? Und wieder kann ich nicht verhindern, bei den Witzen zu schmunzeln. Die Menschen hier haben irgendwie diese Wirkung auf mich. Ich merke, wie meine Laune mit jeder Minute, die ich hier am Tisch sitze und den Gesprächen lausche, besser wird. Vielleicht war es doch eine gute Idee, nicht alleine zu essen.
„Wie heißt du eigentlich?“ Die direkt an mich gerichtete Frage, wirft mich kurz aus dem Konzept.
„Jessy“, antworte ich und schaue, von wem die Frage kam - Jax.
„Und wie alt bist du?“, fragt Korby mich.
„Das fragt man eine Frau nicht“, kommt es von Melly.
„16“, antworte ich dennoch. Mist! Jetzt kommen doch diese typischen Kennenlernfragen. Wie ich das hasse. Vielleicht sollte ich mir für diese Situationen einen Steckbrief mit Lebenslauf zurechtlegen. Aber andererseits passiert das so selten, dass es sich wahrscheinlich gar nicht lohnt.
„Darf ich fragen, wieso du hier bist?“, fragt eine Stimme, die ich noch nicht kenne.
Verwirrt drehe ich mich in die Richtung, aus der die Frage gekommen ist. Ich schaue in das Gesicht einer jungen Frau, die mich ermutigend anlächelt.
„Ähm… Depressionen“, lautet meine Antwort.
„Ich bin übrigens Anna“, stellt sich die junge Frau vor. „Und mir gegenüber sitzt Leyla.“
Ich nicke nur. Smalltalk war noch nie mein Ding.
Es entsteht eine Pause, in der sich jeder seinem Frühstück widmet. Kurz fühle ich mich unwohl, aber da niemanden die Stille zu stören scheint, versuche ich mich wieder zu entspannen. Das klappt auch erstaunlich gut. Was machen diese Menschen hier nur mit mir?
„Hat noch jemand gleich Sport?“, unterbricht Jax die Gesprächspause.
„Jap“, kommt von mehreren Menschen gleichzeitig.
„Jessy, du auch?“ Jax schaut mich direkt an.
„Ich… glaube schon“, erwidere ich wahrheitsgemäß. Als er mich nicht mehr direkt anschaut, hole ich mein Handy heraus und schaue auf meinem Plan nach. Tatsächlich steht dort Sport als erste Aktivität auf meinem Tagesplan. Ausgerechnet Sport. Ich hasse es.
Dinge, die mir nicht liegen, mache ich so schon ungern. Aber Sport ist wirklich mein härtester Gegner. Mittag esse ich dann wohl alleine. Ich werde definitiv unten durch sein, wenn die Sportstunde vorbei ist.
Als alle fertig sind mit Essen, wird es kurz unruhig, da jeder sein Tablett wegräumt. Ich halte mich im Hintergrund und gehe dann schnell in mein Zimmer. Ich muss wenigstens ein bisschen meine soziale Batterie aufladen, bevor ich mit den anderen rausgehen kann. Wieso lasse ich es nicht langsam angehen und verbringe erst einmal Zeit mit mir selbst? Doch bevor ich eine vernünftige Antwort auf die Frage gefunden habe, höre ich, wie herum gefragt wird, ob alle bereit sind. Wie? Jetzt? Sofort? Darauf bin ich nicht vorbereitet. Ich gehe in mein Zimmer und tausche die Hausschuhe durch meine Straßenschuhe. Ich schlüpfe in meine Jacke und nehme sicherheitshalber noch mein Mückenspray mit. Vielleicht schaue ich erstmal nur zu. Mich vor den anderen drei zu blamieren, war eigentlich schon genug für heute. Dennoch gehe ich mit, als Jax an meiner Zimmertür klopft. Ich folge einfach der Gruppe und würde am liebsten wieder gehen, als ich sehe, dass sie das Volleyballfeld anstreben. Volleyball? Nie im
Ich laufe durch das Tor und lande in einer Wohnsiedlung. Garten grenzt an Garten und die Häuser verschwinden zwischen Bäumen, Sträuchern und Blumen. Ich folge der Straße, biege an der ersten Kreuzung rechts ab und komme in einer kleinen Nebenstraße an. Die Straße endet an einem Feldweg. Ich treffe einen Mann mit seinem Hund und verlangsame meine Schritte. Man weiß nie, wie Hunde reagieren, wenn man an ihnen vorbei läuft. Ich gehe ein kleines Stück und drehe mich dann nochmal um. Sie sind weit genug entfernt, sodass ich mein Tempo wieder aufnehme. Links von mir ist ein Weizenfeld und rechts von mir wächst hohes Gras an einem Zaun. Ich konzentriere mich auf meine Musik, die mir ein gutes Tempo vorgibt und folge einfach dem Weg. Die Sonne scheint auf mich hinunter und ich bin froh darüber, heute ohne Hoodie oder Jacke losgelaufen zu sein. Nach einigen Minuten bleibe ich jedoch irritiert stehen. Wo zur Hölle bin ich hier eigentlich? Ich beschimpfe mich in Gedanken selbst. Du Idiot! Wieso
Das mit dem Lernen durch Beobachten hat allerdings nicht funktioniert und so sitze ich nur wenige Minuten später wieder auf der Bank. Obwohl Fred gerade noch im Finale gegen David gespielt hat, gesellt er sich nun zu mir. Während Jax und David um den Sieg, beziehungsweise den nächsten Punkt, spielen, sitzen Fred und ich auf der Bank. Das Schweigen zwischen uns ist mir ein wenig unangenehm, aber ich habe auch keine Ahnung, wie ich ein vernünftiges Gespräch anfangen soll.„Na, alles klar bei dir?", fragt mich Fred und rettet mich damit.„Ja. Alles gut soweit."Fred schaut mich prüfend an. „Sicher?"„Ich kann halt kein Tischtennis, aber das ist okay", antworte ich.„Es geht hier ja auch nur um den Spaß", ermutigt er mich.Spaß? In welcher Realität lebt er denn? Wie soll etwas Spaß machen, in dem man ganz offensichtlich so schlecht ist wie ich?„Vielleicht müssen wir einfach nur ein bisschen mit dir üben", sagt Fred und steht auf, da das Match schon zu Ende ist.Ich diskutiere kurz mit mi
Als ich mit meinem Frühstück fertig bin, stehe ich schon vom Tisch auf, räume mein Tablett weg und gehe in mein Zimmer. Dort mache ich mich für die Sportstunde fertig und sammle meine letzten Reste Mut und Motivation zusammen. Kann ich die Stunde nicht einfach ausfallen lassen? Zwanzig Minuten vor dem Beginn der Stunde verlasse ich mein Zimmer und laufe prompt in die Gruppe vom Essen.„Ah, da bist du ja", begrüßt mich Jax.Haben sie wirklich auf mich gewartet? Und wenn ja, warum? Wollen sie mich verarschen?„Bereit für Sport?", fragt mich David.„Geht so", erwidere ich wahrheitsgemäß. „Sport ist nicht so meins."„Ach, wir machen nichts Aufwändiges", beruhigt mich Anna.„Ich kann auch kein Sport, aber wir machen eher Bewegung auf Rentner-Niveau", ergänzt Leyla.Ich mustere sie etwas genauer. Leyla ist neben mir noch die kleinste in der Gruppe. Die Männer scheinen auf sie aufzupassen und dennoch kann sie sich auch gut selbst verteidigen. Die Menschen hier haben doch alle einen an der Wa
Zögernd betrete ich den Raum, aus dem lautes Lachen zu mir auf den Flur dringt. Mit beiden Händen umklammerte ich das graue Tablett, auf dem ein weißer Zettel mit meinem Namen darauf liegt. Meine Handflächen werden zunehmend feuchter und damit auch rutschiger. Eine ältere Dame begleitet mich in den Raum und deutet auf einen noch leeren Platz. Ausgerechnet am ansonsten voll besetzten Tisch, schießt es mir durch den Kopf. Dennoch befolge ich die stumme Aufforderung und gehe auf den Platz zu. Vorsichtig stelle ich das Tablett ab und setze mich auf den freien Stuhl. Hoffentlich fragt mich niemand etwas, denke ich schon fast flehend. Ich musste heute schon so viel mit mir unbekannten Menschen reden, dass mein Maß schon wieder voll ist. Kurz verfluche ich die ältere Dame, die mich dazu überredet hat, nicht in meinem Zimmer zu essen. Wieso? Warum musste ich nachgeben?Ich schaue mich vorsichtig um. Mit mir am Tisch sitzen noch zwei andere junge Frauen und drei junge Männer. Ich beginne damit