로그인Als alle fertig sind mit Essen, wird es kurz unruhig, da jeder sein Tablett wegräumt. Ich halte mich im Hintergrund und gehe dann schnell in mein Zimmer. Ich muss wenigstens ein bisschen meine soziale Batterie aufladen, bevor ich mit den anderen rausgehen kann. Wieso lasse ich es nicht langsam angehen und verbringe erst einmal Zeit mit mir selbst? Doch bevor ich eine vernünftige Antwort auf die Frage gefunden habe, höre ich, wie herum gefragt wird, ob alle bereit sind. Wie? Jetzt? Sofort? Darauf bin ich nicht vorbereitet. Ich gehe in mein Zimmer und tausche die Hausschuhe durch meine Straßenschuhe. Ich schlüpfe in meine Jacke und nehme sicherheitshalber noch mein Mückenspray mit. Vielleicht schaue ich erstmal nur zu. Mich vor den anderen drei zu blamieren, war eigentlich schon genug für heute. Dennoch gehe ich mit, als Jax an meiner Zimmertür klopft. Ich folge einfach der Gruppe und würde am liebsten wieder gehen, als ich sehe, dass sie das Volleyballfeld anstreben. Volleyball? Nie im Leben. Nur über meine Leiche. Die anderen verteilen sich auf die zwei Spielfelder, aber ich bleibe am Rand zurück. Das muss ich mir wirklich nicht antun. Als ich gerade darüber nachdenke, vielleicht doch mit in das Spiel einzusteigen, fliegt der Ball in hohem Bogen über das Netz. David beobachtet die Flugbahn genau und trifft den Ball im richtigen Moment mit seinem Fuß. Achso, sie spielen Fußball. Da bin ich ja noch mehr raus, als bei Volleyball. Korby schießt den Ball wieder auf die andere Seite und Anna spielt ihn zurück. Allerdings nutzt sie Volleyball-Techniken. Jetzt bin ich verwirrt. Was spielen wir denn nun? Volleyball oder Fußball? Können sie sich bitte mal entscheiden. Ich kann zwar weder das eine noch das andere, aber das hier ist mir definitiv noch eine Nummer zu hoch. Ich spiele ernsthaft mit dem Gedanken, wieder nach oben zu gehen, aber irgendwie mag ich die Gesellschaft der Verrückten auch. Also bleibe ich stehen und verfolge weiterhin, wie sich der Ball von einer Seite des Spielfeldes zur anderen bewegt. Mal in hohem Bogen über das Netz, mal knapp drüber, mal am Netz vorbei und einige Male auch unter dem Netz durch. Scheinbar ist das die einzige Regel: Der Ball muss auf die andere Seite des Spielfeldes.
„Jessy, spiel doch auch mit", fordert mich David auf.
Ich zögere. Eigentlich ist das hier gar nicht meine Welt.
„Komm schon", mischt sich auch Jax ein. „Konfrontationstherapie."
Ich gehe im Kopf schnell durch, wie lange ich mich noch aus dem Spiel heraushalten kann und gebe schließlich nach. Es hat ja eh keinen Zweck, mit ihnen zu diskutieren.
„Okay, aber ich kann das Spiel gar nicht", sage ich und gehe einige Meter nach vorne, sodass ich im Spielfeld stehe.
„Ist egal. Wir auch nicht", antwortet Korby und schießt den Ball in hohem Bogen übers Netz.
Aber haben sie nicht die Regeln festgelegt? Und das, was ich die letzten Minuten gesehen habe, ist deutlich besser, als nicht können. Zwischen meinen Fähigkeiten, was den Umgang mit Bällen angeht, und deren, liegen viele Welten.
Konzentriert beobachte ich die Ballwechsel und versuche mir irgendwas zu merken. Es hat beim Tischtennis schon nicht geklappt, aber egal. Als der Ball so kommt, dass David keine Chance hat, ihn zu erwischen, gehe ich einen kleinen Schritt rückwärts. Ich warte, bis der Ball vor meinen Füßen auf dem Boden aufschlägt und trete zu.
„Siehst du, geht doch." Fred dreht sich zu mir um und grinst.
Ich winke nur ab. Das war gar nichts. Sind die jetzt auch noch blind? Der Rest des Spiels verläuft erstaunlich entspannt. Wann immer der Ball in meine Richtung fliegen soll, nehmen sich alle zurück. Das ist so lieb von ihnen.
Das Spiel geht weiter und ich werde zunehmend sicherer - zwar nur in Bruchteilen, aber immerhin etwas. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Spiel jeden Abend spielen will, aber für heute ist es sicherlich okay. Als die Gruppe auf Tischtennis wechselt, verabschiede ich mich und gehe in mein Zimmer zurück. Dort angekommen, mache ich es mir auf meinem Bett bequem und starte meine Serie. Die Folgen fliegen nur so an mir vorbei und ich vergesse meine Patzer im Tischtennis. Zumindest für wenige Minuten, denn sobald ich die Augen schließe, sehe ich es wieder vor mir. Grummelnd drehe ich mich auf die andere Seite und versuche an etwas anderes zu denken. Doch ich sehe nur Bilder vom heutigen Tag an mir vorbei ziehen. Ein Gesicht nach dem anderen schaut mich im Traum an und ich versuche mich an alle Namen zu erinnern. Drei Gesichter tauchen immer wieder auf. Jax. Fred. Korby. Jax. Fred. Korby. Anna. Leyla. Jax. Fred. David. Anna. Korby. Leyla. Fred. Jax. So geht es mehrere Stunden lang und ich komme nicht zur Ruhe. Nicht einmal die Schlafmedikamente wirken, was meine Laune nur bedingt verbessert. Ich will doch einfach nur schlafen. Wieso geht es nicht? So schwer ist das doch gar nicht!
Ich quäle mich durch die Nacht und als die Schwester am nächsten Morgen zum Wecken kommt, zwinge ich mich zum Aufstehen. Ich schleppe mich zum Frühstück und zwinge mir ein Brötchen runter. Nach einem kurzen Blick auf meinen Therapieplan sinkt meine Laune noch weiter in den Keller. Ausgerechnet Entspannung und Gymnastik. Als hätte Sport gestern nicht schon gereicht.
„Hat noch jemand Holztherapie?", fragt Leyla in die Runde.
„Es gibt so etwas?", hake ich verwirrt nach.
„Ja. Und der Therapeut ist mega cool."
„Ich habe kein Holz, aber ich denke, ich komme trotzdem mit", beantwortet Anna Leylas eigentliche Frage.
„Ich habe leider Gymnastik", wirft Jax ein.
„Ich auch", kommt es von David.
Immerhin bin ich nicht alleine. Aber motivierter bin ich deswegen noch lange nicht.
Als ich mein Frühstück endlich aufgegessen habe, verkrümel ich mich in mein Zimmer und putze Zähne. Ich schlüpfe aus meinem Schlafanzug und entscheide mich für eine einfache Jogginghose und ein leichtes T-Shirt. Seufzend packe ich meine Turnschuhe in einen Rucksack, stelle meine Trinkflasche dazu und schließe den Reißverschluss.
Genau in der Sekunde klopft es an meiner Zimmertür. Wer will denn ständig etwas von mir? Ich gehe hin und öffne sie - den Rucksack bereits auf dem Rücken.
„Na? Willst du mitkommen?", fragt Jax und er und Fred schauen mich fragend an.
„Habt ihr... etwa auch Sport?" Das war die unnötigste Frage überhaupt.
„Ja. Also, willst du?" Jax wartet noch immer auf meine Antwort.
„Okay", sage ich und schließe die Tür meines Zimmers hinter mir.
Als alle fertig sind mit Essen, wird es kurz unruhig, da jeder sein Tablett wegräumt. Ich halte mich im Hintergrund und gehe dann schnell in mein Zimmer. Ich muss wenigstens ein bisschen meine soziale Batterie aufladen, bevor ich mit den anderen rausgehen kann. Wieso lasse ich es nicht langsam angehen und verbringe erst einmal Zeit mit mir selbst? Doch bevor ich eine vernünftige Antwort auf die Frage gefunden habe, höre ich, wie herum gefragt wird, ob alle bereit sind. Wie? Jetzt? Sofort? Darauf bin ich nicht vorbereitet. Ich gehe in mein Zimmer und tausche die Hausschuhe durch meine Straßenschuhe. Ich schlüpfe in meine Jacke und nehme sicherheitshalber noch mein Mückenspray mit. Vielleicht schaue ich erstmal nur zu. Mich vor den anderen drei zu blamieren, war eigentlich schon genug für heute. Dennoch gehe ich mit, als Jax an meiner Zimmertür klopft. Ich folge einfach der Gruppe und würde am liebsten wieder gehen, als ich sehe, dass sie das Volleyballfeld anstreben. Volleyball? Nie im
Ich laufe durch das Tor und lande in einer Wohnsiedlung. Garten grenzt an Garten und die Häuser verschwinden zwischen Bäumen, Sträuchern und Blumen. Ich folge der Straße, biege an der ersten Kreuzung rechts ab und komme in einer kleinen Nebenstraße an. Die Straße endet an einem Feldweg. Ich treffe einen Mann mit seinem Hund und verlangsame meine Schritte. Man weiß nie, wie Hunde reagieren, wenn man an ihnen vorbei läuft. Ich gehe ein kleines Stück und drehe mich dann nochmal um. Sie sind weit genug entfernt, sodass ich mein Tempo wieder aufnehme. Links von mir ist ein Weizenfeld und rechts von mir wächst hohes Gras an einem Zaun. Ich konzentriere mich auf meine Musik, die mir ein gutes Tempo vorgibt und folge einfach dem Weg. Die Sonne scheint auf mich hinunter und ich bin froh darüber, heute ohne Hoodie oder Jacke losgelaufen zu sein. Nach einigen Minuten bleibe ich jedoch irritiert stehen. Wo zur Hölle bin ich hier eigentlich? Ich beschimpfe mich in Gedanken selbst. Du Idiot! Wieso
Das mit dem Lernen durch Beobachten hat allerdings nicht funktioniert und so sitze ich nur wenige Minuten später wieder auf der Bank. Obwohl Fred gerade noch im Finale gegen David gespielt hat, gesellt er sich nun zu mir. Während Jax und David um den Sieg, beziehungsweise den nächsten Punkt, spielen, sitzen Fred und ich auf der Bank. Das Schweigen zwischen uns ist mir ein wenig unangenehm, aber ich habe auch keine Ahnung, wie ich ein vernünftiges Gespräch anfangen soll.„Na, alles klar bei dir?", fragt mich Fred und rettet mich damit.„Ja. Alles gut soweit."Fred schaut mich prüfend an. „Sicher?"„Ich kann halt kein Tischtennis, aber das ist okay", antworte ich.„Es geht hier ja auch nur um den Spaß", ermutigt er mich.Spaß? In welcher Realität lebt er denn? Wie soll etwas Spaß machen, in dem man ganz offensichtlich so schlecht ist wie ich?„Vielleicht müssen wir einfach nur ein bisschen mit dir üben", sagt Fred und steht auf, da das Match schon zu Ende ist.Ich diskutiere kurz mit mi
Als ich mit meinem Frühstück fertig bin, stehe ich schon vom Tisch auf, räume mein Tablett weg und gehe in mein Zimmer. Dort mache ich mich für die Sportstunde fertig und sammle meine letzten Reste Mut und Motivation zusammen. Kann ich die Stunde nicht einfach ausfallen lassen? Zwanzig Minuten vor dem Beginn der Stunde verlasse ich mein Zimmer und laufe prompt in die Gruppe vom Essen.„Ah, da bist du ja", begrüßt mich Jax.Haben sie wirklich auf mich gewartet? Und wenn ja, warum? Wollen sie mich verarschen?„Bereit für Sport?", fragt mich David.„Geht so", erwidere ich wahrheitsgemäß. „Sport ist nicht so meins."„Ach, wir machen nichts Aufwändiges", beruhigt mich Anna.„Ich kann auch kein Sport, aber wir machen eher Bewegung auf Rentner-Niveau", ergänzt Leyla.Ich mustere sie etwas genauer. Leyla ist neben mir noch die kleinste in der Gruppe. Die Männer scheinen auf sie aufzupassen und dennoch kann sie sich auch gut selbst verteidigen. Die Menschen hier haben doch alle einen an der Wa
Zögernd betrete ich den Raum, aus dem lautes Lachen zu mir auf den Flur dringt. Mit beiden Händen umklammerte ich das graue Tablett, auf dem ein weißer Zettel mit meinem Namen darauf liegt. Meine Handflächen werden zunehmend feuchter und damit auch rutschiger. Eine ältere Dame begleitet mich in den Raum und deutet auf einen noch leeren Platz. Ausgerechnet am ansonsten voll besetzten Tisch, schießt es mir durch den Kopf. Dennoch befolge ich die stumme Aufforderung und gehe auf den Platz zu. Vorsichtig stelle ich das Tablett ab und setze mich auf den freien Stuhl. Hoffentlich fragt mich niemand etwas, denke ich schon fast flehend. Ich musste heute schon so viel mit mir unbekannten Menschen reden, dass mein Maß schon wieder voll ist. Kurz verfluche ich die ältere Dame, die mich dazu überredet hat, nicht in meinem Zimmer zu essen. Wieso? Warum musste ich nachgeben?Ich schaue mich vorsichtig um. Mit mir am Tisch sitzen noch zwei andere junge Frauen und drei junge Männer. Ich beginne damit