Mag-log inKapitel 5: Willkommen in der Familie
Die Türen zum Salon öffneten sich, und meine Welt stand still. Er stand am Kamin, eine Hand auf dem Kaminsims, die andere hielt ein Glas Whiskey. Groß. Breit gebaut. Sein Haar war dunkel, an den Schläfen silbern, sein Kinn so scharf, als könnte man Glas schneiden. Graue Augen trafen meine. Sturmwolkengrau. Unverwechselbar. Der Mann aus der Hotelbar. Der Mann, der mir im Dunkeln meinen Namen zugeflüstert hatte. Der Mann, der mir nichts als einen Brief und ein gebrochenes Herz hinterlassen hatte. Damien Blackwood. Adrians Vater. „Vater“, sagte Adrian mit aufgesetzter Fröhlichkeit in der Stimme. „Das ist Elena. Meine Verlobte.“ Der Raum schien zu schwanken. Damiens Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. Nicht die geringste Regung. Nicht die kleinste Regung. Er beherrschte die Kontrolle wie eine Waffe. „Willkommen in der Familie“, sagte er mit spiegelglatter Stimme. „Elena.“ Er reichte ihr die Hand. Ich starrte es an. Nimm sie, sagte ich mir. Tu so, als ob. Lächle. Lass ihn nicht sehen, dass du zusammenbrichst. Ich nahm seine Hand. Sein Griff war warm. Vertraut. Sein Daumen streifte kurz meine Knöchel, und ein elektrischer Schlag durchfuhr mich. „Danke“, flüsterte ich. „Gerne.“ Seine Augen wichen nicht von meinen. „Du gehörst jetzt zur Familie.“ Die Worte hallten in meinem Kopf wider wie ein Totenglöcklein. Das Abendessen verschwamm vor meinen Augen. Ich saß neben Adrian, die Hände im Schoß gefaltet, den Rücken steif. Gegenüber aß Damien mit geübter Eleganz, ganz auf sein Essen konzentriert, als wäre ich gar nicht da. Victoria beobachtete uns beide mit scharfen, berechnenden Augen. „Also“, sagte sie, ihre Stimme durchbrach die Stille, „wie habt ihr zwei euch kennengelernt?“ Adrian lächelte. „In einem Café. Sie hat ihren Latte über meinen Laptop verschüttet.“ „Wie romantisch.“ „Es war Schicksal“, sagte Adrian und drückte unter dem Tisch meine Hand. „Ich wusste es in dem Moment, als ich sie sah.“ Ich zwang mich zu einem Nicken. Schicksal. Wenn er es nur wüsste. Damien stellte sein Weinglas ab. „Und was machst du beruflich, Elena?“ Die Frage war beiläufig. Unschuldig. Doch seine Augen verrieten alles andere als das. „Ich bin Grafikdesignerin“, sagte ich. „Ich leite mein eigenes Studio.“ „Beeindruckend. Es ist nicht einfach, ein Unternehmen von Grund auf aufzubauen.“ „Ich hatte Unterstützung. Gute Freunde. Und eine Menge Glück.“ „Glück spielt dabei keine Rolle.“ Seine Stimme war ruhig und bedächtig. „Talent und Entschlossenheit. Darauf kommt es an.“ Adrian strahlte, ohne etwas davon zu ahnen. „Sie ist bescheiden. Elenas Arbeit ist unglaublich. Sie hat die Kampagne für Marcus Chens Modelinie entworfen, und sie ging viral.“ Damien hob eine Augenbraue. „Marcus Chen. Der Designer?“ „Einer meiner engsten Freunde“, sagte ich. „Wir waren zusammen auf der Kunsthochschule.“ „Interessant.“ Etwas huschte über sein Gesicht, etwas, das ich nicht deuten konnte. Doch bevor ich es deuten konnte, stellte er eine weitere Frage. „Wie haben Sie meinen Sohn kennengelernt?“ Stille breitete sich im Raum aus. Ich spürte, wie Adrians Hand meine fester umklammerte. Ich spürte Victorias Blick, der sich in meinen Schädel bohrte. Ich spürte Damiens Blick, fest und unerbittlich, der auf eine Antwort wartete. „Wir haben uns in einem Café kennengelernt“, sagte ich. „Das habe ich Ihnen doch schon erzählt.“ „Sie haben mir gesagt, wo. Nicht wie.“ „Ich habe meinen Latte über seinen Laptop verschüttet.“ „Und dann?“ „Er hat mir einen neuen Kaffee spendiert.“ „Und dann?“ „Er hat nach meiner Nummer gefragt.“ Meine Stimme war ruhig, aber mein Herz raste. „Wir sind zusammen essen gegangen. Wir haben uns verliebt. Das ist alles.“ „Das ist alles“, wiederholte Damien. Sein Tonfall war emotionslos. Undurchschaubar. „Ja.“ Er hielt meinen Blick lange fest. Dann lächelte er, ein dünnes, kaltes Lächeln, das seine Augen nicht erreichte. „Wie glücklich Sie sich schätzen können“, sagte er. „Für Sie beide.“ Das Essen endete um zehn. Ich entschuldigte mich als Erste, gab Kopfschmerzen vor und flüchtete in das Gästezimmer, das Adrian mir zuvor gezeigt hatte. Ich schloss die Tür, lehnte mich dagegen und atmete erleichtert aus. Meine Hände zitterten. Ein Klopfen an der Tür ließ mich zusammenzucken. „Elena.“ Damiens Stimme. Mir gefror das Blut in den Adern. Ich öffnete die Tür. Er stand im Flur, sein Gesichtsausdruck undurchschaubar, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. „Wir müssen reden.“ „Ich habe dir nichts zu sagen.“ „Das ist bedauerlich.“ Er trat ein und schloss die Tür hinter sich. „Denn ich habe dir sehr viel zu sagen.“ Ich wich zurück. „Du solltest nicht hier sein.“ „Du auch nicht.“ Sein Blick musterte mich kalt und prüfend. „Du hättest mir sagen sollen, wessen Ring du trägst, bevor du mein Haus betreten hast.“ „Ich wusste es nicht.“ „Du kanntest meinen Namen nicht.“ „Nein.“ Meine Stimme versagte. „Du hast es mir nie gesagt.“ Er schwieg einen Moment. Dann lachte er, ein hohles, bitteres Lachen. „Zwei Monate“, sagte er. „Zwei Monate habe ich versucht, dich zu finden. Zwei Monate habe ich an jene Nacht gedacht. Und dann kommst du in mein Haus, trägst den Ring meines Sohnes und nennst dich seine Verlobte.“ „Das habe ich nicht geplant.“ „Und du?“ „Ich wusste nicht, wer du bist.“ Ich trat näher, die Hände zu Fäusten geballt. „Ich wusste nicht, dass Adrian dein Sohn ist. Ich wusste gar nichts.“ „Weil du nicht gefragt hast.“ „Weil du es mir nicht gesagt hast!“ Die Worte hingen wie Rauch zwischen uns. Damiens Kiefer verkrampfte sich. „Du hast recht. Ich habe es dir nicht gesagt. Ich habe dir meinen Namen, meine Geschichte, meine Familie nicht erzählt. Ich habe es dir nicht gesagt, weil ich Angst hatte.“ „Wovor?“ „Davor.“ Er deutete zwischen uns hin und her. „Davor, dass du herausfindest, wer ich wirklich bin, und das Weite suchst.“ „Ich bin geflohen.“ Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Ich bin zwei Monate lang geflohen. Ich habe versucht, dich zu vergessen. Ich habe versucht, weiterzumachen.“ „Und du?“ „Nein.“ Das Wort entfuhr mir, bevor ich es zurückhalten konnte. „Nein, habe ich nicht.“ Etwas veränderte sich in seinem Gesichtsausdruck. Etwas Verletzliches. Etwas Gefährliches. „Elena –“ „Du hast mich verlassen.“ Meine Stimme versagte. „Du hast mir nichts als einen Brief und ein gebrochenes Herz hinterlassen. Du hast nicht das Recht, hier zu stehen und so zu tun, als ob es dich kümmern würde.“ „Es kümmert mich.“ „Warum bist du dann gegangen?“ Er schwieg. „Warum?“, fragte ich eindringlich. „Warum bist du verschwunden? Warum hast du mir nicht gesagt, wer du bist?“ „Weil ich ein Feigling bin.“ Das Geständnis traf mich wie ein Schlag. „Ich habe mein ganzes Leben lang Mauern um mich herum errichtet“, sagte er leise. „Um mich selbst zu schützen. Um meine Familie zu schützen. Und dann traf ich dich, und für eine Nacht vergaß ich, Angst zu haben.“ Er hielt inne. „Und das hat mich zutiefst erschreckt.“ „Also bist du geflohen.“ „Also bin ich geflohen.“ Er sah mir in die Augen. „Und ich bereue es seitdem jeden Tag.“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich wusste nicht, was ich fühlen sollte. „Ich kann das nicht“, flüsterte ich. „Adrian liebt mich. Ich kann ihn nicht verletzen.“ „Dann sind wir uns einig.“ Seine Stimme war wieder kalt. Beherrscht. „Wir tun so, als wäre nichts geschehen. Wir begraben die Vergangenheit. Wir machen weiter.“ „Und wenn ich es nicht kann?“ „Dann wirst du es.“ Er trat näher, seine Augen brannten in meine. „Denn wenn du es nicht tust, verlieren wir alle alles. Adrian. Ich. Du.“ Er ging zur Tür und blieb stehen, die Hand am Griff. „Noch etwas“, sagte er, ohne sich umzudrehen. „Was?“ „Deine Mutter.“ Er warf einen Blick über die Schulter. „Wir sollten auch über sie reden.“ Die Tür schloss sich hinter ihm. Ich stand allein in der Dunkelheit, mein Herz hämmerte, meine Gedanken rasten. Deine Mutter. Was wusste er? Was hatte sie getan? Und warum hatte ich das Gefühl, am Rande einer Klippe zu stehen und darauf zu warten, hinunterzustürzen?Kapitel 5: Willkommen in der FamilieDie Türen zum Salon öffneten sich, und meine Welt stand still. Er stand am Kamin, eine Hand auf dem Kaminsims, die andere hielt ein Glas Whiskey. Groß. Breit gebaut. Sein Haar war dunkel, an den Schläfen silbern, sein Kinn so scharf, als könnte man Glas schneiden. Graue Augen trafen meine. Sturmwolkengrau. Unverwechselbar. Der Mann aus der Hotelbar. Der Mann, der mir im Dunkeln meinen Namen zugeflüstert hatte. Der Mann, der mir nichts als einen Brief und ein gebrochenes Herz hinterlassen hatte. Damien Blackwood. Adrians Vater.„Vater“, sagte Adrian mit aufgesetzter Fröhlichkeit in der Stimme. „Das ist Elena. Meine Verlobte.“ Der Raum schien zu schwanken. Damiens Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. Nicht die geringste Regung. Nicht die kleinste Regung. Er beherrschte die Kontrolle wie eine Waffe. „Willkommen in der Familie“, sagte er mit spiegelglatter Stimme. „Elena.“ Er reichte ihr die Hand. Ich starrte es an. Nimm sie, sagte ich mir. Tu so,
Kapitel 4: Das Haus SterlingDas Anwesen der Blackwoods erhob sich wie ein Denkmal aus einem anderen Jahrhundert aus den Bäumen. Ich presste mein Gesicht ans Autofenster, als wir durch die eisernen Tore fuhren und die Villa zwischen den gepflegten Rasenflächen und uralten Eichen aufragen sah. Sie war gewaltig, aus Stein und Glas, mit hoch aufragenden Bögen, und wirkte, als stünde sie schon seit Jahrhunderten dort und hätte die Welt um sich herum verändert. „Beeindruckend, nicht wahr?“, sagte Adrian. „Erschreckend.“ „Ganz dasselbe.“ Ich lachte gezwungen.Drei Tage waren vergangen, seit ich das Foto gefunden hatte. Drei Tage, an denen ich so tat, als wäre alles normal, während mir unzählige Fragen durch den Kopf gingen, die ich nicht stellen konnte. Wer war Damien Blackwood für meine Mutter? Warum hatte er ihr Foto? Und warum stimmten die Worte auf der Rückseite mit der Nachricht überein, die der Fremde in meinem Hotelzimmer hinterlassen hatte? Ich hatte nicht geschlafen. Ich hatte kaum
Kapitel 3: Der Ring, den ich nicht hätte annehmen sollenAdrian machte mir an einem Dienstag einen Heiratsantrag. Kein schickes Abendessen. Keine große Geste. Nur wir beide auf der Dachterrasse seines Penthouses, Essensreste auf dem Tisch verstreut, die Stadt unter uns glitzernd wie ein Lichtermeer. „Willst du mich heiraten?“, sagte er. Ich verschluckte mich an meinen Nudeln. „Wie bitte?“Er lachte, dieses herzliche, unbeschwerte Lachen, das mich vom ersten Moment an in seinen Bann gezogen hatte. „Ich sagte: ‚Willst du mich heiraten?‘ Ich weiß, man sollte es mit Ring, Rede und vielleicht sogar Streichquartett machen, aber ich bin ungeduldig, und ich liebe dich, und ich möchte den Rest meines Lebens damit verbringen, es dir zu beweisen.“ Er griff in seine Tasche und zog eine kleine Samtschachtel hervor. „Ich werde alles ordentlich machen. Versprochen. Aber jetzt muss ich es einfach nur wissen. Willst du?“ Er öffnete die Schachtel. Der Ring darin war schlicht. Elegant. Ein einzelner Dia
Kapitel 2: Eine Nacht ohne NamenIch löschte seinen Brief. Nicht den physischen, der lag schon zerknittert irgendwo in der Stadt in einem Mülleimer. Nein, ich löschte die Erinnerung. Oder versuchte es zumindest. Drei Wochen lang wachte ich jeden Morgen auf und sagte mir dasselbe: Er war niemand. Es war nichts. Mach weiter. Manchmal glaubte ich es. Meistens nicht.Der Absagebrief lag wie ein Grabstein auf meinem Schreibtisch. Drei Jahre lang hatte ich an einer Kampagne für eine Luxus-Hautpflegemarke gearbeitet, ein Projekt, in das ich alles gesteckt hatte, jede Faser meiner Kreativität, jede schlaflose Nacht und jede Hoffnung. Und sie hatten sich für jemand anderen entschieden. Ein größeres Studio. Eine sicherere Wahl. Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen … Ich knüllte den Brief zusammen und warf ihn in den Müll. Dann holte ich meinen Skizzenblock heraus und fing von vorn an. So macht man das, wenn einen das Leben zu Boden wirft. Man steht wieder auf. Man macht weiter.Meine Mutter
Kapitel 1: Der Fremde, der meinen Namen kannteDas Glas glitt mir aus den Fingern und zerschellte auf dem Marmorboden. Whisky sammelte sich bernsteinfarben und glänzend um meine Fersen, und der Barkeeper erschien augenblicklich mit einem Handtuch und einem geübten Lächeln, das sagte: „Ich habe schon Schlimmeres gesehen.“ „Tut mir leid“, murmelte ich. „Ich zahle …“ „Geht aufs Haus.“ Er winkte ab. „Sie sahen aus, als bräuchten Sie es.“ Das tat es. Aber nicht aus den Gründen, die er vermutete.Der Umschlag in meiner Handtasche fühlte sich an, als würde er tausend Pfund wiegen. Absagen hatten diese Wirkung, sie machten alles schwerer. Drei Jahre meines Lebens, sechs Monate schlafloser Nächte und ein Standardbrief, unterschrieben von jemandem, der sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, einen richtigen Stift zu benutzen. Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen … Ich hatte ihn zwölfmal gelesen. Er ergab immer noch keinen Sinn.Drei Jahre. Drei Jahre, in denen ich vor Tagesanbruch aufwacht







