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KAPITEL 2

Author: NEON ON LIGHT
last update publish date: 2026-10-22 23:53:00

Kapitel 2: Eine Nacht ohne Namen

Ich löschte seinen Brief. Nicht den physischen, der lag schon zerknittert irgendwo in der Stadt in einem Mülleimer. Nein, ich löschte die Erinnerung. Oder versuchte es zumindest. Drei Wochen lang wachte ich jeden Morgen auf und sagte mir dasselbe: Er war niemand. Es war nichts. Mach weiter. Manchmal glaubte ich es. Meistens nicht.

Der Absagebrief lag wie ein Grabstein auf meinem Schreibtisch. Drei Jahre lang hatte ich an einer Kampagne für eine Luxus-Hautpflegemarke gearbeitet, ein Projekt, in das ich alles gesteckt hatte, jede Faser meiner Kreativität, jede schlaflose Nacht und jede Hoffnung. Und sie hatten sich für jemand anderen entschieden. Ein größeres Studio. Eine sicherere Wahl. Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen … Ich knüllte den Brief zusammen und warf ihn in den Müll. Dann holte ich meinen Skizzenblock heraus und fing von vorn an. So macht man das, wenn einen das Leben zu Boden wirft. Man steht wieder auf. Man macht weiter.

Meine Mutter hatte mir das beigebracht. Bevor sie starb, bevor der Krebs sie dahinraffte, hatte sie drei Jobs und fand trotzdem noch Zeit, mir Gutenachtgeschichten vorzulesen. Sie hatte mir gesagt, ich sei zu Großem bestimmt. Dass ich eine Kämpferin sei. Dass ich niemals nichts sein würde. Du warst niemals nichts. Ich verdrängte die Stimme der Fremden aus meinem Kopf und machte mich an die Arbeit.

Zwei Wochen später hatte ich einen neuen Kunden gewonnen, eine kleine Boutique, die ein Rebranding wollte. Es war nicht glamourös. Es war nicht der große Durchbruch, auf den ich gewartet hatte. Aber es war etwas. Marcus feierte mit mir in einer Bar im East Village und erhob sein Glas zum Toast. „Auf neue Anfänge“, sagte er. „Auf das Überleben.“ „Ist doch dasselbe.“ Ich lachte. Es tat gut.

„Apropos neue Anfänge“, sagte Marcus mit funkelnden Augen, „ich kenne jemanden, den du kennenlernen solltest.“ „Nein.“ „Du weißt doch gar nicht, wer …“ „Nein.“ Ich richtete mein Glas auf ihn. „Keine Verkupplungsversuche. Keine Blind Dates. Keine ‚Freunde von Freunden‘, die so perfekt für mich sind. Ich habe genug von Männern.“ „Das meinst du nicht ernst.“ „Doch, ganz bestimmt.“ Marcus seufzte. „Na gut. Aber du kommst morgen zu meinem Investorentreffen. Ich brauche moralische Unterstützung.“ „Seit wann brauchst du moralische Unterstützung?“ „Weil der Investor ein Milliardär ist, der meine Karriere entweder fördern oder ruinieren kann.“

Ich starrte ihn an. „Ein Milliardär?“ „Schau nicht so beeindruckt. Er ist nur ein Mann mit zu viel Geld und zu wenigen Hobbys.“ Ich lachte wieder. Zweimal an diesem Abend. Vielleicht war ich ja auf dem Weg der Besserung.

Das Café war überfüllt. Ich hasste überfüllte Orte, aber Marcus hatte mich so lange angebettelt, und ich hatte ihm noch nie etwas abschlagen können. Ich bestellte einen Latte, suchte mir einen Tisch am Fenster und holte meinen Skizzenblock heraus. Arbeit half. Arbeit half immer. Ich war so in Gedanken versunken, dass ich den Mann, der auf meinen Tisch zukam, erst bemerkte, als es zu spät war. Mein Latte kippte um. Kaffee spritzte auf seinen Laptop.

„Oh mein Gott –“ Ich sprang auf und griff beschämt nach Servietten. „Es tut mir so leid, ich habe nicht aufgepasst, ich –“ „Hey.“ Der Mann lächelte. Herzlich. Unkompliziert. Freundlich. „Schon gut. Es ist nur ein Laptop.“ „Ich habe ihn ruiniert. Es tut mir so leid –“ „Schon gut.“ Er lachte, ein helles Lachen, das den Lärm des Cafés durchbrach. „Ich wollte mir sowieso einen neuen kaufen.“

Endlich sah ich ihn an. Er war auf eine fast vertraute Art gutaussehend: dunkles Haar, blaue Augen, ein Kinn, das wie aus Glas geschnitten wirkte. Doch er hatte etwas Offenes, Unkompliziertes an sich, als hätte er nie einen Grund gehabt, sich zu verstecken. „Ich bin Adrian“, sagte er. „Elena.“ „Darf ich dir einen Kaffee ausgeben, als Ersatz für den, den du verschüttet hast?“ Ich hätte Nein sagen sollen. Aber irgendetwas in seinem Lächeln ließ mich innehalten. „Okay“, sagte ich.

Es war angenehm, mit Adrian zusammen zu sein. Er fragte nach meiner Arbeit, meinen Träumen, meinen Lieblingsorten in der Stadt. Er hörte zu, wirklich zu, als ob das, was ich zu sagen hatte, wichtig wäre. Er erzählte mir von seinem Job in einem Tech-Startup, seiner Liebe zu alten Filmen, seiner Sucht nach schlechtem Reality-TV. „Ich kann nichts dafür“, gab er zu. „Es hat etwas Befreiendes, schöne Menschen im Fernsehen scheitern zu sehen.“ „Du bist schrecklich.“ „Ich weiß.“ Als er nach meiner Nummer fragte, gab ich sie ihm. Als er am nächsten Tag anrief, ging ich ran. Als er mich zum Abendessen einlud, sagte ich Ja.

Die Wochen verschwammen ineinander. Adrian war unermüdlich, nicht aufdringlich, sondern so, dass ich mich begehrt fühlte. Er wusste noch, was ich bestellt hatte. Als ich krank war, brachte er mir Suppe vorbei. Bei überfüllten Veranstaltungen hielt er meine Hand und sah mich an, als wäre ich der Mittelpunkt seines Universums.

„Du bist anders“, sagte er eines Abends, als er neben mir im Bett lag. „Anders wie?“ „Ich weiß nicht. Manchmal hast du so einen Blick in den Augen. Als würdest du etwas Schweres mit dir herumtragen.“ Ich erstarrte. „Mir geht’s gut.“ „Ich weiß.“ Er küsste meine Stirn. „Ich wollte dir nur sagen, dass du das nicht mehr allein tragen musst.“ Ich schloss die Augen und ließ mich von ihm halten. Das ist gut, sagte ich mir. Das hast du dir gewünscht. Das ist Glück.

Nach drei Monaten fragte Adrian mich, ob ich bei ihm einziehen wolle. Ich zögerte. Es ging alles so schnell. Zu schnell. Doch dann sah ich ihn an, diesen gütigen, großzügigen, gutaussehenden Mann, der mich nie angelogen, mich nie verlassen und mir nie das Gefühl gegeben hatte, nicht alles zu sein, und ich sagte Ja. Wir fanden eine gemeinsame Wohnung, ein Brownstone im West Village, hell, warm und einladend. Ich hängte meine Skizzen an die Wände. Er füllte die Bücherregale mit alten Filmplakaten. Wir bauten uns ein Leben auf. Ein richtiges Leben. Und zum ersten Mal seit Jahren glaubte ich, endlich glücklich zu sein.

Die Einladung zur Gala kam an einem Dienstag. Adrian reichte sie mir beim Frühstück, sein Gesichtsausdruck sorgfältig neutral. „Was ist das?“ „Eine Familienveranstaltung.“ Er nahm einen Schluck Kaffee. „Mein Vater veranstaltet eine Wohltätigkeitsgala auf dem Anwesen. Er möchte dich kennenlernen.“

Ich betrachtete die Einladung, schweres cremefarbenes Papier, geprägte Goldbuchstaben. Die Blackwood Family Foundation. Blackwood. Der Name hallte in meinem Kopf wider, vertraut, ohne dass ich ihn benennen konnte. „Ihr Nachname ist Blackwood“, sagte ich langsam. „Ja.“ „Wie … die Familie Blackwood?“ Adrians Lächeln erlosch. „Das wusstest du nicht?“ „Was denn?“ Er stellte seinen Kaffee ab. „Elena … mein Vater ist Damien Blackwood. Blackwood Industries. Der …“ „Milliardär.“ Das Wort klang emotionslos. Leer. „Ja.“

Ich starrte ihn an. „Sie haben mir erzählt, dass Sie bei einem Startup arbeiten.“ „Stimmt. Es ist meine eigene Firma. Ich wollte etwas Eigenes aufbauen. Ich wollte nicht, dass Sie mich so ansehen wie alle anderen.“ „Und wie?“ „Als wäre ich nur … sein Sohn. Als ob nichts, was ich tue, von Bedeutung wäre, weil ich nie so sein werde wie er.“ Seine Stimme brach beim letzten Wort, und mir schnürte es die Kehle zu.

Er ist nicht einfach nur der Sohn irgendeines Milliardärs. Er ist Adrian. Der Mann, der sich an deine Kaffeebestellung erinnerte. Der Mann, der mit Suppe vorbeikam, als du krank warst. Der Mann, der dich in seinen Armen hielt und dir versicherte, dass du nicht allein warst. Doch noch während ich daran dachte, durchfuhr mich ein eiskaltes Grauen. Damien Blackwood. Der Name kam mir bekannt vor. Die Familie Blackwood gehörte zu den mächtigsten des Landes. Ich hatte Artikel über Damien in Wirtschaftsmagazinen gelesen. Ich hatte sein Foto in Zeitungen gesehen. Aber ich hatte ihm nie Beachtung geschenkt. Warum auch? Ich verkehrte nicht in diesen Kreisen. Ich war Elena Reyes, Grafikdesignerin, niemand aus Brooklyn. Ich hatte nichts mit Milliardären und ihren Söhnen zu tun.

„Ich hätte es dir sagen sollen“, sagte Adrian. „Es tut mir leid.“ „Schon gut.“ War es nicht. Aber ich wusste nicht, warum.

In dieser Nacht lag ich wach neben ihm. Die Einladung lag auf dem Nachttisch, ihre goldene Schrift glitzerte im Mondlicht. Damien Blackwood. Mir lief ein Schauer über den Rücken. Ich hatte diesen Namen schon einmal gesehen. Irgendwo. Irgendwo, wo genau. Ich verdrängte den Gedanken. Es war nichts. Es durfte nichts sein.

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