Share

KAPITEL 4

Author: NEON ON LIGHT
last update publish date: 2026-10-22 23:54:38

Kapitel 4: Das Haus Sterling

Das Anwesen der Blackwoods erhob sich wie ein Denkmal aus einem anderen Jahrhundert aus den Bäumen. Ich presste mein Gesicht ans Autofenster, als wir durch die eisernen Tore fuhren und die Villa zwischen den gepflegten Rasenflächen und uralten Eichen aufragen sah. Sie war gewaltig, aus Stein und Glas, mit hoch aufragenden Bögen, und wirkte, als stünde sie schon seit Jahrhunderten dort und hätte die Welt um sich herum verändert. „Beeindruckend, nicht wahr?“, sagte Adrian. „Erschreckend.“ „Ganz dasselbe.“ Ich lachte gezwungen.

Drei Tage waren vergangen, seit ich das Foto gefunden hatte. Drei Tage, an denen ich so tat, als wäre alles normal, während mir unzählige Fragen durch den Kopf gingen, die ich nicht stellen konnte. Wer war Damien Blackwood für meine Mutter? Warum hatte er ihr Foto? Und warum stimmten die Worte auf der Rückseite mit der Nachricht überein, die der Fremde in meinem Hotelzimmer hinterlassen hatte? Ich hatte nicht geschlafen. Ich hatte kaum etwas gegessen. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich das Lächeln meiner Mutter, jung und hoffnungsvoll und völlig unkenntlich. Du warst nie nichts. Diese Worte verfolgten mich.

Wir hielten vor dem Haupteingang, und ein uniformierter Angestellter nahm unser Gepäck entgegen. Adrian half mir aus dem Auto, seine Hand warm und fest in meiner. „Bereit?“, fragte er. „Nein.“ „Ich auch nicht.“ Er küsste meine Stirn, und wir gingen hinein.

Die Eingangshalle war riesig. Marmorboden. Eine imposante Treppe. Ein Kronleuchter, der aussah, als gehöre er in ein Museum. Ich fühlte mich klein und fehl am Platz, mein schlichtes schwarzes Kleid bildete einen starken Kontrast zu dem Prunk um mich herum.

„Adrian.“ Eine Frau trat aus dem Flur, schlank, elegant, kühl. Ihr Haar war silbern, ihre Augen scharf, und ihr Lächeln wirkte, als sei es vor dem Spiegel geübt. „Tante Victoria.“ Adrians Stimme war höflich, aber distanziert. „Das ist Elena.“ Victorias Blick musterte mich wie ein Suchscheinwerfer. „Du bist also diejenige, die Adrians Herz erobert hat.“ „Ich … ja. Ich denke schon.“ „Sie ist bescheiden“, sagte Adrian und legte mir den Arm um die Taille. „Elena ist eine brillante Designerin. Sie leitet ihr eigenes Studio.“ „Wie beeindruckend.“ Victorias Lächeln erreichte nicht ihre Augen. „Dein Vater wird erfreut sein.“ Irgendetwas in ihrem Tonfall ließ mich erschaudern. „Wo ist Vater?“, fragte Adrian. „Im Arbeitszimmer. Er wird zum Abendessen dazukommen.“ Victoria wandte sich mir zu. „Komm. Ich zeige dir die Galerie.“

Die Galerie war ein langer Korridor, gesäumt von Porträts. Vorfahren der Blackwoods, erklärte Victoria, bis in die fünfte Generation zurück. Männer mit steifen Kragen und Frauen mit Perlen, alle mit demselben kalten, berechnenden Blick. „Jeder Blackwood hat seinen Platz in diesem Haus“, sagte Victoria. „Jeder von ihnen hat zum Imperium beigetragen. Dein Adrian ist keine Ausnahme.“ Ich nickte und ließ meinen Blick über die Porträts schweifen.

Und dann sah ich es. Ein gerahmtes Foto am Ende des Flurs, größer als die anderen, auffälliger. Ein Familienporträt. Adrian, jünger, stand neben Victoria und einem großen, dunkelhaarigen Mann. Sein Vater. Doch nicht Damien Blackwood fesselte meine Aufmerksamkeit. Es war die Frau im Hintergrund, etwas abseits von den anderen, ihr Blick sehnsüchtig. Meine Mutter. Ich blieb stehen.

„Elena?“, fragte Victoria scharf. „Ist alles in Ordnung?“ Ich bekam keine Luft. Konnte mich nicht bewegen. Konnte nicht denken. Meine Mutter war auf einem Familienfoto der Blackwoods. Meine Mutter, lächelnd in die Kamera, stand im Schatten, als würde sie sich verstecken. „Elena.“ Victoria stand jetzt neben mir, ihre Hand auf meinem Arm. „Du siehst blass aus. Vielleicht brauchst du etwas Luft.“ „Ja.“ Das Wort kam nur mühsam über meine Lippen. „Ich brauche etwas Luft.“

Ich löste mich von ihr und ging den Korridor zurück, meine Absätze klackten auf dem Marmorboden, mein Herz hämmerte in meiner Brust. Der Fremde. Die Nacht. Der Zettel. Damien Blackwood. Der Mann aus der Hotelbar. Der Mann, dem ich mich hingegeben hatte. Der Mann, der mir nichts als einen Brief und ein gebrochenes Herz hinterlassen hatte. Er war Adrians Vater.

Ich fand das Badezimmer und schloss mich ein. Meine Hände zitterten. Mein Spiegelbild starrte mich an, bleich, mit aufgerissenen Augen, voller Entsetzen. Du hast mit dem Vater deines Verlobten geschlafen. Der Gedanke traf mich wie ein Schlag. Du hast mit Damien Blackwood geschlafen. Ich klammerte mich ans Waschbecken, versuchte, mich zu beruhigen. Versuchte zu atmen. Es gelang mir nicht. Das Foto. Die Worte auf der Rückseite. Meine Mutter, stehend im Schatten eines Blackwood-Porträts. Du warst nie nichts. Was bedeutete das? Was hatte meine Mutter getan? Was hatte er getan?

Ein Klopfen an der Tür ließ mich zusammenzucken. „Elena?“, Adrians Stimme. „Alles in Ordnung?“ Ich schluckte schwer. „Gut. Nur eine Minute.“ Ich hatte keine Minute. Ich hatte die Wahl. Ihm die Wahrheit sagen und alles verlieren oder die Vergangenheit begraben und hoffen, dass sie begraben bleibt. Ich sah mein Spiegelbild an. Der Ring an meinem Finger. Die Angst in meinen Augen. Du warst nie nichts. Ich holte tief Luft. Und ich traf meine Entscheidung.

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • VERLOBT MIT SEINEM SOHN, VON SEINEM VATER GEWÜNSCHT   KAPITEL 5

    Kapitel 5: Willkommen in der FamilieDie Türen zum Salon öffneten sich, und meine Welt stand still. Er stand am Kamin, eine Hand auf dem Kaminsims, die andere hielt ein Glas Whiskey. Groß. Breit gebaut. Sein Haar war dunkel, an den Schläfen silbern, sein Kinn so scharf, als könnte man Glas schneiden. Graue Augen trafen meine. Sturmwolkengrau. Unverwechselbar. Der Mann aus der Hotelbar. Der Mann, der mir im Dunkeln meinen Namen zugeflüstert hatte. Der Mann, der mir nichts als einen Brief und ein gebrochenes Herz hinterlassen hatte. Damien Blackwood. Adrians Vater.„Vater“, sagte Adrian mit aufgesetzter Fröhlichkeit in der Stimme. „Das ist Elena. Meine Verlobte.“ Der Raum schien zu schwanken. Damiens Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. Nicht die geringste Regung. Nicht die kleinste Regung. Er beherrschte die Kontrolle wie eine Waffe. „Willkommen in der Familie“, sagte er mit spiegelglatter Stimme. „Elena.“ Er reichte ihr die Hand. Ich starrte es an. Nimm sie, sagte ich mir. Tu so,

  • VERLOBT MIT SEINEM SOHN, VON SEINEM VATER GEWÜNSCHT   KAPITEL 4

    Kapitel 4: Das Haus SterlingDas Anwesen der Blackwoods erhob sich wie ein Denkmal aus einem anderen Jahrhundert aus den Bäumen. Ich presste mein Gesicht ans Autofenster, als wir durch die eisernen Tore fuhren und die Villa zwischen den gepflegten Rasenflächen und uralten Eichen aufragen sah. Sie war gewaltig, aus Stein und Glas, mit hoch aufragenden Bögen, und wirkte, als stünde sie schon seit Jahrhunderten dort und hätte die Welt um sich herum verändert. „Beeindruckend, nicht wahr?“, sagte Adrian. „Erschreckend.“ „Ganz dasselbe.“ Ich lachte gezwungen.Drei Tage waren vergangen, seit ich das Foto gefunden hatte. Drei Tage, an denen ich so tat, als wäre alles normal, während mir unzählige Fragen durch den Kopf gingen, die ich nicht stellen konnte. Wer war Damien Blackwood für meine Mutter? Warum hatte er ihr Foto? Und warum stimmten die Worte auf der Rückseite mit der Nachricht überein, die der Fremde in meinem Hotelzimmer hinterlassen hatte? Ich hatte nicht geschlafen. Ich hatte kaum

  • VERLOBT MIT SEINEM SOHN, VON SEINEM VATER GEWÜNSCHT   KAPITEL 3

    Kapitel 3: Der Ring, den ich nicht hätte annehmen sollenAdrian machte mir an einem Dienstag einen Heiratsantrag. Kein schickes Abendessen. Keine große Geste. Nur wir beide auf der Dachterrasse seines Penthouses, Essensreste auf dem Tisch verstreut, die Stadt unter uns glitzernd wie ein Lichtermeer. „Willst du mich heiraten?“, sagte er. Ich verschluckte mich an meinen Nudeln. „Wie bitte?“Er lachte, dieses herzliche, unbeschwerte Lachen, das mich vom ersten Moment an in seinen Bann gezogen hatte. „Ich sagte: ‚Willst du mich heiraten?‘ Ich weiß, man sollte es mit Ring, Rede und vielleicht sogar Streichquartett machen, aber ich bin ungeduldig, und ich liebe dich, und ich möchte den Rest meines Lebens damit verbringen, es dir zu beweisen.“ Er griff in seine Tasche und zog eine kleine Samtschachtel hervor. „Ich werde alles ordentlich machen. Versprochen. Aber jetzt muss ich es einfach nur wissen. Willst du?“ Er öffnete die Schachtel. Der Ring darin war schlicht. Elegant. Ein einzelner Dia

  • VERLOBT MIT SEINEM SOHN, VON SEINEM VATER GEWÜNSCHT   KAPITEL 2

    Kapitel 2: Eine Nacht ohne NamenIch löschte seinen Brief. Nicht den physischen, der lag schon zerknittert irgendwo in der Stadt in einem Mülleimer. Nein, ich löschte die Erinnerung. Oder versuchte es zumindest. Drei Wochen lang wachte ich jeden Morgen auf und sagte mir dasselbe: Er war niemand. Es war nichts. Mach weiter. Manchmal glaubte ich es. Meistens nicht.Der Absagebrief lag wie ein Grabstein auf meinem Schreibtisch. Drei Jahre lang hatte ich an einer Kampagne für eine Luxus-Hautpflegemarke gearbeitet, ein Projekt, in das ich alles gesteckt hatte, jede Faser meiner Kreativität, jede schlaflose Nacht und jede Hoffnung. Und sie hatten sich für jemand anderen entschieden. Ein größeres Studio. Eine sicherere Wahl. Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen … Ich knüllte den Brief zusammen und warf ihn in den Müll. Dann holte ich meinen Skizzenblock heraus und fing von vorn an. So macht man das, wenn einen das Leben zu Boden wirft. Man steht wieder auf. Man macht weiter.Meine Mutter

  • VERLOBT MIT SEINEM SOHN, VON SEINEM VATER GEWÜNSCHT   KAPITEL 1

    Kapitel 1: Der Fremde, der meinen Namen kannteDas Glas glitt mir aus den Fingern und zerschellte auf dem Marmorboden. Whisky sammelte sich bernsteinfarben und glänzend um meine Fersen, und der Barkeeper erschien augenblicklich mit einem Handtuch und einem geübten Lächeln, das sagte: „Ich habe schon Schlimmeres gesehen.“ „Tut mir leid“, murmelte ich. „Ich zahle …“ „Geht aufs Haus.“ Er winkte ab. „Sie sahen aus, als bräuchten Sie es.“ Das tat es. Aber nicht aus den Gründen, die er vermutete.Der Umschlag in meiner Handtasche fühlte sich an, als würde er tausend Pfund wiegen. Absagen hatten diese Wirkung, sie machten alles schwerer. Drei Jahre meines Lebens, sechs Monate schlafloser Nächte und ein Standardbrief, unterschrieben von jemandem, der sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, einen richtigen Stift zu benutzen. Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen … Ich hatte ihn zwölfmal gelesen. Er ergab immer noch keinen Sinn.Drei Jahre. Drei Jahre, in denen ich vor Tagesanbruch aufwacht

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status