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Author: Helsa
last update publish date: 2026-05-30 19:38:30

ZANDRO

„Was zum Teufel soll das heißen, sie ist verschwunden?“

Ich umklammerte das Telefon so fest, dass ich dachte, das Display würde jeden Moment zerspringen.

Vitors zögerliches Schweigen goss nur noch mehr Benzin in das Feuer, das durch meine Adern raste.

Wir waren kaum ein paar Minuten vom Anwesen entfernt. Vittoria saß zusammengesunken neben mir, elend und erschöpft.

Und jetzt das.

Eine verängstigte Frau war meiner gesamten Sicherheitsmannschaft entkommen, als wären sie verdammte Amateure.

„Erklär es mir noch einmal, Vitor. Langsam.“

„Sir, Anni hat ihr vorhin Essen gebracht. Als sie zurückkam, stand die Tür offen. Wir haben jedes Zimmer und das gesamte Grundstück zweimal durchsucht. Mikel meinte, er hätte eine Bewegung auf dem Nachbargrundstück gesehen, aber...“

„Wenn du jetzt Anni die Schuld geben willst, zeige ich dir persönlich, wie ich mit Feiglingen umgehe, die lieber mit dem Finger auf andere zeigen, als ihren verdammten Job zu machen.“

Meine Stimme sank zu einem gefährlichen Knurren herab.

„Sie macht solche Fehler nicht. Also erklär mir, wie eine verängstigte Frau einem Team bewaffneter, ausgebildeter Männer entkommen konnte.“

Vitor fluchte leise auf Italienisch.

„Die Männer haben nach Eindringlingen Ausschau gehalten, nicht nach jemandem, der fliehen wollte.“

„Das macht es nicht besser. Es macht es schlimmer.“

Ich wechselte ebenfalls ins Italienische, jedes Wort geschärft von blanker Wut.

„Wozu haben wir überhaupt einen Sicherheitsring, wenn jeder einfach hinausspazieren kann? Die umliegenden Grundstücke sollen Pufferzonen sein. Wenn sie unbewacht oder schlampig abgesichert sind, ist das ganze System wertlos. Dafür werden Köpfe rollen, Vitor.“

„Sir...“

„Um dich kümmere ich mich später. Jetzt finde sie.“

Ich legte auf, bevor er noch etwas sagen konnte.

Neben mir zuckte Vittoria zusammen.

Ihre geschwollenen Augen waren leer vor Schock.

Sie sah aus wie ein Geist des lebhaften Mädchens, mit dem ich aufgewachsen war. In sich zusammengesunken, während stumme Tränen über ihre verletzten Wangen liefen.

Der Anblick bohrte mir ein Messer ins Herz.

Für sie hätte ich die ganze Welt niederbrennen können.

Ich hätte jeden einzelnen Bastard abschlachten können, der an diesem Massaker beteiligt gewesen war.

Aber ich konnte ihren Schmerz nicht auslöschen.

Und diese Wahrheit brannte schlimmer als alles andere.

Ich löste den Sicherheitsgurt, rückte näher und legte einen Arm um ihre eiskalten Schultern, in einem sinnlosen Versuch, ihr Wärme zu geben.

„Es wird alles wieder gut, Angel.“

Sie regte sich leicht.

„Wer ist das... die Frau, die weggegangen ist?“

„Jemand, der in den Angriff hineingeraten ist. Sie war bei dir. Eine Freundin von Lewin.“

Bei seinem Namen entwich Vittoria ein gebrochener Laut.

Innerlich verfluchte ich mich sofort.

Als wir schließlich das Anwesen erreichten, ignorierte ich alle anderen und trug sie direkt in ihr altes Zimmer.

Die blassrosa Wände.

Die verblichenen Poster.

Die Sammlung aus Stofftieren und Puppen.

Alles war noch genauso wie damals.

Ich ließ Anni kommen, damit sie Vittoria beim Umziehen half, und wartete vor der Tür.

Als Anni wieder herauskam, schüttelte sie den Kopf.

„Sie will das Kleid nicht ausziehen.“

Luca erschien mit einer Flasche ihres Lieblingscognacs und einem Glas.

„Ich bin direkt draußen, falls du mich brauchst.“

Ich betrat das Zimmer erneut.

Vittoria lag zusammengerollt auf dem Himmelbett wie eine zerbrochene Puppe.

Ich zog die Decke über sie und legte mich neben sie, schlang die Arme um ihren Körper und versuchte, ihr wenigstens ein wenig Trost zu geben.

Ich küsste ihre Stirn und sprach auf Italienisch.

„Angel... bitte rede mit mir. Schrei mich an. Weine. Hass mich, wenn du musst. Aber zeig mir, dass du noch da bist.“

Lange sagte sie nichts.

Dann drehte sie sich zu mir um.

Die rohe Verzweiflung in ihrem Gesicht traf mich wie ein Schlag.

„Mir geht es nicht gut“, flüsterte sie. „Vielleicht wird es mir nie wieder gut gehen.“

„Du hast mich. Immer.“

Ich strich ihr feuchte Haarsträhnen aus der Stirn.

„Ich bleibe bei dir, wenn du willst.“

„Nein.“

Sie schüttelte schwach den Kopf.

„Wer auch immer das getan hat... sie haben Lewin getötet. Er wollte mich beschützen. Such diese Frau. Sie hat versucht, mir zu helfen. Vielleicht kommen sie auch hinter ihr her. Sie hat einen kleinen Sohn.“

Ein eisiger Schauer lief mir über den Rücken.

Helmas Panik, als sie mich gesehen hatte.

Ihre verzweifelte Gegenwehr.

Plötzlich ergab alles einen erschreckenden Sinn.

„Wie alt ist der Junge, Vittoria?“

Sie zuckte nur mit den Schultern, drehte sich weg und neue Schluchzer erschütterten ihren schmalen Körper.

Ich stellte eine Taschentuchbox neben das Bett und küsste ihren Kopf.

„Ruh dich aus, Angel. Ein Wachmann steht vor der Tür. Ein Wort von dir, und ich komme sofort zurück.“

Ich zwang mich zu gehen, obwohl ihre gebrochenen Weinkrämpfe mir den ganzen Flur entlang folgten.

Unten wartete Vitor bereits.

„Pass auf meine Schwester auf. Wenn ihr etwas passiert, während ich weg bin, wird dein Tod langsam und schmerzhaft sein. Haben wir uns verstanden?“

Ich griff nach zusätzlichen Waffen und machte mich auf den Weg zu meinem Wagen.

Sobald ich auf der Straße war, rief ich Luca an.

„Besorg mir alles über Helma Thiele. Adresse, Freunde, Arbeitsstellen, jeden Mann, mit dem sie in den letzten drei Jahren gesprochen hat, ihr Auto, ihre Familie. Alles. Sofort.“

„Boss... ihr Auto steht noch an der Hochzeitslocation. Aber ich habe etwas gefunden. Vor ein paar Stunden wurde von ihrem Haus aus ein Uber bestellt. Ziel war die Wohnung einer Freundin, Erna Weber. Ich habe das GPS des Fahrers verfolgt. Das Signal befindet sich jetzt in einem Motel etwa eine Stunde außerhalb der Stadt. Ich schicke die Adresse.“

In dem Moment, als die Standortmarkierung auf meinem Display erschien, trat ich auf die Bremse, riss das Lenkrad herum und raste in die entgegengesetzte Richtung davon.

Ihr Auto war sofort zu erkennen.

Auf dem Rücksitz stand ein Kindersitz.

Mein Puls beschleunigte sich schlagartig.

Ich verschwendete keine Zeit an der Rezeption.

Ich ging direkt zu dem Zimmer, hinter dessen Vorhängen das flackernde Licht eines Fernsehers zu sehen war.

Ein leises Geräusch drang durch die Tür.

Das ruhige Atmen eines Kindes.

Ich klopfte einmal.

Das Licht erlosch sofort.

Stille.

Dann das unverkennbare Geräusch eines kleinen Kindes, das unruhig wurde.

Die Wut explodierte in mir wie flüssiges Feuer.

Mit einem Tritt sprengte ich die Tür auf.

Holz splitterte, als der Rahmen nachgab.

Ich betätigte den Lichtschalter.

Helma lag halb auf dem Boden.

Ihre Augen waren vor blankem Entsetzen aufgerissen.

Verzweifelt versuchte sie, den kleinen Jungen in ihren Armen abzuschirmen.

Ich brauchte keinen DNA-Test.

Ihre Panik sagte mir bereits alles.

Der Junge hob den Kopf.

Dunkle Locken.

Eisblaue Augen.

Augen, die meinen bis aufs Haar glichen.

Er war mein Sohn.

Ein tiefes Knurren entrang sich meiner Kehle, bevor ich es verhindern konnte.

Das Kind vergrub das Gesicht an der Brust seiner Mutter und begann zu weinen.

„Darien, schhh... alles gut“, flüsterte Helma verzweifelt. „Der böse Mann geht gleich wieder.“

Böser Mann.

Die Worte trafen mich wie eine Ohrfeige.

Doch ich zwang die Wut zurück.

Ich würde meinen Sohn nicht noch mehr erschrecken, als ich es ohnehin schon getan hatte.

„Pack deine Sachen, Helma“, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Pack alles ein und steig in mein Auto. Sofort.“

Sie gab einen verletzten, gebrochenen Laut von sich.

„Und hör genau zu.“

Meine Stimme wurde eiskalt.

„Du wirst jede Anweisung befolgen, die ich dir gebe. Jede einzelne.“

Der Sturm in meinem Inneren tobte immer heftiger.

Heilige Scheiße.

Ich hatte einen Sohn.

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