MasukZum ersten Mal seit einer Ewigkeit packte mich etwas anderes als die erdrückende Angst vor Derek.
Ich war zu fassungslos, um zu sprechen.
Zu fassungslos, um mich zu bewegen.
Für einen Herzschlag hielt er meinen Blick gefangen und raubte mir die Luft zum Atmen. Die Umgebung verblasste und ließ im Nachklingen nur noch ihn und mich zurück.
Ich konnte nicht anders, als ein Kribbeln unter meiner Haut zu spüren, wie ein unsichtbares, gefährliches Band, das mich zu ihm zog.
Warum hatte dieser Mann so viel Macht über mich?
In dem Moment, als er wegsah, zerriss die Fantasie und ich wurde zurück in die Realität gezerrt.
„Wie lange wirst du bleiben, Bruder?“, fragte Derek, und eine weitere Schockwelle traf mich!
Ich blinzelte und spürte ein Hämmern an meinen Schläfen, als mir seine Vorstellung wieder einfiel…
Sie waren… Stiefbrüder???
Ich hatte Sex mit dem Stiefbruder meines Mannes gehabt!
Alles verschwamm vor meinen Augen, und ich musste mich an einer Säule festhalten, um nicht zu stürzen.
Rohan bemerkte meine Reaktion, und ein flüchtiger Ausdruck von Besorgnis legte sich auf seine Züge.
Im nächsten Moment war die Reaktion verschwunden und seine Augen wurden kalt, als er seine Aufmerksamkeit wieder Derek zuwandte.
„Ich weiß nicht, wie lange ich hier sein werde. Vielleicht gerade so lange, bis das Rudel floriert, dann bin ich dir auch schon wieder aus dem Weg, Alpha.“ In seinem Ton lag ein mitschwingender Respekt, so als wollte er nicht, dass Derek sich durch seine Anwesenheit bedroht fühlte.
Ich konnte die Realität immer noch nicht begreifen, meine Finger gruben sich in den Beton, während mir eine Million Gedanken durch den Kopf gingen.
„Bereite das Gästezimmer vor, Isabella“, befahl Derek, die Augen auf seinen Bruder gerichtet wie ein Raubtier, das seine Beute studiert.
Ich nickte, obwohl ich wusste, dass er mich nicht sehen konnte. Trotz meiner Verwirrung geschah es automatisch – ich musste jedem seiner Worte gehorchen.
Meine Hände stießen mich von der Wand ab, noch bevor mein Verstand hinterherkam. Meine Beine drehten sich bereits in Richtung des Zimmers, als seine Stimme mich zum Stehen brachte.
„Warte…“
Rief er. Ich blieb eine Minute lang wie erstarrt stehen, und als er den Satz nicht zu Ende führte, musste ich mich umdrehen, um zu sehen, warum er verlangt hatte, dass ich anhielt.
In seinen Augen lag nichts, was ich hätte entziffern können. Seine Lippen bildeten einen schmalen Strich, und doch fühlte es sich an, als könnte er mitten durch mich hindurchsehen.
„Ist…“, er hielt inne, sah weg, seine Finger trommelten auf der abgewetzten Couch. „Ist sie immer noch… deine Frau?“
Ein Schauer lief mir über den Rücken, als ich meine Identität und den Grund für seine Frage anzweifelte.
Vor einer Woche hätte er kein Problem damit gehabt, mich dazu zu bringen, zu behaupten, dass ich ihm allein gehörte – besonders, als seine Lippen jeden Zentimeter meiner Haut verehrt hatten.
Und jetzt, da Derek zwischen uns saß, fühlte sich alles daran falsch an.
„Ja, das ist sie immer noch“, antwortete Derek, rollte mit seinem Stuhl zurück und nahm die Morgenzeitung zur Hand. „Da ihr zusammenarbeiten werdet, wirst du sie früh genug kennenlernen.“
„Glaub mir, ich weiß genug“, sagte er mit einer Überzeugung, die meine Augen aufreißen ließ.
Ich wartete nicht ab, um zu sehen, wie sehr die Dinge eskalieren könnten. Ich nahm zwei Stufen auf einmal und eilte in den Abstellraum für die Putzsachen.
Meine Hände bewegten sich mechanisch, während ich versuchte, die Werkzeuge ruhig zu halten.
Der Gedanke, reinen Tisch zu machen und Derek zu gestehen, was wir getan hatten, ging mir durch den Kopf.
Ich hatte doch keine Wahl gehabt. Er hatte darauf bestanden. Ich hatte es getan, um ihn glücklich zu machen, damit er mich wieder liebte.
Es war keine Absicht gewesen.
Er würde es verstehen, oder?
Wenn ich nur mutig genug wäre, es herauszufinden.
Ich schnappte mir die Putzsachen und ging zum Gästezimmer, das direkt neben meinem Zimmer lag.
Es wurde einfach immer schlimmer!
Seit Derek die Etage des Hauptschlafzimmers für sich beansprucht hatte, hatte er mich angewiesen, in einem der Gästezimmer zu bleiben, um ihm seine Privatsphäre zu geben, damit er um den Verlust seiner Beine trauern konnte.
Er würde also nicht nur im selben Haus wohnen, er würde auch noch direkt nebenan schlafen.
Ich verabscheute die Gedanken, die sich in meinen Verstand einschlichen. Das war ein Mann, der tabu sein sollte.
Jemand, bei dem Gespräche die Grenzen der Förmlichkeit nicht überschreiten dürften, und doch hatten wir jede Form von Intimität miteinander erkundet.
Wie sollte ich jetzt über diese Nacht hinwegkommen, die einfach unvergesslich war?
Ein Seufzer entwich mir, als ich den Gedanken in den tiefsten, dunkelsten Teil meines Verstandes verdrängte und mich an die Arbeit machte.
Als ich das Gästezimmer betrat, schlug mir sofort der Geruch von Staub und alter Wäsche entgegen. Ich sagte mir, ich müsse mich aufs Putzen konzentrieren, aber Rohan schlich sich immer wieder in meine Gedanken.
Ich versuchte, die Bilder wegzuschieben, aber ich konnte nicht anders, als mir vorzustellen, wie es sein würde, Wand an Wand mit ihm zu wohnen – nach all den wilden Dingen, die wir getan hatten.
Würde er Derek davon erzählen? Oder könnten wir so tun, als wäre es nie passiert?
Ich hatte keine Antwort, also fing ich an zu putzen: das Bett, den Schrank, die Böden und sogar die Fenster.
Als ich es endlich geschafft hatte, fertig zu werden, war ich durchgeschwitzt und schmutzig. Es gab keine Diskussion: Ich musste ins Badezimmer. Ein langes, heißes Bad war die einzige Möglichkeit, mich sauber zu bekommen.
Ich brachte die Putzsachen schnell zurück und eilte dann zum Baden, wobei ich mir im Hinterkopf notierte, dass ich mit dem Frühstückmachen noch nicht fertig war.
Als ich mit dem Baden fertig war, streckte ich die Hand aus, ohne hinzusehen, und suchte auf der Stange nach einem Handtuch. Da bemerkte ich, dass ich vergessen hatte, es mitzubringen.
Ich wollte den Teppich nicht nass machen, aber mir blieb keine Wahl, als auf Zehenspitzen ins Hauptzimmer zu schleichen. Und genau in dem Moment, als ich das Zimmer betrat, öffnete sich die Tür und Rohan trat herein.
Mein Herz setzte für eine Sekunde aus, bevor ich hastig nach dem Handtuch auf dem Bett griff, um zu bedecken, was ich konnte. Ich hoffte, er würde bemerken, dass er im falschen Zimmer war, und die Tür wieder schließen.
Doch er blieb wie angewurzelt im Türrahmen stehen, seine Augen folgten mir wie das Wasser, das von meinen Haaren bis zu meinen Fußsohlen hinabtropfte.
„Ich hätte dich langsam nehmen sollen, bei eingeschaltetem Licht.“
22ISABELLAEinen Augenblick lang war ich erschrocken und hatte Angst, zu stolpern, doch Rohan hielt mich eng umschlungen – als befürchtete er, mich loszulassen.„Was tust du da?“, knurrte ich, schob ihn von mir fort und trat einen Schritt zurück.Ich war den ganzen Weg hierher gelaufen, um meinen Problemen zu entkommen, doch er musste diesen Moment natürlich ruinieren.„Warum versuchst du, dich umzubringen? Bist du jetzt völlig verstandeslos geworden?“, brüllte er, während die Adern an seinen Schläfen hervortraten.„Nein“, antwortete ich rasch, um das Missverständnis aufzuklären. Doch ich hielt inne, als mir klar wurde, dass er überhaupt nicht hier sein sollte.„Warte … warum bist du überhaupt hier?“Es war kein Zufall, jemanden so tief im Wald anzutreffen. Nach seinem braunen T-Shirt und seiner Hose zu urteilen, sah er jedenfalls nicht aus, als wäre er zum Wandern ausgerüstet.Meine Augen verengten sich.„Hast du mich verfolgt?“Rohan räusperte sich und wich meinem Blick aus.„Stell
21ISABELLA„Das ist eine dreiste Anschuldigung“, schnaubte Rohan; seine volle Aufmerksamkeit galt nun Clinton.„Ich habe niemanden beschuldigt“, konterte Clinton prompt. „Ich habe nur gesagt, dass Isabella mir vielleicht helfen kann, den Dieb aufzuspüren.“„Warum glaubst du, dass ich dir helfen könnte?“ Meine Stimme klang ruhiger als das Chaos in meinem Inneren.Alpha Clifford nickte dem Mann neben sich zu – einem jener bulligen Wächter, die ich bereits von der Garderobe des Mondballs wiedererkannte.Der hünenhafte Wächter trat vor und hielt etwas hoch, das mir lächerlich vertraut vorkam.Meine Halskette.Die filigrane Silberkette wiegte sich leicht zwischen seinen Fingern.Instinktiv rieb meine Hand über meinen Hals, wo das Schmuckstück sonst immer gesessen hatte. Seit Derek sie mir geschenkt hatte, hatte ich sie nie abgelegt. Ich hatte mich so sehr an sie gewöhnt, dass ich gar nicht bemerkt hatte, wann sie mir abhandengekommen war.Das sah verdammt schlecht aus.„Ich habe den Schmu
20ISABELLAEinen Moment lang stand die Welt bei seinen Worten vollkommen still.Die schwarzhaarige Frau lächelte mich an, bevor sie ihre Arme erneut um Rohan schlang. Sie lehnte sich vor, um ihn zu küssen, doch er drehte sich leicht ab und hielt sie auf Abstand.„Warum bist du hierhergekommen?“, fragte Rohan.Derweil rutschte mir das Herz bis in die Hose.Ich hatte zwar immer behauptet, er sei voller Überraschungen, doch diesmal glaubte ich es aufs Wort.„Vater meinte, du wärst eine Weile weg, und ich habe mir Sorgen gemacht. Also habe ich beschlossen, mich Bellamy anzuschließen und dich zu überraschen. Ist das nicht toll?“, plapperte sie und hüpfte vor Freude auf den Zehenspitzen.Ja, toll. Einfach phänomenal.Es war eine unbegreifliche Nacht gewesen.Statt also weiterhin unbeholfen herumzustehen, beschloss ich, das Paar allein zu lassen. Meine Füße waren eiskalt, als ich über den Marmorboden ging, und der Frost kroch mir bis in die Lungen.Ich habe nie an die Ehe geglaubt, hatte er
19ISABELLA„Wir … sollten das nicht tun“, murmelte ich zwischen zwei zaghaften Bissen und Saugen an seinen Lippen.Ein Teil meines Verstandes wusste genau, wie falsch das hier war, doch hier – in der Dunkelheit, wo nur er auf mir lag – gab sich der Rest meines Verstandes nur zu gern diesem Ausgang hin.Und als seine Zunge tiefer drang, führten unsere Lippen einen leidenschaftlichen Tanz auf, der alles andere als subtil war.Ein leises Stöhnen entkam mir, während sich meine Oberschenkel anspannten. Mir war nur zu bewusst, dass sich eine feuchte Hitze zwischen meinen Beinen ausbreitete.Dieser Mann musste nicht viel tun, um meinen Körper augenblicklich in Flammen zu setzen.„Du solltest nicht reden“, knurrte Rohan außer Atem, während die Luft im Versteck knapper wurde. Seine Arme schlangen sich nun um meine Taille und zogen mich noch enger an sich heran, als ob wir nicht schon ohnehin auf engstem Raum eingepfercht wären.Er fluchte leise an meinem Mund, und ich konnte seine Frustration
18ISABELLA„Du hast ganz schön Nerven, hier aufzutauchen“, sagte Alpha Clinton zähneknirschend.Die Wachen umzingelten uns, während mein Puls wie wild in meinen Ohren dröhnte. Ich fragte mich händeringend, was hier eigentlich vor sich ging, doch Rohan grinst nur.„Ich bin heute Abend als Verbündeter hier – und ich habe etwas Wertvolles anzubieten. Du bist klug genug, das Geschäftliche über das Persönliche zu stellen“, verkündete Rohan kurz bevor einer der Wächter nach ihm greifen konnte.„Halt!“, befahl Alpha Clinton plötzlich. Seine Wachen wichen zurück, und er trat einen Schritt näher.„Obwohl du unerträglich bist, bist du nützlich. Was ist das für ein Deal, der dir die Dreistigkeit verleiht, mein Territorium zu betreten?“, verlangte Clinton zu wissen. Die Anspannung zwischen den beiden war so dicht, dass man daran hätte ersticken können.„Kennst du schon Isabella Vladimir?“, warf Rohan ein und manövrierte mich damit kurzerhand mitten ins Kreuzfeuer.Ich zwang mich zu einem Lächeln
17ISABELLAAuf einmal wurde mir die Blicke auf mir schlagartig bewusst, und getreu seinen Worten waren die meisten Augen tatsächlich auf mich gerichtet.Die meisten Frauen maßen Rohan mit ihren Blicken, und ich konnte nicht anders, als ihm einen Seitenblick zu zuwerfen, um zu sehen, ob er ihr Interesse erwiderte.Ich konnte nicht sagen, ob er nur höflich war oder sie attraktiv fand, und es schickte einen Stich von etwas durch mich hindurch, das gefährlich nah an Eifersucht grenzte.„Das ergibt doch keinen Sinn“, sagte ich, während meine Stimme etwas lauter wurde.Die Musik im Saal war sanft, aber beschwingt. Kristallleuchter funkelten über uns und spiegelten sich auf den polierten Marmorböden und teuren Roben wider, die bei jeder Bewegung der Gäste schimmerten.„Warum sollten sie mich ansehen?“Rohan lehnte sich leicht zu mir herum, seine Stimme war gedämpft.„Ich habe womöglich verbreiten lassen, dass du heute Abend anwesend sein wirst und dass du eine Person von großer Bedeutung bi







