Viola stand vor dem kleinen Spiegel in ihrem Schlafzimmer und berührte mit den Fingerspitzen sanft ihren Kiefer.
Gestern war sie, unmittelbar nachdem ihre Mutter ihr ins Gesicht geschlagen hatte, ins Bad gerannt und hatte den grellroten Abdruck verzweifelt mit billiger Foundation abgedeckt. Jetzt, nachdem sie das Make-up abgewaschen hatte, zeichnete sich ein blasser, gelblich-blauer Bluterguss auf ihrer hellen Haut ab.
Ein leises, trauriges Lachen entwich ihren Lippen. Ihre Mutter ging jeden einzelnen Tag in die Kirche und betete zu Gott, Sünder und Abschaum von ihrer Familie fernzuhalten, zögerte aber selbst nie, ihre jüngste Tochter zu schlagen.
Viola hatte in ihrem Leben noch nie ein kurzes Kleid getragen. Kaum hatte Vanessa behauptet, das billige rote Kleid in Violas Schrank gefunden zu haben, glaubte ihre Mutter ihr blindlings. Keine Fragen. Keine Gelegenheit, sich zu erklären. Vanessa konnte den ganzen Tag in kurzen, engen Kleidern durchs Haus stolzieren und galt als makellos. Viola dagegen war immer die dreckige Sünderin.
Es lief immer gleich ab. Deshalb hatte sie gelernt, ihnen allen aus dem Weg zu gehen, wann immer es möglich war.
Sie ließ die Hand sinken und zog den Kragen ihres übergroßen grauen Pullovers höher.
In ihrem winzigen Zimmer war es am frühen Morgen eisig kalt, aber das Frösteln auf ihrer Haut lag nicht nur an der Temperatur. Jedes Mal, wenn ihre Gedanken zur Terrasse der vergangenen Nacht zurückkehrten, überzog eine frische Gänsehaut ihre Arme.
Ihr Stiefbruder.
Als ihre Mutter damals Rafael geheiratet und die zwölfjährige Viola auf dieses riesige Anwesen gebracht hatte, hatte ein kleiner, naiver Teil von ihr gehofft, in ihrem älteren Stiefbruder jemanden zu finden, der sie beschützen würde. Sebastian hatte sie allerdings nie besucht. Vielleicht war er auch schon einmal hier gewesen, ohne dass sie es erfahren hatte. Vanessa hatte ihn bereits getroffen. Viola hatte ihn erst gestern zum ersten Mal persönlich gesehen.
Sie kannte ihn nur aus den geflüsterten Erzählungen des Personals.
Sie nannten ihn ein Monster, einen Kartellkönig, der niemandem Rechenschaft schuldete und sich im Verborgenen sein eigenes Königreich aufgebaut hatte, statt sich auf den Stuhl seines Vaters zu setzen. Eine der Hausangestellten hatte ihn einmal einen Schlächter genannt und sich unmittelbar danach bekreuzigt, als könnte ihn allein dieses Wort heraufbeschwören.
Und dann gab es noch die andere Geschichte. Viola hatte sie im vergangenen Winter belauscht, während sie am Küchenspülbecken stand und ihre Hände tief im Spülwasser versenkt hatte. Sie war so unsichtbar gewesen, dass die Hausmädchen vergaßen, dass sie überhaupt da war.
Rafael war es leid geworden, auf die Rückkehr seines Sohnes zu warten. Daraufhin schickte er sechs seiner eigenen Männer los, um ihn zu holen und den jungen König auf dieses Anwesen zurückzuschleppen, ganz gleich, ob er freiwillig kommen wollte oder nicht.
Keiner von ihnen schaffte es jemals durch Sebastians Tore.
Eine Woche später wurde eine Lieferung zum Haus gebracht: eine Geschenkbox, persönlich an Rafael adressiert. Darin befanden sich die Köpfe der sechs Männer, in Eis gebettet. Dazu ein Zettel in Sebastians eigener Handschrift.
„Hör auf, Leute zu schicken, um mich zu holen. Das gibt eine Sauerei.“
Eine der Hausangestellten kannte einen der sechs Männer. Einen Monat lang kam sie nicht zur Arbeit zurück. Rafael, so erzählte man, hatte nicht getobt, als er die Schachtel öffnete. Er hatte lediglich den Deckel geschlossen und sich eine Zigarre angezündet, wie ein Mann, der endlich begriffen hatte, was aus seinem Sohn geworden war.
Viola hatte sich eingeredet, dass es nur eine Geschichte war. Die Dienstboten übertrieben. Geschichten wurden beim Weitererzählen ausgeschmückt.
Letzte Nacht hatte Sebastian sie im Dunkeln angesehen, und sie hatte jedes Wort geglaubt.
Denn sein Kartell ließ Menschen verschwinden und stürzte ganze Familien ins Elend. Männer, die sich ihm entgegenstellten, bekamen nicht einmal ein Grab. Jeder in diesem Haus wusste das, aber niemand sprach es jemals laut aus.
Viola schob den Gedanken beiseite, nahm ein abgegriffenes Taschenbuch von ihrem Nachttisch und schlüpfte aus ihrem Zimmer.
Mit gesenktem Kopf bahnte sie sich ihren Weg durch die weitläufigen, stillen Korridore. Sie wollte nur einen Ort finden, an dem sie sich verstecken konnte, bevor Vanessa aufwachte und die tägliche Tortur begann.
Sie schlüpfte in die Bibliothek.
Es war ein riesiger, zweigeschossiger Raum, der nach altem Papier und dunklem Holz roch. In der hintersten Ecke entdeckte Viola einen großen Ledersessel mit hoher Lehne. Sie setzte sich hinein, zog die Beine unter sich und schlug ihr Buch auf.
Eine Weile herrschte Ruhe.
Dann klickten die schweren Eichentüren auf.
Viola erstarrte. Ihre Finger krallten sich in die Kanten ihres Buches.
Schwere, gemessene Schritte hallten über den Holzboden. Nicht das scharfe Klacken von Vanessas Absätzen.
„Sag Mateo, er soll sich darum kümmern“, befahl eine raue Stimme.
Sebastian.
Viola hielt den Atem an. Sie sank tiefer in den Ledersessel und hoffte inständig, dass die hohe Lehne sie vollständig verdeckte.
„Nein“, sagte Sebastian kühl und tonlos ins Telefon. „Mir ist egal, welche Ausrede er vorgebracht hat. Ausreden bringen mir meine Ware nicht zurück.“
Es folgte eine Pause. Sie konnte die Stille am anderen Ende beinahe hören, die Angst, die darin lag.
„Hör mir zu“, sagte Sebastian. Seine Stimme wurde tiefer und leiser, und genau das machte es noch schlimmer. „Entweder gibt er mir meine Ware zurück, oder er gibt mir sein Leben. Er hat bis Sonnenaufgang Zeit. Enoch wird sich holen, wofür er sich entscheidet.“
Mit einem Klicken beendete er das Gespräch.
Viola saß vollkommen reglos im Sessel, während ihr Herz heftig hämmerte. Er hatte gerade den Tod eines Mannes angeordnet, so beiläufig, wie andere Männer Kaffee bestellten. Keine Aufregung, keine Wut, nur eine Aufgabe für den Morgen.
Stille legte sich über die Bibliothek. Sie wartete darauf, dass seine Schritte sich entfernten. Stattdessen hörte sie ein leises Klirren von Glas auf Kristall. Er schenkte sich einen Drink ein.
Seine raue, völlig gelangweilt klingende Stimme hallte durch den stillen Raum. „Wenn du dich schon in meinem Haus verstecken willst, Schatz, musst du lernen, leiser zu atmen.“
Violas Herz rutschte ihr in die Magengrube.
Sie schloss die Augen fest, die Hände zitterten. Dann ließ sie langsam die Beine vom Sessel sinken und stand auf.
Sebastian stand auf der anderen Seite des Raums neben einem dunklen hölzernen Servierwagen. Heute trug er kein Jackett, sondern ein schwarzes Hemd, dessen Ärmel er bis zu den Unterarmen hochgekrempelt hatte, sodass die dicken Adern und alten Narben sichtbar wurden. In einer Hand hielt er ein Glas mit bernsteinfarbener Flüssigkeit.
Er wirkte nicht überrascht, sie zu sehen. Er nahm lediglich langsam einen Schluck, während sein scharfer Blick sie festnagelte.
„Es tut mir leid“, stammelte Viola und presste das Buch an ihre Brust. „Ich wollte nicht stören. Ich werde dann ...“
„Du willst gehen“, beendete er ihren Satz.
Sie nickte und hielt den Blick auf den Boden gerichtet, während ihr das Gesicht heiß wurde. Sie huschte hinter dem Sessel hervor und schob sich dicht an den Bücherregalen entlang, verzweifelt darauf bedacht, seiner erdrückenden Präsenz zu entkommen.
„Stopp.“
Viola blieb augenblicklich stehen. Ihre Turnschuhe quietschten auf dem Holzboden. Sie drehte sich nicht um.
Sie hörte, wie er sein Glas leise abstellte. Dann näherten sich langsame, schwere Schritte. Sebastian ging um sie herum, bis er direkt vor ihr stand und ihr den Weg zur Tür versperrte.
Viola hielt das Kinn gesenkt und starrte auf den mittleren Knopf seines dunklen Hemdes.
Sebastian sagte zunächst nichts. Er stand hochgewachsen und einschüchternd vor ihr, viel zu nah, ohne sie auch nur zu berühren. Dann legte er den Kopf schief und ließ seinen Blick im Morgenlicht langsam über ihr Gesicht wandern.
Sein Blick blieb an ihrer linken Wange hängen.
„Heb den Blick.“
Ihr Atem stockte. Sie umklammerte ihr Buch fester. „Ich sollte wirklich ...“
„Ich sage es nicht noch einmal.“
Zitternd hob sie langsam den Kopf, bis ihre violetten Augen auf seine bernsteinfarbenen trafen.
Sebastian starrte auf den blassen, gelblichen Bluterguss auf ihrer hellen Haut. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. Kein Mitleid, keine sanfte Anteilnahme. Lange betrachtete er den Fleck schweigend, mit der kalten, klinischen Präzision eines Mannes, der ein Etikett las. Unter seinem Blick kribbelte Violas Haut. Erst dann sprach er.
„Wer hat dich geschlagen?“, fragte er mit völlig ausdrucksloser Stimme.
Violas Magen zog sich zusammen. Hastig hob sie die Hand und zog eine dicke Strähne ihres dunklen Haars nach vorn, um ihren Kiefer zu verdecken. „Niemand. Ich ... ich bin mit dem Gesicht gegen eine Tür gestoßen.“
Sebastian stieß ein kurzes, freudloses Schnauben aus. Er steckte eine Hand in die Tasche und sah auf sie hinab, als wäre sie die schlechteste Lügnerin, die ihm je begegnet war.
„Eine Tür“, wiederholte er trocken. „Klar. Türen hinterlassen schließlich Abdrücke von Fingern.“
Viola wurde rot und senkte den Blick auf seine Brust. Ihre Kehle schnürte sich zu. Sie hasste es, dass er den Bluterguss gesehen hatte. Sie hasste es, dass er Bescheid wusste.
„Schon gut“, flüsterte sie. „Es tut nicht weh.“
„Ich habe nicht gefragt, ob es wehtut“, erwiderte er gleichgültig. „Ich habe gefragt, wer es war.“
„Das spielt keine Rolle.“
„War es deine Mutter?“ Sein Blick verengte sich leicht. „Oder deine Schwester?“
„Bitte“, sagte sie und wich einen kleinen Schritt zurück. „Lass es einfach gut sein. Ich bin daran gewöhnt.“
In seinen Augen regte sich etwas.
Mit einem einzigen, bedächtigen Schritt überbrückte er den Abstand, den sie zwischen ihnen geschaffen hatte, und hob die Hand.
Viola erstarrte.
Er fasste sie am Kinn und hob ihr Gesicht ins Morgenlicht. Sein Griff war fest und duldete keinen Widerspruch. Er machte unmissverständlich klar, dass ihr Gesicht genau dort bleiben musste, wo er es haben wollte.
Dann fuhr er mit dem Daumen langsam am verblassenden Rand des Blutergusses entlang, ohne auch nur einmal auf die empfindliche Mitte zu drücken. Bei dieser einzigen, bewussten Bewegung begriff sie mit einem beinahe schwindelerregenden Gefühl der Überraschung, dass er vorsichtig war. Sebastian Hierro, der Schlächter aus den Erzählungen des Personals, berührte ihren Bluterguss, als wollte er ihr nicht wehtun.
Wider Willen hob sie den Blick zu seinen Augen.
Er beobachtete sie bereits, und diesmal hielt er ihren Blick fest. Während sein Daumen weiter am Rand des Flecks entlangfuhr, wirkte seine Haltung zugleich beherrschend und sanft. Ihr Herz hämmerte so heftig, dass sie sicher war, dass er es hören konnte.
„Du lässt zu, dass sie dich wie einen streunenden Hund behandeln“, sagte er schließlich mit rauer, grausamer Stimme. „Kein Wunder, dass du sogar vor deinem eigenen Schatten zusammenzuckst.“
Seine Worte brannten und trafen sie mitten in die Brust.
Viola wusste nichts zu erwidern. Sie wusste, dass sie schwach war und sich nicht zu wehren verstand. Sie versuchte, den Blick zu senken und sich zu verstecken, aber seine Finger hielten ihr Kinn genau dort fest, wo er es haben wollte. Nicht einmal wegsehen konnte sie.
Sie konnte nur dastehen, in seinem Griff gefangen, und fühlte sich schutzloser als jemals zuvor in ihrem Leben.
Sebastian musterte sie noch einen langen Moment. Dann löste sich sein Daumen von ihrer Haut. Er ließ ihr Kinn los und trat zur Seite, wodurch der Weg zur Tür frei wurde.
„Lauf nur“, sagte er in seinem wieder kühlen, gedehnten Ton.
Viola sah ihn nicht wieder an. Sie eilte an ihm vorbei und rannte beinahe aus der Bibliothek.
Zehn Schritte weiter im Flur presste sie den Rücken gegen die kalte Wand und sank zu Boden. Ihre Wange kribbelte noch immer an der Stelle, an der sein Daumen sie berührt hatte. Sie atmete kurz und flach.
Im Tageslicht verwirrte sie die Sanftheit seiner Berührung, trotz seiner Narben, seiner kalten Augen und seiner emotionslosen Stimme, mehr, als es Grausamkeit jemals vermocht hatte.
Es war, als würde er etwas zählen und sich jede einzelne Spur auf ihrer Haut für später einprägen.
Dieser Gedanke machte ihr mehr Angst als alles andere.