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Kapitel 2 — Der Spalt

Author: L'invincible
last update publish date: 2026-02-10 21:58:51

Hugo

Sie trat ein, ohne zu klopfen.

Oder besser gesagt: Sie klopfte zu leise, als ob sie wirklich nicht wollte, dass ich es höre. Ein Flüstern gegen das Holz, eine Geste reiner Form. Gerade genug, damit der Einbruch höflich erscheint. Und schon hallte ihr Name in meinem Geist, wie eine Note, die zu lange gehalten wird.

Sie öffnete die Tür langsam, schob ihren Kopf, dann ihren Körper hindurch. Ohne zu zögern. Eine Erscheinung. Perfekt. Kalkuliert.

— Guten Tag, Professor.

Sie betonte das Wort. Professor. Eine Rüstung auf ihrer Zunge, die bereits wie ein Spiel klang. Wie ein geworfener Handschuh. Mitten zwischen Respekt und Provokation.

Ich sah sie an. Zu lange.

Heute trug sie ein schwarzes Kleid. Flüssig. Ein fast lebendiges Material, das bei jedem ihrer Schritte wogte. Sie hatte ihre Haare zusammengebunden, aber einige Strähnen umrahmten ihr Gesicht mit einem Durcheinander, das zu kontrolliert war, um zufällig zu sein. Und immer diese Art, sich zu setzen… langsam. Durchdacht. Wie eine Berührung, die dem Schweigen angeboten wird.

Sie setzte sich in den Sessel gegenüber meinem Schreibtisch, schlug die Beine übereinander, ohne ein Wort zu sagen, ließ das Kleid über ihre Oberschenkel gleiten.

— Sie wollten mich über Ihre Arbeit sprechen, glaube ich.

— Ja. Über die Figuren der Erwartung in der Liebesliteratur.

Ich schaue auf. Sie starrt mich bereits an. Dieser Blick gehört nicht einer Studentin. Es ist der einer Frau. Die weiß. Die fühlt.

Die Erwartung. Offensichtlich.

Ein Teil von mir lächelt innerlich. Ein anderer versteift sich. Denn ich sehe klar in ihre Wahl. Es ist kein Thema. Es ist ein Geschenk. Oder ein Angriff.

— Ein präziser Ansatz? fragte ich, während ich versuchte, die Kontrolle zurückzugewinnen.

— Die Erwartung als Spannungsaufbau. Als rohes Verlangen. Ich dachte daran, über Duras, Barthes… und vielleicht Bataille zu arbeiten.

Ich lehne mich gegen die Rückenlehne meines Stuhls. Ihr Ton ist ruhig. Neutral. Doch ihre Knie haben sich näher zusammengelegt. Ihre Hände sind auf ihren Oberschenkeln gefaltet, die das Kleid umschließen. In ihrer Haltung gibt es etwas Offizielles. Wie eine perfekt inszenierte Kühnheit.

— Glauben Sie, dass die Erwartung ausreicht? Dass sie eine Form von Erotismus an sich ist?

Sie neigt den Kopf. Langsam. Ihre Haare streifen ihre Schlüsselbeine. Ihr Lächeln ist diskret. Nur ein Zucken in ihrem Mund.

— Ist das nicht, was Sie im Unterricht gesagt haben, Professor? Dass manche Stürme nicht ausbrechen müssen, um zu brennen?

Mein Kiefer verspannte sich. Ich hielt den Atem an. Was sie tut… Was sie sagt…

Sie schiebt mich über eine Linie, die ich nicht gewählt habe. Und doch möchte ich sie nicht zurückweisen. Das ist das Beunruhigendste.

Ich senke den Blick. Blättere durch unnütze Papiere. Ich will sie einfangen. Sie rahmen. Mich neu fokussieren.

— Das ist ein interessanter Ansatz. Wir müssen darauf achten, nicht in persönliche Interpretationen zu verfallen.

— Ich werde darauf achten.

Sie macht eine Pause. Lässt mich atmen. Dann:

— Auch wenn es manchmal die persönlichsten Leseerfahrungen sind, die die tiefsten Spuren hinterlassen… nicht wahr?

Ich hebe den Kopf. Plötzlich.

Ihre Pupillen sind geweitet. Sie lächelt kaum. Sie ist sich jedes Wortes bewusst. Jedes Schweigen. Sie spielt mit meinen Grenzen.

Ich stehe auf. Ich muss atmen. Die Luft ist schwer, dick. Ich gehe zum Fenster, öffne es kaum. Draußen erstickt der Juni. Die Feuchtigkeit haftet an allem. Sogar an meinen Gedanken.

— Haben Sie Referenztexte? Erste Wegmarken?

Sie steht ebenfalls auf. Aber sie bleibt nicht auf ihrer Seite des Schreibtisches. Sie umgeht ihn. Kommt zu mir. Langsam. Zu nah.

Sie tritt in meinen Raum. In meine Luft. Sie stört sie.

— Ich habe eine Liste begonnen. Aber…

Sie reicht ein Blatt. Unsere Finger streifen sich. Kaum. Aber genug, damit mein Puls verrückt spielt.

… ich würde vor allem gerne Ihre haben.

Ich nehme das Blatt, ohne es zu lesen. Ich spüre noch ihre Wärme auf meiner Haut. Lächerlich. Fünf Sekunden Kontakt. Und mein Körper elektrisiert sich.

Ich weiche zurück. Einen Schritt. Instinktiv.

Aber sie folgt nicht. Sie bleibt stehen. Verankert. Präsente.

Und im Schweigen wirft sie wieder ein.

— Professor… Glauben Sie, dass die Erwartung immer passiv ist? Oder dass sie… aktiv sein kann?

Ich sehe sie an.

Sie bewegt sich nicht. Aber alles an ihr spricht. Ihr Atem. Ihre Haltung. Ihr Duft. Sie ist hier, vor mir, wie ein lebendiger Text. Ein leibhaftiges Gedicht, bis zum Äußersten gespannt.

Sie weiß. Dass ich sie sehe. Dass ich sie vielleicht will.

Sie wartet.

Sie wartet nicht auf meine Antwort. Sie kennt sie. Sie sieht meine Unruhe, meine etwas zu schnellen Bewegungen, meinen Blick, der sich abwendet. Sie spürt, wie meine Abwehrmechanismen eins nach dem anderen fallen.

Und sie klopft nicht. Sie geht.

— Danke für Ihre Zeit, sagt sie einfach. Ich werde Ihnen eine E-Mail mit meinen genaueren Ideen schicken. Bis nächsten Donnerstag, Professor.

Sie dreht sich um. Entfernt sich. Und jeder Schritt ist ein schwebender Abschied. Oder ein Versprechen.

Sie geht hinaus. Schließt die Tür sanft.

Und ich bleibe hier. Allein. Erstarrt.

Da ist dieser Duft im Raum. Leicht. Fast fruchtig. Aber hartnäckig. Als hätte ihr Körper die Luft geprägt.

Ich schließe die Tür langsam ab. Setze mich. Meine Hände zittern kaum. Mein Hals ist trocken.

Ich muss dem ein Ende setzen. Schnell.

Aber eine Stimme flüstert mir leise zu, bereits:

Du willst nicht aufhören.

Und ich weiß, dass diese Stimme…

Es ist ihre.

In mir.

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