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Kapitel 2

Autor: KarenW
Seraphinas Perspektive

Nachdem ich aufgelegt hatte, lastete die Stille noch schwerer auf mir als zuvor.

In fünf Tagen würde ich siebenundzwanzig werden.

Früher hatte ich mir immer ausgemalt, dieser Tag würde der Anfang von uns sein. Der Tag, an dem sein Versprechen endlich wahr wurde.

Stattdessen war es sein Hochzeitstag.

Mein Geburtstag. Seine Hochzeit.

War das Absicht?

Wollte er wirklich sicherstellen, dass ich diesen Tag nie wieder vergaß? Nicht als den Tag, an dem ich endlich bekam, was ich mir so lange gewünscht hatte, sondern als den Tag, an dem er mir alles nahm?

Von allen Tagen auf der Welt. Warum ausgerechnet dieser?

Warum machte er aus dem Tag, auf den ich sechs Jahre lang gewartet hatte, einen so grausamen Hohn?

Ich bog um eine Ecke und blieb plötzlich vor dem Eingang einer dunklen Gasse stehen.

Und irgendwie genügte das schon, um die nächste Erinnerung in mir hochzuholen.

Die Erinnerung an das erste Mal, als ich Kael begegnet war.

Ich war sechzehn.

Mein Vater hatte mich zu einem seiner endlosen Mafiatreffen mitgenommen. Zu einem dieser Abende voller teurer Anzüge, falscher Lächeln und viel zu vieler Blicke, die einen einen Moment zu lange musterten.

Irgendwann mitten in der Nacht war ich geflohen.

Ich war durch die Hintertür hinaus in den Garten geschlüpft, verzweifelt auf der Suche nach Luft. Der Teich glitzerte schwach im Licht, und ich dachte, dort könnte ich vielleicht wenigstens ein paar Minuten lang einfach nur atmen.

Die Männer drinnen sahen mich nie als Menschen.

Eher wie ein Preisschild.

Wenn ich nicht den Namen meines Vaters getragen hätte, hätten sie mich wahrscheinlich nur als Unterhaltung betrachtet.

Ich lief am Teich entlang, als plötzlich vier Männer aus dem Schatten traten.

Einen von ihnen erkannte ich wieder. Er war vorher schon auf der Feier gewesen.

„Fräulein Dusk?“, rief er.

Alles in mir schrie danach, sofort zu verschwinden.

„Ja“, antwortete ich und zwang meine Stimme zur Ruhe. „Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden.“

Ich wollte weitergehen, doch ein anderer trat mir in den Weg. Ein breitschultriger Kerl mit einer Narbe über der Augenbraue. Seine Stimme klang beinah amüsiert.

„Nicht so schnell, junge Dame.“

Panik zog mir die Brust zusammen.

Es war das erste Mal, dass ich so eingekreist wurde.

Von Leuten aus der Welt meines Vaters. Und trotzdem war sofort klar, dass sie nicht auf seiner Seite standen.

Und nicht auf meiner.

„Was ist denn?“, brachte ich heraus und versuchte, mir die Angst nicht anmerken zu lassen.

Einer von ihnen lachte. Kurz. Tief. Scharf.

„Dein Vater wird langsam zu einem Problem. Wenn er in New York am Leben bleiben will, sollte er aufhören, uns ständig in die Quere zu kommen.“

„Ich weiß nichts über seine Geschäfte“, sagte ich und hob das Kinn. „Aber wenn ihr mich anfasst, bringt mein Vater euch um.“

Das brachte sie nur noch lauter zum Lachen.

„Uns umbringen?“ Einer von ihnen verzog höhnisch den Mund. „Das würde er nicht wagen. Dein Vater ist ein Feigling. Wenn er nicht ein paar Freunde hätte, die wir lieber nicht gegen uns aufbringen wollen, wäre er längst tot.“

Der Breitschultrige beugte sich zu mir herunter. Sein Atem roch abgestanden aber warm. Das Licht fiel von oben in seine Augen und ließ sie hart und glänzend wirken.

„Und du...“, sagte er mit einem langsamen, grausamen Grinsen. „Ich werde schon dafür sorgen, dass du es sehr bequem hast.“

„Arschloch“, fauchte ich, obwohl meine Stimme zitterte.

In der Mafiawelt gab es keine Regeln.

Wirklich keine.

Und ich wusste, dass diese Männer jedes einzelne Wort ernst meinten.

Die Panik kroch mir die Kehle hinauf. Heiß. Würgend. Immer höher.

Doch dann durchschnitt eine Stimme die Spannung. Ruhig. Glatt. Und doch lag etwas darin, das täuschend harmlos klang.

„Machen diese Bastarde Ihnen Ärger, Fräulein Dusk?“

Ich drehte mich um.

Hinter mir stand ein Mann in einem maßgeschneiderten Anzug. Das Haar streng nach hinten gekämmt, die Gesichtszüge sauber, beherrscht.

Zu beherrscht.

Er passte nicht in diese Welt.

Zumindest glaubte ich das in diesem Moment.

Bis die Männer um mich herum von einem Augenblick auf den anderen verstummten.

Derjenige, der mich eben noch bedroht hatte, räusperte sich sogar und wich einen Schritt zurück.

Ein anderer senkte sofort den Kopf.

„Herr Viremont, wir wissen nicht...“

„Ihr wisst nicht, dass sie Luciens Tochter ist?“ Der Mann, niemand anderes als Kael Viremont, machte einen langsamen Schritt nach vorn. „Oder ist genau das der Grund, warum ihr sie belästigt habt?“

Die Luft um ihn herum veränderte sich.

Die Gefahr lag nicht in seiner Lautstärke.

Sie lag in der Art, wie er sprach. So, als gäbe er ihnen die Gelegenheit, sich ihr eigenes Grab zu schaufeln.

Das war das erste Mal, dass ich Kael sah.

Und er rettete mich.

Selbst jetzt, obwohl mir noch immer das Herz von dem schmerzte, was ich in seinem Büro mitangehört hatte, konnte ich diese Erinnerungen nicht aufhalten.

Sie brachen einfach wieder über mich herein.
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