LOGINGrace presste ihre Handflächen flach gegen das raue Holz des massiven Zedernholzschranks.
Das Möbelstück war monströs. Es war über sieben Fuß hoch, aus dicken Platten uralten Holzes gefertigt und mit schweren Eisenbeschlägen verstärkt. Es wirkte unverrückbar. Es sah aus, als stünde es schon seit einem Jahrhundert in genau derselben Ecke dieses steinernen Zimmers.
Grace stellte ihre nassen Stiefel fest auf den dunklen, gewebten Teppich. Sie stemmte ihre Schulter gegen die Seite des schweren Holzes und drückte mit all ihrer Kraft.
Ihre Stiefel rutschten ab. Ihre Muskeln brannten mit einem plötzlichen, feurigen Schmerz. Der Schrank bewegte sich keinen Bruchteil eines Zentimeters.
Sie trat zurück, ihre Brust hob und senkte sich unter schnellen Atemzügen. Sie sah auf den verrosteten Eisenschlüssel in ihrer rechten Hand. Die an das Metall gebundene Notiz war eine direkte Anweisung. *Benutze diesen Schlüssel, um den Dienstbotengang hinter dem Zedernholzschrank zu öffnen.* Die Person, die die Nachricht geschrieben hatte, kannte den Grundriss des privaten Flügels des Alphas. Sie wusste genau, was hinter dem schweren Möbelstück verborgen war.
Grace ließ sich auf dem dicken Teppich auf die Knie fallen. Sie untersuchte den Sockel des Schranks.
Das schwere Stück schloss nicht bündig mit dem Steinboden ab. Es ruhte auf vier dicken, geschnitzten Holzfüßen. Aber der Boden unter den Füßen war zerkratzt. Tiefe, ausladende Furchen waren in die Schieferfliesen gekerbt und bildeten einen deutlich gebogenen Pfad, der von der Wand wegführte.
Der Schrank war nicht dazu gedacht, zur Seite geschoben zu werden. Er war so konstruiert, dass er wie eine massive Tür nach außen schwang.
Grace krabbelte zum äußersten linken Rand des Holzes. Sie grub ihre Finger in den schmalen Spalt zwischen dem Schrank und der Granitwand. Sie fand einen verborgenen, eingelassenen Eisenriegel, der tief in den Schatten lag. Sie zog kräftig daran.
Ein lautes, metallisches Klacken hallte in dem stillen Raum wider.
Grace stand auf. Sie griff nach der Kante des Schranks und zog ihn zu sich heran.
Das massive Möbelstück glitt auf verborgenen, schweren Eisenrollen nach vorn. Das Holz ächzte protestierend, aber es bewegte sich und schwang auf, um die dunkle Granitwand dahinter freizugeben.
Direkt in den Stein eingelassen befand sich eine schmale, gewölbte Holztür.
Das Holz der verborgenen Tür verrottete und war von einer dicken Schicht aus grauem Staub und uralten Spinnweben bedeckt. Ein schweres eisernes Schlüsselloch saß in der Mitte des Bogens, schwarz und korrodiert.
Grace trat in den schmalen Raum zwischen dem Schrank und der Wand. Die Luft hier war eisig. Es roch nach nasser Erde, abgestandenem Wasser und zerfallendem Stein. Es roch wie ein Grab.
Sie hob den verrosteten Eisenschlüssel. Ihre Hand zitterte leicht in der kalten Luft. Sie zwang ihre Finger, ruhig zu bleiben, und schob das schwere Metall in das Schloss.
Der Schlüssel leistete Widerstand. Die inneren Zuhaltungen waren von jahrzehntealtem Rost überzogen. Grace umklammerte den Kopf des Schlüssels mit beiden Händen und drehte ihre Handgelenke gewaltsam.
Das Schloss gab mit einem scharfen, knirschenden Kreischen nach.
Grace drückte die Tür auf.
Eine Welle bitterkalter, eisiger Luft strömte aus der dunklen Öffnung und traf ihr Gesicht wie ein physischer Schlag. Der Gang hinter der Tür war pechschwarz. Es gab keine Wandleuchten. Es sickerte kein Umgebungslicht vom Sturm draußen herein. Es war ein schmaler, erstickender Tunnel, der direkt durch das Grundgestein des Berges gehauen war.
Sie zögerte nicht.
Grace trat über die steinerne Schwelle und zog die schmale Holztür hinter sich zu.
Das schwere Klicken des Schlosses, das wieder einrastete, versiegelte sie innerhalb der Wand. Die plötzliche, absolute Dunkelheit war blendend. Grace streckte beide Hände aus und presste ihre Fingerspitzen gegen den rauen, eisigen Granit zu beiden Seiten. Der Tunnel war kaum breit genug für ihre Schultern.
Sie begann zu gehen.
Sie nutzte ihre Hände, um sich vorwärts zu tasten. Der Steinboden war uneben, rutschig von Kondenswasser und verborgenen Flecken aus glattem Moos. Ihre Stiefel kratzten laut in dem engen Raum. Dicke, klebrige Spinnweben hafteten an ihrem Gesicht und ihren Haaren. Sie wischte sie hektisch weg und ignorierte das kriechende Gefühl von unsichtbaren Insekten, die über den feuchten Stein krabbelten.
Der Tunnel begann steil und holprig abzufallen.
Grace bewegte sich vorsichtig und prüfte jeden Schritt, bevor sie ihr Gewicht verlagerte. Die Klaustrophobie drückte schwer auf ihre Brust. Das gewaltige Gewicht der Vance-Festung saß direkt über ihrem Kopf. Tausende Tonnen Granit und Eisen drohten, sie in der Dunkelheit zu zerquetschen.
Sie lief zehn qualvolle Minuten lang. Die Temperatur sank weiter. Das Geräusch des Sturms draußen verschwand und wurde durch die schwere, erdrückende Stille der tiefen Erde ersetzt.
Dann sah sie das Licht.
Ein schwaches, blassgelbes Leuchten sickerte ein paar Meter weiter vorn auf den Steinboden.
Grace verlangsamte ihren Schritt. Sie schlich vorwärts und hielt ihren Rücken flach gegen die kalte Tunnelwand gepresst.
Das Licht kam von einem rechteckigen Lüftungsgitter aus Messing, das tief in den Stein eingelassen war. Das Gitter war dick und mit einer schweren Staubschicht bedeckt. Grace kauerte sich im dunklen Gang hin und spähte durch die schmalen Metallschlitze.
Der Lüftungsschacht blickte direkt hinab in die massive, gewölbte große Halle des Anwesens.
Der Raum darunter war höhlenartig. Ein riesiges Feuer brüllte in einer steinernen Feuerstelle von der Größe eines kleinen Hauses. Ein langer, schwerer Eichentisch dominierte die Mitte der Halle.
Über dreißig Menschen standen um den Tisch herum.
Es waren die Ältesten des Vance-Rudels. Sie trugen teure, dunkle Kleidung, aber ihre Haltung war starr und animalisch. Ihre Augen leuchteten im Feuerschein und wechselten in Schattierungen von blassem Gelb, tiefem Bernstein und leuchtendem Gold. Sie waren Raubtiere, die sich zu einem Kriegsrat versammelt hatten.
Am Kopfende des Tisches stand Andre.
Der Alpha wirkte im flackernden Licht monströs. Sein durchnässtes Hemd klebte an seinem massigen, schwer bemuskelten Körper. Das dunkle Blut des Attentäters bedeckte noch immer seine Hände und Unterarme. Die glühende Hitze, die von seinem Körper ausstrahlte, war selbst von dem hohen Schacht aus sichtbar und verzerrte die Luft um ihn herum in einem schweren, tödlichen Dunst. Seine silbernen Augen brannten mit einer furchteinflößenden, entfesselten Gewalt.
„Die Bibliothek ist gesichert“, erklärte ein großer, grauhaariger Ältester. Seine Stimme hallte scharf und wütend den Lüftungsschacht hinauf. „Der Streuner ist durch die Dienstbotengänge eingedrungen. Wir fanden die Tunneltür von innen entriegelt.“
„Ihr habt ein Symptom gefunden“, krächzte Andre. Das dunkle, vibrierende Knurren seiner Stimme ließ das Messinggitter nahe Graces Gesicht erzittern. „Ich will die Krankheit. Ich will den Namen des Verräters, der den Schlüssel gedreht hat.“
„Es gibt keinen Verräter“, schoss eine zweite Älteste zurück. Es war eine ältere Frau mit strengen Zügen und leuchtend bernsteinfarbenen Augen. „Es gibt nur Wölfe, die versuchen, deinen Wahnsinn zu überleben. Das Blut in der Bibliothek war eine Warnung. Der Onkel weiß, dass der Mensch innerhalb der Mauern ist. Er weiß, dass du eine Schwachstelle in die Höhle gebracht hast.“
Andre schlug mit seinen blutigen Fäusten auf den schweren Eichentisch.
Das dicke Holz riss unter der monströsen Wucht. Ein gezackter Splitter riss genau durch die Mitte des uralten Tisches. Der gesamte Raum zuckte zusammen und trat im Einklang einen Schritt zurück.
„Sie ist keine Schwachstelle“, brüllte Andre. Die schiere Lautstärke seiner Stimme war ohrenbetäubend. „Sie ist meine Gefährtin.“
Die Stille, die auf diese Erklärung folgte, war tödlich.
Die Ältesten starrten den Alpha in purem, unverfälschtem Schock an. Das Wort hing in der schweren, raucherfüllten Luft wie eine physische Waffe.
Grace hielt den Atem an. Sie umklammerte die kalten Messingstäbe des Gitters. Ihr Herz hämmerte in einem hektischen, schmerzhaften Rhythmus gegen ihre Rippen.
„Eine menschliche Gefährtin“, flüsterte der grauhaarige Älteste, sein Gesicht blass im Feuerschein. „Ein zerbrechlicher, nutzloser Mensch. Der Fluch hat deinen Verstand nun endgültig zerstört, Andre. Der Verfall ist komplett. Du beanspruchst ein Stück Beute, während der Onkel mit einer Armee an unsere Grenzen marschiert.“
Andre schrie nicht. Er bewegte sich.
Er überwand die Distanz zwischen dem Kopfende des Tisches und dem grauhaarigen Ältesten in einem Wirbelstrum gewaltsamer Bewegung. Er packte den älteren Mann an der Kehle und schleuderte ihn rückwärts auf den gerissenen Eichentisch. Das schwere Holz ächzte unter ihrem gemeinsamen Gewicht.
Andre beugte sich über den zappelnden Ältesten. Das leuchtende Silber seiner Augen verschlang den Raum.
„Der Onkel hat einen Attentäter in mein Haus geschickt“, flüsterte Andre. Das dunkle, tödliche Summen seiner Stimme trug mühelos den Steinschacht hinauf. „Er hat eine Klinge auf das gerichtet, was mir gehört. In diesem Krieg geht es nicht mehr um Grenzlinien. Es geht um Blut.“
„Er bietet einen Waffenstillstand an“, rief die weibliche Älteste, verzweifelt darauf bedacht, den auf den Tisch gedrückten Mann zu retten. „Er hat eine Nachricht durch die Grenzwachen geschickt. Übergib ihm das Menschenmädchen. Gib ihm die Geisel, und er wird seine Truppen vom nördlichen Höhenrücken abziehen. Er wird das Hauptanwesen in Frieden lassen.“
Andre drehte langsam den Kopf. Er sah die weibliche Älteste an.
Der wilde, obsessive Terror in seinem Ausdruck ließ das Blut in Graces Adern gefrieren.
„Wenn irgendjemand in diesem Raum“, sagte Andre langsam, und seine Stimme senkte sich um eine Oktave, „noch einmal davon spricht, sie an den Feind auszuliefern, werde ich euch mit meinen Zähnen die Kehlen herausreißen.“
Er ließ den grauhaarigen Ältesten los. Der ältere Mann schnappte heftig nach Luft, rollte vom zerbrochenen Tisch und ließ sich auf dem Steinboden auf die Knie fallen.
Andre richtete sich zu seiner vollen, hoch aufragenden Größe auf. Er blickte sich in der großen Halle um und scannte die verängstigten Gesichter seines Rudels ab.
„Die Abriegelung bleibt bestehen“, befahl Andre. „Niemand verlässt das Gelände. Verdoppelt die Wachen am Westflügel. Wenn auch nur ein einziger Streuner in diesen Flur eindringt, werde ich jede diensthabende Wache abschlachten. Geht mir aus den Augen.“
Die Ältesten widersprachen nicht. Sie drehten sich um und flohen aus der großen Halle, verzweifelt darauf bedacht, der glühenden, gewaltsamen Hitze des Bestienkönigs zu entkommen.
Grace setzte sich in der eisigen Dunkelheit des Tunnels auf ihre Fersen zurück.
Ihr Verstand raste und verarbeitete die Fragmente des Gesprächs unter ihr. Der Onkel wollte sie. Er wusste, dass sie auf dem Anwesen war. Er hatte angeboten, den Krieg im Austausch für ihre Gefangennahme abzublasen.
Grace griff in ihre Tasche und holte den verrosteten Eisenschlüssel heraus. Sie hielt ihn in der Dunkelheit und spürte das kalte, raue Metall an ihrer Handfläche. Sie dachte an die Notiz, die an den Schlüssel gebunden war.
*Benutze diesen Schlüssel, um den Dienstbotengang zu öffnen. Finde den Jungen in den Gruben.*
Die Puzzleteile fügten sich mit einer furchteinflößenden, schweren Endgültigkeit zusammen.
Der Schlüssel war keine Rettungsleine. Es war eine kalkulierte, tödliche Falle.
Die Ältesten hatten den Schlüssel in ihrer Tasche platziert. Sie wollten, dass sie die Sicherheit des Westflügels verließ. Sie wussten, dass Andre sie hinter den Eisentoren eingesperrt hatte. Sie wussten, dass der Alpha jeden abschlachten würde, der versuchte, sie gewaltsam aus seinem Zimmer zu holen. Der einzige Weg, sie vom Anwesen zu entfernen, ohne Andres Zorn auf sich zu ziehen, bestand darin, sie dazu zu bringen, von selbst hinauszugehen.
Sie benutzten ihren Bruder als Köder.
Sie wussten, dass sie nicht zum State Highway weglaufen würde. Sie wussten, dass sie alles riskieren würde, um die unterirdischen Kampfgruben auf dem nördlichen Höhenrücken zu finden. Die Ältesten hatten den verborgenen Tunnel unverschlossen gelassen. Sie scheuchten sie aus der Höhle und schickten sie geradewegs in den dunklen Wald, direkt in die wartenden Hände der Söldner des Onkels.
Wenn sie am Ende dieses Tunnels hinausging, lief sie direkt in eine Entführung.
Grace starrte auf das schwache Licht, das durch das Messinggitter sickerte. Sie könnte zurückgehen. Sie könnte umkehren, den steilen Steingang hinaufklettern und sich wieder in das warme, sichere Schlafzimmer einschließen. Sie könnte darauf warten, dass das Monster unten sein eigenes Rudel in Stücke riss, um sie zu beschützen.
Sie stellte sich den blutigen Fetzen Jeansstoff vor, der auf dem Silbertablett in der Bibliothek lag.
Ihr Bruder war in einer Kampfgrube angekettet, umgeben von Raubtieren. Er war allein.
Grace steckte den verrosteten Schlüssel zurück in ihre Tasche.
Sie drehte sich nicht um. Sie stand im eisigen, dunklen Tunnel auf und setzte ihren Abstieg in die Erde fort. Sie wusste, dass es eine Falle war. Sie wusste, dass die Ältesten sie zum Feind schickten. Aber der Feind hatte ihre Familie.
Der Tunnel machte eine scharfe Rechtskurve. Der Steinboden wurde rutschig vor schwerem Schlamm.
Die Luft veränderte sich. Der Geruch von Staub und abgestandenem Stein wurde durch den scharfen, bitteren Duft des Sturms ersetzt. Ein eisiger Wind fegte den Gang hinunter und brachte die schweren Tropfen des eisigen Regens mit sich.
Grace erreichte das Ende des Tunnels.
Ein massives, verrostetes Eisengitter versperrte den Ausgang. Es war stark korrodiert und von dickem, grünem Moos und nasser Erde bedeckt. Jenseits der Eisenstäbe wütete der dunkle, gewaltsame Wald im Sturm. Der Wind heulte durch die hoch aufragenden Kiefern und schüttelte die schweren Äste mit ohrenbetäubender Kraft.
Grace umklammerte die kalten Eisenstäbe. Sie stellte ihre Stiefel in den Schlamm und drückte mit all ihrer Kraft.
Die verrosteten Scharniere kreischten in der Dunkelheit. Das schwere Gitter schwang nach außen und grub eine tiefe Furche in die durchnässte Erde draußen.
Grace krabbelte durch die Öffnung.
Der eisige Platzregen traf sie sofort. Der Regen wusch den Staub und die Spinnweben aus ihren Haaren und durchnässte ihre Jacke in Sekundenschnelle. Die Kälte war brutal, schnitt durch ihre feuchte Kleidung und setzte sich tief in ihren Knochen fest.
Sie stand im dunklen Wald auf. Die massive Steinmauer des Vance-Anwesens ragte hinter ihr auf, eine undurchdringliche Festung, die gegen den Sturm verriegelt war.
Sie griff in ihre Jacke und holte die schwere Stahltaschenlampe heraus. Sie drückte den Knopf.
Der weiße Lichtstrahl schnitt durch den dichten Bergnebel. Die Bäume hier waren uralt, ihre massiven Stämme wanden sich wie greifende Klauen dem Himmel entgegen. Der Boden war ein Meer aus dunkelbraunem Schlamm und verrottenden Kiefernnadeln.
Grace richtete die Taschenlampe auf den Schlamm direkt vor dem Eisengitter.
Sie erstarrte.
Der Atem stockte scharf in ihrer Kehle. Das schwere, hektische Schlagen ihres Herzens übertönte das Geräusch des Regens.
Der Schlamm außerhalb des verborgenen Tunnels war nicht glatt. Er war aufgewühlt.
Tiefe, massive Vertiefungen waren in die nasse Erde gedrückt. Es waren Spuren. Aber es waren nicht die Spuren eines normalen Wolfes. Sie waren monströs und trugen das schwere, furchteinflößende Gewicht eines massiven Raubtiers. Die tiefen Krallenspuren zerfurchten die Erde und füllten sich rasend schnell mit frischem Regenwasser.
Die Spuren bildeten einen perfekten, engen Kreis um den Ausgang des Tunnels.
Grace hob langsam den Lichtstrahl und ließ das weiße Licht in die dunkle, erdrückende Baumgrenze schweifen.
Sie war nicht allein. Sie warteten auf sie.
Die Bestie, die über Grace aufragte, trotzte den natürlichen Gesetzen der Biologie. Er war eine Kreatur, geschmiedet aus einem verrottenden Fluch und einer reinen, uralten Blutlinie. Seine Schulterhöhe maß über zwei Meter. Dichtes, pechschwarzes Fell absorbierte das grelle weiße Licht der taktischen Flutlichter, die noch immer auf dem hohen Kamm brannten. Die schiere Masse seines Körpers strahlte eine glühende, erstickende Hitze aus, die den eisigen Regen augenblicklich verdampfen ließ, sobald er sein Fell berührte.Der Geruch von heißem Kupfer durchflutete die Schlucht. Die gewaltsame Verwandlung hatte die Blutgefäße in seiner menschlichen Haut zum Platzen gebracht und sein dunkles Fell mit einem frischen, metallischen Glanz überzogen. Das Geräusch seiner letzten Knochen, die zu ihrer monströsen Form verschmolzen, hallte wie brechendes Holz wider.Er senkte seinen gewaltigen, furchteinflößenden Kopf. Sein Kiefer war ein Albtraum aus gezackten, verlängerten Zähnen. Er atmete ihren Duf
Das fahle Licht des Vollmonds wirkte wie eine ätzende Säure auf die Haut des Alphas.Andre blieb auf Händen und Knien in der Mitte der Kampfgrube. Seine massiven Schultern bebten heftig. Die Luft um ihn herum verzerrte sich in einem schweren, unnatürlichen Hitzeflimmern. Dichter weißer Dampf stieg von seinem durchnässten Hemd auf und trug den scharfen Geruch nach brennendem Blut und verrottendem Ozon in sich. Das Geräusch seiner Knochen, die brachen und sich neu ausrichteten, hallte über den abklingenden Sturm hinweg. Es war ein nasses, schweres Knirschen, das Graces Blut in den Adern gefrieren ließ.Er kämpfte gegen seine eigene Biologie. Der Fluch forderte die Bestie, aber der menschliche Verstand kämpfte darum, die Kontrolle zu behalten.Grace machte einen zögerlichen Schritt auf ihn zu. Der Schlamm sog an ihren schweren Stiefeln.„Andre“, sagte sie, ihre Stimme angespannt vor nackter Panik.„Lauf“, brüllte Andre, sein Gesicht immer noch tief im Morast. Dem Befehl fehlte sein üblic
Der kalte Stahl des Pistolenlaufs bohrte sich härter in Graces Schläfe.Der glatzköpfige Anführer hyperventilierte, seine massige Brust hob und senkte sich gegen ihren Rücken in hektischen, unregelmäßigen Rhythmen. Er roch nach ranzigem Schweiß, nackter Angst und dem strengen kupfernen Beigeschmack der abgeschlachteten Grenzwachen. Er hielt seinen schweren Unterarm fest um ihre Kehle geschlossen, schnitt ihr die Luft ab und presste sie gegen die scharfen Holzpfähle der Barrikade. Sein Finger spannte sich um den empfindlichen Abzug. Er schrie in die dunkle Leere der Schlucht und forderte, dass der Alpha sich zeige oder zusehe, wie seine Gefährtin im Schlamm sterbe.Die Dunkelheit über ihnen verschob sich.Ein massiver, schwerer Schatten löste sich von den hohen Granitfelsen, die die Arena säumten.Andre trat nicht aus der Baumgrenze. Er fiel geradewegs vom Himmel herab.Er fiel wie ein lokaler Meteor und trug das dichte, furchteinflößende Gewicht eines monströsen Raubtiers in sich. Der
Das plötzliche Fehlen des blendenden Halogenlichts stürzte die Schlucht in eine erstickende Leere.Die dicken Glaskolben zischten heftig, als der eisige Regen auf die überhitzten, zersplitterten Fragmente traf, die über den Schlamm verstreut waren. Der Übergang von strahlend weißem Licht zu pechschwarzer Dunkelheit war körperlich erschütternd. Er beraubte die Söldner im Bruchteil einer Sekunde ihres taktischen Vorteils. Die tiefen, schweren Schatten der Schlucht verschmolzen zu einer einzigen, undurchdringlichen schwarzen Wand.Grace blieb in der Mitte der Kampfgrube auf den Beinen.Sie zuckte nicht zusammen. Sie griff nicht nach einer Waffe. Sie stand vollkommen still und ließ den eisigen Regen über ihr Gesicht spülen. Sie lauschte dem hektischen, stoßweisen Atem der drei Männer, die sie umgaben. Die Luft in der Arena schmeckte nach Ozon, Schießpulver und nackter Angst.Der glatzköpfige Anführer machte blind einen Schritt rückwärts. Sein schwerer Stahlkappenstiefel schmatzte laut im
Der erstickende Lederhandschuh presste Grace gnadenlos in die dunkle Realität ihrer Gefangenschaft.Sie konnte nicht atmen. Sie konnte nicht schreien. Der massige Angreifer zerrte sie rückwärts durch den eisigen Regen und riss sie von dem im Leerlauf tuckernden gelben Bulldozer und der vorübergehenden Sicherheit der Schatten weg. Sein schwerer Arm blieb wie ein massives Eisenband um ihre Rippen geschlossen. Die schiere körperliche Kraft des Mannes machte ihr heftiges Um-sich-Schlagen nutzlos. Sie rammte ihre schweren Stiefel in seine Schienbeine. Sie kratzte an dem dicken Leder, das ihren Mund bedeckte. Er geriet nicht einmal aus dem Tritt.Der industrielle Lärm des Lagers verschluckte die Geräusche ihres Kampfes. Das schwere Dröhnen der Dieselgeneratoren und die chaotischen Rufe der Söldnerwachen übertönten ihre verzweifelte Gegenwehr.Er trug sie auf die Mitte der ausgehöhlten Schlucht zu.Das blendende Licht der massiven Halogen-Lichttürme begann die Dunkelheit zu durchbohren. Die
Der weiße Strahl der Taschenlampe beleuchtete die monströsen Spuren.Grace starrte auf die tiefen Furchen im Schlamm. Der Regen füllte die gezackten Krallenspuren rasend schnell mit dunklem Wasser. Die Spuren führten nicht vom Eisengitter weg. Sie umkreisten es. Die Raubtiere hatten hier gewartet. Sie waren im eisigen Platzregen auf und ab getigert und hatten genau den Moment abgepasst, in dem sich die verborgene Tür öffnen würde.Grace schaltete die Taschenlampe aus.Sich wieder in den pechschwarzen Wald zu stürzen, war eine furchteinflößende Notwendigkeit. Ein Lichtstrahl, der sich durch die Bäume bewegte, war ein Signalfeuer. Es lud die Jäger zum Angriff ein. Sie schob den schweren Stahlzylinder tief in ihre Jackentasche. Sie holte den Messingkompass und die gefaltete topografische Karte heraus. Sie schirmte die Werkzeuge unter der Klappe ihres Mantels ab und verließ sich auf das schwache Umgebungslicht der Blitze, die über den Himmel zuckten, um die Skala abzulesen.Die Koordinate
Der genetische Fluch riss durch den Schädel von Andre Vance wie gezacktes, rostiges Eisen.Zehn Minuten bevor er das Mädchen am Rand der Schlucht fand, stand er tief im nördlichen Höhenrücken. Der Sturm hämmerte gegen seine breiten Schultern. Er umklammerte die raue, nasse Rinde einer massiven Kief
Grace senkte das Brecheisen nicht.Sie ließ ihre Stiefel fest im eisigen Schlamm stehen. Der starke Regen strömte über ihr Gesicht und trübte ihre Sicht. Sie blinzelte schnell, um wieder klar sehen zu können.Der Mann, der in den blassen Strahl ihrer zu Boden gefallenen Taschenlampe trat, war ein A
Grace drehte den Zündschlüssel um. Der Motor ihrer Limousine stotterte, hustete eine Wolke dunkler Abgase in den eisigen Regen und sprang schließlich an.Die Heizung war kaputt. Zitternd saß sie auf dem rissigen Ledersitz und klammerte sich an das Lenkrad. Ihre Knöchel spiegelten das blasse Weiß de
Das eiserne Schloss der Kellertür gab mit einem heftigen, metallischen Kreischen nach. Grace ließ das schwere eiserne Brecheisen auf den Linoleumboden fallen. Das Metall schepperte laut in dem leeren Foyer. Der Empfangsschalter war verlassen. Martha war geflohen und hatte ihren Computermonitor leuc







