LOGINDer Mond schenkte ihnen Stärke, während die Sonne ihnen Macht verlieh. Doch die Leere? Die Leere hinterließ nur die Stille, die auf einen Schrei folgt. Eines Tages wird das Gefäß zerbrechen, und das Universum wird sich erinnern, warum es die Dunkelheit einst fürchtete.“
Vivians POV
Die Große Halle ragte wie ein Grabmal empor. Ich stand auf dem erhöhten Balkon, meine Finger umklammerten das steinerne Geländer so fest.
„Ich bin nicht hier, um über Eure Grenzen zu verhandeln, Dominic.“
Damians Stimme hallte durch den Saal, erfüllt von einer Arroganz, die mir eine Gänsehaut über den Rücken jagte.
Hinter ihm hielten zwei Wachen die lange schwarze Samtschatulle.
Das Hauptbuch.
Der Beweis für das Massaker.
Dominic saß auf seinem Thron aus gezacktem Eisen. Seine Augen waren auf die Schatulle gerichtet, während seine große Hand die Armlehne so fest umklammerte, dass das Metall ächzte.
„Ihr redet viel über eine Verbrecherin, Prinz“, sagte Dominic mit rauer Stimme. „Aber ich sehe keine Verbrecherin. Ich sehe ein Mädchen, das den Schwarzen Fluss mit der Spur Eurer Silberklinge an ihrem Hals überquert hat.“
Damian spannte den Kiefer an und deutete auf die schwarze Schatulle.
„Das ist das wahre Hauptbuch. Es enthält die Namen aller, die vor einem Jahrzehnt mit dem Gamma-Verräter zusammenarbeiteten, um Eure Dörfer zu zerstören. Übergebt mir das Mädchen, und Ihr könnt das Hauptbuch haben. Endlich werdet Ihr erfahren, wer Euren Vater getötet hat.“
Die Luft war von Spannung erfüllt. Dominic verachtete meinen Vater, und Damian bot ihm nicht nur einen Handel an, sondern auch Gewissheit.
Damian trat vor. Seine schweren Stiefel hallten wider, als er das Podest hinabstieg. Vor der Schatulle blieb er stehen, seine Hand schwebte über dem Deckel.
„Die Namen der Männer, die meinen Vater getötet haben“, sagte Dominic mit rauer Stimme. Seine Worte waren ein tiefes Grollen, das ich bis ins Mark spürte.
„Jeder einzelne“, versprach Damian. „Alles für das Leben einer einzigen schwachen Magd. Ein Mädchen, das sich nie verwandelt hat. Ein Mädchen ohne Namen. Und mit einem Vater, der ein Mörder war. Warum einen Fluch beschützen, wenn Ihr die Wahrheit haben könnt?“
Ich klammerte mich an das steinerne Geländer, mein Herz raste.
Dominic blickte zu dem Balkon hinauf, und unsere Blicke trafen sich.
Das Gefährtenband fühlte sich wie ein heftiger Aufprall an. Es war kein Funke, sondern ein Zusammenstoß von tiefem gegenseitigem Widerwillen. Er hasste es, dass der Mond uns verbunden hatte und dass er meine Angst spüren konnte.
Er wandte sich wieder Damian zu.
„Das ist ein gutes Angebot, Prinz. Jeder Alpha würde zustimmen.“
„Sind wir uns also einig?“, fragte Damian, während er nach dem Deckel griff.
„Nein!“
Die Atmosphäre wurde schlagartig angespannt, als das Gewicht dieses einen Wortes im Raum hängen blieb.
Damians Grinsen verschwand.
Es wurde durch einen Ausdruck des Unglaubens ersetzt.
„Ihr würdet lieber ein Monster in Eurem Zuhause beherbergen, als Euch der Wahrheit zu stellen? Sie ist nichts weiter als ein Makel in Eurem Leben, Dominic.“
Dominic trat einen Schritt nach vorn und drang in Damians persönlichen Raum ein.
„Sie ist kein Makel“, entgegnete er scharf. „Als ich sie in dieser Zelle berührte, verwandelte sie meine Eisenfesseln in Asche. Eure angeblich schwache Magd hat gerade einen Dämpfer zerstört, der Alphas seit Jahrhunderten gefangen hält. Wenn der Sonnenclan bereit ist, so weit zu gehen, um sie zurückzuholen, zeigt das nur, wie viel Angst Ihr davor habt, was aus ihr wird.“
Damians Gesicht wurde blass.
„Sie ist fehlerhaft. Wenn Ihr sie behaltet, erklärt Ihr den Krieg.“
„Ich werde sie behalten“, donnerte Dominic, seine Stimme vibrierte. „Denn ich möchte zusehen, wie Euer Vater an der Waffe erstickt, die er zu begraben versuchte. Richtet Eurem Rat aus, dass die Tochter des Verräters jetzt dem Norden gehört. Wenn Ihr sie wollt, dann kommt durch meine Tore und seht, was Euch auf der anderen Seite erwartet.“
Dominic drehte ihnen den Rücken zu und sprang die steinernen Stufen hinunter in den Innenhof, wo ich zitternd und verängstigt zwischen seinen Schatten stand.
„Sichert die Tore!“, rief Dominic seinen Kriegern zu.
Noch bevor sich die schweren Eisenbalken vollständig schließen konnten, gab der Vorhutkommandant draußen den Befehl.
Die erste Explosion des Sonnenfeuers erschütterte die Grundmauern.
Eine gewaltige Welle aus Hitze und goldenem Licht schlug gegen die Außenmauern der Zitadelle und ließ Staub und lose Steine auf den Innenhof herabregnen.
Ich schrie auf und schlug die Hände über den Kopf.
Dominic durchquerte den Innenhof mit drei gewaltigen Schritten. Er sah keineswegs wie ein Retter aus. Er packte meinen Oberarm, sein Griff war fest genug, um Blutergüsse zu hinterlassen, und zog mich mit Gewalt vom einstürzenden Mauerwerk fort in Richtung der inneren Festung.
Die Türen schlugen zu, und die erste Explosion des Sonnenfeuers erschütterte die Grundmauern.
Dominic stieg die Treppe zu mir hinauf, doch er sah keineswegs wie ein Retter aus. Sein Griff um meinen Arm war fest genug, um Blutergüsse zu hinterlassen.
„Mach dir keine falschen Hoffnungen, Vivian“, zischte er mir ins Ohr. Sein Duft nach Sturm und Zedernholz überwältigte mich. „Ich habe mich nicht für dich entschieden, weil ich dich wollte. Ich habe mich für dich entschieden, weil ich lieber mit diesem Band in Qual lebe, als Damian gewinnen zu lassen. Für mich bist du nichts weiter als ein Druckmittel.“
Bevor ich auch nur ein Wort sagen konnte, erschütterte eine Explosion die Wände und den Boden.
Die Explosion ließ den oberen Balkon unter einer Lawine aus Stein und Staub einstürzen. Ich erinnerte mich nicht daran, wie ich in die Tunnel gebracht worden war, nur an Dominics eisernen Griff und die erdrückende Dunkelheit, die uns umhüllte.
Jetzt befanden wir uns tief im Inneren – in schmalen Obsidiangängen, die nach feuchter Erde rochen. Dominic hatte mich gegen eine raue Wand gedrückt, seinen Unterarm fest gegen meinen Hals gepresst, als Erinnerung daran, wer hier die Macht hatte.
„Was hast du getan?“, zischte er.
Die graue Asche des Felsblocks, der gerade zerfallen war, schwebte noch immer in seinem dunklen Haar. Er sah verängstigt aus, aber nicht wegen der Sonnenrufer über uns.
Er hatte Angst vor mir.
„Das war keine Sonnenmagie. Das war kein Wolf. Also was bist du?“
„Ich weiß es nicht! Ich wollte nur, dass es aufhört. Ich will nicht mit dir unter diesem Felsen sterben!“, weinte ich und krallte mich an seinen Arm.
Die Kraft, die ich gerade eingesetzt hatte, hatte mich völlig ausgelaugt. Eine kalte, quälende Leere breitete sich in meinen Gliedern aus.
„Ich wollte einfach nur leben! Ich habe mir das nicht ausgesucht!“
Dominic beugte sich näher, seine Nase strich über die Stelle an meinem Hals, an der mein Puls schlug.
Er prüfte meinen Geruch auf eine Lüge.
„Du hast mich verhext“, flüsterte er, seine Stimme wurde gefährlich intim. „Ich hätte das Hauptbuch nehmen sollen. Ich hätte dich ausliefern und zusehen sollen, wie sie dich hinrichten. Aber in dem Moment, als ich dich berührte, entglitten mir meine Gedanken, und selbst das Atmen wurde schwer.“
Er packte mein Kinn und zwang mich, in seine bernsteinfarbenen, vom Wolf erleuchteten Augen zu sehen.
„Ist das der letzte Trick deines Vaters? Hat er seine Tochter geschickt, um meinen Verstand zu vergiften, damit die Sonne den Rest erledigen kann?“
„Mein Vater ist tot!“, schrie ich ihn an, während mir endlich Tränen über die Wangen liefen. „Und ich weiß nicht einmal, wer er war! Alles, was ich weiß, ist, dass mich jeder verachtet und benutzen will, und du bist keinen Deut besser als Damian.“
Dominic zuckte zusammen.
Sein Blick glitt zu meinem Mund, und für einen erschreckenden Augenblick fühlte sich die Luft im Tunnel an, als würde sie brennen. Ich sah den Kampf in seinen Augen – den König, der Rache wollte, gegen den Wolf, der seine Gefährtin wollte.
Plötzlich wich er zurück und stieß sich von mir weg, als wäre allein meine Gegenwart Gift für ihn.
„Bleib hinter mir“, befahl er, seine Stimme wieder kalt. „Wenn du versuchst, diese Aschenmagie gegen mich einzusetzen, breche ich dir das Genick, bevor du blinzeln kannst. Hast du verstanden?“
„Ich habe dich vollkommen verstanden, Schlächter“, fauchte ich und wischte mir mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen.
Silas trat in das schwache violette Licht, das von den Tunnelkristallen ausging. Er betrachtete den Haufen Staub und sah dann Dominic an, dessen dunkle Pelzkleidung völlig zerzaust war.
„Das Tor hält stand, aber die Sonnenrufer konzentrieren ihr Feuer auf den Nordturm“, berichtete Silas. Seine silbernen Augen waren mit beunruhigender Intensität auf mich gerichtet. „Sie wussten genau, wo ihr Zimmer war. Wir haben einen Verräter, Alpha.“
Dominics Kiefer verhärtete sich.
„Findet ihn. Zieht ihm die Haut ab. Ich will wissen, wer mit der Sonne spricht.“
Er richtete seinen Blick auf mich, und der Hass darin wurde von etwas noch Gefährlicherem überlagert.
„Und, Silas ... das Mädchen bleibt im Schwarzeisernen Gewölbe. Keine Fenster. Wenn Damian den ganzen Weg hierhergekommen ist, dann lasse ich sie nicht aus den Augen, bis ich weiß, warum. Ich will genau wissen, wodurch ihre Kraft entfacht wird und wodurch sie wieder erlischt.“
Dominic sah mich erneut an, seine Augen dunkel vor einem Versprechen, das Angst in meinem Magen aufsteigen ließ.
„Und wenn sie sich nicht kontrollieren lässt, begraben wir sie so tief, dass die Sonne niemals ihre Knochen finden wird.“
Damians POVIch ließ mich in meinem Kommandeurszelt nieder und begann, die Befehle für den finalen Angriff vorzubereiten.Die Belagerung würde bei Tagesanbruch beginnen. Die Tore würden innerhalb weniger Tage fallen. Das Rudel würde unter dem Druck auseinanderbrechen. Und Vivian würde mir gehören.„Alpha.“Corvus erschien am Eingang des Zeltes. Ihre Stimme war dringend. Ihre Hand lag auf ihrem Schwert.„Was?“ verlangte ich.„Das Mädchen“, sagte sie. „Vivian. Sie hat gerade ihre Kräfte entfesselt. Über den gesamten Berg. Violettes Feuer. So intensiv, dass unsere Späher die Hitze von den Belagerungslagern aus spürten.“Ich stand auf.„Wie ist das möglich?“, fragte ich. „Ihre Kräfte wurden doch unterdrückt, seit …“„Sie sind nicht mehr unterdrückt“, sagte Corvus. „Als sie erkannte, dass wir kommen, als sie unsere Streitkräfte sah … erwachte ihre Kraft. Vollständig. Dominic ging zu ihr. Ihre Bindung wurde stärker. Und jetzt ist sie …“„Sie ist was?“, verlangte ich.„Sie ist gefährlich“, s
Elara’s POVIch bereitete gerade Gemüse in der Küche vor, als sie auftauchte.Die Luft war warm. Dampf stieg aus den Töpfen auf. Marta schrie die Diener wegen ihrer langsamen Hände und der verschwendeten Zeit an.Alles war normal.Dann erschien sie in der Tür, als würde sie hierhergehören.Eine Frau. Groß. Narben von alten Kämpfen im Gesicht. Solari-Rüstung unter einem Dienermantel. Sie bewegte sich mit dem Selbstvertrauen von jemandem, der genau wusste, wo sie war und warum.„Alle raus“, sagte sie. Keine Frage. Ein Befehl.Die Diener sahen mich an. Warteten auf mein Zeichen.„Geht“, sagte ich. „Jetzt. In die oberen Küchen.“Sie gingen schnell. Sie verstanden, dass etwas Wichtiges geschah.Die Frau wartete, bis wir völlig allein waren. Dann nahm sie den Dienermantel ab.Darunter befand sich eine vollständige Solari-Rüstung. Ein Siegel auf ihrer Brust kennzeichnete sie als Späherin. Ein Schwert hing an ihrer Seite.„Du bist die Gefährtin des Spionagemeisters“, sagte sie.Ich legte mein
Dominics POVDie Arena war voll.Jeder Krieger, der das Rudel nicht verlassen hatte, war gekommen, um zuzusehen. Die Tribünen waren voll. Die Luft fühlte sich schwer an.Garett stand mir gegenüber. Sein Schwert war gezogen. Sein Körper war bereit für den Krieg.Hinter ihm standen sechzig Krieger, die an ihn glaubten. Die dachten, er könnte gewinnen. Die den Fall des Alphas sehen wollten.Vor mir standen die Krieger, die noch glaubten. Die noch vertrauten. Die sehen wollten, wie ihr Alpha standhielt.Und auf den Tribünen war Vivian. Ich konnte sie durch das Band spüren. Ihre Angst vermischte sich mit ihrer Gewissheit. Ihre Hoffnung, dass ich gewinnen würde.Kade verkündete die Regeln.„Kampf auf Probe“, sagte er. Seine Stimme hallte durch die Arena. „Eins gegen eins. Keine Einmischung. Keine Magie. Der Gewinner übernimmt die Position des Alphas.“Ich nickte.Garett griff sofort an.Er kam mit Geschwindigkeit und Kraft auf mich zu. Sein Schwert war scharf. Seine Bewegungen waren trainie
Vivians POVIch spürte Dominics Entscheidung durch das Band, noch bevor er die Worte sagte.Wir waren jetzt verbunden. Was er fühlte, fühlte ich. Was er entschied, wusste ich. Es war, als hätte ich einen zweiten Herzschlag, der nicht meiner war, aber irgendwie doch.Er war in der großen Halle. Ich war im Turm. Aber durch das Band war ich bei ihm.Garett stand vor ihm. Sechzig Krieger hinter Garett. Alle sahen zu. Alle warteten darauf, zu sehen, was der Alpha tun würde.Garett sprach Worte, die die ganze Halle still werden ließen.„Ich fordere dein Recht zu führen heraus.“Die Worte hingen wie eine Waffe in der Luft.Und durch das Band spürte ich Dominics Antwort, bevor er den Mund öffnete. Keine Angst. Kein Zweifel. Nur Gewissheit.Er würde akzeptieren.Er würde kämpfen.Und er würde gewinnen.„Ich akzeptiere“, sagte Dominic.Die Halle brach in Aufruhr aus. Krieger bewegten sich. Stimmen wurden lauter. Das Rudel zerbrach vor seinen Augen.Aber durch das Band konzentrierte sich Dominic
Silas’ POVIch breitete die Papiere auf meinem Schreibtisch aus.Versetzungsunterlagen. Daten. Namen der Krieger, die verlegt worden waren. Verlegte Vorräte. Alles dokumentiert. Alles zeigte ein Muster.Jemand half den Solari.Ich hatte seit Tagen nicht geschlafen. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich die Zusammenhänge. Sah, wie die Teile zusammenpassten. Sah einen Verrat, der innerhalb des Rudels stattfand, während alle wegschauten.Aber ich konnte noch nicht beweisen, wer es war.Die Beweise waren allesamt nur Indizien. Krieger, die auf andere Positionen versetzt wurden. Es könnte Routine sein. Es könnte Strategie sein.Vorräte, die an neuen Orten gelagert wurden. Es könnte Vorbereitung sein. Es könnte Vorsicht sein.Alles konnte erklärt werden, wenn jemand nicht daran glauben wollte.Wenn ich jetzt zu Dominic ging, würde er handeln. Er würde Leute befragen. Er würde ermitteln. Und der Spion würde wissen, dass wir ihm auf der Spur waren.In dem Moment, in dem sie es wusste
Dominics POVIch beobachtete, wie Garett das Rudel organisierte, als würde ich jemandem dabei zusehen, wie er langsam einen Brunnen vergiftete.Er war gut darin. Das musste ich ihm lassen. Er ging nicht aggressiv vor. Er machte es nicht zu einer Konfrontation. Er tat einfach … sprach mit Kriegern. Trainierte mit ihnen. Gab ihnen ein Gefühl von Sinn und Richtung, während alles andere auseinanderfiel.Bis zum Ende der Woche nach dem Vorfall in der Küche hatte er vierzig Krieger, die sich als Einheit bewegten.Bis zum Ende der zweiten Woche hatte er sechzig.Rowan brachte mir den Bericht.„Er versteckt es nicht“, sagte Rowan. Wir standen im Kriegsraum, Karten der Zitadelle zwischen uns ausgebreitet. „Er will, dass jeder weiß, dass er organisiert. Er sagt, es gehe um Vorbereitung. Darum, das Rudel zu verteidigen. Und viele Krieger glauben ihm.“„Natürlich tun sie das“, sagte ich. „Vivian hat in der Küche die Kontrolle verloren. Sie hat seinen Standpunkt für ihn bewiesen.“„Du könntest ihn







