ANMELDENVivians POV
Das Eisen war verschwunden.
Ich starrte auf den Staub, der den Boden bedeckte, während mein Herz in meiner Brust raste. Der riesige Mann, der als der Schlächter bekannt war, hatte meine Hände losgelassen, als hätten sie ihn verbrannt. Er stand mitten in der kleinen Steinzelle, atmete schwer und hatte seine dunklen Augen auf mein bloßes Handgelenk gerichtet.
„Silas!“, rief er.
Der silberäugige Mann erschien sofort am Eingang der Zelle. Er warf mir keinen Blick zu; stattdessen starrte er auf den Boden, auf den Haufen Asche, an der Stelle, an der sich die unzerstörbaren Fesseln hätten befinden sollen.
„Alpha?“, flüsterte der silberäugige Mann und legte die Hand an den Griff eines dunklen Dolches. „Die Dämpfer … Sie sind vollständig zerstört.“
„Bringt sie in den Nordturm“, befahl der Schlächter, ohne mich noch einmal anzusehen. Er drehte sich um, seine Schultern waren breit genug, um das Licht der Fackeln zu verdecken. „Nicht in eine Zelle. In ein Zimmer. Es soll bewacht werden.“
„Alpha, sie ist eine Solari-Ausgestoßene. Wenn der Rat davon erfährt …“
„Ich bin der Rat“, fuhr der Schlächter ihn an. Seine Stimme klang wie ein Geröllsturz. Für einen kurzen Moment blickte er zu mir zurück, und ich sah, wie die Härte in seinen Augen nachließ.
„Und wenn der Sonnenclan herausfindet, was sie ist, bevor ich es tue, werden sie eine Armee schicken, um zu vollenden, was ihr Prinz begonnen hat.“
Silas, der silberäugige Mann, trat in die Zelle. Dieses Mal packte er mich nicht grob. Er bedeutete mir nur, mich zu bewegen, sein Gesichtsausdruck war nicht zu deuten.
„Komm, kleines Sonnenmädchen“, murmelte Silas. „Bringen wir dich aus dem Dreck.“
Das Zimmer fühlte sich weniger wie ein Ort der Ruhe an als vielmehr wie eine Festung.
Ich saß auf dem riesigen Bett und ließ meine Finger über die Stickerei einer schwarzen Wolldecke gleiten. Durch das Fenster konnte ich einen Blick auf die nördlichen Berge erhaschen. Ihre scharfen, schneebedeckten Gipfel sahen aus, als würden sie am Mond nagen.
Ein leises Klopfen an der Tür ließ mich zusammenzucken.
Ein Mädchen trat ein, nicht älter als ich. Sie trug ein Tablett mit dampfender Suppe und Brot. Ihr Gesicht war nicht freundlich, sondern verängstigt. Ihr dicker brauner Zopf schwang über ihren Rücken.
„Ihr solltet essen“, sagte sie und stellte das Tablett ab. Ihr Blick huschte zu dem violetten Mal an meinem Hals und dann wieder zum Boden. „Der König, Alpha Dominic, sieht es nicht gern, wenn sein Druckmittel verkümmert.“
„Dominic“, flüsterte ich. Der Name fühlte sich schwer auf meiner Zunge an. „Ist das sein Name?“
Das Mädchen nickte einmal. Ihre Hände zitterten.
„Und ich bin Elara. Ich soll hier Eure Zofe sein. Aber wenn Ihr versucht, dieses ‚Asche-Ding‘ an mir einzusetzen, wurde mir gesagt, dass die Wachen meinen Kopf zusammen mit Eurem abschlagen werden.“
Ein hohles Lachen entfuhr mir.
Eine Zofe?
Ich habe eine Zofe?
„Ich bin die Zofe, Elara. Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, Böden für Menschen zu schrubben, die mich hassten. Ich weiß nicht, wie man ein Gast ist.“
„Im Schattenrudel ist jeder eine Bedrohung, bis er tot ist“, antwortete Elara mit leiser, ängstlicher Stimme. „Verliert Euch nicht in der Vergangenheit. Wir konzentrieren uns auf das, was Ihr in Euch tragt. In der Küche machen bereits Gerüchte die Runde, Solari. Sie sagen, das Eisen sei zu Asche geworden, weil der Mond der Täuschungen der Sonne überdrüssig geworden ist.“
„Ich habe keine Wölfin“, erwiderte ich. Meine Stimme zitterte vor plötzlich aufsteigender Wut. „Ich bin ein Fluch.“
„Hat man Euch das erzählt?“, fragte Elara. Ihr Blick glitt zu dem violetten Mal an meinem Hals.
„Denn Flüche bringen den König des Nordens nicht dazu, schwarzes Licht zu bluten.“
Bevor ich antworten konnte, ertönte ein Horn von den Mauern der Zitadelle. Es war ein schriller Ton, der die Fensterscheiben erzittern ließ.
Ich lief zum Fenster und presste mein Gesicht gegen den eiskalten Stein.
Unterhalb des gewaltigen Tores war eine kleine Gruppe Reiter aus der Baumgrenze hervorgekommen.
Sie trugen nicht das schwarze Eisen des Nordens.
Sie waren in schimmernde goldene Umhänge gehüllt.
In der Mitte der Gruppe ritt auf einem weißen Hengst ein Mann, den ich selbst aus dieser Entfernung erkannte.
Damian.
Für einen kurzen Moment flackerte Hoffnung in meiner Brust auf.
Er ist gekommen.
Doch dann sah ich, was er bei sich trug.
Er hielt eine lange schwarze Samtschatulle in den Händen – die Art von Schatulle, die der Sonnenclan benutzte, um die sterblichen Überreste von Verbrechern zurückzugeben.
„Er ist hier“, flüsterte ich, während mein Atem die Scheibe beschlug.
„Er ist gekommen, um sicherzugehen, dass ich tot bin.“
Auf der anderen Seite des Innenhofs trat Dominic in den Schnee hinaus. Er war allein und stand den goldenen Reitern gegenüber wie ein Schatten, der einem trügerischen Licht entgegentrat.
Damian stieg von seinem Pferd. Seine Stimme hallte selbstbewusst zwischen den Steinmauern wider.
„König Dominic! Meine Grenzwachen haben im Morgengrauen eine Verbrecherin bis in Eure Lande verfolgt“, forderte Damian und deutete auf die schwarze Samtschatulle. „Gebt mir den Körper des Mädchens, ob sie tot ist oder nicht, damit wir den Fluch verbrennen können und unser Friedensvertrag bestehen bleibt.“
Dominic rührte sich nicht.
Er zog nicht einmal eine Waffe.
Er legte nur den Kopf schief, und seine Stimme hallte wie Donner.
„Ich habe keine Leiche. Wir haben ein lebendes Mädchen, Prinz“, rief Dominic. Seine tiefe Stimme vibrierte bis in meine Knochen. „Und ich finde es bemerkenswert, dass der zukünftige König der Sonne im Morgengrauen ausreitet, um die sterblichen Überreste einer schwachen Omega zurückzuholen. Wovor genau habt Ihr Angst, dass sie es mir erzählen könnte?“
Damians POVIch ließ mich in meinem Kommandeurszelt nieder und begann, die Befehle für den finalen Angriff vorzubereiten.Die Belagerung würde bei Tagesanbruch beginnen. Die Tore würden innerhalb weniger Tage fallen. Das Rudel würde unter dem Druck auseinanderbrechen. Und Vivian würde mir gehören.„Alpha.“Corvus erschien am Eingang des Zeltes. Ihre Stimme war dringend. Ihre Hand lag auf ihrem Schwert.„Was?“ verlangte ich.„Das Mädchen“, sagte sie. „Vivian. Sie hat gerade ihre Kräfte entfesselt. Über den gesamten Berg. Violettes Feuer. So intensiv, dass unsere Späher die Hitze von den Belagerungslagern aus spürten.“Ich stand auf.„Wie ist das möglich?“, fragte ich. „Ihre Kräfte wurden doch unterdrückt, seit …“„Sie sind nicht mehr unterdrückt“, sagte Corvus. „Als sie erkannte, dass wir kommen, als sie unsere Streitkräfte sah … erwachte ihre Kraft. Vollständig. Dominic ging zu ihr. Ihre Bindung wurde stärker. Und jetzt ist sie …“„Sie ist was?“, verlangte ich.„Sie ist gefährlich“, s
Elara’s POVIch bereitete gerade Gemüse in der Küche vor, als sie auftauchte.Die Luft war warm. Dampf stieg aus den Töpfen auf. Marta schrie die Diener wegen ihrer langsamen Hände und der verschwendeten Zeit an.Alles war normal.Dann erschien sie in der Tür, als würde sie hierhergehören.Eine Frau. Groß. Narben von alten Kämpfen im Gesicht. Solari-Rüstung unter einem Dienermantel. Sie bewegte sich mit dem Selbstvertrauen von jemandem, der genau wusste, wo sie war und warum.„Alle raus“, sagte sie. Keine Frage. Ein Befehl.Die Diener sahen mich an. Warteten auf mein Zeichen.„Geht“, sagte ich. „Jetzt. In die oberen Küchen.“Sie gingen schnell. Sie verstanden, dass etwas Wichtiges geschah.Die Frau wartete, bis wir völlig allein waren. Dann nahm sie den Dienermantel ab.Darunter befand sich eine vollständige Solari-Rüstung. Ein Siegel auf ihrer Brust kennzeichnete sie als Späherin. Ein Schwert hing an ihrer Seite.„Du bist die Gefährtin des Spionagemeisters“, sagte sie.Ich legte mein
Dominics POVDie Arena war voll.Jeder Krieger, der das Rudel nicht verlassen hatte, war gekommen, um zuzusehen. Die Tribünen waren voll. Die Luft fühlte sich schwer an.Garett stand mir gegenüber. Sein Schwert war gezogen. Sein Körper war bereit für den Krieg.Hinter ihm standen sechzig Krieger, die an ihn glaubten. Die dachten, er könnte gewinnen. Die den Fall des Alphas sehen wollten.Vor mir standen die Krieger, die noch glaubten. Die noch vertrauten. Die sehen wollten, wie ihr Alpha standhielt.Und auf den Tribünen war Vivian. Ich konnte sie durch das Band spüren. Ihre Angst vermischte sich mit ihrer Gewissheit. Ihre Hoffnung, dass ich gewinnen würde.Kade verkündete die Regeln.„Kampf auf Probe“, sagte er. Seine Stimme hallte durch die Arena. „Eins gegen eins. Keine Einmischung. Keine Magie. Der Gewinner übernimmt die Position des Alphas.“Ich nickte.Garett griff sofort an.Er kam mit Geschwindigkeit und Kraft auf mich zu. Sein Schwert war scharf. Seine Bewegungen waren trainie
Vivians POVIch spürte Dominics Entscheidung durch das Band, noch bevor er die Worte sagte.Wir waren jetzt verbunden. Was er fühlte, fühlte ich. Was er entschied, wusste ich. Es war, als hätte ich einen zweiten Herzschlag, der nicht meiner war, aber irgendwie doch.Er war in der großen Halle. Ich war im Turm. Aber durch das Band war ich bei ihm.Garett stand vor ihm. Sechzig Krieger hinter Garett. Alle sahen zu. Alle warteten darauf, zu sehen, was der Alpha tun würde.Garett sprach Worte, die die ganze Halle still werden ließen.„Ich fordere dein Recht zu führen heraus.“Die Worte hingen wie eine Waffe in der Luft.Und durch das Band spürte ich Dominics Antwort, bevor er den Mund öffnete. Keine Angst. Kein Zweifel. Nur Gewissheit.Er würde akzeptieren.Er würde kämpfen.Und er würde gewinnen.„Ich akzeptiere“, sagte Dominic.Die Halle brach in Aufruhr aus. Krieger bewegten sich. Stimmen wurden lauter. Das Rudel zerbrach vor seinen Augen.Aber durch das Band konzentrierte sich Dominic
Silas’ POVIch breitete die Papiere auf meinem Schreibtisch aus.Versetzungsunterlagen. Daten. Namen der Krieger, die verlegt worden waren. Verlegte Vorräte. Alles dokumentiert. Alles zeigte ein Muster.Jemand half den Solari.Ich hatte seit Tagen nicht geschlafen. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich die Zusammenhänge. Sah, wie die Teile zusammenpassten. Sah einen Verrat, der innerhalb des Rudels stattfand, während alle wegschauten.Aber ich konnte noch nicht beweisen, wer es war.Die Beweise waren allesamt nur Indizien. Krieger, die auf andere Positionen versetzt wurden. Es könnte Routine sein. Es könnte Strategie sein.Vorräte, die an neuen Orten gelagert wurden. Es könnte Vorbereitung sein. Es könnte Vorsicht sein.Alles konnte erklärt werden, wenn jemand nicht daran glauben wollte.Wenn ich jetzt zu Dominic ging, würde er handeln. Er würde Leute befragen. Er würde ermitteln. Und der Spion würde wissen, dass wir ihm auf der Spur waren.In dem Moment, in dem sie es wusste
Dominics POVIch beobachtete, wie Garett das Rudel organisierte, als würde ich jemandem dabei zusehen, wie er langsam einen Brunnen vergiftete.Er war gut darin. Das musste ich ihm lassen. Er ging nicht aggressiv vor. Er machte es nicht zu einer Konfrontation. Er tat einfach … sprach mit Kriegern. Trainierte mit ihnen. Gab ihnen ein Gefühl von Sinn und Richtung, während alles andere auseinanderfiel.Bis zum Ende der Woche nach dem Vorfall in der Küche hatte er vierzig Krieger, die sich als Einheit bewegten.Bis zum Ende der zweiten Woche hatte er sechzig.Rowan brachte mir den Bericht.„Er versteckt es nicht“, sagte Rowan. Wir standen im Kriegsraum, Karten der Zitadelle zwischen uns ausgebreitet. „Er will, dass jeder weiß, dass er organisiert. Er sagt, es gehe um Vorbereitung. Darum, das Rudel zu verteidigen. Und viele Krieger glauben ihm.“„Natürlich tun sie das“, sagte ich. „Vivian hat in der Küche die Kontrolle verloren. Sie hat seinen Standpunkt für ihn bewiesen.“„Du könntest ihn







