ログインMichelle machte Tee. Natürlich machte sie Tee. Sie stand barfuß in der Küche, mit nassen Füßen vom Schnee, in ihrem grünen Kleid und meinem Jackett, und füllte den Wasserkocher, als wäre es das Normalste der Welt, dass um ein Uhr nachts der Vorsitzende der Hohenberg-Stiftung an unserem Küchentisch saß und seinen Mantel nicht auszog.
Ich sah, welchen Becher sie aus dem Schrank nahm. Ich sah, wie sie einen Moment zögerte, die Hand schon am Griff. Dann stellte sie ihn vor meinen Vater.
Annemarie sang falsch.Sie sang nicht ein bisschen falsch, so wie Menschen, die sich nicht trauen und deshalb zu leise sind. Sie sang mit voller Überzeugung, laut, mit beiden Händen am Lenkrad ihres kleinen grauen Kombis, und traf in drei Strophen von Leise rieselt der Schnee keinen einzigen Ton dort, wo er hingehörte."Mama", sagte Livia vom Beifahrersitz. "Bitte.""Es ist Heiligabend", sagte Annemarie und sang weiter.Ich saß hinten, zwischen einer Kiste mit Weingläsern, die ich mir von Studio Beck geliehen hatte, und einer Tüte mit Geschenken, und lachte so sehr, dass mir die Augen tränten. Paul hatte es mir erzählt, vor Wochen, an einem Abend auf der Schultreppe. Sie singt im Auto. Immer falsch. Immer laut. Ich hatte es mir nicht vorstellen können. Diese Frau mit dem geraden Rücken und dem grauen Strickpullover, die in einer Wohnung voller ungeordneter Bücherstapel wohnte und di
Mein Vater eröffnete die Sitzung um neun Uhr null. Nicht eine Minute später. Er tat es mit denselben drei Sätzen, mit denen er jede Sitzung eröffnet hatte, seit ich mit dreißig in dieses Gremium gekommen war: Feststellung der Beschlussfähigkeit, Feststellung der ordnungsgemäßen Ladung, Bestellung des Protokollführers. Dr. Brandt nickte bei jedem Satz, als hätte er ihn noch nie gehört.Dann sagte mein Vater einen vierten Satz, den er noch nie gesagt hatte."Ich ändere die Reihenfolge der Tagesordnung."Ich sah, wie Klaus den Kopf hob. Ich sah, wie Corinna, mit einem Stuhl Abstand zu ihm, die Hände auf dem Tisch faltete. Sie hatte ihn heute noch nicht angesehen. Nicht ein einziges Mal.Ich legte die Hand auf die Brusttasche meines Jacketts. Der weiße König war noch da. Ein kleines, hartes Stück Holz, das gegen meine Rippen drückte.Michelle redete zu schnel
Das Stiftungshaus am Lindenplatz war ein klassizistischer Bau mit einer Freitreppe, zwei Säulen und einem Messingschild, auf dem so klein, dass man es nur aus der Nähe lesen konnte, Hohenberg-Stiftung, gegr. 1897 stand. Ich war in all den Jahren nur zweimal hier gewesen. Beide Male zu Empfängen, bei denen ich ein Glas Sekt in der Hand gehalten und gelächelt hatte, während Menschen an mir vorbei mit Paul geredet hatten.Heute hatte ich eine Mappe unter dem Arm und eine Einladung des Vorsitzenden in der Tasche, mit meinem Namen darauf. Frau Michelle Beck, zu Tagesordnungspunkt 2.Livia saß auf der obersten Stufe der Freitreppe, im Mantel, mit einem Pappbecher zwischen den Händen. Sie sah aus, als säße sie schon sehr lange dort."Die Putzfrau heißt Frau Novak", sagte sie, als wir die Treppe hochkamen. "Sie arbeitet seit einunddreißig Jahren hier. Sie hat gesagt, sie hat noch nie jemanden v
Michelle machte Tee. Natürlich machte sie Tee. Sie stand barfuß in der Küche, mit nassen Füßen vom Schnee, in ihrem grünen Kleid und meinem Jackett, und füllte den Wasserkocher, als wäre es das Normalste der Welt, dass um ein Uhr nachts der Vorsitzende der Hohenberg-Stiftung an unserem Küchentisch saß und seinen Mantel nicht auszog.Ich sah, welchen Becher sie aus dem Schrank nahm. Ich sah, wie sie einen Moment zögerte, die Hand schon am Griff. Dann stellte sie ihn vor meinen Vater.Den Fuchsbecher.Heinrich sah ihn an. Einen schiefen Steingutbecher mit einem Fuchs darauf, der aussah, als hätte ihn ein Kind gemalt, und einer abgeschlagenen Stelle am Rand. Er wusste nicht, was der Becher bedeutete. Er konnte es nicht wissen. Aber er legte beide Hände darum, als hätte er verstanden, dass man ihm gerade etwas anvertraut hatte."Ich gehe ins Bett", sagte Michelle. Sie legte mir im Vorbeigehen die Hand auf die Schulter. "Sag mir morgen alles.""Alles",
Am Freitagmorgen stand Livias Gesicht ein zweites Mal in der Zeitung. Diesmal nicht auf der Titelseite eines Boulevardblatts, sondern auf Seite drei der Tageszeitung, auf einem Foto, das Ruth Albers' Fotograf in Vivians Besprechungsraum gemacht hatte. Livia saß am Tisch, trocken, aufrecht, mit einem Glas Wasser vor sich, und sah direkt in die Kamera. Die Überschrift bestand aus drei Wörtern, die sie selbst gesagt hatte."Ich heiße Livia."Ich las den Artikel zweimal am Küchentisch, während Paul hinter mir stand und mitlas, das Kinn auf meinem Kopf. Ruth Albers hatte nichts geschönt. Sie hatte die Zahlungen erwähnt, die Stiftungsaufsicht, das Verfahren. Sie hatte auch geschrieben, dass das Foto auf der Schultreppe von einem Fotografen stammte, der für eine Agentur arbeitete, die sonst Prominente vor Nachtclubs ablichtete, und dass niemand bei der Agentur sagen wollte, wer den Auftrag gegeben hatte. Und sie hatte Li
Ich las die Überschrift einmal. Dann las ich die Unterzeile, und dann sah ich nur noch das Foto.Ich kannte die Schulter, an der sie lehnte. Es war meine. Man sah mein Gesicht nicht, nur den Mantel und ein Stück Hinterkopf, aber ich erkannte den Knopf, der seit Wochen lose war und den Michelle immer annähen wollte. Und ich erkannte, wie Livia dasaß, kerzengerade, mit den Tränen, die über ihr Gesicht liefen, als hätten sie mit dem Rest von ihr nichts zu tun. Der Moment, in dem ich nicht gewusst hatte, wie man das bei einer Schwester macht.Jemand hatte ihn gekauft und auf eine Titelseite gedruckt, für einen Euro zwanzig."Ruf sie an", sagte Michelle. Ich stand noch mit dem Handtuch um die Hüften im Flur.Livias Handy war aus. Nicht besetzt, nicht auf Mailbox. Aus. Ich versuchte es dreimal, und jedes Mal sagte eine Frauenstimme, dass der Teilnehmer vorübergehend nicht erreichbar sei, und jedes Mal wurde das







