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Kapitel 6 – Paul

last update publish date: 2026-06-23 16:48:39

Der Anruf kam um sieben Uhr morgens, was bei meinem Vater ungefähr so viel bedeutete wie ein Feueralarm bei jedem anderen Menschen. Er rief nie vor neun an, außer es war wichtig genug, um seinen eigenen, sorgfältig kultivierten Tagesrhythmus zu durchbrechen.

"Der Notar braucht eine Entscheidung. Sofort", sagte er, ohne Begrüßung, ohne Umweg. "Klaus hat angefragt, ob die Stiftungsanteile schon final geregelt seien, falls—" Er machte eine Pause, die genauso viel sagte wie der ganze restliche Satz. "Falls sich an deiner Situation nichts ändert."

Klaus. Natürlich. Mein Cousin hatte ein bemerkenswertes Talent dafür, genau im richtigen Moment beiläufig nachzufragen, wann meine Frist eigentlich ablief, mit der Unschuld eines Mannes, der zufällig gerade in dieser Woche eine neue Familienfoto-Wand in seinem Flur hatte aufhängen lassen.

"Verstanden", sagte ich, während ich mit der freien Hand meine Krawatte band, vor einem Spiegel, der mir morgens zuverlässiger sagte, wer ich zu sein hatte, als jeder Mensch, den ich kannte.

"Du hast", er rechnete kurz, mit der Präzision eines Mannes, der sein ganzes Leben mit Bilanzen verbracht hatte, "noch zwei Tage, bevor ich Klaus etwas anderes sagen muss."

Zwei Tage. Ich legte auf, ohne mich zu verabschieden, eine Höflichkeit, die in meiner Familie ungefähr so verbindlich war wie die Bitte, sich die Hände vor dem Essen zu waschen – man tat es, aber niemand erwartete es wirklich von einem.

Meine Assistentin, Frau Brenner, eine Frau mit einer beeindruckenden Fähigkeit, jedes Chaos in meinem Leben in ordentliche Excel-Tabellen zu verwandeln, sah mich an, als ich ins Büro kam, mit dem leicht besorgten Blick einer Person, die wusste, dass etwas Bestimmtes im Raum stand, ohne genau zu wissen, was.

"Schlechte Nachrichten?", fragte sie, während sie mir den Kaffee reichte, schwarz, wie immer, weil ich nie Zeit für die Theatralik von Milchschaum-Herzen gehabt hatte – jedenfalls bis vor kurzem nicht, wenn ich ehrlich war.

"Zeitdruck", sagte ich. "Familiäre Art."

"Ah." Sie nickte mit dem Verständnis einer Frau, die seit fünf Jahren genau wusste, was "familiäre Art" in diesem Büro bedeutete, und ohne ein weiteres Wort verschwand sie wieder hinter ihrem Bildschirm, mit der diskreten Effizienz, die ich mehr schätzte, als ich ihr je gesagt hatte.

Ich setzte mich an meinen Schreibtisch, starrte auf die Wand voller Verträge, die ich unterschreiben sollte, und merkte, dass ich seit zwanzig Minuten keinen einzigen davon wirklich gelesen hatte. Stattdessen dachte ich an einen Park voller Kirschblüten und eine beleidigte Ente.

Es war lächerlich, wie eindeutig die Lösung eigentlich war, sobald ich sie mir erlaubte, sie auszusprechen. Ich brauchte eine Frau – jemanden, der den Namen trug, der bei Familientreffen nicht durchfiel, der keine Ambitionen auf das Geld selbst hatte, das sie nicht ohnehin schon erwartete, jemanden ohne komplizierte eigene Agenda, ohne Hintergedanken.

Michelle passte auf jede dieser Anforderungen, fast unheimlich genau. Sie wollte nichts von mir, außer – und das war der Teil, bei dem mein Magen sich auf eine Weise zusammenzog, die ich nicht hätte erklären können – außer mich selbst.

Ich versuchte, mir die Sache rein praktisch zurechtzulegen, wie ich es mit jedem Vertrag tat, der über meinen Schreibtisch ging. Eine Heirat, befristet im Gefühl, unbefristet auf dem Papier, würde mir die Stiftung sichern, Klaus aus dem Spiel nehmen, meinem Vater endlich diesen einen Punkt von seiner endlosen Liste streichen. Michelle würde finanzielle Sicherheit bekommen, mehr, als sie sich je hätte träumen lassen, eine Gegenleistung, die fair war, sogar großzügig.

Es war ein guter Plan. Ein vernünftiger Plan.

Ich ignorierte konsequent die Tatsache, dass mein Herzschlag sich jedes Mal veränderte, wenn ihr Name auf meinem Display aufleuchtete, dass ich anfing, Gespräche mit ihr im Kopf vorwegzunehmen, bevor sie überhaupt stattfanden, dass ich – und das war der Gedanke, den ich am konsequentesten wegschob – in den letzten Tagen öfter gelacht hatte als in den drei Jahren davor zusammen.

Das gehörte nicht zum Plan. Das war ein Nebeneffekt. Nichts weiter.

Ich sagte mir das den ganzen Vormittag, und ich sagte es mir noch, als ich am Nachmittag, ohne es bewusst geplant zu haben, vor dem Schaufenster eines kleinen, alteingesessenen Juweliers stand, den meine Großmutter seit Jahrzehnten kannte und der genau die Art von Diskretion bot, die meine Familie in solchen Angelegenheiten erwartete.

"Herr von Hohenberg." Der alte Juwelier, ein Mann mit einer Lupe, die schon mehr Ringe gesehen hatte als ich Krawatten besaß, begrüßte mich mit der gemessenen Höflichkeit, die er wahrscheinlich auch meinem Großvater entgegengebracht hatte. "Was darf ich Ihnen heute zeigen?"

"Einen Ring", sagte ich. "Für eine Verlobung."

Er nickte, ohne eine Miene zu verziehen, zog eine Samtschatulle nach der anderen hervor, jede mit einem Ring, der mehr kostete als das, was die meisten Menschen in einem Jahr verdienten – große Steine, makellos geschliffen, genau die Art von Schmuck, die meine Familie erwartete, wenn der Name von Hohenberg auf eine Verlobungsanzeige folgte.

Keiner davon fühlte sich richtig an.

"Vielleicht", sagte ich schließlich, selbst überrascht von meinen eigenen Worten, "etwas Schlichteres? Nichts, das... laut ist."

Der Juwelier hob eine Augenbraue, ein Hauch von Überraschung, der schnell wieder hinter professioneller Gelassenheit verschwand, und verschwand für einen Moment in seinem Lager, bevor er mit einer kleineren Schatulle zurückkam. Ein schmaler Ring, ein einzelner, klarer Stein, kein überflüssiges Funkeln, keine Inszenierung – etwas, das man tragen konnte, ohne dass es einen erdrückte.

Ich dachte an Michelle, an ihr Lachen über die beleidigte Ente, an die Art, wie sie ihre Tasse mit dem abgeplatzten Fuchs offenbar mehr liebte als jeden teuren Gegenstand, den ich ihr je hätte schenken können.

"Den nehme ich", sagte ich, bevor ich es mir anders überlegen konnte.

Auf dem Weg nach draußen, die kleine Schatulle in meiner Manteltasche, sicher verstaut wie eine Entscheidung, die ich nicht mehr rückgängig machen wollte, fühlte ich etwas, das zwischen Erleichterung und einem leisen, hartnäckigen Unbehagen schwankte.

Ich redete mir ein, dass das Unbehagen nur die Größe der Entscheidung war. Zwei Tage, ein Notar, eine Stiftung. Eine Lösung für ein Problem, das ich nicht selbst geschaffen hatte.

Ich redete mir nicht ein, dass es auch etwas anderes war – ein leises Wissen, irgendwo zwischen meinen Rippen, dass ich gerade beschlossen hatte, der einzigen Person in meinem Leben, die mich ohne jede Berechnung ansah, genau das anzubieten, was ich am besten konnte.

Eine sehr überzeugende Lüge, hübsch verpackt.

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