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Wenn der Wolf mich ruft
Wenn der Wolf mich ruft
Penulis: Saphira

1. Die Nacht des Heulens

Penulis: Saphira
last update Tanggal publikasi: 2026-09-16 13:51:55

Mara Bennett hatte gelernt, nachts leise zu sein.

Nicht nur mit ihren Schritten.

Mit allem.

Mit ihrem Atem, wenn sie weinte. Mit dem Knarren der alten Dielen. Mit dem Öffnen ihrer Zimmertür. Sogar mit ihren Gedanken, als könnte jemand sie hören, wenn sie zu laut darüber nachdachte, wie sehr sie wegwollte.

In dieser Nacht war es besonders schwer, still zu bleiben.

Mara lag auf ihrem Bett und starrte an die Decke.

23:31 Uhr.

Noch neunundzwanzig Minuten.

Dann wäre sie achtzehn.

Sie drehte den Kopf zu ihrem Schreibtisch.

Unter dem losen Bodenbrett daneben lag ein kleiner Umschlag.

Darin befand sich ihr ganzes Leben.

Nicht wirklich.

Nur das Geld, das sie seit fast zwei Jahren heimlich sparte.

Jeder Euro, den sie von ihrem Nebenjob zurückgelegt hatte. Geld, das sie nicht für Kleidung ausgegeben hatte. Nicht für Essen in der Schule. Nicht für Dinge, die sie eigentlich hätte haben wollen.

Sie hatte sogar angefangen, auf den Bus zu verzichten und die Strecke nach Hause zu Fuß zu gehen.

Alles für diesen einen Plan.

Ausziehen.

Mara schloss die Augen.

Sie hatte die Wohnung bereits gefunden.

Ein kleines Apartment am anderen Ende der Stadt. Ein Zimmer. Eine winzige Küche. Ein Bad mit einem Fenster, das direkt auf eine graue Hauswand zeigte.

Es war nicht schön.

Aber es wäre ihres.

Und niemand würde dort vor ihr stehen und fragen, warum das Abendessen noch nicht fertig war.

Niemand würde ihr vorwerfen, dass sie zu viel Strom verbrauchte.

Niemand würde ihr sagen, dass sie dankbar sein sollte, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben.

Mara öffnete die Augen wieder.

Ihre Kehle wurde eng.

Noch neunundzwanzig Minuten.

Dann konnte sie anfangen.

Wirklich anfangen.

Sie griff nach ihrem Handy und öffnete die Nachricht, die sie vor drei Tagen bekommen hatte.

*Besichtigung bestätigt. Samstag, 14 Uhr.*

Mara lächelte.

Ein kleines, vorsichtiges Lächeln.

Sie hatte noch niemandem davon erzählt.

Nicht einmal Sophie.

Vor allem nicht Sophie.

Denn wenn Marcus davon erfuhr, würde er alles zerstören.

Mara kannte ihn gut genug.

Er würde behaupten, sie sei undankbar.

Er würde ihr sagen, dass sie keine Ahnung vom echten Leben habe.

Vielleicht würde er ihr das Geld wegnehmen.

Vielleicht würde er dafür sorgen, dass sie ihre Arbeit verlor.

Und wenn er wirklich wütend wurde ...

Mara schob den Gedanken beiseite.

Sie durfte nicht daran denken.

Nicht heute.

Sie war fast frei.

Fast.

Ein Geräusch aus dem Flur ließ sie erstarren.

Mara löschte sofort das Handy und schob es unter ihr Kissen.

Schritte.

Langsam.

Schwer.

Sie kamen näher.

Ihr Herz begann zu rasen.

Die Schritte blieben vor ihrer Tür stehen.

Mara hielt den Atem an.

Der Türgriff bewegte sich.

Einmal.

Dann noch einmal.

Die Tür war abgeschlossen.

„Mara?“

Marcus.

Sie schluckte.

„Ja?“

„Was machst du noch wach?“

„Ich konnte nicht schlafen.“

Eine Pause.

„Morgen hast du Schule.“

„Ich weiß.“

„Dann schlaf.“

„Ja.“

Seine Schritte entfernten sich.

Mara wartete.

Fünf Sekunden.

Zehn.

Zwanzig.

Erst dann wagte sie wieder zu atmen.

Sie schob die Hand unter das Kissen und nahm ihr Handy heraus.

Ihre Finger zitterten.

Sie hasste, dass sie Angst vor ihm hatte.

Noch mehr hasste sie, dass ein Teil von ihr inzwischen glaubte, diese Angst sei normal.

Mara setzte sich auf.

„Bald“, flüsterte sie.

Nur dieses eine Wort.

Bald würde sie hier weg sein.

Sie stand auf und ging zum Fenster.

Draußen lag der Wald.

Schwarz und still.

Tagsüber war er ihr nie besonders aufgefallen. Doch nachts schien er näher zu sein, als er tatsächlich war.

Mara schob den Vorhang ein Stück zur Seite.

Kalter Wind drückte gegen das Fenster.

Sie wollte es gerade wieder schließen, als sie etwas hörte.

Ein Heulen.

Langgezogen.

Tief.

Mara erstarrte.

Sie kannte die Geräusche des Waldes.

Vögel.

Wind.

Rehe.

Aber das war anders.

Ein Wolf.

Ihr Herz schlug plötzlich schneller.

Das Heulen verklang.

Mara wartete.

Dann kam es wieder.

Näher.

Diesmal lief ihr eine Gänsehaut über den Rücken.

Sie wusste nicht warum.

Eigentlich hätte sie Angst haben müssen.

Doch stattdessen fühlte sie etwas anderes.

Etwas, das sie nicht erklären konnte.

Eine Wärme breitete sich in ihrer Brust aus.

Sie legte eine Hand darauf.

„Was ...?“

Ein seltsames Ziehen ging durch ihren Körper.

Und dann hörte sie eine Stimme.

Ganz leise.

Ma-ra.

Sie fuhr herum.

Niemand.

Ihr Zimmer war leer.

Mara atmete schneller.

„Hallo?“

Keine Antwort.

Sie ging zur Tür und sah darunter hindurch.

Der Flur war dunkel.

Sie schloss die Augen.

Vielleicht war sie einfach müde.

Vielleicht war es ihr Wunsch, dass endlich jemand nach ihr rief.

Jemand, der ihren Namen sagte, ohne etwas von ihr zu verlangen.

Mara öffnete die Augen wieder.

Sie wusste, dass das absurd war.

Trotzdem ging sie zurück zum Fenster.

Und dort stand er.

Zwischen den Bäumen.

Ein Wolf.

Groß.

Schwarz.

Seine Augen leuchteten im Mondlicht.

Mara wich keinen Schritt zurück.

Sie konnte nicht.

Der Wolf sah sie an.

Und etwas in ihr sagte:

Ich kenne dich.

Nicht mit Worten.

Mit Gewissheit.

Mara schluckte.

„Wer bist du?“

Der Wolf bewegte sich nicht.

Aber plötzlich wurde ihr warm.

So warm, dass ihr fast schwindelig wurde.

Und wieder hörte sie die Stimme.

Diesmal nicht im Raum.

Nicht im Wald.

Sondern tief in ihr.

Endlich.

Mara riss die Augen auf.

Der Wolf war verschwunden.

Sie stand noch immer am Fenster.

Ihr Atem ging schnell.

Dann sah sie auf die Uhr.

23:59.

Eine Minute.

Eine Minute bis zu ihrem achtzehnten Geburtstag.

Mara blickte zum losen Bodenbrett.

Dort lag ihr Geld.

Ihr Plan.

Ihr kleines Stück Freiheit.

Sie kniete sich hin und hob das Brett vorsichtig an.

Der Umschlag war noch da.

Sie nahm ihn heraus.

Zählte das Geld nicht.

Sie wusste genau, wie viel darin war.

Es war nicht genug für ein neues Leben.

Aber es war genug für einen Anfang.

Mara presste den Umschlag an ihre Brust.

„Ich schaffe das“, flüsterte sie.

Für einen Moment glaubte sie es sogar.

Dann hörte sie hinter sich die Stimme ihres Stiefvaters.

„Mara.“

Sie fuhr herum.

Marcus stand in der offenen Tür.

Sein Blick fiel auf den Umschlag in ihrer Hand.

Mara erstarrte.

Er sagte nichts.

Das war schlimmer als jedes Schreien.

Seine Augen wurden schmal.

„Was ist das?“

Mara schloss langsam die Hand um den Umschlag.

„Nichts.“

Marcus trat einen Schritt in den Raum.

„Gib es mir.“

„Nein.“

Das Wort war heraus, bevor sie darüber nachdenken konnte.

Zum ersten Mal.

Ein einziges kleines Wort.

Aber es veränderte etwas.

Marcus sah sie an, als hätte er sie noch nie zuvor gesehen.

„Wie bitte?“

Mara spürte, wie ihr Herz bis zum Hals schlug.

Sie wollte zurückweichen.

Sie wollte sich entschuldigen.

Sie wollte sagen, dass es ihr leidtat.

Doch etwas in ihr weigerte sich.

Nicht heute.

Nicht mehr.

„Es ist mein Geld“, sagte sie leise.

Marcus' Gesicht verhärtete sich.

„Solange du unter meinem Dach wohnst, entscheidest nicht du, was dein Geld ist.“

Mara spürte, wie ihre Finger zitterten.

Dann hörte sie es.

Ein Heulen.

Lauter als zuvor.

Marcus verstummte.

Für einen winzigen Moment veränderte sich sein Gesicht.

Nicht Wut.

Angst.

Echte Angst.

Mara bemerkte es.

Und bevor sie fragen konnte, was los war, drehte Marcus den Kopf zum Fenster.

Sein Blick wurde bleich.

„Was hast du gehört?“, fragte Mara.

Marcus antwortete nicht.

Er sah nur hinaus in die Dunkelheit.

Dann sagte er etwas, das Mara nie vergessen würde.

„Du hast nichts gehört.“

Er schlug die Tür zu.

Mara blieb allein zurück.

Sie sah auf den Umschlag in ihrer Hand.

Dann zum Fenster.

Draußen bewegte sich etwas zwischen den Bäumen.

Zwei Augen erschienen im Dunkeln.

Und diesmal wusste Mara ganz sicher:

Der Wolf sah sie an.

Nicht Marcus.

Sie.

00:00 Uhr.

Mara war achtzehn.

Und irgendwo tief im Wald begann etwas aufzuwachen, das schon viel länger auf sie gewartet hatte.

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