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2. Ein weiterer Morgen

Autor: Saphira
last update Data de publicação: 2026-09-16 14:01:09

Mara wachte auf, bevor der Wecker klingelte.

Für einige Sekunden wusste sie nicht, wo sie war.

Dann sah sie die vertraute Decke über sich, den kleinen Schreibtisch am Fenster und den Kleiderschrank, dessen eine Tür nie richtig schloss.

Ihr Blick wanderte zum Fenster.

Der Vorhang war noch immer geschlossen.

Mara erinnerte sich.

Der Wolf.

Die Stimme.

Endlich.

Sie setzte sich auf.

Ihr Herz begann schneller zu schlagen.

War es wirklich passiert?

Mara presste die Finger gegen ihre Schläfen.

Vielleicht hatte sie geträumt.

Natürlich hatte sie geträumt.

Wölfe sprachen nicht.

Stimmen kamen nicht aus dem Nichts.

Und vor allem verschwanden keine riesigen schwarzen Wölfe einfach zwischen zwei Atemzügen.

Sie schüttelte den Kopf.

„Du bist einfach müde.“

Ihre eigene Stimme klang fremd.

Der Wecker sprang auf 5:47 Uhr.

Mara stand auf.

Heute war ihr achtzehnter Geburtstag.

Und trotzdem würde sich nichts ändern.

Noch nicht.

Sie zog sich an, kniete sich neben ihr Bett und hob vorsichtig das lose Bodenbrett an.

Der Umschlag lag darunter.

Noch da.

Mara berührte ihn kurz mit den Fingerspitzen.

Ihr ganzes Erspartes.

Ihr Plan.

Ihre Möglichkeit, endlich zu gehen.

Sie schob das Brett zurück und stand auf.

Dann öffnete sie ihre Zimmertür.

---

In der Küche begann der Tag wie jeder andere.

Mara machte Kaffee.

Brot.

Eier.

Sie stellte den Teller für Marcus auf den Tisch, bereitete Clara ihren Kaffee so zu, wie sie ihn mochte, und stellte schließlich ihre eigene Tasse daneben.

Sie hatte gerade einen Schluck genommen, als Schritte auf der Treppe zu hören waren.

Clara.

Mara senkte automatisch den Blick.

„Morgen.“

Clara antwortete nicht.

Sie setzte sich, nahm einen Schluck Kaffee und verzog das Gesicht.

„Der ist kalt.“

Mara sah auf die Uhr.

„Ich habe ihn gerade gemacht.“

„Dann hast du ihn wohl zu lange stehen lassen.“

Mara sagte nichts.

Clara schob den Teller von sich.

„Und mein Toast?“

„Ich dachte, du willst heute keines.“

Clara sah sie an.

„Du dachtest?“

Mara spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.

„Ich mache dir welchen.“

„Lass.“

Clara stand auf.

„Ist ja sowieso alles sinnlos.“

Sie ging aus der Küche.

Mara blieb zurück.

Sie starrte auf ihren Kaffee.

Früher hätte sie sich dafür entschuldigt.

Heute nicht.

Zumindest nicht sofort.

Ein paar Minuten später kam Marcus herein.

Er trug bereits sein Hemd und eine dunkle Hose. Sein Blick fiel zuerst auf Mara, dann auf den Tisch.

„Du hast gestern Nacht nicht geschlafen.“

Es war keine Frage.

Mara hob den Kopf.

„Doch.“

„Ich habe Licht unter deiner Tür gesehen.“

„Ich konnte nicht einschlafen.“

Marcus nahm sich Kaffee.

Dann blieb er stehen.

„Was ist gestern Nacht passiert?“

Mara spürte einen kurzen Stich im Bauch.

Sie dachte an den Wald.

An den Wolf.

An seinen Blick.

„Nichts.“

Marcus sah sie lange an.

„Nichts?“

„Ich habe nur nicht schlafen können.“

Er stellte die Tasse ab.

„Gut.“

Ein Wort.

Doch seine Stimme klang angespannt.

Mara beobachtete ihn.

Seit gestern Abend hatte sie eine Frage im Kopf.

Warum hatte Marcus Angst gehabt?

Sie wollte sie stellen.

Sie musste sogar.

„Marcus?“

Er sah sie an.

„Was?“

„Gestern ... als ich das Heulen gehört habe.“

Sein Gesicht veränderte sich.

Nur für einen Moment.

Aber Mara sah es.

„Welches Heulen?“

„Im Wald.“

„Da war kein Heulen.“

„Doch.“

Marcus' Blick wurde hart.

„Du hast dich verhört.“

Mara schwieg.

„Wölfe gibt es hier nicht“, sagte er.

„Woher weißt du das so genau?“

Stille.

Marcus griff nach seiner Tasse.

„Weil ich hier seit Jahren lebe.“

Er ging.

Mara blieb zurück.

Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie das Gefühl, dass eine Frage gefährlicher war als jede Antwort.

*******************

In der Schule versuchte Mara, nicht darüber nachzudenken.

Es funktionierte nicht.

Sie saß im Unterricht, schrieb mit und hörte der Lehrerin zu, aber immer wieder wanderte ihr Blick zu ihrem Handgelenk.

Der Kratzer.

Er war noch da gewesen, als sie aufgestanden war.

Jetzt nicht mehr.

Mara drehte ihr Handgelenk im Licht.

Nichts.

Keine rote Linie.

Keine Wunde.

Nicht einmal eine kleine Narbe.

„Alles okay?“

Mara blickte zur Seite.

Sophie stand neben ihrem Tisch.

„Ja.“

Sophie zog eine Augenbraue hoch.

„Das war ziemlich überzeugend.“

Mara musste trotz allem lächeln.

Sophie setzte sich auf den freien Platz neben ihr.

„Du siehst aus, als hättest du die ganze Nacht nicht geschlafen.“

„Habe ich auch nicht.“

„Warum?“

Mara zögerte.

„Keine Ahnung.“

Sophie musterte sie.

„Geburtstagsnacht und keine Party?“

„Nicht wirklich mein Ding.“

„Du bist achtzehn geworden.“

„Ich weiß.“

„Du solltest wenigstens so tun, als wäre das aufregend.“

Mara lächelte schwach.

„Vielleicht ist es das.“

Sophie grinste.

„Dann hast du also einen Plan.“

Mara erstarrte.

„Was?“

„Dieser Blick.“

„Welcher Blick?“

„Der Ich-habe-etwas-vor-und-werde-es-dir-nicht-erzählen-Blick.“

Mara senkte den Blick auf ihr Heft.

Sophie lachte leise.

„Schon gut. Ich frage nicht.“

Genau deshalb mochte Mara sie.

Sophie fragte nicht weiter.

Sie drängte nicht.

Sie ließ ihr Raum.

Mara wusste nicht, wie selten das war.

Nach dem Unterricht gingen sie gemeinsam zum Ausgang.

„Hast du heute etwas vor?“, fragte Sophie.

„Nein.“

Die Lüge kam automatisch.

Sophie nickte.

„Dann bekommst du wenigstens ein Geschenk.“

„Sophie, du musst mir nichts schenken.“

„Ich weiß.“

Sie hielt Mara ein kleines, in braunes Papier eingewickeltes Päckchen hin.

Mara nahm es zögernd.

„Alles Gute.“

„Danke.“

„Mach es später auf.“

Mara nickte.

Sie steckte das Geschenk vorsichtig in ihre Tasche.

Für einen kurzen Moment fühlte sich ihr Leben beinahe normal an.

Dann vibrierte ihr Handy.

Eine Nachricht.

Eine unbekannte Nummer.

Wir müssen über Samstag sprechen.

Mara blieb stehen.

Ihr Herz setzte einen Schlag aus.

Samstag.

Die Wohnungsbesichtigung.

Niemand wusste davon.

Niemand außer ihr.

Langsam hob sie den Blick.

Sophie war bereits ein paar Schritte weiter.

„Kommst du?“

Mara steckte das Handy ein.

„Ja.“

Sie ging weiter.

Doch zum ersten Mal seit fast zwei Jahren fragte sie sich, ob ihr Plan wirklich geheim war.

****************

Als Mara am Nachmittag nach Hause kam, war niemand in der Küche.

Sie stellte ihre Tasche ab und ging nach oben.

Sie wollte nur kurz nach ihrem Geld sehen.

Nur um sicherzugehen.

Mara schloss die Tür hinter sich.

Sie kniete sich neben das Bett.

Ihre Finger fanden das lose Bodenbrett.

Sie hob es an.

Leer.

Mara erstarrte.

Nein.

Nein, nein, nein.

Sie tastete unter das Brett.

Nichts.

Ihr Atem wurde schneller.

Sie sah unter das Bett.

Nichts.

Sie riss die Schubladen auf.

Nichts.

Der Umschlag war weg.

„Nein.“

Mara sprang auf.

Sie durchsuchte den Schrank.

Die Tasche.

Die Schreibtischschubladen.

Nichts.

Dann hörte sie Schritte.

Nicht auf der Treppe.

Direkt vor ihrer Tür.

Mara drehte sich um.

Die Tür öffnete sich.

Marcus stand im Rahmen.

In seiner Hand hielt er den Umschlag.

Mara wurde eiskalt.

„Suchst du das?“

Sie konnte nicht antworten.

Marcus hob den Umschlag leicht an.

„Ich habe mich schon gefragt, warum du in letzter Zeit so sparsam bist.“

„Gib ihn mir.“

Ihre Stimme zitterte.

Marcus lächelte nicht.

„Wie viel ist das?“

Mara schwieg.

„Ich habe dich etwas gefragt.“

„Mein Geld.“

„Das habe ich verstanden.“

Er öffnete den Umschlag.

Mara machte einen Schritt auf ihn zu.

„Bitte.“

Marcus sah auf.

„Bitte?“

Mara blieb stehen.

Sie hasste dieses Wort.

Wie oft hatte sie es gesagt?

Bitte lass mich in Ruhe.

Bitte sei nicht böse.

Bitte glaub mir.

Bitte schrei nicht.

Und jetzt sagte sie es wieder.

„Bitte gib es mir zurück.“

Marcus zog die Scheine heraus.

Er blätterte langsam durch das Geld.

„Du hast ziemlich viel gespart.“

Mara spürte Tränen in ihren Augen.

„Ich habe dafür gearbeitet.“

„Das habe ich nie verboten.“

„Dann gib es mir.“

Marcus steckte das Geld wieder in den Umschlag.

„Wofür brauchst du es?“

Mara sagte nichts.

Sein Blick veränderte sich.

„Du willst ausziehen.“

Es war keine Frage.

Mara wurde blass.

Marcus sah sie einige Sekunden lang an.

Dann lachte er leise.

Nicht freundlich.

„Du glaubst wirklich, du kannst einfach gehen?“

Mara zwang sich, stehen zu bleiben.

„Ich bin achtzehn.“

„Seit heute.“

„Ich kann selbst entscheiden.“

Marcus trat näher.

„Du hast keine Ahnung, was draußen auf dich wartet.“

„Vielleicht ist mir das lieber.“

Für einen Moment herrschte absolute Stille.

Marcus' Gesicht wurde hart.

Mara wusste sofort, dass sie zu weit gegangen war.

Er hob die Hand.

Mara zuckte zurück.

Marcus hielt inne.

Seine Hand blieb in der Luft.

Dann senkte er sie langsam.

„Du wirst nirgendwo hingehen“, sagte er.

Er steckte den Umschlag in seine Jackentasche.

Mara sah ihn an.

„Das ist mein Geld.“

„Nicht mehr.“

Er drehte sich um.

An der Tür blieb er stehen.

„Und wenn du noch einmal versuchst, hinter meinem Rücken irgendwelche Pläne zu machen, wirst du es bereuen.“

Die Tür fiel ins Schloss.

Mara stand allein in ihrem Zimmer.

Ihre Hände zitterten.

Ihr Plan war weg.

Ihr Geld war weg.

Und zum ersten Mal seit Monaten sah sie keinen Weg hinaus.

Sie setzte sich langsam auf den Boden.

Tränen liefen über ihr Gesicht.

Dann hörte sie es.

Ganz leise.

Aus dem Wald.

Ein Heulen.

Mara hob den Kopf.

Dieselbe Stimme wie in der vergangenen Nacht.

Dieselbe Wärme in ihrer Brust.

Und diesmal kam die Antwort nicht aus ihrem Inneren.

Sie hörte sie deutlich.

Ich bin hier.

Mara schloss die Augen.

Und irgendwo tief im Wald öffnete ein schwarzer Wolf die Augen.

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Último capítulo

  • Wenn der Wolf mich ruft    18. Die Spur im Blut

    Mara hatte in dieser Nacht kaum geschlafen. Immer wieder war sie aufgewacht, hatte nach ihrem Handy gegriffen und auf das Display gesehen, obwohl sie längst wusste, dass keine neue Nachricht gekommen war. Die wenigen Worte des unbekannten Absenders gingen ihr nicht aus dem Kopf: Frag nicht, wo er ist. Frag, warum er verschwunden ist. Es war eine dieser Nachrichten, die auf den ersten Blick eine Antwort zu geben schienen und bei genauerem nachdenken nur noch mehr Fragen hinterließen.Am Morgen lag ihr Notizbuch noch immer auf dem Schreibtisch. Die Seite vom Vorabend war inzwischen voller Pfeile und Namen. Ethan. Elena. Rowan. Isolde. Der 17. April 2006. Dazu der unbekannte Mann mit der Narbe, dessen goldene Augen Mara inzwischen ebenso wenig vergessen konnte wie Adrians silber-graue. Zwei Männer, die offenbar etwas mit ihrer Vergangenheit zu tun hatten, und von denen sie bei keinem sicher wusste, ob sie ihm vertrauen konnte.Sie strich mit den Fingern über den Namen ihres Vaters.„Waru

  • Wenn der Wolf mich ruft    17. Der Name aus der Vergangenheit

    Mara wachte am nächsten Morgen mit dem Gefühl auf, als hätte sie die ganze Nacht versucht, ein Puzzle zusammenzusetzen, bei dem einige der wichtigsten Teile fehlten. Noch bevor sie die Augen vollständig geöffnet hatte, waren die Gedanken wieder da: Elenas Handschrift, die alten Aufzeichnungen ihrer Großmutter, das Datum des 17. April 2006 und die Frage, was an diesem Tag geschehen war. Dazu kam das Bild des dunklen Wagens, der am Abend vor Sophies Haus gestanden hatte, und die Gestalt auf der anderen Straßenseite, deren Gesicht sie nicht hatte erkennen können.Es war zu viel für einen einzigen Morgen.Mara blieb noch einen Moment liegen und starrte an die Decke. Früher hatte sie ihre Tage danach eingeteilt, was von ihr erwartet wurde. Schule, Hausarbeit, Einkäufe, Marcus' Anweisungen, die wenigen Stunden, in denen sie sich zurückziehen konnte. Es hatte eine gewisse Sicherheit darin gelegen, auch wenn sie diese Sicherheit nie als Freiheit empfunden hatte. Jetzt war jeder neue Tag eine

  • Wenn der Wolf mich ruft    16. Die Frau, die alles wusste

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  • Wenn der Wolf mich ruft    15. Die erste Spur

    Der Name ihres Vaters stand noch immer auf dem Bildschirm ihres Handys.Ethan Blackwood.Mara ließ den Blick über die beiden Wörter wandern. Ein Name, mehr nicht – und trotzdem hatte er inzwischen ein Gewicht bekommen, das sie kaum beschreiben konnte. Vor wenigen Wochen hätte sie nicht einmal gewusst, dass dieser Mann existierte. Jetzt führte beinahe jede Spur, die sie und Sophie fanden, ein Stück weiter in seine Vergangenheit. Gleichzeitig schien mit jeder neuen Information etwas anderes aufzubrechen: die Erinnerungen an Elenas Briefe, das alte Buch in der Bibliothek, der geheimnisvolle 17. April 2006 und schließlich Adrian, der Ethan kannte und dennoch nicht sagen konnte, was aus ihm geworden war.Mara legte das Handy neben den Laptop und griff nach einem der Ausdrucke. Darauf war ein Bericht über ein Projekt der Vale Foundation aus dem Jahr 2006 zu sehen. Ethan war nicht besonders hervorgehoben, sein Name stand zwischen zahlreichen anderen Beteiligten, doch allein seine Anwesenheit

  • Wenn der Wolf mich ruft    14. Ein Name, den sie nicht kannte

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  • Wenn der Wolf mich ruft    13. Der Mann im Wald

    Mara hatte in dieser Nacht nicht mehr geschlafen.Sie hatte es versucht. Mehrmals. Sie hatte das Licht ausgeschaltet, sich unter die Decke gelegt und die Augen geschlossen. Doch sobald es still wurde, war das Wort wieder da.Mate.Es war nur ein Wort. Und trotzdem fühlte es sich an, als hätte es etwas in ihr verändert.Mara wusste nicht einmal, was es bedeutete. Vielleicht war es eine Erinnerung. Vielleicht ein Teil des Traums. Vielleicht nur etwas, das ihr Verstand erfunden hatte, weil die letzten Tage zu viel geworden waren.Aber dann war da das Fenster gewesen. Der feuchte Abdruck auf der Fensterbank. Das Zeichen.Und Nyx' Worte.Er war hier.Mara drehte sich auf die andere Seite.„Wer?“, hatte sie gefragt.Nyx hatte nicht geantwortet.Zumindest nicht direkt. Nur dieses Gefühl war geblieben. Dass jemand sie gehört hatte. Dass jemand wusste, dass sie existierte. Und dass dieser Jemand nicht zufällig in ihrer Nähe war.Als der Wecker klingelte, fühlte Mara sich schwer und erschöpft.

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