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Kapitel 2

Linnea
Was tun, wenn man nach einem One-Night-Stand feststellt, dass der Typ ein Professor an der eigenen Uni ist?

„Völlig leer und hoffnungslos“ – mit diesen Worten ließ sich Lenas Zustand perfekt beschreiben.

Die aufgeregte Sophia sah nach unten und bemerkte Lena, die leblos über dem Tisch lag.

„Lena, was ist los? Du siehst aus, als hättest du in etwas Widerliches gebissen.“

Wenn sie die Wahl hätte, würde Lena lieber alles andere ertragen.

„Sophia.“ Lena war den Tränen nahe. „Ich bin erledigt. Komplett am Ende.“

„Warum?“ Sophia verstand nichts.

Da erklang vorne eine angenehme Stimme: „Ruhe bitte.“

Diese Stimme überlagerte sich mit der aus jener Nacht. Lenas letzte Hoffnung zerschmetterte.

Es war wirklich er. Die Stimme war damals etwas heiserer gewesen, aber Lena täuschte sich nicht.

Bei seinem einen einzigen Wort verstummte der ganze Saal. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.

Seine wohlklingende Stimme drang durch das Mikrofon in jeden Winkel.

„Kurze Vorstellung: Mein Name ist Tobias Strauß. Ab heute unterrichte ich Anatomie.“

„Wow!“

„Wow!“

Begeisterte Schreie hallten durch den Raum.

Nein!!!

In diesem Moment begriff Lena, was es hieß, wenn man Freud und Leid nicht teilen kann.

Besonders Sophia schrie so laut, dass Lenas Trommelfell fast platzte.

Professor Strauß machte eine Geste. Sofort wurde es still.

„Genug geredet. Fangen wir an, uns mit dem Fach Anatomie vertraut zu machen.“

Die Präsentation begann. Tobias stand da wie eine Kiefer im Winter – aufrecht, mit natürlicher Eleganz und Gelassenheit.

„Die Anatomie erforscht die Struktur des menschlichen Körpers. Durch Beobachtung mit bloßem Auge, durch Mikroskopie und durch bildgebende Verfahren werden Form, Lage, Zusammenhänge und Entwicklungsgesetze der Organe und Gewebe untersucht...“

Seine ruhige Stimme erfüllte den Raum. Jeder Student hörte aufmerksamer zu als je in der Oberstufe.

Außer Lena.

Die ganze Stunde saß sie wie auf glühenden Kohlen. Vom Unterricht bekam sie nichts mit.

Sophia bemerkte es und flüsterte ihr ins Ohr: „Hast du Hämorrhoiden? Du zappelst die ganze Zeit rum.“

Musste sie so derb sein?

Lena hatte sich die ganze Zeit geduckt und wagte nicht, den Kopf zu heben. Ihr Rücken tat schon weh. Instinktiv richtete sie sich auf.

In dem Moment, als sie aufblickte, traf ihr Blick auf den von Professor Strauß – wie vom Schicksal bestimmte.

Lenas Kopf dröhnte.

Gleichzeitig stockte Tobias mitten im Satz und starrte in ihre Richtung.

„Was ist los?“

„Was hat Professor Strauß?“

Geflüster erhob sich.

Sophia zupfte an Lenas Ärmel und flüsterte: „Ich hab das Gefühl, Professor Strauß guckt dich an.“

Lena lachte verlegen und tat so, als schaute sie nach hinten. „Quatsch. Er guckt hinter mich. Die träumen bestimmt und wurden erwischt.“

Tobias’ Blick schwankte. So aus der Fassung geriet er selten. Aber er fing sich schnell, wandte den Blick ab und fuhr mit dem Stoff fort.

Niemand bemerkte, dass seine Fingerknöchel um den Laserpointer weiß wurden.

Hatte er sie erkannt?

Oder etwa nicht?

Lena war sich nicht sicher.

Gleichzeitig hoffte sie verzweifelt, dass der Professor sich nicht an sie erinnerte.

Bitte, bitte, lieber Gott.

Lena faltete die Hände zum Gebet. Da hörte sie Tobias’ Stimme.

„Die Studentin in der drittletzten Reihe, fünfter Platz von rechts, mit der grauen Jacke – beantworten Sie bitte meine Frage von eben.“

So präzise wie Pi mit seinen unendlich vielen Dezimalstellen.

Lena starrte verdattert in die Runde, als sich alle Blicke auf sie richteten.

Sie sah nach vorne – direkt in Tobias Strauß’ durchdringende Augen.

Wenn sie jetzt die graue Jacke auszog, war es dann zu spät?

Benommen stand sie auf.

Der vorbildliche Professor lächelte freundlich. „Beantworten Sie bitte meine Frage.“

Lena hatte keine Ahnung, welche Frage. Die ganze Stunde war sie geistig abwesend gewesen.

Ihr Kopf war leer. „W-welche Frage?“

Unterdrücktes Lachen ringsum.

Tobias schien unendlich geduldig. „Die gebräuchlichste Färbemethode für Paraffinschnitte. Habe ich vor ein paar Minuten erklärt.“

Lena sah hilfesuchend zu Sophia. Die wagte keinen Ton und bewegte nur stumm die Lippen.

Als ob sie das entziffern könnte.

Lena verzog gequält das Gesicht. „Ich weiß es nicht.“

Tobias sah sie gelassen an. „Wie heißen Sie?“

Das war’s.

Lena ahnte, dass die Frage nur Vorwand war. Er wollte ihren Namen.

„Nina Müller“ wäre ihr fast rausgerutscht, aber sie traute sich nicht. Also antwortete sie brav: „Lena Schmidt.“

Tobias’ Augen glänzten. „Lena Schmidt also.“

Lena wagte nicht, ihn anzusehen. Ihre Kopfhaut kribbelte.

„In meiner ersten Stunde schon unaufmerksam. Kommen Sie nach der Vorlesung in mein Büro.“

Innerlich weinte Lena.

„Ja, Professor Strauß.“

Endlich durfte sie sich setzen. Sie fühlte sich halb tot.

„Lena, keine Angst. Professor Strauß wirkt total nett. Er wird dir schon nichts tun.“ Sophia versuchte sie leise zu trösten.

Lena rührte sich nicht.

Ha. Nett? Im Bett war er alles andere als nett gewesen.

„Außerdem kannst du ihn in seinem Büro besser kennenlernen. Du hast echt Glück.“

Diese Chance konnte jemand anderes haben. Sie wollte sie nicht. Überhaupt nicht.

Die qualvolle Vorlesung endete endlich. Tobias verließ den Saal.

Sofort brach Lärm aus. Alle schwärmten davon, wie heiß der neue Professor war, wie toll seine Stimme klang.

Normalerweise wäre Lena dabei gewesen.

Aber jetzt konnte sie nicht mal ansatzweise lächeln.

„Sophia.“ Lena griff nach ihrer Hand und sagte feierlich: „Falls mir was zustößt – verbrenn mir bitte das Ende von ‚One Piece‘.“

Dann drehte sie sich um und ging, das Gesicht eines Helden, der in die Schlacht zog.

Sophia starrte ihr verdutzt hinterher.

War ja nur ein Gespräch mit dem Professor.

Warum wirkte das wie ein Heldenabschied?

Der würde sie höchstens ausschimpfen, nicht auffressen.

Vor dem Büro stand Lena nervös und hob die Hand zum Klopfen – nur um sie wieder sinken zu lassen.

Nach mehrmaligem Hin und Her fasste sie einen Entschluss.

Egal. Kurzer Schmerz war besser als langer. Je früher sterben, desto früher wiedergeboren werden.

Außerdem: Solange sie alles leugnete, hatte Tobias keinen Beweis, dass sie es in jener Nacht gewesen war.

Sie holte tief Luft und klopfte.

Bald kam Tobias’ warme Stimme von drinnen.

„Herein.“

Als Lena die Tür aufschob, schlug ihr Herz unkontrolliert schneller.

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