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Kapitel 4

Linnea
Auf dem Weg zurück zum Klassenzimmer begegnete Lena Jakob und ein paar von seinen Freunden. Jakob war deutlich größer als die anderen, und sein attraktives Aussehen fiel sofort ins Auge.

Sie liefen vor Lena her und bemerkten sie nicht.

„Hey, Jakob, dein kleiner Groupie hat sich angeblich vor Semesterbeginn gar nicht bei dir gemeldet.“

„Die hat bestimmt gehört, dass du jetzt vergeben bist. Ihr Herz ist wahrscheinlich in tausend Stücke zersprungen.“

„Heute war sie sogar bei Professor Strauß’ Vorlesung total abgelenkt. Klar, du und Julia saßt direkt vor ihr. Muss echt wehtun, hahaha.“

Erst da begriff Lena, dass mit ‚kleinem Groupie‘ niemand anderes als sie selbst gemeint war.

Sie und Jakob gehörten beide zu den Top Ten ihres Jahrgangs. Weil sie ihn mochte, hatte sie ihn tatsächlich öfter zum gemeinsamen Lernen eingeladen. Aber dass seine Freunde sie deshalb als Groupie abstempelten – damit hatte sie nicht gerechnet.

Lena fand das zutiefst ironisch.

Die Einstellung seiner Freunde sagte viel über Jakobs eigene Meinung aus. Offensichtlich dachte er genauso über sie.

Dabei hatte er nie abgelehnt, wenn sie ihn einlud. Beim gemeinsamen Lernen hatten sie sich immer gut verstanden. Das hatte Lena falsche Hoffnungen gemacht – sie hatte geglaubt, sie hätte eine Chance.

Dann hörte sie Jakob sagen: „Erwähnt sie nicht mehr vor Julia. Sonst wird sie wieder sauer.“

„Ja, ja, verstanden“, antwortete einer seiner Freunde. „Julia ist jetzt schließlich deine offizielle Freundin.“

„Aber mal ehrlich, du Glückspilz. Hast so eine hübsche Freundin wie Julia, und dann noch eine Streberin wie Lena, die dir nachläuft. Nimm doch einfach beide.“

„Ach, hör auf mit dem Quatsch. Für mich ist Lena nur eine gute Bekannte.“

„Du siehst sie als Bekannte, aber sie will deine Freundin sein.“

„Hey, was glaubt ihr – wird Lena Jakob immer noch mögen? Vielleicht wechselt sie von offener Verliebtheit zu heimlicher, und wartet, bis er sich trennt.“

„Und wenn er sich nicht trennt?“

„Dann wartet sie halt ewig auf ihn und heiratet nie, hahaha.“

„Glaubst du, das hier ist eine Seifenoper?“

„Lasst uns wetten – wie viele Jahre wird Lena wegen Jakob Single bleiben?“

„Ein Jahr? Zwei? Fünf?“

Jakob unterbrach sie schließlich: „Okay, Schluss jetzt.“

Trotzdem zog sich ein selbstgefälliges Lächeln auf seine Lippen.

Dass ein Mädchen jahrelang für einen Typen Single blieb – für sie war das offensichtlich ein Grund, stolz zu sein.

Ihre Silhouetten verschwanden in der Ferne. Lena stand wie angewurzelt da, die Fäuste unbewusst geballt.

Es war den Preis wert, einen Menschen so zu durchschauen.

Der ganze Tag war die Hölle für Lena gewesen. Erst hatte sie erfahren, dass der Mann, mit dem sie geschlafen hatte, ein Professor an ihrer Uni war. Und dann hatte sie durch das Gespräch zwischen Jakob und seinen Freunden endgültig mit ihren Gefühlen für ihn abgeschlossen.

Nach dem Unterricht bat sie Sophia, ihre Bücher zurück ins Wohnheim zu bringen. Sie selbst musste zur Arbeit in den Bubble-Tea-Laden.

„Seit dem ersten Semester jobbst du jeden Tag, gehst abends nicht in die Selbstlernphase, und trotzdem bist du unter den Top Ten. Ich bewundere dich echt.“ Sophia sah ihr beim Packen zu und seufzte.

„Ich hab keine Wahl. Ich muss meinen Lebensunterhalt verdienen.“

Sophia kannte Lenas familiäre Situation nach all den Jahren ihrer Freundschaft gut genug: „Deine Eltern sind echt krass. So eine tolle Tochter ignorieren sie, aber ihren Sohn, der ein hoffnungsloser Fall ist, den unterstützen sie.“

Dann fiel ihr auf, dass sie gerade ihre Familie beleidigte, und sie beeilte sich zu sagen: „Tut mir leid, Lena. Das ist mir einfach so rausgerutscht.“

Lena lächelte sie an: „Schon gut. Ich weiß, du meinst es gut. Ich muss jetzt los, sonst komme ich zu spät.“

Damit schnappte sie sich ihren Rucksack und verließ das Campusgelände.

Den Weg vom Tor zum Bubble-Tea-Laden lief sie nun schon seit über einem Jahr. Sie nutzte die abendliche Selbststudienzeit zum Arbeiten. Wenn die anderen längst schliefen, brannte an ihrem Bett noch das kleine Lämpchen – manchmal bis nach Mitternacht.

Alle sagten, ihr Stipendium falle ihr in den Schoß. Nur sie selbst wusste, wie hart der Weg dorthin gewesen war.

Im Laden angekommen zog Lena ihre Arbeitskleidung an und übernahm von der Kollegin der Frühschicht.

Obwohl sie nur als Aushilfe arbeitete, war sie mittlerweile seit über einem Jahr hier und konnte problemlos wie eine Festangestellte eingesetzt werden.

Abends war nicht viel los. Nachdem sie ihrer Kollegin Bescheid gesagt hatte, ging sie auf die Toilette.

Als sie aufstand, drehte sich plötzlich alles. Sie griff hastig nach der Wand, um sich abzustützen. Ihr Herz raste.

In diesem Moment schoss ihr ein furchtbarer Gedanke durch den Kopf.

Ihre Periode war diesen Monat noch nicht gekommen!!!

Unmöglich. Das konnte nicht sein.

Lena erinnerte sich genau: In dieser Nacht hatte Tobias ein Kondom benutzt. Sonst hätte sie sich nie darauf eingelassen.

War es etwa gerissen?

Voller Angst kaufte sie nach Feierabend einen Schwangerschaftstest. Aber nicht in der Nähe der Uni – sie nahm ein Taxi zu einer Apotheke fünf, sechs Kilometer entfernt.

Mit dem Test in der Hand zitterte sie vor Nervosität. Während sie auf das Ergebnis wartete, setzte sie sich auf den geschlossenen Toilettendeckel, faltete die Hände und betete ununterbrochen.

„Bitte, lass es nicht wahr sein.“

„Ich mach so was nie wieder, ich schwör’s. Bitte tu mir das nicht an.“

„Bitte, bitte... Oh Gott... Lieber Himmel... Um Himmels willen... Bitte, lass es nicht wahr sein...“

Lena flehte jeden Gott an, der ihr einfiel. Dann öffnete sie vorsichtig die Augen zu einem schmalen Spalt.

Als sie die zwei roten Streifen auf dem Test sah, brach ihre Welt zusammen.

Vorbei. Es war wirklich, endgültig vorbei.

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