Se connecterNovia
„Du machst einen schrecklichen Fehler, Novia“, flüsterte mir mein eigenes Spiegelbild aus dem Badezimmerspiegel entgegen, während ich eine schnelle Schicht Lipgloss auftrug.
Ich wählte für den Abend ein schlichtes schwarzes Kleid und flache Schuhe, weil ich absolut niemanden beeindrucken wollte. Ich ging lediglich zu einem beruflichen Abendessen mit einem Franchise-Spieler – mehr nicht. Ich wiederholte diese Erklärung zweimal für mich selbst, während ich meine Handtasche nahm.
In dem Moment, als ich auf meine Veranda trat, sackte mir der Magen ab. Cole stand immer noch draußen. Er lehnte lässig an der Motorhaube meines Autos, die Arme vor der Brust verschränkt, und sah aus, als gehöre ihm die gesamte Auffahrt.
Er richtete sich auf, als ich näher kam. „Wo willst du denn so hin?“
„Das geht dich absolut nichts mehr an, Cole“, sagte ich, ging an ihm vorbei und griff nach dem Türgriff.
„Du bist immer noch meine Frau“, fuhr er mich an und trat vor, um mir den Weg zu versperren.
„Nicht mehr lange“, erwiderte ich und starrte ihm direkt ins Gesicht.
Cole streckte die Hand aus und packte meinen Oberarm mit festem Griff. Ich erstarrte sofort. Ich blickte auf seine Hand auf meiner Haut, dann hob ich den Blick zu seinem Gesicht.
„Ich kenne dich, Novia“, sagte Cole mit vollkommen selbstsicherer Stimme. „Du bist jetzt wütend, aber du wirst mir verzeihen. Das tust du immer.“
Die pure Dreistigkeit seiner Worte löste eine Schockwelle in mir aus.
Vor meinem inneren Auge tauchte die versteckte Luxus-Hotelrechnung unseres Hochzeitstags auf. Dann die demütigende MVP-Dankesrede vor der gesamten Liga. Und schließlich der Moment, in dem ich wie erstarrt im Türrahmen der Lounge gestanden hatte, während ich hörte, wie er seinen Teamkollegen stolz erzählte, ich sei nur ein praktisches Mittel gewesen, um an die Maskierte Trainerin heranzukommen.
„Du hast mich benutzt“, sagte ich leise, die Worte verließen meine Kehle wie Eis. „Drei ganze Jahre lang hast du mich komplett benutzt. Und du hast zugelassen, dass ich dich mit allem geliebt habe, was ich hatte, während du das getan hast.“
„Novia, hör mir zu —“
„Du widerst mich an, Cole“, unterbrach ich ihn, meine Stimme sank zu einem harten Flüstern.
Ich riss meinen Arm mit einem scharfen Ruck aus seinem Griff, entriegelte das Auto und stieg auf den Fahrersitz. Ich startete den Motor und setzte aus der Auffahrt zurück, ohne ihn noch einmal anzusehen.
Während ich durch die Stadtstraßen fuhr, warf ich immer wieder einen Blick in den Rückspiegel. Meine Hände umklammerten das Lenkrad so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. Die Lichter der vorbeifahrenden Autos glitten über mein Armaturenbrett, während ich versuchte, den Streit mit Cole aus meinen Gedanken zu verdrängen. Ich holte mehrmals tief Luft, um mich zu beruhigen, bevor ich das Restaurant erreichte. Die ganze Situation hatte mich erschöpft zurückgelassen, doch ich war fest entschlossen, mich heute auf mich selbst zu konzentrieren. Ich weigerte mich, mir eine Nacht, die noch nicht einmal begonnen hatte, von schlechten Nachrichten wie Cole ruinieren zu lassen.
Als ich vor dem The Reserve in der 5th Avenue hielt, war die Nachtluft deutlich kälter geworden. Ryder Kane wartete bereits vor dem Haupteingang. Er stand mit den Händen in den Hosentaschen nahe den Glastüren und wirkte entspannt. In dem Moment, als er mich den Weg hinaufkommen sah, bohrten sich seine Augen in meine und betrachteten mich mit einer intensiven, ruhigen Aufmerksamkeit, die mich vollkommen gesehen fühlen ließ.
„Du bist tatsächlich gekommen“, sagte Ryder, und ein langsames Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.
„Mach kein großes Ding daraus“, erwiderte ich und blieb vor ihm stehen. „Es ist ein Abendessen, um über Team-Strategie zu sprechen.“
„Wie du meinst, Coach“, murmelte er und hielt mir die schwere Glastür auf.
Ich ging vor ihm ins Restaurant, und er fiel sofort neben mir in den Schritt. Er lief so nah, dass ich die solide Wärme spüren konnte, die von seiner Schulter ausging. Plötzlich regte sich etwas in meiner Brust – ein seltsames, flatterndes Gefühl, das ich bewusst nicht näher betrachtete.
Wir waren erst drei Schritte in der Eingangshalle, als das laute Quietschen von durchdrehenden Reifen aus dem Parkplatz hinter uns hallte.
Ich erkannte das Motorengeräusch sofort. Ich kannte diesen Wagen genau.
Die Restauranttüren flogen erneut auf, und Cole stürmte ins Gebäude. Mit schnellen, wütenden Schritten durchquerte er die Lobby, sein Gesicht vor Zorn verzerrt. Er schob einen Host beiseite und stellte sich direkt zwischen Ryder und mich.
„Deshalb willst du also plötzlich die Scheidung!“, brüllte Cole und zeigte mit dem Finger auf Ryder. „Wegen ihm!“
„Geh nach Hause, Cole“, befahl ich, meine Stimme wurde lauter, als die Restaurantgäste sich zu uns umdrehten und starrten. „Du machst hier eine öffentliche Szene.“
„Jeder in dieser Sportstadt weiß genau, was dieser Typ ist, Novia“, sagte Cole, seine Stimme wurde immer lauter und schärfer, während er Ryder anfunkelte. „Er geht mit Frauen genau so um wie mit Verteidigern auf dem Eis. Denkst du wirklich, du wärst etwas Besonderes für ihn? Du bist nur der nächste praktische Name auf seiner Liste. Eine billige —“
Ryder bewegte sich. Schnell, leise und vollkommen zielgerichtet.
Bevor Cole den Satz zu Ende sprechen konnte, traf Ryders Faust mitten auf Coles Kiefer. Der Aufprall war laut und hart. Cole taumelte rückwärts, verlor komplett das Gleichgewicht und krachte schwer auf den polierten Marmorboden der Lobby.
Ryder stand direkt über ihm, sein Atem blieb vollkommen ruhig, sein Blick bohrte sich in den Liga-MVP hinunter.
„Sprich dieses Wort zu Ende“, sagte Ryder, seine Stimme senkte sich zu einem tiefen, furchterregenden Knurren, „und ich sorge persönlich dafür, dass du nie wieder ein Hockeyspiel in deinem Leben bestreitest.“
Kapitel 92Rodrigos ZurückhaltungPerspektive: RodrigoIch hörte auf, so an ihre Tür zu klopfen, wie ich es einst getan hatte. Ich redete mir ein, es handele sich um taktische Distanz – dieselbe Disziplin, die ich schon Monate vor dem Kuss an den Tag gelegt hatte –, doch in den stillen Stunden, in denen man der Wahrheit nicht mehr ausweichen konnte, musste ich mir eingestehen, dass dieser Rückzug nur wenig mit Taktik zu tun hatte.Ich hatte Luciens Gesicht am Morgen gesehen, nachdem Catalina es ihm gesagt hatte. Ich war bei dem Gespräch selbst nicht dabei gewesen, war ihm aber zwei Tage später auf dem Flur begegnet; der besondere, vorsichtige Schmerz in seinen Augen verriet mir, was ihn dieses Gespräch wohl gekostet haben musste.---Ich bin nicht stolz auf das, was ich empfand, als ich diesen Schmerz sah. Ein alter, tief in mir verborgener Teil nahm ihn fast wie eine Öffnung wahr – wie eine Schwachstelle in einer Mauer, deren Respektierung ich monatelang gelernt hatte. Ich erkannte d
Kapitel 91Wie Lucien reagiertePerspektive: CatalinaIch hatte mich auf Wut eingestellt. Das muss ich ehrlich sagen, jetzt, da ich hier sitze und die Erinnerung an jene Nacht noch immer scharf in meiner Brust spüre. Ein Teil von mir hatte sich die Wut fast gewünscht, denn mit Wut umzugehen wäre einfacher gewesen – sie war etwas Klares, Greifbares, dem ich gewachsen gewesen wäre.Lucien reagierte nicht mit Wut. Er zeigte mir etwas, das viel schwerer zu ertragen war: eine verletzte, vorsichtige Gefasstheit, die zu keinem Zeitpunkt in erhobene Stimmen oder Anschuldigungen umschlug – und irgendwie kostete mich diese Gefasstheit mehr Kraft, als es Wut je gekonnt hätte.---„Ich muss dich etwas fragen“, sagte er zwei Tage, nachdem ich ihm von dem Kuss erzählt hatte. Mateo schlief bereits, und in der Wohnung herrschte jene besondere, vorsichtige Stille, die zu unserer neuen, unbehaglichen Normalität geworden war. „Und ich brauche eine ehrliche Antwort von dir, selbst wenn sie für uns beide
Kapitel 90Lucien weiß esPerspektive: CatalinaIch bemerkte es zuerst an den Kleinheiten – so wie ich immer spürte, wenn die Wahrheit sich ankündigte, noch bevor sie jemand ausgesprochen hatte. Lucien hielt Mateo beim Baden wieder ein wenig länger im Arm; es war dieselbe stille Vertrautheit wie vor Monaten, doch diesmal begriff ich beim Zusehen, dass es nicht die Angst war, seinen Platz an das leibliche Kind zu verlieren. Es war etwas Leiseres und Schmerzlicheres: die besondere Trauer eines Mannes, der ahnte, dass sich etwas verändert hatte, dem aber noch die Worte fehlten, um direkt danach zu fragen.---„Du bist seit Dienstag so still“, sagte er eines Abends. Es waren Worte, die er schon einmal benutzt hatte – in einer anderen Phase dieses schwierigen Jahres, als Rodrigo gerade gegenüber eingezogen war und sich unser Leben zu wandeln begann, ohne dass wir uns bewusst dafür entschieden hätten.„Ich weiß“, sagte ich.„Ist es dieselbe Art von Stille wie damals“, fragte er, „oder etwas
Kapitel 89Was der Kuss bedeutetePerspektive: CatalinaAn einem Donnerstagabend setzten wir uns endlich richtig zusammen – Wochen nach den Ereignissen in der Küche, Wochen nach Madrid –, als die unmittelbare Gefahr so weit abgeklungen war, dass keiner von uns sie mehr als Grund vorschieben konnte, das Gespräch weiter hinauszuzögern.„Ich möchte nicht ständig um das Thema herumreden“, sagte ich, nachdem Mateo eingeschlafen war und Lucien sich ganz bewusst auf den Balkon zurückgezogen hatte, um uns die für dieses spezielle Gespräch nötige Privatsphäre zu gewähren – eine Entscheidung, die er von sich aus getroffen hatte, da er genau verstand, was es ihn gekostet hätte, dabei zu sein.„Ich auch nicht“, sagte Rodrigo.---„Ich muss verstehen, was er bedeutet hat“, sagte ich. „Nicht, wie er sich in dem Moment angefühlt hat. Das weiß ich bereits. Ich muss verstehen, was er deiner Meinung nach *jetzt* bedeutet – vor dem Hintergrund all der anderen Dinge.“Rodrigo dachte über die Frage mit je
Kapitel 88Verstärkung des GebäudesPerspektive: CatalinaDie Handwerker, die unsere Flurwand repariert hatten, blieben drei weitere Wochen. Sie installierten zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen, auf denen Alejandros Sicherheitsteam bestanden hatte – weit mehr als nur die einfache kosmetische Ausbesserung: verstärkte Türrahmen, eine zweite Kamera am Treppenabsatz und ein diskret unter der Küchentheke angebrachter Panikschalter, den Mateo unter keinen Umständen berühren durfte. Er hielt sich an diese Regel mit dem übertriebenen Ernst eines Jungen, der – auf seine eigene, kindliche Weise – genau begriff, wie wichtig diese Anweisung war.„Es sieht genauso aus“, bemerkte Mateo eines Morgens, während er mit der Hand über den frisch gestrichenen Wandabschnitt fuhr. „Aber es fühlt sich anders an.“„Es ist jetzt stabiler“, erklärte ich ihm. „Deshalb hat die Reparatur so lange gedauert.“Er nickte, zufrieden mit dieser Erklärung, und wandte sich wieder seinem Frühstück zu. Ich blieb noch einen
Kapitel 87Konfrontation mit dem VerräterPerspektive: CatalinaIch bestand darauf, dabei zu sein. Rodrigo versuchte fast eine Stunde lang, mich davon abzubringen, und ich ließ ihn gewähren, denn ich verstand, dass seine Einwände nicht unbegründet waren – doch sie wogen nicht schwerer als die schlichte Tatsache, dass ich mir Wochen zuvor, irgendwo über dem Atlantik, geschworen hatte, nicht länger tatenlos hinter verschlossenen Türen zu warten, während andere die Gefahren abwehrten, die eigentlich meiner Familie galten.„Das hier ist kein gewöhnlicher Flur, den du betrittst“, sagte Rodrigo ein letztes Mal, bevor wir den Raum betraten. „Das ist kein Rätsel und keine Teegesellschaft. Ich muss sichergehen, dass du den Unterschied verstehst.“„Ich verstehe ihn vollkommen“, sagte ich. „Ich verlange nicht, davor beschützt zu werden, Rodrigo. Ich will daran mitwirken, dem ein Ende zu setzen.“***Esteban saß auf einem schlichten Stuhl in einem schlichten Raum; seine Hände waren gefesselt. Sei







