LOGINNovia
„Ihr wisst nicht einmal die Hälfte davon“, lachte Cole und tippte mit einem selbstgefälligen Grinsen gegen sein Glas. „Sienna hatte damals einen Freund. Sie wollte mich nicht beachten, also musste ich einen Weg finden, damit sie mich endlich wahrnimmt.“
Ich stand vollkommen reglos im Schatten des Türrahmens, meine Stiefel fühlten sich an, als wären sie am Boden festzementiert. Ich wollte mich umdrehen, aber meine Beine gehorchten mir nicht. Jedes einzelne Wort brannte sich in mein Gedächtnis.
„Moment, und wo passt Novia da rein?“, fragte sein Verteidiger grinsend und lehnte sich über die Rückenlehne des Sofas. „Du hast sie doch einfach so geheiratet.“
„Ich habe Novia eines Nachmittags in der regionalen Trainingshalle gesehen“, erklärte Cole und wedelte lässig mit der Hand, während Sienna ihren Kopf an seine Schulter legte. „Sie hat eng mit der Maskierten Trainerin gesprochen.
Ihr wisst schon – diese absolute Legende, die die Power-Play-Strategien der gesamten Liga revolutioniert hat und dann spurlos verschwunden ist. Niemand hat je das echte Gesicht dieser Frau gesehen, aber Novia war direkt bei ihr.
Ich dachte zuerst, sie wäre ihre Tochter oder vielleicht ihre geheime Assistentin.“
„Nein, oder?“, lachte der Flügelspieler. „Du hast sie also benutzt?“
„Genau“, sagte Cole und küsste Sienna auf den Scheitel. „Ich dachte, es würde nur eine kurze Affäre werden – nur um irgendwie Zugang zur Maskierten Trainerin zu bekommen. Aber Novia hat sich sofort Hals über Kopf in mich verliebt. Mir wurde klar, dass ich sie nur heiraten müsste, damit sie mich irgendwann mit ihr zusammenbringt und mir die geheimen Taktikbücher besorgt. Also habe ich es durchgezogen. Ich habe sie wegen der Verbindung geheiratet. Ich habe sie nie geliebt, Jungs. Das war nie der Plan.“
Der Raum wurde für genau eine Sekunde totenstill. Dann stieß jemand einen leisen Pfiff aus. „Verdammt, Cole. Das ist eiskalt, Mann.“
„Hey, ein Mann muss tun, was nötig ist, um an die Spitze zu kommen“, lachte Cole und hob seine Bierflasche. Der Rest des Teams stimmte ein, der kurze Moment des Zögerns löste sich in einer neuen Runde lauten Jubels auf.
Ich machte einen Schritt rückwärts und schlüpfte aus dem Türrahmen, bevor sich jemand umdrehen konnte. Fünf Jahre meines Lebens rasten in schmerzhaften, zerrissenen Bildern durch meinen Kopf. Ich erinnerte mich an den Schwangerschaftstest, den ich im zweiten Jahr mit zitternden Händen gehalten hatte, an die stille Hoffnung, die ich in meiner Brust versteckt hatte, und an die qualvolle Fehlgeburt, die darauf folgte. Ich hatte diesen Krankenhausaufenthalt vollkommen allein durchgestanden, weil Cole ein wichtiges Auswärtsturnier hatte. Ich hatte ihm gesagt, er solle fahren, und ihm versichert, dass es mir gut ginge – nur damit er sich nicht aus dem Konzept bringen ließ.
Ich erinnerte mich daran, wie ich die größte Trainerkarriere in der Geschichte des Frauen-Eishockeys aufgegeben hatte, meine legendäre Identität verborgen und meine Trainer-Maske in einen dunklen Karton gepackt hatte, der ganz oben im Schrank verstaubte – nur weil er gesagt hatte, es wäre besser für unsere Zukunft, wenn ich zu Hause bleibe.
Er hatte mich nie geliebt. Nicht eine einzige Sekunde unserer Ehe.
Ich drehte mich um und ging den langen Korridor entlang, vorbei an den Sicherheitsleuten in Richtung Ausgang. Warme Tränen liefen mir übers Gesicht, aber ich machte mir nicht die Mühe, sie wegzuwischen. Ich spürte meine Hände sowieso nicht mehr.
Ich stieß die Glastüren des Veranstaltungsorts auf und trat hinaus in die kühle Nachtluft. Ich ging direkt zu meinem Auto, stieg ein und verriegelte die Türen. Die Stille im Wagen überrollte mich. Meine Finger zitterten heftig, als ich mein Handy aus der Tasche zog. Ich entsperrte den Bildschirm, öffnete meine Kontakte und scrollte, bis ich den Namen meiner Anwältin fand.
Ich öffnete unseren Chat und tippte nur einen Satz:
Ich brauche die Scheidungspapiere komplett fertig. Heute Nacht. Bitte.
Ich drückte auf Senden, bevor mein Verstand eine Ausrede finden konnte, mich aufzuhalten.
Sobald die Nachricht versendet war, brach der Damm. Ich sackte über dem Lenkrad zusammen und weinte – laute, keuchende Schluchzer, die ich jahrelang in mir eingeschlossen hatte. Es war kein leises, sanftes Weinen; es war die rohe Befreiung von fünf Jahren Überleben.
Als der Sturm endlich vorüberzog, nahm ich eine Serviette aus dem Handschuhfach und wischte mir das Gesicht sauber. Ich starrte mein Spiegelbild im Rückspiegel an und sah, wie die klare Entschlossenheit in meine Augen zurückkehrte. Ich suchte Dex’ Nummer und wählte.
Er nahm beim zweiten Klingeln ab. „Novia? Ist alles in Ordnung? Es ist nach Mitternacht.“
„Dex“, sagte ich, meine Stimme fest und entschlossen. „Ist das Angebot, das du letzten Monat erwähnt hast, noch aktuell?“
Es folgte eine lange Pause. „Novia? Meinst du das ernst?“
„Den Trainervertrag“, wiederholte ich und umklammerte das Lenkrad. „Steht er noch?“
„Hat Cole dir endlich seine Erlaubnis gegeben, in die Liga zurückzukehren?“, fragte Dex vorsichtig. „Beim letzten Mal sagte er, er wolle nicht, dass seine Frau mit einem Team reist.“
„Seine Erlaubnis interessiert mich nicht mehr“, antwortete ich tonlos. „Es ist mir egal, was er dazu sagt. Sag mir einfach, ob die Stelle noch frei ist oder nicht.“
Dex schwieg drei volle Sekunden. Als er endlich sprach, lag ein schweres, ernstes Gewicht in seiner Stimme. „Die Stelle ist offen, Novia. Sie sind verzweifelt auf deine Strategie angewiesen. Aber du musst etwas verstehen. Das Franchise, das dich sofort verpflichten will, sind die Blackridge Wolves. Es ist Coles direkter Rivale.“
Kapitel 92Rodrigos ZurückhaltungPerspektive: RodrigoIch hörte auf, so an ihre Tür zu klopfen, wie ich es einst getan hatte. Ich redete mir ein, es handele sich um taktische Distanz – dieselbe Disziplin, die ich schon Monate vor dem Kuss an den Tag gelegt hatte –, doch in den stillen Stunden, in denen man der Wahrheit nicht mehr ausweichen konnte, musste ich mir eingestehen, dass dieser Rückzug nur wenig mit Taktik zu tun hatte.Ich hatte Luciens Gesicht am Morgen gesehen, nachdem Catalina es ihm gesagt hatte. Ich war bei dem Gespräch selbst nicht dabei gewesen, war ihm aber zwei Tage später auf dem Flur begegnet; der besondere, vorsichtige Schmerz in seinen Augen verriet mir, was ihn dieses Gespräch wohl gekostet haben musste.---Ich bin nicht stolz auf das, was ich empfand, als ich diesen Schmerz sah. Ein alter, tief in mir verborgener Teil nahm ihn fast wie eine Öffnung wahr – wie eine Schwachstelle in einer Mauer, deren Respektierung ich monatelang gelernt hatte. Ich erkannte d
Kapitel 91Wie Lucien reagiertePerspektive: CatalinaIch hatte mich auf Wut eingestellt. Das muss ich ehrlich sagen, jetzt, da ich hier sitze und die Erinnerung an jene Nacht noch immer scharf in meiner Brust spüre. Ein Teil von mir hatte sich die Wut fast gewünscht, denn mit Wut umzugehen wäre einfacher gewesen – sie war etwas Klares, Greifbares, dem ich gewachsen gewesen wäre.Lucien reagierte nicht mit Wut. Er zeigte mir etwas, das viel schwerer zu ertragen war: eine verletzte, vorsichtige Gefasstheit, die zu keinem Zeitpunkt in erhobene Stimmen oder Anschuldigungen umschlug – und irgendwie kostete mich diese Gefasstheit mehr Kraft, als es Wut je gekonnt hätte.---„Ich muss dich etwas fragen“, sagte er zwei Tage, nachdem ich ihm von dem Kuss erzählt hatte. Mateo schlief bereits, und in der Wohnung herrschte jene besondere, vorsichtige Stille, die zu unserer neuen, unbehaglichen Normalität geworden war. „Und ich brauche eine ehrliche Antwort von dir, selbst wenn sie für uns beide
Kapitel 90Lucien weiß esPerspektive: CatalinaIch bemerkte es zuerst an den Kleinheiten – so wie ich immer spürte, wenn die Wahrheit sich ankündigte, noch bevor sie jemand ausgesprochen hatte. Lucien hielt Mateo beim Baden wieder ein wenig länger im Arm; es war dieselbe stille Vertrautheit wie vor Monaten, doch diesmal begriff ich beim Zusehen, dass es nicht die Angst war, seinen Platz an das leibliche Kind zu verlieren. Es war etwas Leiseres und Schmerzlicheres: die besondere Trauer eines Mannes, der ahnte, dass sich etwas verändert hatte, dem aber noch die Worte fehlten, um direkt danach zu fragen.---„Du bist seit Dienstag so still“, sagte er eines Abends. Es waren Worte, die er schon einmal benutzt hatte – in einer anderen Phase dieses schwierigen Jahres, als Rodrigo gerade gegenüber eingezogen war und sich unser Leben zu wandeln begann, ohne dass wir uns bewusst dafür entschieden hätten.„Ich weiß“, sagte ich.„Ist es dieselbe Art von Stille wie damals“, fragte er, „oder etwas
Kapitel 89Was der Kuss bedeutetePerspektive: CatalinaAn einem Donnerstagabend setzten wir uns endlich richtig zusammen – Wochen nach den Ereignissen in der Küche, Wochen nach Madrid –, als die unmittelbare Gefahr so weit abgeklungen war, dass keiner von uns sie mehr als Grund vorschieben konnte, das Gespräch weiter hinauszuzögern.„Ich möchte nicht ständig um das Thema herumreden“, sagte ich, nachdem Mateo eingeschlafen war und Lucien sich ganz bewusst auf den Balkon zurückgezogen hatte, um uns die für dieses spezielle Gespräch nötige Privatsphäre zu gewähren – eine Entscheidung, die er von sich aus getroffen hatte, da er genau verstand, was es ihn gekostet hätte, dabei zu sein.„Ich auch nicht“, sagte Rodrigo.---„Ich muss verstehen, was er bedeutet hat“, sagte ich. „Nicht, wie er sich in dem Moment angefühlt hat. Das weiß ich bereits. Ich muss verstehen, was er deiner Meinung nach *jetzt* bedeutet – vor dem Hintergrund all der anderen Dinge.“Rodrigo dachte über die Frage mit je
Kapitel 88Verstärkung des GebäudesPerspektive: CatalinaDie Handwerker, die unsere Flurwand repariert hatten, blieben drei weitere Wochen. Sie installierten zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen, auf denen Alejandros Sicherheitsteam bestanden hatte – weit mehr als nur die einfache kosmetische Ausbesserung: verstärkte Türrahmen, eine zweite Kamera am Treppenabsatz und ein diskret unter der Küchentheke angebrachter Panikschalter, den Mateo unter keinen Umständen berühren durfte. Er hielt sich an diese Regel mit dem übertriebenen Ernst eines Jungen, der – auf seine eigene, kindliche Weise – genau begriff, wie wichtig diese Anweisung war.„Es sieht genauso aus“, bemerkte Mateo eines Morgens, während er mit der Hand über den frisch gestrichenen Wandabschnitt fuhr. „Aber es fühlt sich anders an.“„Es ist jetzt stabiler“, erklärte ich ihm. „Deshalb hat die Reparatur so lange gedauert.“Er nickte, zufrieden mit dieser Erklärung, und wandte sich wieder seinem Frühstück zu. Ich blieb noch einen
Kapitel 87Konfrontation mit dem VerräterPerspektive: CatalinaIch bestand darauf, dabei zu sein. Rodrigo versuchte fast eine Stunde lang, mich davon abzubringen, und ich ließ ihn gewähren, denn ich verstand, dass seine Einwände nicht unbegründet waren – doch sie wogen nicht schwerer als die schlichte Tatsache, dass ich mir Wochen zuvor, irgendwo über dem Atlantik, geschworen hatte, nicht länger tatenlos hinter verschlossenen Türen zu warten, während andere die Gefahren abwehrten, die eigentlich meiner Familie galten.„Das hier ist kein gewöhnlicher Flur, den du betrittst“, sagte Rodrigo ein letztes Mal, bevor wir den Raum betraten. „Das ist kein Rätsel und keine Teegesellschaft. Ich muss sichergehen, dass du den Unterschied verstehst.“„Ich verstehe ihn vollkommen“, sagte ich. „Ich verlange nicht, davor beschützt zu werden, Rodrigo. Ich will daran mitwirken, dem ein Ende zu setzen.“***Esteban saß auf einem schlichten Stuhl in einem schlichten Raum; seine Hände waren gefesselt. Sei







