LOGINAus der Perspektive von Stefan
Die letzten Wochen waren eine absolute Katastrophe.
Mein Vater hatte mir die ganzen Ferien über ständig in den Ohren gelegen und mir immer wieder eingetrichtert, dass dies mein letztes Jahr vor dem NFL-Entwurf sei, dass ich mich zusammenreißen, in Topform bleiben müsse und mich von absolut nichts von meinem Ziel ablenken lassen dürfe. Als ob ich das nicht selbst wüsste.
Und dann wurde es nach der Trennung nur noch schlimmer.
Mandy und ich waren zwei Jahre lang zusammen gewesen, und ja, es war nicht immer alles perfekt gelaufen, aber ich hätte niemals erwartet, dass sie mich betrügt. Und dann auch noch ausgerechnet mit einem meiner eigenen Teamkollegen! Der Verrat schmerzte noch immer, aber ich würde ihr nicht das Gefühl geben, zu wissen, wie sehr es mich mitnahm.
Also tat ich, was ich immer tat — ich stürzte mich voll und ganz in den Football.
Football war mein Leben. Ich lebte dafür, ich atmete es und hatte alles dafür geopfert. Es war das Einzige, was Sinn ergab, das Einzige, was ich kontrollieren konnte. Als das Semester begann, hatte ich daher nur einen Gedanken: voll durchzustarten.
Aber es gab ein Problem. Mein Wohnheimzimmer.
Meine alte Adresse war viel zu nahe an Mandys Wohnung außerhalb des Campus, und ich wollte auf keinen Fall das Risiko eingehen, ihr jeden Tag über den Weg zu laufen. Die beste Lösung? Ein Zimmer in der Nähe des Sportplatzes, wo ich mich konzentrieren, trainieren und an nichts anderes denken konnte.
Ich öffnete die Tür zu dem neuen Zimmer an diesem Abend, den Seesack über der Schulter, und erwartete einen leeren Raum. Stattdessen stand er da.
Raphaël Blackwood.
Das schwache Licht warf Schatten auf seine Gestalt und betonte die kantigen Linien seines Kiefers und seiner Wangenknochen. Sein Haar war schwarz mit grünen Strähnen darin, und seine Kleidung lag eng an ihm an. Ich sah einen Arm voller Tätowierungen, die sich von seinem Unterarm bis hinaufzogen und unter den hochgekrempelten Ärmeln zum Vorschein kamen. Natürlich.
Ich mochte ihn nicht. Der Junge mit dem schlechten Ruf. Der, der so selbstbewusst durch die Gegend lief, als wäre ihm alles egal, und trotzdem ständig in Schlägereien geriet oder jemanden in Schwierigkeiten brachte. Ich hatte ihn schon öfter gesehen — immer mit diesem verdrosselten Gesichtsausdruck, als hätte er wirklich Besseres zu tun, als hier zu sein. Ein eingebildeter Kerl. Und jetzt sollte ich mir ein Zimmer mit ihm teilen?
Frau Meyer hatte kaum die Tür hinter sich geschlossen, als ich wieder stöhnte und mir mit der Hand über das Gesicht strich. »Großartig. Einfach großartig.«
Raphaël antwortete nicht. Er ging durch das Zimmer und stellte seine nasse Tasche bestimmt auf das Bett. Weil er hier wohnte. Und ich jetzt auch. Wir wohnten hier. Verdammt noch mal.
Ich würde das nicht durchhalten. Ich presste die Zähne zusammen, und die ganze Anspannung der letzten vier Wochen drängte sich wieder auf. Der Ärger mit meinem Vater, dann Mandy und jetzt das. Konnte ich nicht einfach mal eine Pause kriegen?
Ich hatte die ganzen Ferien versucht, meinen Problemen zu entkommen — trinken, feiern, alles, um mich von der Trennung und dem ständigen Genörgel meines Vaters abzulenken. Football sollte mein Zufluchtsort sein, mein Anker, aber selbst das fühlte sich in den letzten Wochen seltsam an. Und jetzt, statt mich wieder voll auf das Spiel konzentrieren zu können, teilte ich mir ein Zimmer mit Raphaël Blackwood.
»Hör mal«, begann ich und versuchte, ruhig zu klingen. »Ich möchte nur eines ganz klar sagen — ich kümmere mich um meine Angelegenheiten, und du machst das Gleiche. Sonst ist mir völlig egal, was du so treibst.«
Er blickte nicht einmal zu mir herüber, griff in seine Tasche und holte eine Zigarettenpackung hervor. »Verstanden.«
Ich zog die Augenbrauen hoch, als er sich eine Zigarette in den Mund steckte. »Hier ist Rauchen verboten.«
Er blieb mitten in der Bewegung stehen, das Feuerzeug zwischen den Fingern, und drehte langsam den Kopf zu mir herum. Ein verschmitztes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Willst du mich etwa verpetzen, Goldjunge?«
Meine Finger ballten sich zur Faust. Ich hatte schon von Raphaël gehört. Eigentlich jeder kannte ihn. Er war ein lebendiger Mittelfinger gegen die Regeln — Tätowierungen, eine harte Art und ein Ruf, der selbst die Selbstsichersten vorsichtig werden ließ, bevor sie ihn provozieren. Er war überall ein Problem, und jetzt musste ich mir das Zimmer mit ihm teilen.
Ich atmete scharf aus. »Mach einfach keinen Ärger.«
Er grinste noch breiter, legte Zigarette und Feuerzeug auf den Nachttisch und lehnte sich auf seinem Bett zurück. »Keine Versprechen.«
Ich fuhr mir mit der Hand durch die Haare, und die Anspannung legte sich in meine Schultern. Das war die reinste Hölle. Ich brauchte Ruhe. Einen Ort, an dem ich mich nur auf den Football konzentrieren konnte. Und jetzt bekam ich ihn. Ich war mir sicher, dass er es mir nicht leicht machen würde.
Wunderbar. Einfach wunderbar.
»Na schön.« Ich öffnete meinen Seesack und begann, meine Kleidung in den Schrank zu räumen. Je eher ich so tun konnte, als wäre er nicht hier, desto besser.
Es wurde still zwischen uns. Ich wusste nicht, wie lange es dauerte, bis er sich umdrehte und mich ansah. »Also, was ist der wahre Grund, warum du hier gelandet bist?«
Ich blickte ihn finster an. »Was?«
Er deutete vage mit der Hand durch das Zimmer. »Du bist Stefan Pierce. Der Football-Star. Der Lieblingssohn. Du könntest jedes beliebige Zimmer auf dem Campus haben — also warum ausgerechnet ich? Bist du etwa bestraft worden?«
»Das geht dich nichts an.«
Er lachte leise. »Hab ich wohl einen Nerv getroffen?«
Ich knirschte mit den Zähnen und räumte meine Sportschuhe in den Schrank. Ich würde mich nicht mit ihm über meinen Vater streiten. Nicht über Mandy. Überhaupt nicht. Er wusste nichts, und das sollte auch so bleiben. Ich hatte Pläne für dieses Semester, und ein Gespräch mit ihm gehörte nicht dazu. Ich sortierte meine Kleidung ein und dachte an die kommenden Spiele.
Aber er hatte wirklich einen Nerv getroffen, und ehe ich es mich versah, hörte ich mich selbst sprechen. »Warum werden deine Zahlungen ständig zurückgebucht? Hast du dein Geld etwa in Drogen gesteckt?«
Er schwieg und blickte mich nur mit harten Augen an. Dann stand er auf, nahm ein Handtuch aus seinem Schrank, warf es sich über die Schulter und ging ins Badezimmer.
Er sagte kein Wort mehr, als er zurückkam, aber ich spürte seinen Blick noch immer auf mir, als ich fertig war und selbst ins Bad ging. Es gab mir ein seltsames Gefühl von Genugtuung.
Er war nicht der Einzige, der andere treffen konnte.
Aus der Perspektive von StefanDer Wecker klingelte um genau fünf Uhr morgens. Ich schaltete ihn aus, fluchte leise und drehte mich auf den Rücken. Mein Körper schmerzte fürchterlich von dem Training am Vortag, aber sich zu beschweren war keine Option. Football kannte keine Schwäche, und ich liebte Football – also kannte auch ich keine Schwäche.Ich warf die Decke zurück und setzte mich auf, streckte mich und rieb mir das Gesicht. Das Zimmer war dunkel, aber gerade hell genug, um Raphaels Seite des Raumes zu sehen. Ein einziges Chaos. Trommelstöcke, Kleidung und Zigaretten lagen überall herum.Er schlief tief und fest, sein Rücken lag im schwachen Licht frei und zeigte all seine Tätowierungen. Aber mehr als einen Blick gönnte ich ihm nicht. Raphaël war die letzte Person, mit der ich je etwas zu tun haben wollte, und ich hatte wirklich Wichtigeres zu tun, als mich um meinen neuen Zimmergenossen zu kümmern.Ich stand auf, zog meine Sportbekleidung an und schnürte meine Stollenschuhe. Me
Aus der Perspektive von RaphaëlIch erwachte im sanften Licht des frühen Morgens, das durch die Vorhänge fiel und alles täuschend friedlich wirken ließ. Mein Körper schmerzte von den Anstrengungen des vergangenen Tages, und meine Muskeln protestierten, als ich mich streckte und mir über das Gesicht rieb. Ich stieß einen schweren Seufzer aus und blickte zum anderen Bett auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes. Makellos. Nicht eine Falte auf der Decke.Stefan Pierce hatte nicht einmal hier geschlafen.Nicht dass ich mich beschweren würde. Wahrscheinlich war es so besser. Ich mochte ihn nicht. Und wenn er nicht hier war, musste ich mich nicht mit seiner überlegenen Art und seiner eingebildeten Haltung herumschlagen – ich hoffte fast, dass er sich den Hals verrenkte.Ich fuhr mir mit der Hand durch die Haare, stieß einen scharfen Atemzug aus und quälte mich aus dem Bett. Ich erledigte meine Morgenroutine – duschte schnell, zog einen schwarzen Kapuzenpullover und abgetragene Jeans an u
Aus der Perspektive von StefanDie letzten Wochen waren eine absolute Katastrophe.Mein Vater hatte mir die ganzen Ferien über ständig in den Ohren gelegen und mir immer wieder eingetrichtert, dass dies mein letztes Jahr vor dem NFL-Entwurf sei, dass ich mich zusammenreißen, in Topform bleiben müsse und mich von absolut nichts von meinem Ziel ablenken lassen dürfe. Als ob ich das nicht selbst wüsste.Und dann wurde es nach der Trennung nur noch schlimmer.Mandy und ich waren zwei Jahre lang zusammen gewesen, und ja, es war nicht immer alles perfekt gelaufen, aber ich hätte niemals erwartet, dass sie mich betrügt. Und dann auch noch ausgerechnet mit einem meiner eigenen Teamkollegen! Der Verrat schmerzte noch immer, aber ich würde ihr nicht das Gefühl geben, zu wissen, wie sehr es mich mitnahm.Also tat ich, was ich immer tat — ich stürzte mich voll und ganz in den Football.Football war mein Leben. Ich lebte dafür, ich atmete es und hatte alles dafür geopfert. Es war das Einzige, was
(Gegenwart)Aus der Perspektive von RaphaëlDas Licht erlosch, die letzten Klänge der Musik verklangen im Raum, jäh unterbrochen vom Jubel der Menge. Mein Herz pochte wild in meiner Brust, Schweißperlen liefen mir an den Schläfen hinunter, während ich meine Trommelstöcke fest umgriff. Das Adrenalin rauschte wie flüssiges Feuer durch meinen Körper, erfüllte mich mit elektrisierender Kraft.»Zugabe! Zugabe!« Die Menge schrie, ihre Stimmen wie eine Welle, die über uns hinwegbrach.Amélie, unsere Sängerin, schenkte ihnen ein verschmitztes Lächeln und winkte mit den Armen, um sie weiter anzufeuern. Nathan, unser Leadgitarrist, warf sein Plektrum mitten unter die jubelnden Fans, seine dunklen Augen funkelten mir von der Bühne aus entgegen. Ich lächelte, drehte meine Stöcke zwischen den Fingern und schlug ein letztes Mal kräftig auf die Snare. Der Lärm um uns herum wurde ohrenbetäubend.Gott, ich liebte das einfach.Doch dieser Moment dauerte nicht lange. Hinter der Bühne schlug die Stimmung
(Zwei Jahre früher)Aus der Perspektive von RaphaëlIch küsste Nathan sanft, eine Hand auf seinem Rücken, während die andere durch seine Haare strich. Das Licht im Zimmer war gedämpft. Wir hatten den Abend zusammen verbracht und uns viel unterhalten. Meine Eltern waren für das Wochenende weg, also genossen wir einfach, in Ruhe zusammen zu sein. Und es gab niemanden, der uns störte.Der Kuss wurde inniger, als ich ihn an mich zog. Da knarrte plötzlich die Tür. Ich hatte es kaum gehört — ich war ganz in dem Moment versunken.»Raphaël, rate mal, was…«War das meine Mutter?Ich richtete mich hastig auf und war erleichtert, dass ich wenigstens noch meine Unterwäsche trug.»Mama…«, stieß ich atemlos hervor, als ich ihr entsetztes Gesicht sah. »Das ist nicht so, wie es aussieht, ich…«Sie schloss die Tür hastig hinter sich.»Scheiße!«Ich sammelte unsere Kleidung vom Boden auf, mein Herz klopfte wild, und ich folgte ihr.»Was versuchst du mir da zu sagen, Raphaël?«Mein Mund war so trocken,







