Die Täuschung des Alpha
Ich hatte zugestimmt, mit Lucien die Zentrale Wolfsakademie zu verlassen. Weil er behauptet hatte, dort schikaniert zu werden.
Mit achtzehn noch immer ohne Erwachen war er an einer Akademie, an der Blutlinie und Stärke über allem standen, von Anfang an ein Außenseiter.
Also flehte er mich an, mit ihm zu gehen und an eine gewöhnlichere Schule zu wechseln, an der Herkunft nicht über das ganze Leben entschied.
Einen Tag bevor wir die Versetzung endgültig festmachen wollten, suchte ich ihn auf.
Kaum stand ich vor der Tür, hörte ich drinnen Stimmen.
Einer seiner Beta-Gefährten lachte spöttisch auf.
„Respekt, Lucien. Du hast ihr echt vorgespielt, dass man dich an der Zentralen Akademie schikaniert, nur damit sie für dich von dort verschwindet.“
Eine andere Stimme klang zögernd.
„Ihr seid schließlich zusammen aufgewachsen. Willst du sie wirklich einfach so gehen lassen?“
Lucien antwortete ohne zu zögern. Seine Stimme klang gelassen, beinahe amüsiert.
„Sie geht ja nicht sonst wohin. Ihr wird schon nichts passieren.“
Dann wurde seine Stimme kälter.
„Seit wir Kinder sind, hängt sie an mir wie ein Schatten. Langsam ging sie mir auf die Nerven. So werde ich sie auf einmal los. Ist doch praktisch.“
Ich stürmte nicht hinein, um ihn zur Rede zu stellen. Ich drehte mich einfach um und ging.
Zurück in meinem Zimmer öffnete ich den Versetzungsantrag noch einmal.
Ich strich den Namen der gewöhnlichen Werwolf-Akademie, die er angeblich so dringend brauchte, und trug stattdessen den Namen jener Schule ein, auf die meine Eltern schon vor Jahren bestanden hatten.
Offenbar hatten alle eine Sache vergessen.
Ich bin die einzige Erbin des Blutmond-Rudels.
Lucien ist nichts weiter als der geduldete uneheliche Sohn des Silberkamm-Alphas. Ohne eine offizielle Bindung an mich würde er in diesem Leben niemals den Alpha-Thron besteigen.
Eines Tages würde er begreifen, dass er nicht nur meine Zuneigung von sich gestoßen hatte.