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Kapitel 2

Rena May
Vanessa galt als das größte Talent, das ihr Waisenhaus jemals hervorgebracht hatte. Dank ihrer hervorragenden schulischen Leistungen erhielt sie ein Vollstipendium für eine der besten Universitäten des Landes.

Dort lernte sie Elijah kennen.

Unter all den Söhnen reicher und einflussreicher Familien stach er sofort hervor. Er drängte sich niemals in den Mittelpunkt. Trotzdem zog er mühelos alle Blicke auf sich.

Auch Vanessa konnte ihre Augen nicht von ihm abwenden.

Eigentlich wollte sie die zwei Jahre ihrer Ehe und die zahllosen Nächte in seinen Armen als Erinnerung für den Rest ihres Lebens bewahren.

Das hätte ihr genügt.

Doch nun trug sie ausgerechnet sein Kind unter dem Herzen.

Vanessa brachte es nicht fertig, die Schwangerschaft abzubrechen. Dieses Baby war schließlich der einzige Mensch auf der Welt, der mit ihr blutsverwandt war.

Sie fürchtete, Elijah könnte ihr das Kind wegnehmen. Gleichzeitig klammerte sie sich an einen winzigen Hoffnungsschimmer.

Vielleicht wollte er das Baby gar nicht anerkennen, weil er Monica nicht verärgern wollte.

Doch nach dem, was in der vergangenen Nacht geschehen war ...

Vanessa seufzte und blickte auf ihren noch flachen Bauch hinunter.

Elijah erinnerte sich nicht an jene Nacht im Hotel. Trotzdem musste sie auf alles vorbereitet sein.

Solange sie weit genug von ihm entfernt lebte und das Kind heimlich zur Welt brachte, erfuhr er vermutlich niemals davon.

Und selbst wenn er später Verdacht schöpfte, gab es immer noch das Missverständnis vom vergangenen Abend. Nach dieser peinlichen Verwechslung würde er beim nächsten Mal wohl kaum sofort wieder vor ihrer Tür auftauchen.

Kurz vor dem Weihnachten fand die jährliche Bilanzkonferenz der Ehrenberg-Gruppe statt.

Vanessa fuhr mit dem Geschäftsbericht ihrer Niederlassung zur Konzernzentrale. In ihrer Aktentasche lag jedoch noch ein weiteres Dokument.

Ihr Kündigungsschreiben.

Sie wollte verschwinden.

Je weiter weg von Nordheim und Elijah, desto besser!

Die Sitzung sollte um zehn nach neun beginnen. Doch selbst um halb zehn war Elijah noch nicht erschienen.

„Als ich vorhin kam, sah ich Fräulein Wainscott“, flüsterte der Leiter einer anderen Niederlassung, nachdem er den Konferenzraum betreten hatte. „Sie ist in Herrn Galloways Büro.“

„Dann wissen wir ja, warum Herr Galloway zu spät kommt. Er leistet Fräulein Wainscott Gesellschaft.“

Elijah stellte seine Arbeit normalerweise über alles. Außerdem war er beinahe zwanghaft pünktlich.

Doch Monica schaffte es offenbar, selbst diese eiserne Regel außer Kraft zu setzen.

In diesem Moment verstand Vanessa endlich, was es bedeutete, von einem Menschen bevorzugt zu werden.

Sie stand auf und ging zum Fenster des Konferenzraums. Vorsichtig schob sie den Vorhang einen Spalt auseinander und blickte zum Büro des Vorstandsvorsitzenden hinüber.

Dort waren die Vorhänge nur zur Hälfte geschlossen. Inmitten der einheitlich dunkelgrauen Einrichtung entdeckte Vanessa einen auffälligen violetten Farbtupfer.

Da sie früher Elijahs Sekretärin war, kannte sie sein Büro besser als beinahe jeder andere Mensch im Unternehmen.

Unwillkürlich entstand ein Bild in ihrem Kopf.

Elijah saß hinter seinem Schreibtisch. Monica lehnte direkt vor ihm an der Tischkante. Die beiden sahen einander an und lächelten.

Vielleicht waren sie sich sogar noch näher.

Vanessa kam damals nur wegen Elijah zur Ehrenberg-Gruppe. Anfangs wollte sie lediglich eine unbedeutende Angestellte sein, deren kleine Welt sich heimlich um ihn drehte.

Doch am Ende verstrickte sie sich viel zu tief in sein Leben.

Oder vielleicht galt das nur für ihr eigenes Leben.

Für Elijah war sie womöglich nichts weiter als eine Passantin, der er zufällig einen zweiten Blick geschenkt hatte.

Während ihrer zweijährigen Ehe behandelte er sie niemals auf besondere Weise. Von echter Zuneigung oder spürbarer Bevorzugung konnte erst recht keine Rede sein.

Vanessa wusste längst nicht mehr, ob es richtig oder falsch war, dass sie sich damals mit aller Kraft an seine Seite kämpfte.

Einerseits war sie dankbar, dass sie ihm wenigstens für kurze Zeit so nahe sein durfte.

Andererseits bereute sie jede Hoffnung, die sie sich gemacht hatte.

Widersprüchliche Gefühle breiteten sich in ihrer Brust aus und schnürten ihr die Kehle zu.

„Sie können mit den Berichten beginnen.“

Calvin öffnete die Tür und trat in den Konferenzraum.

„Die gesamte Sitzung wird aufgezeichnet. Herr Galloway sieht sich die Aufzeichnung später an.“

Vanessas Fingerspitzen zuckten leicht.

Sie ließ den Vorhang los, senkte den Blick und kehrte zu ihrem Platz zurück.

Die Geschäftsführer der einzelnen Niederlassungen trugen nacheinander ihre Jahresberichte vor. Da Elijah nicht anwesend war, verlief die Sitzung deutlich schneller als gewöhnlich.

Statt der geplanten drei Stunden dauerte sie nur zwei.

„Sie können bereits zum Empfang gehen“, sagte Calvin, während er die Berichte einsammelte. „Herr Galloway kommt später nach.“

Als er bei Vanessa ankam, lächelte sie ihm kurz zu.

„Herr Latham, könnten Sie das bitte Herrn Galloway geben?“

Sie reichte ihm den verschlossenen Umschlag mit ihrer Kündigung.

Eigentlich wollte sie Elijah das Schreiben persönlich übergeben. Doch Monica befand sich in seinem Büro. Deshalb erschien es Vanessa unangebracht, einfach hineinzugehen.

„Sie können es ihm auch selbst geben“, antwortete Calvin.

Während Vanessa als Elijahs Sekretärin arbeitete, war Calvin bereits dessen persönlicher Assistent. Die beiden hatten damals häufig miteinander zu tun. Außerdem war Calvin der einzige Mitarbeiter im Unternehmen, der von ihrer Ehe wusste.

Er blickte in Richtung von Elijahs Büro.

„Klopfen Sie einfach an. Es geht schließlich um eine geschäftliche Angelegenheit.“

Die Tür des Konferenzraums stand offen. Von dort aus konnte Vanessa deutlich in das gegenüberliegende Büro sehen.

Monica saß auf der Armlehne von Elijahs Bürostuhl. Zwischen ihnen blieb kaum Abstand.

Auf Elijahs markantem Gesicht lag eine ungewohnte Sanftheit. Hinter seiner goldfarbenen Brille wirkten seine sonst so kühlen Augen warm und zärtlich.

Vielleicht verbrachten sie das gesamte vergangene halbe Jahr auf diese Weise miteinander. Calvin schien jedenfalls nichts Besonderes daran zu finden.

Für Vanessa war es jedoch das erste Mal, dass sie Elijah mit einer solchen Zärtlichkeit in den Augen sah.

Ihr Atem stockte.

Sie glaubte, ihre Gefühle würden allmählich verblassen, sobald sie geschieden war, die Abteilung wechselte und sich von ihm fernhielt.

Doch als sie ihn so vertraut mit einer anderen Frau sah, bohrte sich ein feiner Schmerz wie unzählige kleine Nadeln in ihr Herz.

Vanessa verzog mühsam die Lippen und zwang sich, den Blick abzuwenden.

„Ich möchte nicht stören. Bitte geben Sie es ihm, Herr Latham. Vielen Dank.“

Calvin nahm den Umschlag entgegen.

„Keine Ursache.“

Er vermutete, dass Vanessa unnötige Gerüchte vermeiden wollte. Direkt nach der Scheidung beantragte sie ihre Versetzung. Inzwischen vermied sie es sogar, Elijah unter vier Augen zu begegnen.

„Auf Wiedersehen, Herr Latham.“

Vanessa nahm ihre Aktentasche und winkte ihm kurz zu.

„Am Empfang nehme ich nicht teil.“

Sie wollte bei der Feier nicht mit ansehen, wie Elijah und Monica gemeinsam als Paar auftraten.

Dann konnte sie ebenso gut früher nach Hause fahren, ihre Unterlagen ordnen und die Übergabe ihrer Aufgaben vorbereiten.

Freiwillige Kündigungen genehmigte Elijah normalerweise ohne größere Schwierigkeiten.

Bis zu den Feiertagen blieben noch zwei Wochen. Diese Zeit reichte aus, um einen Ersatz für ihre Position zu finden und sämtliche Aufgaben zu übergeben.

Vanessa musste nur noch entscheiden, wohin sie ging.

Es sollte ein Ort sein, an dem es keine Niederlassung der Ehrenberg-Gruppe gab.

Ein Ort, den Elijah unter keinen Umständen besuchen würde.

Später legte Calvin die Jahresberichte zusammen mit Vanessas Umschlag auf Elijahs Schreibtisch.

„Herr Galloway, sobald das Sitzungsprotokoll fertig ist, schicke ich es Ihnen per E-Mail. Außerdem hat Fräulein Bexley Ihnen das hier hinterlassen.“

Elijah schob seine Brille auf dem Nasenrücken zurecht und warf einen Blick auf den Stapel.

Ganz oben lag ein Umschlag, auf dem lediglich Vanessas Name stand.

Seine Brauen zogen sich leicht zusammen.

„Wo ist sie?“

Calvin neigte respektvoll den Kopf.

„Sie ist bereits gegangen.“

Elijah nahm den Umschlag in die Hand und wollte ihn gerade öffnen.

In diesem Moment stand Monica auf.

„Elijah, ich muss kurz auf die Toilette.“

Sie drehte sich um und verließ das Büro.

Draußen ging sie jedoch nicht in Richtung der Toiletten. Stattdessen lief sie direkt zu den Aufzügen.

Vor zwei Jahren heiratete Elijah vollkommen überraschend. Die Ehe wurde zwar nie öffentlich bekannt gegeben, doch Monicas Mutter und Elijahs Mutter waren engste Freundinnen. Zwischen ihnen gab es kaum Geheimnisse.

Monica erfuhr erst nach ihrer Rückkehr von der Heirat.

Hätte ihre Mutter sie früher informiert, wäre sie niemals so lange im Ausland geblieben.

Zum Glück erfuhr sie beinahe gleichzeitig eine weitere Neuigkeit aus der Familie Galloway.

Elijah und Vanessa waren bereits geschieden.

Trotzdem war Monica neugierig auf diese geheimnisvolle Vanessa.

Angeblich war sie ursprünglich nur Elijahs Sekretärin. Sie galt als hübsch, intelligent und äußerst kompetent. Am Ende schaffte sie es sogar, Elijah zu heiraten.

Leider stammte sie aus einfachen Verhältnissen.

Sie und Elijah gehörten nicht in dieselbe Welt. Deshalb konnte ihre Beziehung von Anfang an keinen Bestand haben.

Außerdem hieß es, Vanessa habe zumindest genügend Anstand besessen, um nach der Scheidung freiwillig ihre Versetzung zu beantragen.

Doch der Umschlag, auf dem lediglich ihr Name stand, machte Monica misstrauisch.

Vielleicht war Vanessa doch nicht so zurückhaltend, wie alle behaupteten.

Monica beschleunigte ihre Schritte. Trotzdem erreichte sie den Aufzug nicht mehr rechtzeitig. Die Türen waren bereits geschlossen und die Kabine fuhr nach unten.

Ihr blieb nichts anderes übrig, als umzukehren.

Nun wollte sie umso dringender erfahren, was sich in diesem Umschlag befand.

Ein Liebesbrief?

Ein kleines Geschenk?

Eine Karte mit einem heimlichen Geständnis?

Oder sogar ein handgeschriebener Abschiedsbrief?

Je länger Monica darüber nachdachte, desto schneller wurden ihre Schritte.

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