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Kapitel 6

DuDu B.
Leonie hatte eigentlich vorgehabt, auf Leonard zu warten. Mit ihm an ihrer Seite hätte sie selbstverständlich den VIP-Eingang genutzt – auch ohne Einladung. Sein Name und sein Gesicht öffneten alle Türen.

Doch die Feier begann bald, und Leonard war noch immer nicht erschienen. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als mit Nina und Sophie den Personaleingang zu nehmen.

Im Saal angekommen, ließ sie den Blick suchend durch die Menge schweifen – doch von Mara war nichts zu sehen.

„Diese Mara war bestimmt nur hier, um Essen auszuliefern“, sagte Sophie spöttisch. „Die Einladung war garantiert nicht für sie.“

„Natürlich nicht“, pflichtete Nina bei. „Sie hat nicht mal ihr Studium beendet. Warum sollte FY sie zur Feier einladen?“

Leonie atmete innerlich auf. Ihre Freundinnen hatten recht.

FY gehörte weltweit zu den führenden Luxusmarken. Die heutige Feier fand statt, weil die vor vier Jahren lancierte Schmucklinie „Piano“ mit einer branchenführenden Patenttechnologie sowie einer außergewöhnlichen künstlerischen Handschrift sofort Maßstäbe gesetzt hatte. Die Kollektion war nicht nur innerhalb der Branche hoch angesehen, sondern auch beim internationalen Publikum ein durchschlagender Erfolg – seit vier Jahren der unangefochtene Bestseller.

„Ich frage mich, ob wir heute vielleicht den Designer der ‚Piano‘-Kollektion sehen werden …“, sagte Leonie leise. In ihren Augen lag unverhohlene Bewunderung.

„Man sagt, diese Person ist extrem geheimnisvoll“, ergänzte Nina. „Niemand weiß, ob es ein Mann oder eine Frau ist.“

„Leonie, du arbeitest doch inzwischen bei FY. Weißt du es wirklich nicht?“

Leonie schüttelte bedauernd den Kopf. „Ich kenne nur das Kürzel. BYC. Mehr nicht. Nicht einmal mein Vorgesetzter weiß etwas Genaueres.“

Im privaten Salon im zweiten Stock saß Mara Peter van Doren gegenüber.

Peter war Mitgründer von FY und derzeitiger Executive Director des Unternehmens.

„Drei Jahre ist es her“, sagte er lächelnd. „Du bist noch schöner geworden.“

Er reichte ihr eine Tasse Kaffee.

Mara wusste, dass das eine höfliche Floskel war.

Drei Jahre Ehe. Drei Jahre zwischen Herd, Wäschekorb und Einkaufslisten. Kein eigenes Leben, keine Zeit, sich um sich selbst zu kümmern.

Eine Frau wird unter solchen Umständen nicht schöner. Sie verliert an Leuchtkraft.

Vor allem dann, wenn ihr Mann sie nicht liebt.

Eine Ehe ohne Liebe hinterlässt nichts als Zerfall.

Und Mara hatte noch mehr verloren.

Drei Jahre hatte sie pflichtbewusst als Hausfrau gelebt, war am Ende betrogen worden und hatte schließlich erfahren, dass ihr eigenes Kind dem Kalkül ihres Mannes geopfert worden war.

Der Gedanke ließ ihre Finger um die Kaffeetasse verkrampfen, bis die Knöchel weiß hervortraten.

„Also“, sagte Peter schließlich, „meine geniale BYC – hättest du Interesse, zu FY zurückzukehren?“

Seine Stimme holte sie zurück in den Moment.

Mara blickte auf. In seinen Augen lag dieselbe Erwartung wie vor vier Jahren.

Diesmal hatte er jedoch das Wort „zurück“ benutzt.

Dabei hatte sie nie offiziell für FY gearbeitet.

Sie hatte Peter im ersten Studienjahr kennengelernt. Er war damals an der Universität in Hamburg gewesen, auf der Suche nach jungen Talenten. Zufällig hatte er Mara entdeckt – allein auf einer Bank im Campuspark, vertieft in Skizzen, inspiriert von der Form eines Flügels.

Ihre Entwürfe hatten ihn sofort fasziniert.

Um das Konzept umzusetzen, hatte Mara sogar eine neue Schliff- und Fassungstechnik für Edelsteine entwickelt – eine Innovation, die später patentiert wurde.

Schon damals hatte Peter sie eingeladen, für FY zu arbeiten. Zunächst in Teilzeit, damit ihr Studium nicht litt.

Doch sie hatte abgelehnt.

Sie liebte die Branche nicht. Sie wollte keinen Ruhm.

Also wählte sie das Kürzel BYC als Pseudonym – und sicherte sich lediglich die Gewinnbeteiligung an der „Piano“-Kollektion.

Niemand hatte erwartet, dass die Serie einschlagen würde wie eine Bombe.

Innerhalb kürzester Zeit war BYC zu einer der geheimnisvollsten und gefeiertsten Designerfiguren der internationalen Schmuckwelt geworden.

Peter musterte sie aufmerksam. Er musste nicht viel raten. Eine glückliche Ehefrau hätte heute nicht hier gesessen.

„Gib mir eine Chance“, sagte er mit einem Lächeln. „FY braucht dich.“

Mara lachte leise. „Das klingt dramatischer, als es ist. Die Piano-Idee war ein Zufall. Du weißt, dass ich Schmuck nie wirklich geliebt habe.“

„Und genau das ist das Tragische“, entgegnete Peter. „Weißt du, wie viele Designer bei FY davon träumen würden, ein Prozent deines Talents zu besitzen?“

Mara antwortete nicht.

„Wann immer du willst“, fuhr er fort, „Der Vertrag liegt bereit. Das Gehalt kannst du selbst eintragen. Die Gewinnbeteiligung bleibt wie bisher. Die Türen von FY stehen dir immer offen.“

Er bemerkte, dass sie nicht mehr zuhörte.

Mara hatte sich dem bodentiefen Fenster zugewandt.

Von hier oben konnte man das Geschehen im Saal überblicken.

Unten war Leonard gerade eingetroffen.

Sein Erscheinen löste sichtbare Bewegung aus.

Es gab viele einflussreiche Persönlichkeiten im Raum – doch nur wenige mit einer derart markanten Ausstrahlung wie er.

Er trug einen makellos sitzenden weißen Anzug, dazu ein schwarzes Hemd. Der Kontrast betonte seine kühle Eleganz. Die bewusst fehlende Krawatte verlieh seinem ohnehin disziplinierten Auftreten einen Hauch kontrollierter Lässigkeit.

Seine Gesichtszüge waren scharf geschnitten, beinahe skulptural – doch seine natürlich geschwungenen Lippen verliehen ihm eine kaum greifbare Anziehungskraft.

Kaum hatte er den Saal betreten, wandten sich unzählige Blicke ihm zu.

Leonie blieb demonstrativ stehen.

Sie wartete.

Wie eine Prinzessin, die erwartet, dass ihr Prinz sie zuerst sieht.

Bewundernde, neidische Blicke trafen sie – und für einen Moment schien auch sie Teil des Glanzes zu sein.

Auf ihren Lippen lag ein stolzes Lächeln.

Auch wenn Leonie bei FY nur Praktikantin war – bei einem Anlass wie diesem wollte sie im Mittelpunkt stehen. Und sie war überzeugt, dass sie es auch war.

Mara hatte nicht erwartet, Leonard hier zu sehen.

Schweigend beobachtete sie, wie er zielstrebig auf Leonie zuging, ohne auch nur einen Blick zur Seite zu werfen.

In drei Jahren Ehe hatte er sich nie demonstrativ einer anderen Frau genähert.

Mara hatte einst naiv geglaubt, das liege an seiner Liebe zu ihr.

Dass sie die Besondere sei.

Jetzt verstand sie.

Leonie war die Besondere.

Nebeneinander wirkten sie makellos – wie aus einem Hochglanzmagazin. Talent und Schönheit, perfekt inszeniert.

Und Mara fühlte sich plötzlich überflüssig.

Der Scheidungsversuch war gescheitert. Die Papiere hatte Leonard zerrissen. Rechtlich war sie noch immer seine Ehefrau.

Doch das Lachen unten im Saal, das scheinbar perfekte Bild – es hatte nichts mit ihr zu tun.

„Du willst doch nicht etwa schon wieder gehen?“, fragte Peter van Doren vorsichtig.

Er hatte seine eigenen Interessen. Ganz aufgegeben hatte er die Hoffnung nicht, sie dauerhaft zu FY zu holen.

Aber der Anblick unten war schmerzhaft. Wenn Mara gehen wollte, würde er sie nicht aufhalten.

Mara sah lange hinunter.

Die beiden lachten miteinander.

Dann wandte sie sich langsam zu Peter.

„Wenn ich dich jetzt um ein Geschenk bitte … würdest du es mir geben?“

Im Saal im Erdgeschoss überreichte Leonard Leonie einen üppigen Strauß rosafarbener Rosen.

Sie nahm ihn mit einem süßen, beinahe schüchternen Lächeln entgegen.

Neben ihr waren Sophie und Nina außer sich vor Begeisterung.

„Mit einem Mann wie Herrn Voss – attraktiv, erfolgreich, vermögend – Leonie, du musst im letzten Leben die Welt gerettet haben.“

„Und er stellt sogar wichtige Termine zurück, nur um dich zu begleiten.“

„Ganz zu schweigen von diesem Elie-Saab-Couturekleid. Das kostet mindestens 100.000 Euro. Und natürlich war es ein Geschenk von Herrn Voss.“

Leonie hakte sich bei Leonard unter und lächelte selig.

„Übrigens, Leo … ich habe eben Frau Stein gesehen.“

Seine Augenbraue hob sich leicht. Er wusste genau, wen sie meinte.

„Sie war nicht besonders passend gekleidet. Vielleicht liefert sie hier Essen aus …“

Als Leonard schwieg, fügte Leonie mit gespielter Milde hinzu:

„Sie ist schließlich noch offiziell deine Ehefrau. Es ist schon etwas traurig, wenn sie so weit gesunken ist …“

„Das hat sie sich selbst zuzuschreiben“, sagte Leonard kühl.

Eine Frau ohne Abschluss, ohne Berufserfahrung, jahrelang Hausfrau – welche Optionen hatte sie schon?

Ein Job als Lieferbotin hätte ihn nicht überrascht.

In diesem Moment entstand erneut Unruhe im Saal. Ein Raunen ging durch die Menge.

„Sagt mal – wer ist eigentlich diese Schönheit an der Seite von Peter van Doren? Kennt sie jemand?“

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