LOGIN„Was für ein Problem?", fragte ich, während ich mich instinktiv von Adrian abwandte, als könnte ich so klarer denken.„Es geht um die Unterschrift des zweiten Zeugen bei der finalen Anhörung", sagte Carolin, ihre Stimme hastig, aber kontrolliert. „Nach Rudelrecht braucht eine Scheidung zwischen einem Alpha und seiner Luna zwei beglaubigte Zeugen aus dem Ältestenrat. Bei Ihrer Anhörung hat nur einer unterschrieben, Hendricks. Der zweite, der eigentlich hätte unterschreiben müssen, war an diesem Tag krank und hat es offenbar vergessen nachzuholen."„Das heißt was genau?", fragte ich, mein Mund plötzlich trocken.„Es heißt, dass die Scheidung formal nicht vollständig besiegelt ist. Rechtlich gesehen sind Sie und Adrian möglicherweise noch verheiratet."Ich starrte auf den Boden, auf die nassen Blätter, die der Herbstwind über den Weg trieb, während Carolins Worte langsam in mir Gestalt annahmen. Noch verheiratet. Nach allem, was ich getan hatte, um von diesem Mann wegzukommen, nach Monat
Ich stand vor dem Ratsgebäude, eine halbe Stunde zu früh, weil ich die Nacht kaum geschlafen hatte und es zu Hause nicht mehr ausgehalten hatte. Der Himmel hing grau über der Wiese, auf der vor Wochen noch das Herbstfest stattgefunden hatte, und jetzt wirkte alles kahler, nüchterner, passend zu dem Gefühl in meiner Brust.Adrian wartete bereits am Eingang, allein, ohne Anwalt, ohne Berater, nur mit einer Mappe unter dem Arm, die er fest an sich drückte.„Du bist gekommen", sagte er, und ich sah die Erleichterung in seinem Gesicht, die er nicht ganz verbergen konnte.„Du hast gesagt, es wäre wichtig."„Das ist es." Er sah sich kurz um, als wollte er sicherstellen, dass niemand in Hörweite war. „Ich will, dass du es zuerst hörst, bevor ich es dem Rat sage. Nicht weil ich deine Erlaubnis brauche. Sondern weil es dich betrifft, auch wenn du nicht mehr meine Frau bist."Mein Herz schlug schneller. „Dann sag es."Er atmete tief durch. „Ich werde dem Rat sagen, dass ich Mila nicht zur Luna m
Ich schlief in dieser Nacht kaum, drehte mich von einer Seite zur anderen, während Sarahs Nachricht in meinem Kopf immer wieder von vorne begann. Mila hatte ihre Bereitschaft erklärt. Drei Worte, die alles, was ich mir in den letzten Wochen aufgebaut hatte, plötzlich wieder infrage zu stellen schienen, obwohl ich genau wusste, dass sie mit meinem Leben eigentlich nichts mehr zu tun haben sollten.Am Morgen erzählte ich Elena beim Frühstück davon, während sie mir stumm zuhörte, die Kaffeetasse zwischen den Händen.„Was fühlst du dabei, ehrlich?", fragte sie schließlich.„Ich weiß es nicht." Ich starrte auf mein unberührtes Toastbrot. „Ich hab mir eingeredet, dass mir egal ist, wen Adrian heiratet. Aber als ich das gelesen habe, hab ich gemerkt, dass es mir doch nicht egal ist. Nicht wegen Adrian. Wegen Noah."„Wegen Noah?"„Er hat schon eine Mutter verloren, praktisch, als seine leibliche Mutter gegangen ist. Dann hatte er mich. Jetzt soll er lernen, eine dritte Frau als seine Bezugspe
Ich fuhr am nächsten Morgen zur Arbeit, mit dem Herbstfest noch frisch in Erinnerung, dem geschnitzten Kürbis, Noahs Lachen, Adrians ungewohnter Zurückhaltung. Mila war tatsächlich kurz vor uns aufgetreten, hatte ein paar Worte zur Eröffnung gesagt, formell und knapp, und war danach in der Menge verschwunden, ohne dass sich die Situation so zugespitzt hatte, wie ich es befürchtet hatte. Ich hatte es überstanden, ohne dass es mich aus der Bahn geworfen hätte, und genau das hatte mich am meisten überrascht.„Du siehst zufrieden aus", sagte Frau Berger, als ich den Laden aufschloss. „Das Fest muss gut gelaufen sein."„Besser als ich erwartet hatte", sagte ich und meinte es ernst.Der Vormittag verging mit den gewohnten Aufgaben, Bestellungen, Kundengesprächen, einem kurzen Plausch mit Jonas über die neue Krimireihe, die er unbedingt lesen wollte. Ich hatte fast vergessen, wie normal sich mein Leben inzwischen anfühlte, wie sehr die Ruhe, die ich mir aufgebaut hatte, zu etwas Selbstverstä
Ich brauchte fast eine Woche, um mich zu entscheiden, ob ich zum Herbstfest gehen sollte. Nicht weil ich Adrian aus dem Weg gehen wollte, sondern weil ich wusste, dass jeder im Rudel genau beobachten würde, wie wir miteinander umgingen, ob wir uns wie Fremde verhielten oder wie zwei Menschen, die noch immer etwas verband.„Geh einfach hin", sagte Elena, als ich ihr am Telefon meine Zweifel schilderte. „Du musst niemandem etwas beweisen. Wenn es dir zu viel wird, gehst du eben früher."„So einfach ist das nicht", sagte ich, während ich die Wäsche zusammenlegte, die ich seit Tagen liegen gelassen hatte. „Alle werden mich ansehen und sich fragen, ob ich zurückkomme."„Dann sollen sie sich das fragen. Das ist ihr Problem, nicht deins."Ich lachte leise, dankbar für ihre schlichte Klarheit, die mir half, die Dinge wieder in die richtige Größe zu rücken. Am Ende entschied ich mich, hinzugehen, nicht für Adrian, nicht für das Rudel, sondern für Noah, der mir am Telefon aufgeregt erzählt hatt
Der Herbst zog ins Land, und mit ihm veränderte sich mein Leben in kleinen, kaum merklichen Schritten. Die Buchhandlung lief gut, Frau Berger überließ mir zunehmend die Bestellungen für die Weihnachtssaison, und meine Wohnung am Fluss fühlte sich inzwischen tatsächlich wie ein Zuhause an, nicht mehr wie ein vorübergehender Zufluchtsort.Adrian und ich hatten uns in den letzten Wochen mehrmals gesehen, immer wegen Noah, immer mit dieser neuen, vorsichtigen Höflichkeit zwischen uns, die weder Freundschaft noch etwas anderes war. Er fragte nie mehr, ob ich zurückkommen würde. Er schien tatsächlich gelernt zu haben, wie man wartet, ohne zu drängen.An einem Samstagmorgen klingelte mein Handy, während ich gerade Kaffee kochte. Beatrice.„Liana, ich wollte fragen, ob du Zeit hättest, mich zu besuchen. Es gibt etwas, das ich dir gerne persönlich sagen würde."Ich war überrascht, aber neugierig genug, um zuzustimmen. Als ich am Nachmittag in ihrem Wohnzimmer saß, wirkte Beatrice unruhiger, al







